Der angepasste Mensch ist glücklich …

Macht man sich an die Auswertung vieler Studien, die sich mit dem Thema Glück und Zufriedenheit beschäftigen, so ist das Ergebnis eher etwas ernüchternd.

„Glücklich ist demnach vor allem, wer die gesellschaftlich definierten Rollenzuschreibungen für den Mann und die Frau erfüllt, das machen die künstlichen Lebensläufe deutlich. Glücklich ist nicht, wer rebelliert, sich seinen eigenen Weg durch das Leben sucht. Glücklich ist, so lesen sich die Daten, vor allem der, der sich in der Erfüllung gesellschaftlicher Zuschreibungen übt. Der angepasst lebt und der Norm entspricht.

Denn Abweichungen machen Menschen Druck, und Druck macht auf Dauer unglücklich. Menschen messen sich selbst an den Erwartungen, mit denen sie aufwachsen, die sie bei Eltern und Freunden beobachten – und werden bei ihren eigenen Entscheidungen ständig damit konfrontiert.“[3]

Frau macht Luftsprung

Eine Form, Glück auszudrücken. © Carmela Nava under cc

Andere Zusammenfassungen bringen ein ähnliches Ergebnis. Wer über Impuls- oder Affektkontrolle verfügt, ist glücklicher, gesünder und weniger kriminalitäts- und suchtgefährdet.[4] Gesellschaftliche Anpassung und Impulskontrolle sind nahezu dasselbe, denn der Triebverzicht, Freuds Ausdruck für Impulskontrolle, ist die Eintrittskarte für die Akzeptanz in der Gesellschaft. Zugleich, nach Freud, aber auch der Grund für das Unbehagen in der Kultur, eben weil die Gesellschaft mich ständig auffordert meine Triebe zu beherrschen. Doch wem dies gelingt, der ist glücklicher und zufriedener.

Aber wie war das noch mal mit der Selbstverwirklichung? War das nicht ein wesentlicher Aspekt des Glücks? Seinen eigenen Weg zu gehen? Wo ist er geblieben, wenn Glücklichsein gleich Angepasstsein ist? Das ist die eine Verzerrung durch Statistik. Sicher, wer mit allem was ihm in seiner Herkunftskultur begegnet unzufrieden ist, kann schwerlich ein glücklicher Mensch sein. Aber ist das wirklich an Lösung, die Anpassung an den Mainstream?

… der unangepasste aber auch

Auf der anderen Seite sind Größen wie Selbstverwirklichung tatsächlich nicht obsolet. Der Exzentriker kann unglücklich sein, aber oft ist er glücklicher, intelligenter und gesünder als der Durchschnitt.

Nur ist das eben nicht für jeden Menschen etwas. Der Mainstream ist eben nun mal der Hauptstrom und insofern ist die Statistik nicht mal eine Verzerrung, sondern eine Abbildung der Verhältnisse, nur eben der statistischen und das muss für den Einzelfall nicht passen. Allerdings ist es so, dass die meisten Menschen durchschnittlich sind, sich aber selbst nicht für durchschnittlich halten. Vermutlich wäre vieles einfacher, würde man sich dazu bekennen, mit dem Durchschnitt (der ja nicht schlecht sein muss), seinen Anforderungen und Werten zufrieden zu geben, anstatt krampfhaft anders sein zu wollen.

Vermutlich ist die Zahl der nicht durchschnittlichen Menschen insgesamt geringer als geglaubt wird und von den unkonventionellen ist sicher noch mal die Hälfte, vielleicht auch mehr, präkonventionell. Dennoch gibt es auch etliche postkonventionelle Menschen (zum Unterschied: hier) und für die ist Anpassung keine Option. Trotzdem sind die meisten postkonventionellen Menschen nicht mit aller Gewalt gegen die Gesellschaft, sondern können sozusagen auf ihren Werten surfen und diese oft für die Gestaltung ihres eigenen Glücks gebrauchen, ohne dass sie in den Zielen und Werten restlos aufgehen würden.

Hier ist alles, was unterhalb einer wenigstens teilweisen Selbstverwirklichung bleibt, keine echte Option, aber oft finden postkonventionelle Menschen ihre Nischen und Wege.

Und was sagt die Langzeitforschung?

Es gibt eine Studie der Glücksforschung, die Grant-Studie, die nun schon über 75 Jahre läuft, der Harvard-Professor George E. Vaillant übernahm sie im Jahr 1967. In einem Interview der Süddeutschen Zeitung Magazin sagt er auf die Frage:

„Können Sie die Definition von Glück prägnant in einem Satz formulieren?“

„Glück ist, nicht immer alles gleich und sofort zu wollen, sondern sogar weniger zu wollen. Das heißt, seine Impulse zu kontrollieren und seinen Trieben nicht gleich nachzugeben. Die wahre Glückseligkeit liegt dann in der echten und tiefen Bindung mit anderen Menschen.“[5]

Also auch hier.

Und weiter:

„Kein Leben verläuft ohne Schicksalsschläge. Wie geht man damit am besten um?“

„Stoizismus, Altruismus, Humor, partielle Verdrängung, gepaart mit Realitätssinn und der Fähigkeit, aus der Erfahrung für die Zukunft zu lernen. Dagegen stehen Fantasie, Projektion, Ablehnung von Hilfe und passiv-aggressives Verhalten. Das halte ich für eher schädlich.“

„Was meinen Sie mit Fantasie?“

„Andere Menschen nicht so zu sehen, wie sie sind, sondern so, wie man sie haben will.“

„Setzt Glück eine gewisse Reife voraus?“

„Das kurze Glück ist das Geschwisterchen der Lust. Lust jedoch veranlasst zur Suche, ist selbstbezogen und birgt die Gefahr der Abhängigkeit. Aber jede Sucht ist immer ein Abgrund. Beim wahren Glück geht es um langfristiges Wohlbefinden, nicht um die Befriedigung von impulsiven Wünschen. Es stimmt also, wir sind für Abhängigkeiten anfälliger, wenn wir jünger sind. Insofern ist Reife wichtig.“[6]

Aber waren nicht jüngere Menschen statistisch glücklicher? Oder sind Glück und Zufriedenheit doch ein Unterschied?