Nachdem im ersten Teil dieser Serie zum Asperger-Syndrom bei Frauen auf die Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion eingegangen wurde, soll der folgende Artikel auf mögliche Schwierigkeiten im Beruf bei Frauen mit Asperger-Syndrom aufmerksam machen, welche sich trotz hoher Intelligenz einstellen können. Natürlich gibt es auch Männer mit Asperger-Syndrom, auf welche diese Schwierigkeiten ebenso zutreffen können, dennoch scheint bei Asperger-Frauen die soziale Normung eine größere Gewichtung zu haben. Doch zunächst einmal sollen die kognitiven Stärken von Frauen (und Männern) mit Asperger-Syndrom benannt werden.

Kognitive Besonderheiten von Aspergern

Gemäß dem klinischen Psychologen Professor Tony Attwood, einem Spezialisten auf dem Gebiet des Asperger-Formenkreises (auch für weibliche Asperger), gilt Hermine Granger aus der Romanreihe »Harry Potter« als ein klassisches Asperger-Girl. Sie vereint viele kognitive Stärken in sich, fühlt sich in der Gegenwart von Jungen wohler als in der von Mädchen, denkt stark analytisch und ist ausgesprochen »wissbegierig«. Nichtsdestotrotz unterscheiden sich Asperger voneinander, genauso wie sich neurotypische Menschen voneinander unterscheiden.

Nachfolgend aufgeführt sind die Besonderheiten in den Kognitionen von Aspergern, welche selbstredend natürlich nicht auf alle Asperger in diesem Ausmaß zutreffen müssen.

Wahrnehmung, Intelligenz und Spezialinteressen bei Aspergern

Skizze Roboter ohne Arm

Viele Asperger schaffen es nicht, ihre Spezialinteressen zum Beruf zu machen, da ihnen die gesellschaftliche Unterstützung fehlt. © Aaron Williamson under cc

  • für gewöhnlich überdurchschnittliche Intelligenz (ggf. bei »Autisten mit Sprachproblemen« höhere IQ-Werte bei IQ-Tests ohne Sprachbezug, z.B. Raven Matrizentest versus HAWIK); zu beachten: bei Aufregung / Anspannung im sozialen Kontext könnten weniger hohe, unterschätzende IQ-Werte erreicht werden als in ruhiger Testumgebung
  • zumeist gute Ausdrucksfähigkeit, breiter Wortschatz, Verwendung ungewöhnlicher Wörter
  • aber: kein oder schlechtes Verstehen von Sprichwörtern, Witzen, Ironie oder Andeutungen; zugrunde liegende Absichten werden nicht / kaum erkannt, wenn sie nicht direkt formuliert werden (allerdings häufig Begeisterung für Wortspiele)
  • Passivität oder »Übereifer« im Schulunterricht; demzufolge: überdurchschnittlich gut in der Schule versus schlechtere schulische Leistungen, als aufgrund der Intelligenz zu erwarten
  • Spezialinteressen, -fähigkeiten, -kenntnisse auf bestimmtem Gebiet, wie z.B. Schreiben (z.B. Grammatik), Zeichnen, Mathematik, Geografie, Meteorologie, Technik, Physik, Musik; große Merkfähigkeit in Bezug auf Zahlen, Details und Fakten (»Es scheint, dass für Erfolg in der Wissenschaft oder in der Kunst ein Schuss Autismus erforderlich ist.« Hans Asperger); Spezialgebiete können mit der Zeit wechseln
  • Monologisieren über diese Spezialgebiete
  • Ordnung, Rituale, strukturierte Tagesabläufe u.ä. vermitteln Aspergern Kontrolle; Kategorisierung der Welt (auch der Menschen in unterschiedliche Typen); große Schwierigkeiten in der Alltagsbewältigung, wenn von Routinen abgewichen wird; bei stressigerem Alltag nehmen Routinen zu (starker Ordnungssinn, z.B. Sortieren der Kleidung nach Farbe und Funktionalität; sofortige Korrektur jeder noch so kleinen Änderung)
  • bei Fokussierung auf Spezialgebiete hohe Konzentrationsfähigkeit; verbale Anweisungen sind manchmal schwer umsetzbar, müssen erst durchdacht werden
  • stärkere Konzentration auf Details als auf Gesamtbild (bspw. Abgrenzung der »Objekte« innerhalb einer Kategorie von der anderen; Wahrnehmung von Fusseln auf dem Teppich mit Zwang der sofortigen Entfernung)
  • bei Manchen: Schwierigkeiten in der Motorik, z.B. schlechte Handschrift, weil Stift verkrampft gehalten wird; Unbeholfenheit bei äußerer Erscheinung; ungelenk, auffallende Körperhaltung
  • ggf. Reizüberflutung und sensibles Reagieren auf Außenreize, Abschottung gegenüber Reizen; im Erwachsenenalter oft gelernt, mit Reizüberflutung umzugehen, dennoch steigert diese Stressempfinden; mangelndes Filtern von unwichtigen Reizen durch das Gehirn (z.B. Wahrnehmung von fortwährendem Surren elektrischer Geräte oder zu lauter Reize, aber auch Neonlicht etc.)
  • Berührungsempfindlichkeit; Übersensitivität bei Umarmungen oder Händedruck, aber auch bei Textilien wie z.B. Wolle (als kratzig empfunden), Textillabel in Kleidung störend
  • überlastet fühlen in Umgebung mit vielen Reizen, aber auch vielen Menschen oder bei länger währender sozialer Interaktion; teilweise Angsterleben aufgrund mangelnder Kontrolle der Situationen

Manche Asperger nehmen die Welt so wahr:

Soziale Normung und Intelligenz

Gemeinhin wird von Frauen erwartet, sozial besonders kompetent zu sein. Viele Mädchen mit Asperger-Syndrom versuchen, dieser sozialen Kompetenz zu genügen. Sie versuchen, sich aufgrund ihrer mangelnden natürlichen Intuition in Bezug auf soziale Situationen diese über ihre Intelligenz zu erschließen. So ist es, wie bereits angesprochen, bei Frauen mit Asperger nicht ungewöhnlich, dass sie Menschen und Situationen bewusst kategorisieren, um diese besser verstehen zu können.

Bereits in der Schule empfinden viele Asperger das soziale Dasein als belastend, obwohl einige von ihnen sich durchaus nach sozialer Anbindung sehnen. Aber Sozialität bedeutet für Asperger eben auch Stress, Verwirrung, bewusstes Nachahmen anderer, Unterordnung oder Isolation. Während man Männern häufig ihre Eigenarten zugesteht, lastet auf Frauen ein deutlich höherer Druck der sozialen Kompetenz.

Annehmen der sozialen Rolle?

obdachloser Mann mit Hund

So einige Hochbegabte gehen in der Gesellschaft verloren und finden sich als Obdachlose wieder. © Thomas Szynkiewicz under cc

Um sich in »ihre Rolle« einzufügen, versuchen so manche Mädchen / Frauen mit Asperger-Syndrom, diesen sozialen Fähigkeiten durch Nachahmung gerecht zu werden – mit dem Resultat der mangelnden eigenen Identitätsentwicklung. Frauen mit Asperger wissen oft schlicht und ergreifend nicht, wer sie sind. Sie versuchen der Person zu entsprechen, die andere gut finden, die andere haben wollen. Das kann, je nach sozialer Interaktion (zu Eltern, Freunden, dem Partner) ganz unterschiedlich sein und so entsteht eine Art Camouflage-Effekt. Weibliche Asperger können geradezu Chamäleons der sozialen Interaktion sein, so wandelbar sind einige von ihnen.

Mädchen mit Asperger verschweigen womöglich ihre Liebe zu Kreuzworträtseln oder Zahlen, weil diese allgemein als langweilig betrachtet werden. Stattdessen geben sie vor, »mädchentypische« Interessen zu mögen, wie zum Beispiel die Liebe zu Pferden, Barbies etc. Viele Asperger haben kein Interesse an außerschulischen Aktivitäten. Diese bedeuten Stress für sie. Dennoch fühlen sich viele Mädchen mit Asperger gezwungen, an diesen teilzunehmen. Vor allem bei weiblichen Aspergern findet sich dadurch oft ein Mangel an sozialer Identität sowie Selbstidentität.

Es bleibt zu hoffen, dass mit zunehmender Aufklärung über das Syndrom und seine Spezifikationen, diese Problematik zukünftig Betroffenen erleichtert wird, in dem man sie ermutigt, sich in der Art anzunehmen, wie sie sind.

Der im nachfolgenden Video aufgezeichnete Vortrag von Professor Tony Attwood über die Schwierigkeiten mit Sozialität und deren Kompensation bei Asperger-Frauen und -Mädchen gibt Aufschluss über diese Herausforderung, die Betroffene zu bewältigen versuchen. Eine erfrischende Herangehensweise an die »Unsichtbaren« am Ende eines Spektrums: die weiblichen Asperger.

Trotz Hochbegabung Schwierigkeiten im Beruf

Eine tragische Konsequenz dieser »Selbstaufgabe« zugunsten der sozialen Normung kann bei Frauen mit Asperger schlimmstenfalls dazu führen, dass sie ihre speziellen Interessen vernachlässigen / unterdrücken und so Jahre der individuellen Spezifikation und Weiterentwicklung verlieren – sozusagen eine Verschwendung menschlicher Ressourcen, nur weil versucht wird, sozialen Rollenbildern hinterher zu hasten. Hinzu kommen die Schwierigkeiten im Beruf durch soziale Interaktionen, wie z.B. durch die mangelnde Wahrnehmung der Mimik des Gegenübers, durch Schwierigkeiten beim Small Talk oder durch mangelnde Kontrolle in sozialen Situationen etc., welche eine berufliche Integration in die Gesellschaft beinahe unmöglich machen.

Einige Asperger versuchen, »die Sache mit den Menschen« professionell anzugehen. Haben sie bereits seit frühester Kindheit die Gesichter, sozialen Prozesse der anderen studiert, erscheint ihnen die Psychologie als willkommene Weiterführung ihrer Studien, um Menschen zu verstehen. Andere bleiben lieber in der Welt der Objekte, wenden sich dem Ingenieurwesen, der Physik und anderen Wissenschaften zu, um ihre Spezialinteressen zu vertiefen. Wieder andere nutzen ihre Flucht in Fantasiewelten, um professionelle Autoren zu werden. In ihren eigenen Geschichten haben Asperger die Kontrolle und können über das Schreiben soziale Situationen ausloten.

Arbeitslos und sozial überfordert

Obwohl die genannten beruflichen Werdegänge sehr vielversprechend erscheinen mögen, hat eine sehr hohe Anzahl von Menschen mit Asperger trotz hoher Intelligenz und gegebenenfalls höherem Schulabschluss Schwierigkeiten im Beruf und keinen Vollzeitjob. Beunruhigende Zahlen gehen von etwa 80 % aus. Eine riesige Verschwendung von menschlichem Potential, nur weil die sozialen Gefilde für Asperger undurchsichtig sind. Selbst wenn hochfunktionale Asperger einen täglichen Job ausüben und versuchen, nicht auf ihre individuellen Besonderheiten Rücksicht zu nehmen, können ihnen mit der Zeit überbordende Ängste, Depressionen oder Burn-out drohen.

Hier ist die Gesellschaft gefragt, welche versuchen sollte, die Grenzen sozialer Normung zu lockern, und die Betonung auf individuelle Besonderheiten eines Einzelnen legen sollte, um so gesamtgesellschaftlich von Diversität profitieren zu können, wie im nächsten Teil dieser Artikelreihe aufgezeigt wird. Darüber hinaus wird sich die zunehmende Digitalisierung vermutlich vorteilhaft auf die bestehenden Schwierigkeiten im Beruf bei Frauen (und Männern) mit Asperger-Syndrom auswirken, da soziale Kontakte (und der Wunsch danach) sowie das Ausüben eines Berufes über digitale Medien erfolgen könnte. Jenes wäre voll umfänglich denkbar, oder aber nur teilweise, je nach individueller Gesinnung und Belastungsempfinden.

Quellen

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