Mann mit Gasmaske im Rapsfeld

Die Angst vor Gentechnik, Atomkraft und Umweltgiften ist typisch deutsch. © thetXm under cc

Die German Angst ist zum stehenden Begriff im angloamerikanischen Sprachraum geworden und soll eine Art von grundsätzlicher Bedenkenträgerei, Zögerlichkeit oder Hasenfüßigkeit ausdrücken, die speziell den Deutschen zugesprochen wird.

Die German Angst besteht aus den Begriffen „German“ und „Angst“ wobei „German“ ein englischsprachiger Begriff ist, für „Angst“ wird in der englischen Sprache das deutsche Original beibehalten. Wer oder was nun genau mit „German“ gemeint ist, lassen wir offen und unterstellen, dass hier tendenziell eine bundesrepublikanische (und nicht den ganzen deutschen Sprachraum umfassende) kulturelle Eigenart gemeint ist.

„Angst“ ist hier sicher nicht als generalisierte Angststörung gemeint, da diese ein schweres Symptom ist und keine leichte, nervöse Spannung. Die German Angst meint aber eher ein zögerliches Abwarten und die Ansicht, dass Deutsche eher die Gefahr in etwas Neuem sehen, statt die Chance. Angst wird im Gegensatz zur Furcht als etwas unspezifisch betrachtet. Der Satz „Ich habe Angst vor Spinnen“ ist streng genommen nicht richtig, man müsste hier von Furcht sprechen, doch im Alltag reden wir so gut wie immer von Angst, auch wenn es um Konkretes wie Spinnen, Aufzüge oder Atomkrieg geht.

Die Angst soll eine Furcht sein, die ihr Ziel nicht findet, also das Objekt auf das sie sich – dann zur Furcht werdend – richtet. Doch das stimmt nur zum Teil. Die frei flottierende Angst der generalisierten Angststörung ist eher ein Horror, etwas, was gar nicht auf etwas Bestimmtes zu richten ist, weil eigentlich alles Angst macht. Ständig ist da ein Gefühl von latenter Bedrohung und Gefahr, die aus einer zugrundeliegenden Ich-Schwäche resultiert. Ein rohe, unmittelbare, vernichtende Angst. Doch eine kollektive Borderline-Störung wird man den Deutschen schlecht attestieren können, sind doch eher Bedenken gemeint und die kann man aus dem Begriff „etwas zu Be-denken“ viel treffender ableiten.

Angst als Ausdruck von Reflexion

Doch Angst ist nicht nur ein grausames Gefühl unterhalb der Furcht, wie bei der generalisierten Angststörung, sondern auch Ausdruck einer Reflexionsleistung. Als der Begriff der Angst von dem Dänen Søren Kierkegaard in die Philosophie eingeführt wurde, war Deutschland die bestimmende philosophische Nation. Kierkegaard wird immer wieder mit dem Existentialismus in Verbindung gebracht oder gar als erster Existentialist bezeichnet und der Existentialismus ist berühmt dafür, dass er alles auf die großen Themen zurückführt. Soll heißen, was bleibt, wenn man alles streicht?

Wenn man die furchterregenden Elemente beseitigen könnte, also Spinnen, Parkhäuser, Hochhäuser, wäre dann alles gut? Wären Furcht und Angst dann auch aus der Welt? Vieles, vor dem man sich fürchtet, ist ja nun auch ziemlich breit gefächert und dementsprechend virtuell: Klimawandel, Dunkelheit, Alleinsein, Bakterien oder gar die Zukunft. Und auch die Furcht vor Spinnen, Parkhäusern und Höhen ist ja eher diffus und bezieht sich auf Szenarien, die eintreten könnten, wie der mögliche Überfall im Parkhaus. So getrennt sind Furcht und Angst dann doch nicht. Und man kann vor so ziemlich allem Angst haben. Vielleicht macht einem Höhe oder Enge nichts aus, aber man hat Angst, sich ungesund zu ernähren.

Der Existentialismus fragt, was dahinter steckt, und letztlich ist das oft eine Angst vor dem Tod, weshalb existentialistische Psychotherapeuten das Thema Tod routinemäßig mitbehandeln. Doch im Grunde bohrt der Existentialismus auch hier noch tiefer. Es geht nicht allein um die Angst vor dem Tod, sondern um die Angst vor der Sinnlosigkeit des Daseins, der Existenz. Existenzielle Depression wurde dieses Gefühl früher einmal genannt und die ist nicht dadurch zu heilen, dass man sich Ziele setzt und Erfolge feiert, denn die Sinnlosigkeit dieses Treibens ist ja gerade Kern dieser Depression. Unsere ganzen Lebensstrategien werden von Existentialisten oft als leeres bis absurdes Treiben im Angesicht der kurzen Spanne unseres Lebens angesehen. Aufgepumpt mit vermeintlicher Wichtigkeit existieren wir als Menschheit, und noch mehr als Einzelperson, doch nur für einen Wimpernschlag, irgendwo im Randgebiet irgendeiner beliebigen Galaxie. Man muss die Welt nicht so betrachten, doch Existentialisten tun das bisweilen.

Und die meisten der Existentialisten – und ihrer Vorläufer – kamen zu der Auffassung, dass da hinter der Furcht durchaus noch etwas anderes lauert und es so etwas wie ein Grundquelle gibt, die die Angst speist. „Die Hölle sind die anderen.“ Zu diesem Schluss kommt Sartre in Geschlossene Gesellschaft. „Wo ein anderes ist, da ist auch Angst“, heißt es in den Upanishaden. Angst ist wesentlich und man kann ihr in vielen verschiedenen Formen und auf allen Entwicklungsstufen begegnen. Und sie hat immer andere Gesichter.

Das deutsche Zaudern darf auch als Resultat unterschiedlicher philosophischer Traditionen betrachtet werden. Die angelsächsische Philosophie ist eher durch eine Mischung aus Empirismus und Pragmatismus geprägt, grob gesagt etwas bodenständiger und zupackender, während die deutsche Philosophie jener Tage oft idealistisch und hermeneutisch ausgerichtet ist, beides hat seine Vor- und Nachteile, ist aber vor allem unterschiedlich, die deutsche Spielart fragt oft, was all das zu bedeuten hat.

Tätig zu werden ist sicher oft gut, kann aber auch in Aktionismus ausarten. Reflexive Zurückhaltung ist durchaus kein depressiver oder verkopfter Grübelzwang, sondern ist bemüht zu einem Ergebnis zu kommen und sei dies auch nur ein neues Verständnis. Gerade aus der Psychoanalyse und aufdeckenden Psychotherapie wissen wir, dass ein neuer Blickwinkel fundamentale Veränderungen bedeuten und dass es durchaus eine Gefahr sein kann, zu schnell aktiv im Sinne der Handlung zu werden. Die „Tschakka, du schaffst es“ Ansätze haben oft etwas hemdsärmeliges.

Eine Wurzel dessen, was German Angst genannt wird, ist sicher die philosophische Tradition, die in die kulturelle DNA auch dann eingewoben ist, wenn man noch nie ein philosophisches Buch zur Hand genommen hat, weil die Heransgehensweise an bestimmte Fragen sich eben auch nach dem geschichtlichen Hintergrund richtet. Und der ist bei den Deutschen durchaus nicht übermäßig angstgeprägt.

Untertanengeist, Preußentum und Nibelungentreue

„Neidgetriebene Menschen sprechen ausgiebig von eigener Benachteiligung, fürchten die Freiheit und neigen zum Egalitarismus. Sie, die andere verächtlich machen, sehen sich als die Schwachen und bevorzugen den Schutz der Gruppe Ähnlichfühlender. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die so ansteckende Parole der Französischen Revolution, nahmen die deutschen Vorkämpfer des demokratischen Fortschritts eigentümlich verdreht auf. Mit der in Frankreich an erster Stelle genannten Freiheit wussten sie deutlich weniger anzufangen als mit der Idee der Gleichheit. Später brachten die Deutschen die wichtigsten Theoretiker des Kommunismus und des Sozialismus hervor, sie erfanden die Systeme der Sozialversicherungen, den nationalen Sozialismus Hitlers, die in der DDR beschworene Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik und die in der Bundesrepublik gepflegte soziale Marktwirtschaft. Deutsche verstümmelten den Begriff der Gesellschaft zum Synonym für Staat und erkoren sich diesen zum „Vater Staat“.“[1]

So schreibt es Götz Aly den Deutschen ins Stammbuch und setzt sich damit zwischen alle Stühle, wenn er den linken, wie den rechten Kollektivismus kritisiert. Den ängstlichen Absicherungswahn der Linken ebenso, wie den völkischen Nationalismus der Rechten, beide haben Angst vor der Eigenverantwortung, die keinesfalls immer Egotrip meint. Auch das soll eine deutsche Eigenart sein, der Untertanengeist, der den Gehorsam über die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellt. Begriffe wie die preußische Disziplin oder die Nibelungentreue, die beide Treue bis zur Selbstverleugnung und in den Untergang beschreiben.

Dieser Untertanengeist kommt uns heute jedoch fremd vor. So fremd, dass wir kaum mehr bereit sind, uns für ein übergeordnetes Ziel die Hände schmutzig zu machen, geschweige das Leben aufs Spiel zu setzen. Wir fremdeln mit der Auffassung von Ehre, die viele muslimische Mitbürger antreibt, doch auch bei uns ist dieses Motiv nicht ewig weit entfernt. Und es ist nicht falsch, wenn man begreift, dass das sich in den Dienst einer größeren Idee stellen durchaus ein Heilmittel für unseren grassierenden Narzissmus sein kann. Denn in den Dienst stellen heißt Rollen und Identitäten anzubieten. Wer darauf großzügig meint verzichten zu können, erntet nicht selten Extremismus. Und eine Treue bis zur Selbstaufgabe mag man kritisieren, ist aber gewiss nicht von übergroßer Angst geprägt.

Gerechtigkeitssinn und Querulantentum

Senioren mit Fahrradhelm, schwarzweiß

Der Wunsch nach maximaler Absicherung in allen Lebenslagen, ist uns Deutschen nicht fremd. © Joannis Nicolas under cc

Andere Nationen und Kulturen mögen die Freiheit mehr in den Fokus stellen und wilder einfordern, wenn es denn stimmt, aber ausgerechnet uns Deutschen vorzuwerfen, dass wir zu brav und friedlich sind, ist angesichts unserer nicht immer ruhmreichen Geschichte ein etwas merkwürdiger Vorwurf. Götz Aly begeht diesen Fehler nicht, wenn er schreibt:

„Zur missverstandenen Gleichheit fügten deutsche Nationalrevolutionäre seit Anbeginn ihr merkwürdig kollektivistisches Verständnis von Freiheit. Schon den Krieg gegen die napoleonische Besatzung nannten sie Freiheitskrieg. Das heißt, viele von ihnen fassten Freiheit nicht als individuelle Möglichkeit, als Ansporn für jeden Einzelnen auf, sondern als Abgrenzungsbegriff, gerichtet gegen tatsächliche oder vermeintliche Feinde.“[2]

Das ist eine andere Kritik, eine, die die Angst beschreibt, ein individuelles Leben jenseits der Gruppenzugehörigkeit zu leben. Ein reifer Individualismus ist durchaus kein Rückfall in den präkonventionellen Egoismus, sondern beschreibt eine reife, postkonventionelle Haltung, in der man eine eigene Identität aufbaut, aber nationale, familiäre, regionale Identitäten mit einbaut und ohne, dass einem andere vollkommen egal wären.

Doch um der Wahrheit gerecht zu werden, längst nicht alle Deutschen sind so, und eine Fokussierung auf das Kollektiv bedeutet auch eine Fokussierung auf Gerechtigkeit, wenn auch vielleicht nur innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Denn Gefolgschaft und Gerechtigkeit kann ebenfalls eigene Blüten treiben. Nicht alle sind schön, wie etwa der Opportunismus, der jedoch ebenfalls seine Spielarten kennt. Auch wenn man den Wert von Alys Kritik anerkennt, so ist Gerechtigkeit ebenfalls etwas, was innerhalb des Systems, auf das man sich verpflichtet hat, ein Korrektiv darstellt. So wie der von der Gemeinschaft überzeugte und mit ihr identifizierte, kann er bei empfundener Ungerechtigkeit auch zum einsamen und keineswegs angstbesetzten Kämpfer gegen das System werden.

Vielleicht gibt es eine insgesamt kühlere deutsche Art dies zu tun (auch das ist nicht sicher, wie wir gleich sehen werden), doch sie ist nicht weniger intensiv. Und so ist es gewiss kein Zufall, dass dort wo Gehorsam verlangt wird, auch der Wesenszug des Querulanten zum Vorschein kommt. Der Querulant hat die Spielregeln der Gesellschaft verinnerlicht und ist bereit, sie treu zu erfüllen, aber wehe dem das System verhält sich ihm gegenüber tatsächlich oder seiner Empfindung nach ungerecht. Da wird der treue Diener von einst zum gefürchteten Gegner, der zu allem bereit ist. Seine kaum vorhandene Aussicht auf juristischen Erfolg stört ihn nicht, ihm geht es ums Prinzip und die von ihm empfundene Vorstellung von Gerechtigkeit und er ist bereit, durch alle Instanzen zu klagen und jede nur erdenkliche Schwierigkeit auf sich zu nehmen.

Querulanten sind überzeugt davon, im Recht zu sein und gewillt Recht zu bekommen, koste es, was es wolle. Sie werden zumeist der paranoiden Gruppe zugerechnet, neuerdings wird diese starre Zuordnung etwas gelockert. Querulanten tragen heute gerne mal den Namen Whistleblower und sind Menschen, die unter der empfundenen Doppelmoral des Systems, dem sie sich ursprünglich verschrieben haben, leiden. Ihnen geht es um Gerechtigkeit und so bereitswillig sie sich einem System verschreiben, von dem sie überzeugt sind, so bereitwillig kritisieren und bekämpfen sie es, wenn ihre Vorstellung von Gerechtigkeit verletzt ist. So ist es ein und derselbe Untertanengeist, der blinden Gehorsam, Opportunismus und Querulantenutm hervorbringt und nicht zufällig wurden die Querulanten von den Nazis keinesfalls geschätzt.

Das durchaus heiße Blut wird hier vielleicht typisch deutsch durchs System gepumpt und erkaltet mituntern in den Bypässen der Bürokratie, doch den Querulanten im Dienste von Wahrheit und Gerechtigkeit irritiert das in keiner Weise. So wird dieser eigenwillige Gerechtigkeitssinn auch Michael Kohlhaas Syndrom genannt, nach der Novelle von Heinrich von Kleist Michael Kohlhaas, der ein historischer Hans Kohlhase zugrunde liegt. Ein Geist, der ebenfalls durch die deutsche Geschichte weht und dem Angst eher fremd ist.

Furor Teutonicus

Wenn wir in der Geschichte noch weiter zurück gehen, dann stoßen wir auf den Furor Teutonicus, eine unbezwingbare Wildheit oder Raserei der germanische Stämme, die die kampferprobten und gut organisierten Römer das Fürchten lehrte. Sind sie in Wirklichkeit so, die Deutschen?

Auch zur teutonischen Raserei gibt es einen Gegenpol. Kaum einem anderen Land sagt man nach, dass seine Einwohner so methodisch und organisiert vorgehen, wie den Deutschen. Wilde Impulsivität bringen wir pauschal eher mit „Südländern“ in Verbindung, dem europäischen Norden wird eine gewisse Kühle und Distanziertheit von Affekten nachgesagt. Doch denkt man an die Wikinger, die auch als die „Terroristen“ des Mittelalters bezeichnet wurden, kann man auch keine Ähnlichkeit mit den heutigen kühlen, fairen und friedlichen Skandinaviern mehr entdecken, wohingegen man den südländischen Portugiesen eine tiefe Melancholie nachsagt, die sich im Fado, dem landestypischen Musikstil, ausdrückt.

Und so, wie man Gefühle auch methodisch und gut organisiert durchdrücken kann, kann das durchaus auch affektiv milder gestimmten Kulturen gelingen. Der besondere Schrecken des Holocaust liegt vor allem in der kühlen Planmäßigkeit, mit der man seine Projektionen und projektiven Identifikationen agieren konnte, regressive und abgespaltene Gefühle. Als Deutscher ist man mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges in besonderer Weise verbunden, schon deshalb, weil man ihn entweder als besondere Schmach und Schuld ansieht oder ärgerlich darauf pocht, nun müsse auch endlich mal gut sein mit dem Thema.

„Vamik Volkan (1999) hat dargelegt, wie nationale Identität schon früh in die individuelle Ich-Identität durch Sprache, Kunst, Sitten und Gebräuche, Speisen und vor allem transgenerationale Weitergabe von Narrativen historischer Triumphe und Traumata als Teil eines gemeinsamen Kulturguts eingewoben wird.“[3]

Und man beginnt gerade erst zu begreifen, wie schmerzlich und traumatisierend die vielfache Unmöglichkeit, über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg zu reden, für die Eltern und Groß- und Urgroßeltern war, gerade auch für viele deutsche Kriegsteilnehmer und deren Familien. Die Nichtweitergabe macht einen also auch nicht frei, sondern bindet als Leerstelle oft sogar besonders. Und damit zu einer vielleicht doch noch spezifischen German Angst.

Die German Angst vor der Masse?

Plakat gegen Überwachung

Die Angst vor Überwachung ist in der Breite nicht sonderlich ausgeprägt. © Stephan Luckow under cc

Aus den Erfahrungen der Verführbarkeit der Masse, aus der Möglichkeit, dass Massen regredieren können, aus der politischen Aufarbeitung und dem Wunsch und der gefühlten Verantwortung, dass dies nie wieder vorkommen möge, resultiert ein Misstrauen gegenüber der Masse. Der Begriff „Volk“ provoziert bereits einige, die Forderung man möge mit dem Begriff „völkisch“ doch wieder entspannter umgehen, soll provozieren, ist kalkulierte Eskalation.

Doch der Wunsch, nur ja keinen Fehler mehr zu machen, beförderte die Anstrengung in Sachen Gleichberechtigung und manchmal darüber hinaus den Anschein der Gleichmacherei erweckend. Davor hatte Götz Aly jedoch gewarnt. Ein eigenes großes Thema, hier nur wichtig im Zusammenhang mit der German Angst vor dem Kollektiv, das aber, wenn Aly Recht hat, genau in dem Bemühen, es nach Möglichkeit allen Recht zu machen, genau das tut, was schlecht ist, in irgendeine Art und Weise des Kollektivismus einzumünden.

Vor der regressiven Masse ist oft genug gewarnt worden, Heidegger hat sie verachtet (und ist ihr auf seine Art dann doch verfallen), mit dem Begriff der Schwarmintelligenz wird ihr hier und da etwas zu viel aufgebürdet, doch nicht alle Situationen, in denen viele Menschen zusammenkommen, sind Massenbewegungen. Innerhalb von Massen können auch reife Individuen auf ein fundamentalistisches Niveau des Werturteils regredieren. Nicht alle diese Menschen regredieren dauerhaft. Es gibt neben der direkten Demokratie viele Formen einer stärkeren Einbindung des Bürgers in die Gesellschaft und die Politik.

Es mag Gründe für eine Skepsis geben, es gibt aber ebenso gute Gründe dem Bürger, uns allen, etwas zuzutrauen. Auch in der gegenwärtigen Phase eines Umbruchs, mit einer streckenweisen Verunsicherung größerer Teile der Bevölkerung, sind wir Deutsche alles in allem recht cool und souverän geblieben. Selbst als es zu den schon befürchteten Terroranschlägen im Deutschland kam, blieben die Deutschen, entgegen vieler Unkenrufe, gelassen.

Zwar ist die Zahl der Extremisten mit etwa 60.000 aktuell (28.500 Linksextremisten, 12.800 Reichsbürger, 12.100 Rechtsextremisten, 10.000 Salafisten), doch mit einer Größenordnung von insgesamt < 0, 1% ist das nichts, was uns in Panik versetzen muss. Man sollte all das nicht auf die leichte Schulter nehmen, doch es würde reichen, wenn man sich um die Rädelsführer und Intensivtäter kümmert. Aber so oder so, gerade die Masse ist nicht bedrohlich in Deutschland und dass Teile von ihr alternative Modelle entwerfen, die durchaus immer auch konstruktive Anteile haben, ist erkennbar und hätte, klug genutzt, das Potential, die Bevölkerung mit der politischen Kaste wieder stärker zu versöhnen.

Die German Angst gibt es eher nicht

International sind die Deutschen extrem beliebt und seit 2006 ist auch klar, dass sie gut feiern können und nette Gastgeber sind. Die Identifikation einer German Angst ist nichts, was man uns Deutschen konsistent vorwerfen kann. Deutschland wird statistisch immer älter und ältere Menschen werden tendenziell konservativer. Die Deutschen haben nun öfter bewiesen, dass sie sich an Veränderungen anpassen können und in einer gewissen Unbeirrbarkeit in ihrem Alltag denoch immer weiter machen. Immer wieder mal hört man dabei, dass wir alle nur manipulierte Schafe sein sollen, doch dass wir alle manipuliert seien, lässt sich nicht erweisen, schon weil es, je nach dem welche Splittergruppe diese Auffassung vertritt, stets andere sind, die angeblichen Hirten sind.

Man kann den Begriff der German Angst gut instrumentalisieren, wenn man versucht, irgendwelche Interessen durchzuboxen. Dass wir Deutsche da erst mal abwarten und skeptisch sind und in einer gewissen Beharrlichkeit dem einen oder anderen Gewünschten ein Absage erteilen, finde ich eher sympathisch, verärgert natürlich die, die sie durchdrücken wollen. Der Mainstream ist nicht unser Feind, sondern oft genug unser Freund. Wir Deutsche, vermutlich auch andere Bevölkerungen, haben die Kraft, achselzuckend weiter zu machen und unser Leben zu leben und das keinesfalls so unkritisch wie einige meinen oder so hysterisch, wie die schrillsten Stimmen erahnen lassen.

Der Mainstream ist das gesellschaftliche Rückgrat und vermutlich ist eine Hinwendung zu eigenen Traditionen das, was uns gut täte. Dass kein Element in uns Deutschen völlig fehlt, wie wir gesehen haben, ist ein gutes Zeichen. Der Mainstream bekommt immer auch Gegenwind und Kritik ab und das ist auch gut so. Wir müssen lernen, dass Kritik wichtig ist, aber das lernt man nicht in einer regressiven Gruppe, die ihre Feindbilder braucht und selbst schafft. Es lernen begabte Individuen. Die Erfindung des Individuums ist eine westliche Errungenschaft und ein gutes Gegengift gegen zu viel Kollektivismus und Gleichschritt im Denken. Nicht jeder Individualist ist ein Narzisst, der nur um sich kreist. Es gibt zwei Nebenströme unseres Mainstreams. Der eine ist der unreife Narzissmus, der gesellschaftlich problematisch ist. Der andere ist ein reifer und reflexiver Individualismus. Auch diese Menschen sind oft alles andere als bequeme Ja-Sager, aber genau das ist gut und wichtig.

Wir brauchen Integration im breitesten Sinne und damit ist nicht (nur) die Integration der gutwilligen Teile anderer Kulturen gemeint, sondern wir müssen auch die klugen Anregungen der Sonderlinge und Querdenker zur Kenntnis nehmen und haben oft genug bewiesen, dass wir dazu in der Lage sind, aber eben auf der anderen Seite auch nicht jeden Mist mitmachen. Wo uns der Begriff der German Angst begegnet, lohnt es sich genauer hinzuschauen und zu prüfen, ob dieser Begriff nicht instrumentalisiert werden soll, um uns schnell zu etwas zu bringen, was wir noch nicht ausreichend geprüft haben. Dafür haben wir unsere Querulanten und Gerechtigkeitsfanatiker. Und in den meisten Fällen ist das gut.

Quellen:

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