Weil kognitive Stärken bei Frauen (und Männern) mit Asperger-Syndrom und deren Eingliederung in die Gesellschaft auseinanderklaffen können, liegt die Frage nach der Verantwortung der Gesellschaft in Bezug auf die Förderung von Diversität nahe. »Die autistische Gesellschaft« als gewählter Titel dieses Artikels kann in mehrfacher Hinsicht interpretiert werden, wie nachfolgend deutlich wird.

Asperger-Stärken als Mehrwert für die Gesellschaft

Betrachtet man Diversität in jeglicher Hinsicht, so wird klar, dass diese sich nicht nur auf Persönlichkeitseigenschaften, Ethnien oder Religionen bezieht, sondern eben auch auf Menschen mit sogenannten »Einschränkungen« in wie auch immer gearteter Form. Hier ist es nun die Gesellschaft, welche »autistisch anmutet«, weil sie eben diese Stärken einzelner Menschen nicht sehen will oder kann und demzufolge ein Mangel an Sozialität hat.

Umformulierung der Kriterien mit Krankheitswert in Stärken

Baby und Kleinkind auf Teppich kuschelnd

Menschen brauchen soziale Nähe und Geborgenheit, in wie auch immer gearteter Form. © mulan under cc

Manchmal ist es nur eine Frage der Definition, um aus einer Krankheits-Etikettierung ein Individuum mit Stärken zu formen. Im Falle von Aspergern sehen die spezifischen Stärken wie folgt aus (in Anlehnung an Attwood und Gray, 1999; Autismus-Kultur, o.A.):

  • absolute Loyalität und Zuverlässigkeit in sozialen Beziehungen
  • ohne Vorurteile; Fähigkeit, andere so zu akzeptieren, wie sie sind
  • hält an persönlichen Überzeugungen fest; verfolgt diese zuverlässig
  • verfügt über Detailwissen zu spezifischen Themen; Erarbeiten der Fakten zu Interessengebieten
  • akkurat bei der Übernahme von Arbeitsaufgaben; hohe Konzentrationsfähigkeit bei Spezialinteressen
  • guter Zuhörer, der faktenbasiert urteilt (und nicht vorverurteilt); ist auf der Suche nach der Wahrheit; versucht, Problemlösestrategien zu erarbeiten
  • vermeidet oberflächliche Unterhaltungen, stattdessen tiefer gehende Gespräche; Unterhaltung ist frei von versteckten Anspielungen oder Hintergedanken
  • Interesse an aufrichtigen Freunden, trotz negativer Erfahrungen in sozialen Beziehungen (wie ausgenutzt werden, lächerlich gemacht werden)
  • breiter Wortschatz und Interesse an Wörtern, Zahlen etc.
  • gutes Gedächtnis in Bezug auf Details verschiedener Art
  • Bevorzugung und Einhalten von Ordnung und Struktur; Ausdauer beim Sammeln und Strukturieren
  • originelle Form von Problemlösungen/Herangehensweisen
  • beharrlich im Denken
  • Klarheit bei individuellen Werten; unbeeinflusst von politischen/gesellschaftlichen oder finanziellen Faktoren
  • Stärke bei Einzelsportarten, die Ausdauer und Genauigkeit erfordern
  • vertrauensvoll optimistisch und von großer Ehrlichkeit
  • hohe Intelligenz
  • oft Fürsorge und Anbieten von Hilfe über das gesellschaftliche Maß hinausgehend
  • starkes Gerechtigkeitsdenken

»Das Asperger-Syndrom war wahrscheinlich über die ganze Evolution hinweg eine wichtige und wertvolle Eigenschaft unserer Spezies.« (Tony Attwood)

Die autistische Gesellschaft: Vom Mangel an Empathie

Mann im Rollstuhl und Frau

Sozialhelden Raul Krauthausen und Lilian Masuhr auf dem Inklusionskongress 2014: Jeder Mensch vereint individuelle Stärken und Besonderheiten in sich. Wir sollten den gesellschaftlichen Fokus darauf legen. © SOZIALHELDEN Andi Weiland | Sozialhelden e.V. under cc

Nach gängiger Meinung sollen Autisten beziehungsweise Asperger einen Mangel an Empathie aufweisen. Diesbezüglich widersprechen einige Asperger und klinische Psychologen entschieden. Die Empathie drückt sich bei Aspergern nur deutlich analytischer aus. Sie mögen sich abschotten können, »den Schalter umlegen«, um sich von Empathie nicht vereinnahmen zu lassen. Andererseits sind viele von ihnen, über das Normalmaß hinaus fähig und bereit zu helfen. Anstatt den anderen zu trösten, packen sie gedanklich tatkräftig an, wollen etwas verändern, eine Lösung aus dem Problem finden. Wenn sie jedoch sehen, dass diese Hilfe verklingt und es dem anderen nur immer wieder darum geht, »ein wenig zu jammern«, haben sie wenig Verständnis. Die Schilderung macht deutlich, dass die Interpretation eines »Mangels an Empathie« deutlich streitbar ist. Es stellt sich die Frage, ob der gängige Weg in der Gesellschaft, von tröstenden Worten, oder die Bereitschaft, bei dem anderen etwas zu ändern, nicht gleichermaßen von Empathie zeugen und nur verschiedene Wege sind.

Wer ist hier autistisch?!

Vergleicht man die Entwicklungen in der derzeitigen Gesellschaft mit dem, was dem klassischen stereotypen Bild eines Autisten entspricht, liegt der Vorwurf der »autistischen Gesellschaft« nahe. Von einem Abschotten innerhalb der Gesellschaft kann durchaus gesprochen werden, bedenkt man die Ignoranz, die oberflächliche Feinfühligkeit, das Bedacht sein auf das eigene Vorankommen, Narzissmus und ähnliche gesellschaftliche Tendenzen.
Immer mehr »Schwächere« bleiben dabei zurück. Körperlich oder geistig andersartige Menschen haben keine Lobby. Mit Inklusion tut sich die Gesellschaft schwer, dabei könnte sie von der Vielschichtigkeit der Menschen profitieren.

Nichtakzeptanz führt zu Ausschluss

Studien zu Autismus und Asperger deuten darauf hin, dass autistische Kinder eine etwa 28-mal höhere Wahrscheinlichkeit für Selbstmordgedanken beziehungsweise -versuche haben, im Vergleich zu nicht betroffenen Kindern. Außerdem zeigt sich, dass circa 2/3 der befragten Asperger Selbstmordgedanken hatten und etwa 35% diese sogar versucht haben, in Planung und/oder Handlung umzusetzen.

Hier ist es die Gesellschaft, die »nicht hinsieht« und für welche Andersartige einem »sozialen blinden Fleck« gleich sind. Anstatt zum Beispiel auf Menschen aus dem autistischen Spektrum und ihrem Bedürfnis nach Ruhe und Kontrolle Rücksicht zu nehmen, versucht man sie dennoch in die schulische Form zu pressen. Erst diese Umstände können bei einigen Aspergern zu einem Krankheitswert und subjektivem Leiden führen. Belässt man sie in ruhiger Umgebung und der Freiwilligkeit sozialer Kontakte hätten sie die Chance, ihre individuellen Stärken zu entfalten und sich allmählich an andere Menschen heranzutasten.

Die autistische Gesellschaft: Diagnosehäufigkeit von Aspergern nimmt zu

zwei Menschen im Tunnel, lila Licht

Es liegt in unserer Hand, ob wir die Gesellschaft der Zukunft gemeinsam gestalten. © d26b73 under cc

Normal ist, was häufig ist. Mittlerweile nimmt die Diagnosehäufigkeit von Aspergern zu. Vom »Mensch 2.0« wird gesprochen, seine sachlich-analytische Art hofiert. Einige Firmen entdecken die kognitiven Leistungen von Aspergern und stellen diese aus ebenjenem Grund ein – eine Entwicklung, die durchaus erfreulich ist, geht sie zumindest in die richtige Richtung. Aber sie birgt auch einige Gefahren, weil man eine Verbindung zu Andersartigen über deren Leistung herstellt und darüber deren Ansehen definiert. Doch es gibt auch viele Andersartige, deren Besonderheiten für die Gesellschaft auf den ersten Blick nicht »leistungsförderlich« erscheinen, die es aber dennoch sind. Sie zeigen uns auf, dass man loyal sein sollte, zueinander stehen sollte, dass Warmherzigkeit und Rücksichtnahme humanistische Werte sind. Ein Jeder birgt Besonderheiten in sich, wir müssen nur unseren Fokus von Krankheits-Etikettierung auf individuelle Stärken verlegen.

Warum auf einmal so viele Asperger?

Wie so häufig, liegt vermutlich Multikausalität zugrunde. Ursprünglich und auch heute noch vorrangig geht man von einer genetischen Komponente aus, die in Zusammenhang mit dem autistischen Spektrum steht. Eine Ursache für die steigende Anzahl von Aspergern ist natürlich die angesprochene vermehrte Feinfühligkeit im Umgang mit weiblichen Aspergern, welche erst seit Kurzem in der klinischen Diagnostik besteht.
Doch mehr und mehr schleichen sich auch weitere mögliche Gründe ins gesellschaftliche Bewusstsein. So konnten Forscher der UC Davis Health, der University of California, den Verdacht erhärten, dass auch der Einfluss von Chemikalien bei Autismus eine Rolle spielen könnte. So haben Kinder von Frauen, welche während der Schwangerschaft in der Nähe von »Freeways« (vergleichbar mit Autobahnen) gelebt haben oder in der Nähe von landwirtschaftlichen Flächen, auf denen Pestizide angewendet werden, ein deutlich höheres Risiko für Autismus. Dieses höhere Risiko scheint auch zu bestehen, wenn die Frauen im ersten Drittel der Schwangerschaft keine Vitaminpräparate (Folsäure) eingenommen haben.

Bedenkt man diese und eventuelle, noch weitere Umstände flächendeckend und würde man einen weiteren Anstieg der Häufigkeiten im Autismusspektrum (unabhängig von Hochfunktionalität und Krankheitswert) prognostizieren, bekäme die Bezeichnung einer »autistischen Gesellschaft« noch eine ganz andere Bedeutung.
Ein »Zuviel« von etwas ist nie gut. Diversität und Vielschichtigkeit, Rücksichtnahme und individuelle Besonderheiten, gleich welcher Art sie auch sein mögen, sollten die Werte sein, die einem humanistisch-demokratischen Leitbild zugrunde liegen.

Quellen

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