Unterforderung ist Stress

Junge gelangweilt, hockt mit Ball

Unterforderung ist keine Frage des Alters © John Morgan under cc

Dass die chronische Unterforderung des Boreout Stress bedeutet, durchaus massiven Stress, können wir festhalten und versuchen die Erkenntnis nun auf andere Bereiche des Lebens auszudehnen. „Zu Kriegszeiten sind psychische Depressionen rar. Wenn der Friede ausgebrochen ist, haben die Menschen wieder Muße, sich darauf zu besinnen, wie schlecht es ihnen geht.“[7] Ein etwas böser Satz, aber vermutlich treffend, er greift die Frage auf, warum es uns eigentlich erst so richtig schlecht geht, wenn es uns gut geht. Die Befunde, die Generationen von 1946 bis 1999 untersuchend, sind einigermaßen eindeutig und lassen sich so zusammenfassen: Je jünger, desto depressiver.[8] Warum also?

Fragen, die sich auf die Psyche beziehen, werden heute häufig mit dem Blick auf das Gehirn beantwortet. So auch hier. Zur Frage der Erklärung nach der Suche nach Problemen, habe ich mindestens drei in Teilen fast wortgleiche Antworten im Netz gefunden, alle zitieren den Neurologen und Autoren Alex Korb mit den schönen Worten: „Trotz ihrer Unterschiedlichkeit aktivieren Stolz, Scham- und Schuldgefühle alle dieselben neuronalen Schaltkreise, inklusive des dorsomedialen präfrontalen Cortex, der Amygdala, der Inselrinde und des Nucleus accumbens.“[9]

Da weiß man natürlich gleich mehr. Immerhin enträtselt Lisa Schönhaar das und bricht es auf den Alltag runter:

„Das erklärt, warum es einen angenehmen Aspekt haben kann, uns selbst Schuld aufzuladen: Wir tun etwas Tapferes, Gutes und aktivieren damit das Belohnungszentrum unseres Gehirns.

Ähnlich verhält es sich übrigens mit dem Grübeln. Wenn ihr euch Sorgen macht und anscheinend einfach nicht damit aufhören könnt, über etwas nachzugrübeln, stimuliere das den medialen präfrontalen Cortex, so Korb.“[10]

Und die Grübelei, so geht es weiter, ist für das Gehirn, also für den Menschen, Gehirne existieren selten ohne Körper und diese selten ohne soziale Beziehungen, angenehmer als nichts zu tun, als Ödnis und Langeweile. Das ist an sich eine schöne Erkenntnis. Wir machen uns lieber Sorgen und haben Angst, als irgendwie die Orientierung zu verlieren. Lieber gewohnte Sorgen, als neue Möglichkeiten und Impulse. Irgendwie also auch ein Mittel gegen Boreout, schlecht gelaunt, aber nicht inaktiv, denn Reizminderung ist nicht Lust, sondern schnell Stress.

Brot und Spiele

Mit Brot und Spielen, so heißt es, könne man die Menschen ablenken und ruhig stellen und in einem gewissen Maße mag das stimmen. Aber den immer jüngeren Depressiven geht es an sich nicht schlecht, wenn man den Blick nur auf die Ablenkungen richtet. Nie gab es ein größeres Sortiment an Essen und Spielen oder sonstigen Möglichkeiten der Ablenkung. Zu viel vielleicht? Geht es einigen von uns nicht gut, weil sie an der Fülle ersticken?

Schaut man sich die betextete Bilderfolge des Welt online Artikels an, dann könnte der wirklich inspirieren und dem im Überangebot unterforderten Menschen etwas zeigen. Struktur und Überschaubarkeit sind oft die Lösung, wo Brot und Spiele zu viel werden, vielleicht sogar depressiv machen. Man hängt einfach in zu vielen Optionen, nicht nur beim Joghurt oder Browser. Auch die Lebensentwürfe, potentielle Freunde und die auf mich maßgeschneiderten Werbeangebote sind mögliche Optionen. Man kommt irgendwie nicht von der Stelle, weil man sich dauernd entscheiden muss. Nimmt man dann noch hinzu, dass heute in vielen Bereichen viel weniger Lücken entstehen, also Zeiträume in denen einfach nichts passiert, in denen man Dösen, Träumen oder leer in die Welt glotzen kann, weil das Smartphone diese Leerstellen überbrückt, dann klingt das zunächst mal alles nach Überforderung, so als ginge es tendenziell in Richtung Burnout.

Doch das ist nur für jene Menschen so, die mit diesem Tempo nicht mithalten können oder wollen. Für andere ist das allerdings genau richtig, für jene, für die es wichtig ist effizient zu sein, die aus irgendwelchen Gründen leistungsorientiert zu leben und dabei weder Zeit noch Ressourcen vertrödeln wollen. Im Grunde sind die neuen Möglichkeiten, weltweite Vernetzung und 24/7 Möglichkeiten der Unterhaltung genau ihr Ding, vorbei die Zeiten, in denen es mal eine Art von Zwangspausen durch Sendeschluss gab. Wenn man sie lässt, blühen sie auf, sprühen über vor Ideen, sehen, was hier und da besser laufen könnte, doch sie treffen im realen Arbeitsleben immer auch auf Menschen, die sich leidenschaftslos an die neuen Bedingungen anpassen und gar nicht mehr, schon gar keine ständigen, Veränderungen wollen. Und auf solche, die von all dem neuen Kram tatsächlich überfordert sind. Doch das ist nicht neu, bei Freud lesen wir bereits den Befund, seine Lösung und die angesprochenen lebenspraktischen Schwierigkeiten:

„Am meisten erreicht man, wenn man den Lustgewinn aus den Quellen psychischer und intellektueller Arbeit genügend zu erhöhen versteht. Das Schicksal kann einem dann wenig anhaben. Die Befriedigung solcher Art, wie die Freude des Künstlers am Schaffen, an der Verkörperung seiner Phantasiegebilde, die des Forschers an der Lösung von Problemen und am Erkennen der Wahrheit, haben eine besondere Qualität, die wir gewiß eines Tages werden metapsychologisch charakterisieren können. Derzeit können wir nur bildweise sagen, sie erscheinen uns „feiner und höher“, aber ihre Intensität ist im Vergleich mit der aus der Sättigung grober, primärer Triebregungen gedämpft; sie erschüttern nicht unsere Leiblichkeit. Die Schwäche dieser Methode liegt aber darin, daß sie nicht allgemein verwendbar, nur wenigen Menschen zugänglich ist. Sie setzt besondere, im wirksamen Ausmaß nicht gerade häufige Anlagen und Begabungen voraus.“[11]

In bestimmten Sparten von Forschung und Wissenschaft, Think Tanks, der Werbung oder Kunst sind diese Menschen gut aufgehoben, an den meisten anderen Stellen jedoch chronisch unterfordert. Man sieht sie förmlich innerlich mit den Füßen scharren, ihr Motor läuft bereits auf Hochtouren, doch sie können ihre PS nicht auf die Straße bringen. So müssen sie sich beständig selbst bremsen und das kostet Kraft.