Die sekundäre Angst

junger Mann allein auf Bank, Knie angezogen

Auch bei Ängsten ist es wichtig, sich nicht einzuigeln. © er madx under cc

Mit sekundärer Angst ist jene gemeint, die im Rahmen anderer Erkrankungen auftritt, die den Hintergrund bilden. Primäre Ängste sind Angststörungen auf dem Boden einer leichten Traumatisierung. Der berühmte Autounfall, der es einem unmöglich macht mit dem Wagen zu fahren. Hier ist das Prinzip der verhaltenstherapeutischen Desensibilisierung schnell und effektiv. Auch bei anderen Ängsten kann es klappen, es funktioniert nur nicht immer. Andere Ängste werden von tieferen Wurzeln gespeist, oft aus der Ebene der schweren Persönlichkeitsstörungen. Oft sind das schwere, tief sitzende Formen der Angst.

Dabei ist die narzisstische Angst oft eine Angst vor dem Verlust des (phantasierten) Ansehens. Mitunter ist diese Angst so groß, dass sie die Angst vor dem Tod überragt. Das heißt, die Angst vor dem Gesichtsverlust und den erwarteten Folgen – Spott, Hohn und Entwertung – sind so groß, dass einige lieber sterben würden. Sie sind in dem Sinne nicht angstfrei, der Verlust der Bedeutung wiegt nur schwerer. Wozu noch leben, wenn man der Depp oder Loser ist? Eine projektive Identifikation, also ebenfalls eine Illusion, aber eine mächtige. Angststörungen bewegen Narzissten ab und an dazu, sich zum Therapeuten zu begeben, allerdings legen sie primär wert darauf, schnell wieder zu funktionieren und die Peinlichkeit loszuwerden.

Polar dazu ist die paranoide Angst eher ein konstantes Misstrauen in vielen Lebensbereichen, das sich zuspitzen kann, wenn es sich zum echten Verfolgungswahn ausbreitet, aber auch vorher gibt es schon die latente ängstliche Spannung und Überzeugung, dass man Ziel einer Intrige ist und die anderen über einen reden und die Welt (wenigstens der Menschen) ein schlechter Ort ist. Eine andere Variante, in der zum Teil narzisstische und paranoide Elemente gemischt vorkommen können, ist die Hypochondrie. In der harten Variante sitzt der Feind innen und Angst ist hier ein gewaltiges Thema. Nichts und niemand beruhigt einen Hypochonder für eine längere Zeit.

Aus dem Spektrum der schweren Persönlichkeitsstörungen hat die Borderline-Störung den Ruf, das größte Angstpotential zu haben. Zur Borderline-Störung gehört so gut wie immer eine generalisierte Angststörung, die oft nahezu unerträglich ist.

Haben all diese Erscheinungsformen etwas gemeinsam? Ich denke ja. Zum einen findet man bei allen eine Ich-Schwäche der einen oder anderen Ausprägung. Zum anderen einen spezifischen Wunsch nach Perfektion als einzigem, denkbaren und akzeptablen Gegenmittel, gegen die Angst. Für den Paranoiker bedarf es 100%iger Beweise, dass ihn niemand hintergehen will und die gibt es nicht, dafür sorgt sein selbst errichtetes Gedankengebäude schon selbst. Borderliner wollen auch volle Zuneigung und Zustimmungen, ertragen nirgends Zurückweisung, und der Wunsch nach Perfektion bei Menschen mit narzisstischer Störung ist legendär. Maßstab ist das Beste, Großartigste, Herausragende.

Der Perfektionismus kann auch eine offen angstvolle Seite annehmen, dann ist das Leben ein einziger Versuch, Gefahren möglichst zu vermeiden und den optimalen Weg zu finden, um nur ja nicht zu Schaden zu kommen. Wenn die oben schon beschriebene Rituale des gesunden und sicheren Lebens nicht mehr greifen, ist der Versuch der Dauervermeidung die nächste Stufe der Eskalation. Der wesentliche Unterschied ist, dass bei wirksamen Ritualen die Angst gebannt ist und man ganz normal am Leben teilnehmen kann.

Die übergroße Skepsis bringt einen dazu, ständig die Meinung der Autoritäten zu vergleichen und festzustellen, dass Experte A nicht selten das Gegenteil von Expertin B sagt und C hat noch mal eine ganz eigene Meinung. Man ist verunsichert, fragt sich am Ende wer denn nun Recht hat, ohne den entscheidenden ich-starken Weg zu finden, einfach seinen eigenen Weg durchs Leben zu gehen, in dem Bewusstsein, dass man im Leben immer Schrammen abbekommt, doch der Verzicht auf ein eigenes Leben immer die schlechtere Alternative ist. Stattdessen versucht man den gemeinsamen Nenner aller Experten zu finden und landet nicht selten in angstvoller, maximaler Einschränkung.

Kein Rückzug

Ein Ansatz, um der Angst die Stirn zu bieten ist, sich nicht zu verkriechen. Wo eine direkte Konfrontation nicht möglich ist, kann man sich beharrlich Terrain zurückerobern. Üben und immer wieder üben und sich von kleinen Rückschlägen nicht beirren lassen. Doch wie wir gesehen haben, kann man vor so ziemlich allem im Leben Angst haben. Vor dem Tod und Spinnen, Fahrstühlen und Dunkelheit, Menschenmengen und Gift im Essen, dem Chef oder Flugzeugen, die Liste der möglichen Ängste ist schier unendlich.

Bin ich zu ängstlich? Wie wir gesehen haben, gibt es Menschen, die bestimmte Ängste haben, aber im Insgesamt ihrer Psyche nicht als problematisch ansehen. Sie können bestimmte Dinge eben nicht oder nur mit fremder Hilfe, doch das ist nichts, was sie beschwert. Es fehlt das Bewusstsein eine Angstsymptomatik zu haben und das kann helfen. Wer sich jedoch fragt, ob er zu ängstlich ist, hat bereits ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass da ein Angstgrad im Spiel sein könnte, der irgendwie zu groß sein könnte.

Ein Kriterium ist immer der Rückzug vom normalen Leben. Wenn man sich immer mehr einigelt, weil man meint, dass man nur noch ein Klotz am Bein der anderen ist, am normalen Leben und am sozialen Miteinander, wie es zuvor war, nicht mehr teilnimmt, dann geht man in die Richtung zu großer Ängstlichkeit oder Angst.

Bin ich zu ängstlich? Die Gesamtsumme der Angst entscheidet und zwar die Gesamtsumme der Quantität (wovor habe ich ?) und der Qualität (Wie groß ist diese ?). Wer die Grubenfahrt ins Bergwerk oder den Urlaub im Klettersteig nicht mitmachen kann, wird sich vielleicht kurz ärgern, aber das Leben ist nicht groß beeinflusst, man kann sich weiter mit Freunden treffen und seiner Ausbildung oder dem Beruf nachgehen. Wer jedoch keinen Supermarkt mehr betreten oder gar das Haus nicht mehr verlassen kann und sich selbst nichts mehr zutraut, dessen Angst ist zu groß und sollte behandelt werden. Therapeutische Hilfsmöglichkeiten gibt es viele, wie zum Beispiel von mentavio.

Was erwarte ich überhaupt von meinem Leben?

Sich nicht zu verkriechen und zu üben, ist die eine Sache. Doch die Frage Bin ich zu ängstlich?, sollte nicht zu einer Selbstverdammung führen, sondern eine zweite Frage nach sich ziehen: Brauche ich das? Es kann auch ein übertriebener Anspruch sein, sich keine Blöße geben und keine Schwäche haben zu wollen. Wer Bergführer werden will, sollte keine Höhenangst haben, aber wer problemlos einen Stuhl besteigen oder mit der Leiter Äpfel vom Baum holen kann, der ist sicher nicht groß im Leben eingeschränkt. Brauche ich das, was ich nicht kann, überhaupt für mein Leben?

Nicht selten sind Ängste auch Signale des Unbewussten, einmal nachzuschauen, wo man im Leben steht, ob man mit der gegenwärtigen Lebenssituation im tiefsten Inneren zufrieden ist. Wie wir sahen, ist gerade bei Ängsten eine gewisse Unsicherheit zu finden, was die eigene Lebensführung angeht, man traut sich nicht, seinen Weg im Leben zu suchen, zu finden und zu gehen. Ängste fordern einen auf, hier hinzuschauen und sich selbst Rechenschaft abzulegen: Was erwarte ich überhaupt von meinem Leben? Das ist so eine Frage der Lebensbilanz und Ängste zeigen oft, dass man über den eingeschlagenen Weg noch einmal nachdenken sollte.

Das Hilfsangebot ist groß, dennoch sind Ängste sehr häufig. Problematisch ist es für Menschen, denen scheinbar nicht zu helfen ist, weil die besten Therapien nicht greifen. Dieser Gruppe von Menschen widmen wir einen eigenen Beitrag im zweiten Teil der Reihe.