betender alter Mann in Kirche, schwarzweiß

Demut verbindet man oft mit religiösen Kontexten. © Tong Tuang Anh under cc

Demut und Gelassenheit sind zwei Begriffe, die wir zunächst nicht unbedingt zusammen denken müssen. Doch in einer bestimmten, unserer Zeit oft fremden, Konstellation ergibt sich ein innerer Zusammenhang. Gelassenheit ist ein Gefühl, das wir uns gerade heute oft wünschen, zumindest für unsere Freizeit. Im Job ist Gelassenheit oft nicht so gefragt, jedenfalls gehen wir nicht so sehr damit hausieren, denn dort heißt es, Leistung zu bringen und am besten maximales Engagement zu zeigen. Das geht zwar auch wenn man gelassen ist, oft gehört es aber fast zum guten Ton, wenn man bei der Arbeit etwas verbissen und zumindest ziemlich erschöpft ist. Umso besser, wenn man dann wenigstens in der Freizeit abschalten und in einen Modus der Ruhe und Gelassenheit kommt, jedenfalls wünschen sich das viele.

Demut bringen wir vielleicht eher mit einer Zurückgenommen- und Bescheidenheit in Verbindung, manchmal mit einem religiösen Kontext. Demut hat für manche den nicht eben angenehmen Beiklang von: Nimm hin wie es ist und füge dich in dein Schicksal. Das wollen wir nicht, gerade heutzutage. Für uns ist es oft wichtig, die Kontrolle zu haben oder wenigstens das Gefühl, dass man die Sache irgendwie im Griff hat. Dann erst können wir uns auch entspannen und es stellt sich Gelassenheit ein. Demut und Gelassenheit sind in diesem Kontext eher etwas konträre Begriffe.

Freiheit, Kontrolle und Verantwortung

In vielen Lebensbereichen, oft bis hinein in (auf den ersten Blick) unscheinbare Kleinigkeiten, können wir heute zwischen Optionen wählen. Immer weniger wird uns vorgeschrieben und immer seltener sind wir auch bereit, uns etwas vorschreiben zu lassen. Man richtet sein Leben nicht mehr nach dem Fernsehprogramm aus, wie es für frühere Generationen ganz selbstverständlich war, sondern mittels Mediathek schaut man sich die Sendungen, die einem gefallen, an, wann und wo es einem selbst passt. Wie in dem Artikel über Mediensucht weiter ausgeführt, wird man, schon allein in diesem Bereich, so zum Manager in eigener Sache. Man hat die Wahl, aber auch die Qual derselben. Das betrifft viele weitere Lebensbereiche, in denen man sich, viel mehr als früher, heute selbst schlau machen kann, mal eben. Per App oder sonst irgendwo im www findet man so gut wie alles, wenn man ein wenig medienkompetent ist. Der Energiemix fürs Haus, das beste Preis- / Leistungs-Verhältnis für die Waschmaschine, der Wagen, die Zusatzversicherung, das Rentenkonzept, der beste Arzt für meine Erkrankung, ob Urlaub, Kinderklamotten oder sonst etwas, um alles kann man sich kümmern, besser denn je, nur kostet all das Zeit und Aufmerksamkeit, in alles muss man sich einarbeiten, will man nicht dem erstbesten Fake aufsitzen.

Wie überall im Leben hat die Freiheit ihren Preis und der lautet: Verantwortung. Ich kann mich hier, da und dort drum kümmern, dies noch machen, das noch nachschauen und recherchieren und der eine hat mehr Spaß daran, der andere weniger, nur eines erlebt man dabei eher nicht: Gelassenheit. Das durchkreuzt etwas die These, dass wir genau dann entspannen können, wenn wir alles im Griff haben und die Dinge maximal kontrollieren. Daran haben nur Kontrollfreaks ihre Freude.

Stress und Kontrolle

Eine ganz andere Sichtweise dämmert, nämlich: Wir haben keinen Stress, weil wir die Kontrolle zu verlieren drohen, sondern weil wir uns einbilden, sie zu haben. Jemand der in einem Weltsystem lebt, in dem das Schicksal und die Fügung eine große Rolle spielen, mag sich ausgelieferter vorkommen, aber wenigstens denkt er nicht, einen, wer weiß wie großen, Einfluss auf sein Leben zu haben.

Oft findet man diese Einstellung bei religiösen Menschen, die sich sozusagen freiwillig in die Unfreiheit begeben, die sie allerdings eher Geborgenheit nennen würden. Doch diese Abgabe der Kontrolle hat natürlich auch einen Effekt. Nun meint man zwar vielleicht, die wesentlichen Dinge im Leben nicht mehr in der Hand zu haben, dafür hat unser Begriffspaar Demut und Gelassenheit an dieser Stelle aber einen Sinn. Man kann gelassen sein, gerade weil man die Sache nicht mehr in der Hand zu haben glaubt. Wer glaubt, dies sei auf religiöse Menschen beschränkt, der irrt. Allzu auffällig war die merkwürdige Lust, mit der sich viele Menschen, einige bis heute, auf die laut verkündeten Ergebnisse der Hirnforschung gestürzt haben, vor allem auf die deterministische Interpretation der Geschichte. Determiniert heißt hier, neurologisch festgelegt und abgesehen davon, dass diese Interpretation auch unter Neurobiologen längst wieder umstritten ist und viele Philosophen sie widerlegt haben, arbeitet der Journalist und Buchautor Christian Geyer zum Thema heraus, dass es auch unter den Anhängern des Neurodeterminismus, bei all der Begeisterung für die Idee, um den Wunsch nach Abgabe der Verantwortung gehen könnte:

„Versuchshalber könnte man den Spieß natürlich auch umdrehen und der Frage nachgehen: Was macht die Idee, unser Wille sei unfrei, eigentlich so sexy? Welche psychische Disposition ist nötig, um die Psyche zu verabschieden, um die Evidenz seiner Erlebens-Perspektive („Ich kann auch anders“) zu den Akten nehmen und stattdessen die Perspektive des Labors übernehmen zu wollen („Freiheit ist eine Illusion“)? Vermutlich ist es die Abstraktion selbst, die exakte Entlastung vom Konkreten, die attraktiv wirkt. Wie viele Enttäuschungen mit der Konkretion des eigenen Ichs müssen vorangegangen sein, bevor man geneigt ist, dieses Ich in den Abstraktionen der Hirnforschung zum Verschwinden zu bringen?“[1]

Und das, wo wir unsere Freiheit doch eigentlich so hoch hängen und wichtig nehmen. Wird uns, bewusst oder unbewusst, klar, dass Freiheit von Verantwortung nicht zu trennen und Willkür keine Freiheit ist, sinkt die Begeisterung oft rapide. Man könnte meinen, wir hätten uns zu Tode gesiegt. Die kulturellen Kämpfe der vorangegangenen Jahrzehnte drehten sich in wesentlichen Teilen auch darum, dass man für sich und andere neue Freiheiten und Möglichkeiten erobern wollte. Bindungen wurden infrage gestellt oder abgestreift, man brach aus alten Rollen aus und neue mussten gefunden und erarbeitet werden, ein Prozess, der bis heute oft noch nicht abgeschlossen ist.

Zeichnen wir es nicht schwarz oder weiß. Es gibt viele, die die Möglichkeiten neuer Freiräume für sich genutzt haben und heilfroh sind, einer engen, und sie von vorn herein im Lebensweg festlegenden Struktur, entronnen zu sein. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass dieselbe Bewegung für eine ebenfalls große Gruppe in Überforderung, Frustration und nicht selten im Burnout endete. Doch nicht nur auf die Kräftesituation, auch auf die Moral hatten die neuen Wünsche nach Unfreiheit.

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