Gehirne gestapelt, schwarzweiß

Welches hätten Sie denn gerne? © Neil Conway under cc

Seitdem 1990 die erste Dekade des Gehirns von George W. Bush ausgerufen wurde, ist der Begriff der Hirnforschung aus der Öffentlichkeit und diversen Diskussionen nicht mehr wegzudenken. Das obwohl Hirnforscher ein an sich schwammiger Begriff ist, den es als Berufsbezeichnung gar nicht gibt. Der US-amerikanischen Dekade folgte eine deutsche von 2000 bis 2010 mit einem Manifest der Hirnforschung im Jahre 2004.

Mehr als 10 Jahre nach dem Manifest und mehr als ein Viertel Jahrhundert nach der ersten Dekade ist die Bilanz alles in allem eine große Enttäuschung. Das mag den einen oder die andere verwundern, ist doch der Begriff der Hirnforschung überall präsent und die Vorsilbe Neuro suggeriert Qualität. Doch blickt man in die Kommentare, so ist die einhellige Meinung die, dass das Manifest die Erwartungen nicht erfüllen konnte. Und noch schlimmer: Neuro ist keinesfalls immer hochwertige Wissenschaft, sondern zur Marke verkommen, die mühsam kaschieren muss, dass sie ihre eigenen, turmhohen Ansprüche nicht erfüllen kann.

Neue Erkenntnisse und neue Medikamente?

Das war es, was man sich im Wesentlichen von der Hirnforschung versprach. Die Erkenntnisse interessierten vor allem die Fachwelt, die neuen Medikamente natürlich die betroffenen Patienten. Wer würde sich nicht wünschen, die Wunderpillen gegen Demenz, Alzheimer, Parkinson, Depressionen oder Schizophrenie zu finden, auf einmal schien alles nur noch einen Steinwurf entfernt. Nun gehört das Klappern bekanntlich zum Handwerk und die Hirnforscher hatten gelernt, gut und laut zu klappern – wer will es ihnen verdenken, da man in immer größere Abhängigkeit von Forschungsgeldern kommt?

Nach 10 Jahren sollten bereits diese Erfolge sichtbar sein, dies also müsste ab 2014 der Fall sein.[1] Heute, noch einmal drei Jahre später, sieht die Situation in der Psychopharmakologie extrem ernüchternd aus. In einem aktuellen Radiofeature wird davon berichtet, dass sich führende Pharmakonzerne reihenweise aus der Forschung zurückziehen, da sich die Erfolge hier weder einstellen, noch in Sicht sind. Die Nebenwirkungen, die man sich einkauft, sind je nach Wirkstoffgruppe immer andere, aber sie sind immer gravierend und mehr als das Hirn im Ganzen herunter oder herauf zu regeln, hat man noch immer nicht geschafft. Die simplen Gleichungen, dass eine Psychose einfach nur ein Überschuss an Dopamin sei und Depression ein Mangel an Serotonin, haben sich nicht bewahrheitet. Die Wirkungen der Psychopharmaka lagen nach Metastudien, die Untersuchungen von 1992 – 2008 umfassten, kaum über denen der Placebogruppe.[2]

Vielversprechender sieht es in einem anderen Bereich aus, der Neuroprothetik. Ausfallende Sinne können mitunter ersetzt werden, natürlich noch nicht perfekt, aber hier hat man reale Erfolge zu verzeichnen.

Weiter versprach man psychische Auffälligkeiten, Fehlentwicklungen und problematische Verhaltensdispositionen vorauszusehen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Doch auch hier griff man ins Leere. Die Rechnung, dass irgendwie problematisches Verhalten immer mit einem deutlich sichtbaren Defekt im Gehirn einhergehen muss, ist vorschnell gewesen.

Differenzierter sieht es auf Seiten der Erkenntnisse aus. Da ist an erster Stelle die Neuroplastizität zu nennen: Heißt, dass das Gehirn in einigen Bereichen bis ins hohe Alter flexibel bleibt und umgebaut wird, je nach Anforderung. Die Formel hier lautet: „Use it oder lose it“ oder auch „Übung macht den Meister“. Nutzen wir Bereiche unseres Hirns nicht, so verkümmern sie. Was ganz einfach so zu übersetzen ist, dass wir fit in dem bleiben und sogar immer besser werden, was wir regelmäßig üben, am besten mit Freude.

Ein großer Rest der oft vollmundigen Behauptungen in der Sturm-und-Drang-Zeit der ersten Jahre der deutschen Dekade ist überzogen oder einfach unhaltbar. Was wurde nicht alles aus dem Zylinder gezaubert, so dass man sich verwundert die Augen rieb. Von breitem Interesse war noch die Diskussion über die Willensfreiheit, in deren Zuge diskutiert wurde, dass das Strafrecht doch geändert werden sollte. Spekulationen verkauft als Neuroethik oder Neurorecht. Spätestens hier wurde dann die Wissenschaft der Neurobiologie zum Weltbild des Neurobiologismus erweitert, der uns die Welt aus der Sicht der Biologie erklären will.

Auf all diesen Gebieten holten sich die Hirnforscher eine blutige Nase, was erstaunlicherweise an dem Neurohype wenig änderte. Vielleicht war es tatsächlich der Mangel an Orientierung, der viele so bereitwillig glauben ließ, was die bunten Bilder scheinbar so eindrucksvoll belegten. Forscher wissen, dass Bilder von Hirnscans Wissenschaftlichkeit suggerieren, obwohl sie doch kaum jemand deuten kann. Das macht es ja auch so wunderbar, wir kennen das vom Arzt. Der sieht das Röntgen- und Ultraschallbild und im Gegensatz zum Laien, weiß er danach mehr.

Hirnforschung heißt im Grunde verbesserte Bildgebung

Der zwischenzeitliche Siegeszug der Hirnforschung ist eng verbunden mit einer Verbesserung in der Technik der Magnetresonanztomographie. Die verbesserte Auflösung gestattete den genaueren Blick auf die Durchblutungssituation. Das ist prima bei der Diagnostik von Schlaganfällen oder anderen anatomischen Veränderungen, doch die wenigsten wissen, dass es sich bei den Bildern, die wir kennen, gar nicht um Einzelbilder handelt, sondern um statistische Hochrechnungen vieler Untersuchungen, von mehreren Personen.[3] Ähnlich wie ein Balken- oder Tortendiagramm.

Ansonsten sind elementare Fragen noch gar nicht geklärt. Was ist eigentlich Denken oder Bewusstsein? Wer sagt, Denken sei Hirnaktivität macht es sich zu einfach, denn der Teufel liegt im Detail und die Details sind wichtig bei diesen Fragen. Was ist überhaupt Bewusstsein? Gerhard Roth ist sich sicher, dass es keine Bewusstseinsprozesse ohne neuronale Aktivität gäbe, aber im Grunde heißt das nur, dass das Gehirn und Bewusstsein immer zusammen aktiv sind, wer nun was verursacht oder ob es theoretisch nicht sogar noch eine andere Quelle oder Einflussgröße gibt, ist hier noch gar nicht entschieden.

Woher weiß man denn, wo genau das Denken beginnt? Welche künstlich erzeugte Farbe der Falschfarbenbilder markiert den Beginn oder die Region des Denkens und warum genau diese und dort?

Die Bilder alleine sagen uns auch dann nichts, wenn sie von Einzelpersonen stammen und keine bildgewordenen Statistiken sind. Erst im Zusammenhang mit ihren Symptomen oder Aussagen bekommen sie einen Erkenntniswert – einen begrenzten. Eine breit angelegte Konferenz über die Situation der Hirnforschung aus 2014 kommt zu dem Schluss, dass etwa 80 % aller biomedizinischen Untersuchungen falsch sind.[4] Ein Jahr später stellen Forscher gar die Aussagekraft von 2.500 Studien infrage.[5]

Neuro und Digital: Die Kombinationen zweier Hypes

In Neuro und Digital liegt die Zukunft. Beide Bereiche werden tatsächlich eine Rolle spielen und mit unserer gewohnten Lebenswelt zusammenwachsen. Die Algorithmen und Hirnscans werden alles mögliche finden, aber ob es gelingt, die Sprache der 1. Person in jene der 3. Person zu übersetzen, also Erleben und Empfinden und Beschreibung, darf bezweifelt werden.

„Somit werden auch diese, oft als psychisch bezeichneten Phänomene zu objektivierbaren Verhaltensleistungen, die aus der Dritten-Person-Perspektive vertraut sind und beschrieben werden können. Zu diesen mit naturwissenschaftlichen Methoden untersuchbaren Leistungen zählen inzwischen auch solche, die uns bereits aus der Ersten-Person-Perspektive vertraut sind, darunter fallen Wahrnehmen, Vorstellen, Erinnern und Vergessen, Bewerten, Planen und Entscheiden, und schließlich die Fähigkeit Emotionen zu haben. Alle diese Verhaltensmanifestationen lassen sich operationalisieren, aus der Dritten-Person-Perspektive heraus objektivieren und im Sinne kausaler Verursachung auf neuronale Prozesse zurückführen. Somit erweisen sie sich als Phänomene, die in kohärenter Weise in naturwissenschaftlichen Beschreibungssystemen erfasst werden können.“[6]

So formulierte es Wolf Singer vor über 10 Jahren. Doch auch das hat sich nicht erfüllt. In vielen Bereichen ist vollkommen unklar, wie sie ablaufen, es ist nicht gelungen, die Sprache des Erlebens zu übersetzen und wenn man nun schreibt, dass das Gehirn etwas will, entschieden habe oder gar perfide sei, dann dehnt man die Ich-Sprache, die man doch eigentlich abschaffen wollte, einfach nur auf das Gehirn aus und begeht zu allem Überfluss noch einen Kategorienfehler.

Dessen ungeachtet ist 2013 Human Brain Project gestartet, ein milliardenschweres Programm der EU und eine Synthese von Neuro und Digital. Es geht um eine Computersimulation des Hirns. Aber wie so oft darf man den Eindruck haben, dass es nicht um Wissenschaft oder die Gesundheit, sondern ums Geld geht. So schätzt es der Neurobiologie Steven Rose ein.[7]

Neuro als Wirtschaftsfaktor

Flasche mit rosa Neuro Sonic Drink

In anderen Ländern kann man Neurogetränke zu sich nehmen. © morebyless under cc

Ob Neuroenhancement, Neurolearning oder Neuromarketing, es gibt kaum etwas, von dem man sich nicht verspricht, dass es mit dem Rekurs auf Neuro nicht besser laufen würde. Neuroenhancement, das ist bislang eher die Leistungssteigerung durch pharmakologische Mittel, die man oft nicht ungestraft über einen längeren Zeitraum einnehmen kann, zum anderen und untergeordnet meint es Veränderungen des Hirns über anderen Wege, wie etwa die transkranielle Magnetstimulation, deren Effekte sich bisher nicht als nachhaltig erwiesen haben.

Ausgerechnet der Hirnforscher Gerhard Roth hat in einer Radiosendung das erfolgreiche Lernen auf zwei wesentliche Faktoren reduziert, nämlich die Begeisterung des Lehrers für den Stoff, der überragende Anteil (Roth redet von 60 %), sowie die Zahl der Wiederholungen. Das ist glaubwürdig und nachvollziehbar, aber wenig geheimnisvoll. Ob Neuromarketing und die anderen Neurodisziplinen halten, was sie versprechen, mag der geneigte User ausprobieren. Eine gute Vorhersage bezüglich des gefährlich abweichenden Verhaltens haben wir noch nicht und es ist eher zweifelhaft, ob wir so vorhersehbar sind, wie oft behauptet wird. Die kühne These Persingers, dass Gott irgendwo im Schläfenlappen wohnt, ist nicht nur eine reduktionistisches Missverständnis, sondern auch experimentell nicht mehr bestätigt worden. Ebenfalls eine Ente ist vermutlich die Idee der unterschiedlichen Hirne von Männern und Frauen.

Zu erhoffende Fortschritte

Die Neurobiologie hat insgesamt schöne Fortschritte gemacht. Die Paukenschläge mögen ausgeblieben sein, aber neben der Neuroprothetik, die für die Betroffenen mitunter ein Segen sein kann, ist man vor allem auf dem Gebiet der Affektforschung vorangekommen und auf dem der Ichbildung. Das Zentrum des Ichseins gibt es nicht, nach Gerhard Roth verschiedene Zentren, die aktiv sind, wenn wir Ich sind. In einer Vorlesung der Lindauer Psychotherapiewochen von 2001 stellt Roth dies selbst dar:

„In Entsprechung zu den oben genannten Bewusstseinszuständen, ist das Ich modular, d.h. aus funktional unterschiedlichen Untereinheiten aufgebaut. Hierzu gehören:

(1) das Körper-Ich (dies ist mein Körper),
(2) das Verortungs-Ich (ich befinde mich gerade an dem und dem Ort),
(3) das Ich als Zentrum individuellen Verhaltens und Erlebens (perspektivisches Ich),
(4) das Ich als Subjekt perzeptiver, kognitiver und emotionaler Leistungen und Zustände (ich habe diese Wahrnehmungen, Ideen, Gefühle),
(5) das Handlungs-Ich (ich tue gerade das und das),
(6) das Autorschafts- bzw. Zurechnungs-Ich (ich bin Verursacher und Kontrolleur meiner Gedanken und Handlungen),
(7) das autobiographische Ich (ich bin derjenige, der ich gestern / früher war),
(8) das sprachliche Ich (Reden über sich selbst als überdauernde Einheit),
(9) das (selbst-)reflexive Ich (Nachdenken über sich selbst), und
(10) das ethische Ich bzw. das Gewissen.“[8]

Otto Kernberg schätzt Roths Pionierleistung auf diesem Gebiet, spricht von sieben oder acht aktiven Bereichen, die das Selbstkonzept ausmachen, doch es liegt im Dunkeln, was diese konzertierte Aktion steuert und er bezeichnet dies als den am tiefsten reichenden Einfluss der Psyche auf den Körper. Kernberg fragt ebenso nach der Korrelation zwischen Psyche und Neurologie bei posttraumatischen Belastungsstörungen, doch insbesondere schreibt er von den differenzierten psychoanalytischen Konzepten des Zwangs, bei dem kognitiv alles verstanden aber nichts gefühlt wird und der Hysterie, bei der jede Menge empfunden, aber nichts verstanden wird.

Dies müsste die Hirnforschung darstellen können und abermals handelt es sich dabei, an der Grenze von psychoanalytischer Affekttheorie und neurobiologischer Affektforschung, um Bereiche, die ineinander übergehen sollten. Zudem aber auch um die Grenzlinien von Körper und Geist, fundamental für unser Verständnis von Bewusstsein.[9] Vielleicht sind das keine Knallbonbons für die Gazetten, auf lange Sicht könnten diese Ergebnissen jedoch viel bedeutender sein, als Fragen nach Gott und Freiheit.

Ohnehin ist es die Rolle heutiger Forschung, Lücken zu schließen, denn Konzepte gibt es genug, oftmals passen sie nur nicht zusammen. Es gibt derzeit erfreuliche Bewegungen, die versuchen, das zu tun. Eine Koalition von moderner, wissenschaftlicher Psychoanalyse, wie Kernberg sie mit Elan vorangetrieben hat, kann dabei weiter gewinnen und zeigen, dass sie längst wissenschaftlichen Standards genügt und oft unterschätzt ist. Die hingegen in ihrer Wissenschaftlichkeit oft überschätzte Hirnforschung, mit ihren nicht immer überzeugenden theoretischen Konzepten, kann von der Partnerschaft ebenfalls profitieren. Freuds Vision war es schon immer, die Psyche neurologisch zu erklären. Wenngleich seine eigene Sicht der Psychoanalyse als Krücke völlig zurecht als Selbstirrtum ausgewiesen wurde, so kann doch zusammenwachsen, was zusammen gehört. Der Umschlagpunkt von körperlichen und geistigen Prozessen ist noch immer ein Rätsel, wenn es intelligent und nicht simpel reduzierend angegangen wird besteht wenigstens die Hoffnung in die Nähe einer Lösung zu kommen.

Quellen

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