Neuro als Wirtschaftsfaktor

Flasche mit rosa Neuro Sonic Drink

In anderen Ländern kann man Neurogetränke zu sich nehmen. © morebyless under cc

Ob Neuroenhancement, Neurolearning oder Neuromarketing, es gibt kaum etwas, von dem man sich nicht verspricht, dass es mit dem Rekurs auf Neuro nicht besser laufen würde. Neuroenhancement, das ist bislang eher die Leistungssteigerung durch pharmakologische Mittel, die man oft nicht ungestraft über einen längeren Zeitraum einnehmen kann, zum anderen und untergeordnet meint es Veränderungen des Hirns über anderen Wege, wie etwa die transkranielle Magnetstimulation, deren Effekte sich bisher nicht als nachhaltig erwiesen haben.

Ausgerechnet der Hirnforscher Gerhard Roth hat in einer Radiosendung das erfolgreiche Lernen auf zwei wesentliche Faktoren reduziert, nämlich die Begeisterung des Lehrers für den Stoff, der überragende Anteil (Roth redet von 60 %), sowie die Zahl der Wiederholungen. Das ist glaubwürdig und nachvollziehbar, aber wenig geheimnisvoll. Ob Neuromarketing und die anderen Neurodisziplinen halten, was sie versprechen, mag der geneigte User ausprobieren. Eine gute Vorhersage bezüglich des gefährlich abweichenden Verhaltens haben wir noch nicht und es ist eher zweifelhaft, ob wir so vorhersehbar sind, wie oft behauptet wird. Die kühne These Persingers, dass Gott irgendwo im Schläfenlappen wohnt, ist nicht nur eine reduktionistisches Missverständnis, sondern auch experimentell nicht mehr bestätigt worden. Ebenfalls eine Ente ist vermutlich die Idee der unterschiedlichen Hirne von Männern und Frauen.

Zu erhoffende Fortschritte

Die Neurobiologie hat insgesamt schöne Fortschritte gemacht. Die Paukenschläge mögen ausgeblieben sein, aber neben der Neuroprothetik, die für die Betroffenen mitunter ein Segen sein kann, ist man vor allem auf dem Gebiet der Affektforschung vorangekommen und auf dem der Ichbildung. Das Zentrum des Ichseins gibt es nicht, nach Gerhard Roth verschiedene Zentren, die aktiv sind, wenn wir Ich sind. In einer Vorlesung der Lindauer Psychotherapiewochen von 2001 stellt Roth dies selbst dar:

„In Entsprechung zu den oben genannten Bewusstseinszuständen, ist das Ich modular, d.h. aus funktional unterschiedlichen Untereinheiten aufgebaut. Hierzu gehören:

(1) das Körper-Ich (dies ist mein Körper),
(2) das Verortungs-Ich (ich befinde mich gerade an dem und dem Ort),
(3) das Ich als Zentrum individuellen Verhaltens und Erlebens (perspektivisches Ich),
(4) das Ich als Subjekt perzeptiver, kognitiver und emotionaler Leistungen und Zustände (ich habe diese Wahrnehmungen, Ideen, Gefühle),
(5) das Handlungs-Ich (ich tue gerade das und das),
(6) das Autorschafts- bzw. Zurechnungs-Ich (ich bin Verursacher und Kontrolleur meiner Gedanken und Handlungen),
(7) das autobiographische Ich (ich bin derjenige, der ich gestern / früher war),
(8) das sprachliche Ich (Reden über sich selbst als überdauernde Einheit),
(9) das (selbst-)reflexive Ich (Nachdenken über sich selbst), und
(10) das ethische Ich bzw. das Gewissen.“[8]

Otto Kernberg schätzt Roths Pionierleistung auf diesem Gebiet, spricht von sieben oder acht aktiven Bereichen, die das Selbstkonzept ausmachen, doch es liegt im Dunkeln, was diese konzertierte Aktion steuert und er bezeichnet dies als den am tiefsten reichenden Einfluss der Psyche auf den Körper. Kernberg fragt ebenso nach der Korrelation zwischen Psyche und Neurologie bei posttraumatischen Belastungsstörungen, doch insbesondere schreibt er von den differenzierten psychoanalytischen Konzepten des Zwangs, bei dem kognitiv alles verstanden aber nichts gefühlt wird und der Hysterie, bei der jede Menge empfunden, aber nichts verstanden wird.

Dies müsste die Hirnforschung darstellen können und abermals handelt es sich dabei, an der Grenze von psychoanalytischer Affekttheorie und neurobiologischer Affektforschung, um Bereiche, die ineinander übergehen sollten. Zudem aber auch um die Grenzlinien von Körper und Geist, fundamental für unser Verständnis von Bewusstsein.[9] Vielleicht sind das keine Knallbonbons für die Gazetten, auf lange Sicht könnten diese Ergebnissen jedoch viel bedeutender sein, als Fragen nach Gott und Freiheit.

Ohnehin ist es die Rolle heutiger Forschung, Lücken zu schließen, denn Konzepte gibt es genug, oftmals passen sie nur nicht zusammen. Es gibt derzeit erfreuliche Bewegungen, die versuchen, das zu tun. Eine Koalition von moderner, wissenschaftlicher Psychoanalyse, wie Kernberg sie mit Elan vorangetrieben hat, kann dabei weiter gewinnen und zeigen, dass sie längst wissenschaftlichen Standards genügt und oft unterschätzt ist. Die hingegen in ihrer Wissenschaftlichkeit oft überschätzte Hirnforschung, mit ihren nicht immer überzeugenden theoretischen Konzepten, kann von der Partnerschaft ebenfalls profitieren. Freuds Vision war es schon immer, die Psyche neurologisch zu erklären. Wenngleich seine eigene Sicht der Psychoanalyse als Krücke völlig zurecht als Selbstirrtum ausgewiesen wurde, so kann doch zusammenwachsen, was zusammen gehört. Der Umschlagpunkt von körperlichen und geistigen Prozessen ist noch immer ein Rätsel, wenn es intelligent und nicht simpel reduzierend angegangen wird besteht wenigstens die Hoffnung in die Nähe einer Lösung zu kommen.

Quellen

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