gelangweilter Mann, Kopf auf Arm, schwarzweiß

Wie lange soll das noch so weiter gehen? © José under cc

Boreout ist die andere Seite des Burnout. Wo die einen sich für Geld und Anerkennung, bei der privaten Pflege der Angehörigen oder in fragwürdigen und unreflektierten Programmen der Selbstoptimierung in die chronische Erschöpfung schuften, sind andere vom exakt entgegengesetzten Phänomen betroffen, dem Boreout.

Boreout ist das zähe Gefühl von chronischer Unterforderung, vor allem im Arbeitsleben, aber die große und umfassende Langeweile kann sich auch auf andere Bereiche des Lebens ausweiten. Doch wir können von dem Phänomen auch etwas über unsere Psyche lernen und mit dem einen oder anderen Vorurteil aufräumen.

Der Traumzustand des Nichtstuns? Ein Missverständnis

Nichtstun ist super, nach getaner Arbeit. Egal ob es Arbeit im Sinne des Broterwerbs oder des Haushalts ist, wenn man seine Pflicht getan hat, ist es eine Lust, einfach mal abzuschalten und nichts zu tun und sich gegebenenfalls in dieser Auszeit auch noch zu belohnen. Wohl dem, der sich diese Pausen gönnt und sie genießen kann. Dieses Nichtstun geht mit einem guten Gefühl einher, man atmet durch, sammelt Kräfte und freut sich des Lebens, die nächste Aufgabe kommt bestimmt, man weiß sich in ein Netz von Pflichten und Anforderungen eingebunden. Um so schöner, wenn man mal ausspannen kann.

Doch längst nicht jede Arbeit ist für jeden Menschen erfüllend und sinnstiftend, nicht jede Arbeit wird gut genug bezahlt und nicht in jeder wird man ausreichend wertgeschätzt. Wer wieviel von was braucht, ist eine individuelle Frage. Der eine sucht in seiner Arbeit Struktur und Sicherheit, der andere Abwechslung und Herausforderung. Dabei sind es eher diejenigen, die potentiell leistungsorientiert sind, die in der Gefahr stehen, in den Boreout-Strudel zu geraten, siehe hier.

Ein weiteres allgemeines und verbreitetes Missverständnis ist, dass der Mensch, oder auch biologische Organismen, automatisch den Zustand der Spannungs- und Reizreduktion anstreben würden, mit anderen Worten, dass der Mensch aus einer Art biologischer Notwendigkeit faul würde. Der Professor mit dem Lehrstuhl für klinische Psychologe und Psychotherapie, Lehranalytiker und Affektforscher Rainer Krause hilft uns, dies richtig einzuordnen, wenn er schreibt, dass die Idee der Trieb- oder Reizreduktion als Optimum aus der Reflexphysiologie der damaligen Zeit stammen würde. „Das Reflexgeschehen wird zum grundlegenden Prinzip alles Lebendigen erklärt und mit einem explizit „psychologischen“ Geschehen, nämlich dem Erleben von Lust und Unlust, dergestalt verknüpft, dass Reizminderung Lust, Reizsteigerung hingegen Unlust schaffe.“[1]

Doch an den physiologischen Triebtheorien ist einiges fragwürdig bis falsch und im Rahmen seiner Aufzählung lässt Krause uns auch unter dem Punkt der „Eigenreizung“ wissen, es spräche „nichts dafür, dass das Postulat über die Tendenz des Nervensystems, Reize auf möglichst niedrigem Niveau zu halten, also das sogenannte Entropieprinzip, allein gültig ist. Vielmehr scheint es heute bestätigt, dass jedes neuronale Teilsystem gewisse Eigenreizungen produziert, ja selbst absoluter Reizentzug, im Sinne der Sensory Deprivation, zu Eigenreizung des Nervensystems führt“ Und später: „Die vermeintlich biologische Grundannahme hat sich mittlerweile als Analogie herausgestellt, die über die Physik der damaligen Zeit, speziell die Thermodynamik, die Physiologie beeinflusste. Die geheime Agenda der Neuropsychologie wurde verleugnet.“[2]

Ganz im Gegenteil dazu scheint Glück ein Kompositum zu sein, in dem Freude, Lust, Aufmerksamkeit, Neugier und Lernen untrennbar miteinander verbunden sind.[3] Das klingt nach Quirligkeit, Aktivität und Spannung, nicht nach Dösen und Nichtstun.

Innere Kündigung

Bleibt die Wertschätzung aus, Verbesserungsvorschläge unerhört, die Führung desinteressiert oder ist das allgemeine Arbeitsklima sonst wie vergiftet und enttäuschend, setzt die Coping-Strategie der inneren Kündigung ein. Man entidentifiziert sich schleichend von seinem Beruf, gerade dann, wenn man ihn mal gerne gemacht hat und leistet nun mehr Dienst nach Vorschrift, die Höchststrafe, die ein Arbeiter oder Angestellter aussprechen kann. Auf eine Kündigung wird aufgrund drohender finanzieller Einbußen oft verzichtet, man zieht die Sache durch, mit minimalem Engagement, oft aus dem frustrierten Gefühl heraus, dass an mehr hier offenbar ohnehin kein Interesse besteht.

Hier kann man schlecht ausbrechen, zumindest sagt man sich das, schleppt sich zur Arbeit und wird immer gestresster durch die Kombination aus inzwischen eingesetztem Desinteresse, chronischer Unterforderung und nagender Langeweile.

Dabei ist Arbeit eine sehr komplexe Angelegenheit. In einem Gastkommentar in der „Zeit online“ schreibt der Buchautor, Coach und Unternehmensberater Roland Jäger: „Jeder dritte Beschäftigte hierzulande klagt über Dauerfrust im Job. Fehlende Wertschätzung, mangelnde Entwicklungschancen und zu wenig finanzielle Anerkennung sind dabei die am meisten genannten Gründe.“

Man solle sich stattdessen wieder klar machen, dass die Arbeitsbeziehung klar definiert sei: „Dabei haben sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer in der Regel eine klare Grundlage für ihre Zusammenarbeit – den Arbeitsvertrag. Er ist die Vereinbarung über einen Tauschhandel. Und die lautet normalerweise: Leistung gegen Geld.“[4]

Aber ist das wirklich alles? Viele sehen in der Arbeit mehr und schon Freud schrieb über die vielfältigen Möglichkeiten, die in ihr liegen:

„Keine andere Technik der Lebensführung bindet den Einzelnen so fest an die Realität als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens in ein Stück der Realität, in die menschliche Gemeinschaft sicher einfügt. Die Möglichkeit, ein starkes Ausmaß libidinöser Komponenten, narzisstische, aggressive und selbst erotische, auf die Berufsarbeit und auf die mit ihr verknüpften menschlichen Beziehungen zu verschieben, leiht ihr einen Wert, der hinter ihrer Unerlässlichkeit zur Behauptung und Rechtfertigung der Existenz in der Gesellschaft nicht zurücksteht. Besondere Befriedigung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie eine frei gewählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkt Triebregungen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet. Und dennoch wird die Arbeit als Weg zum Glück von den Menschen wenig geschätzt. Man drängt sich nicht zu ihr wie zu anderen Möglichkeiten der Befriedigung. Die große Mehrzahl der Menschen arbeitet nur notgedrungen, und aus dieser natürlichen Arbeitsscheu der Menschen leiten sich die schwierigsten sozialen Probleme ab.“[5]

Da ist sie, auch bei Freud wieder: die Arbeitsscheu des Menschen. Doch Freud war noch in jene physiologisch-thermodynamische Doktrin eingebunden, die Krause kritisierte. Und die Datenlage ist etwas diffus. Nach Roland Jäger ist es jeder dritte Beschäftigte, der dauergefrustet ist. Andererseits ergibt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft von 2015, dass 88 % der Deutschen ihrer Arbeit gerne nachgehen, damit sind sie nicht die Spitzenreiter in Europa (das sind die Esten mit 90,6 %), aber noch immer höher als der Schnitt von doch stattlichen 86 %. Offensichtlich hat sich der Widerwille gelegt, politischer Handlungsbedarf bestünde deshalb nicht, heißt es dort.

Auf der Seite impulse.de lesen wir:

„Der aktuelle Gallup Engagement Index zeigt alarmierende Ergebnisse: Der Studie zufolge haben 15 Prozent der Beschäftigten innerlich bereits gekündigt, und sogar 70 Prozent machen lediglich noch Dienst nach Vorschrift. Von einem noch etwas höheren Wert geht der iga-Report „Engagement erhalten, innere Kündigung vermeiden“ aus, ein Forschungsbericht der Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA): Hierfür schätzten Personalverantwortliche und Führungskräfte, dass jeder fünfte Arbeitnehmer innerlich gekündigt habe.“[6]

Vermutlich hängen die Antworten auch hier davon ab, wer fragt, wie man fragt und wer der Auftraggeber der Studie ist. Doch man darf konstatieren, dass das Verhältnis der Deutschen zur Arbeit schon immer ein besonderes war, der Franzose arbeitet um zu leben, heißt es, der Deutsche lebt, um zu arbeiten.

Unterforderung ist Stress

Junge gelangweilt, hockt mit Ball

Unterforderung ist keine Frage des Alters © John Morgan under cc

Dass die chronische Unterforderung des Boreout Stress bedeutet, durchaus massiven Stress, können wir festhalten und versuchen die Erkenntnis nun auf andere Bereiche des Lebens auszudehnen. „Zu Kriegszeiten sind psychische Depressionen rar. Wenn der Friede ausgebrochen ist, haben die Menschen wieder Muße, sich darauf zu besinnen, wie schlecht es ihnen geht.“[7] Ein etwas böser Satz, aber vermutlich treffend, er greift die Frage auf, warum es uns eigentlich erst so richtig schlecht geht, wenn es uns gut geht. Die Befunde, die Generationen von 1946 bis 1999 untersuchend, sind einigermaßen eindeutig und lassen sich so zusammenfassen: Je jünger, desto depressiver.[8] Warum also?

Fragen, die sich auf die Psyche beziehen, werden heute häufig mit dem Blick auf das Gehirn beantwortet. So auch hier. Zur Frage der Erklärung nach der Suche nach Problemen, habe ich mindestens drei in Teilen fast wortgleiche Antworten im Netz gefunden, alle zitieren den Neurologen und Autoren Alex Korb mit den schönen Worten: „Trotz ihrer Unterschiedlichkeit aktivieren Stolz, Scham- und Schuldgefühle alle dieselben neuronalen Schaltkreise, inklusive des dorsomedialen präfrontalen Cortex, der Amygdala, der Inselrinde und des Nucleus accumbens.“[9]

Da weiß man natürlich gleich mehr. Immerhin enträtselt Lisa Schönhaar das und bricht es auf den Alltag runter:

„Das erklärt, warum es einen angenehmen Aspekt haben kann, uns selbst Schuld aufzuladen: Wir tun etwas Tapferes, Gutes und aktivieren damit das Belohnungszentrum unseres Gehirns.

Ähnlich verhält es sich übrigens mit dem Grübeln. Wenn ihr euch Sorgen macht und anscheinend einfach nicht damit aufhören könnt, über etwas nachzugrübeln, stimuliere das den medialen präfrontalen Cortex, so Korb.“[10]

Und die Grübelei, so geht es weiter, ist für das Gehirn, also für den Menschen, Gehirne existieren selten ohne Körper und diese selten ohne soziale Beziehungen, angenehmer als nichts zu tun, als Ödnis und Langeweile. Das ist an sich eine schöne Erkenntnis. Wir machen uns lieber Sorgen und haben Angst, als irgendwie die Orientierung zu verlieren. Lieber gewohnte Sorgen, als neue Möglichkeiten und Impulse. Irgendwie also auch ein Mittel gegen Boreout, schlecht gelaunt, aber nicht inaktiv, denn Reizminderung ist nicht Lust, sondern schnell Stress.

Brot und Spiele

Mit Brot und Spielen, so heißt es, könne man die Menschen ablenken und ruhig stellen und in einem gewissen Maße mag das stimmen. Aber den immer jüngeren Depressiven geht es an sich nicht schlecht, wenn man den Blick nur auf die Ablenkungen richtet. Nie gab es ein größeres Sortiment an Essen und Spielen oder sonstigen Möglichkeiten der Ablenkung. Zu viel vielleicht? Geht es einigen von uns nicht gut, weil sie an der Fülle ersticken?

Schaut man sich die betextete Bilderfolge des Welt online Artikels an, dann könnte der wirklich inspirieren und dem im Überangebot unterforderten Menschen etwas zeigen. Struktur und Überschaubarkeit sind oft die Lösung, wo Brot und Spiele zu viel werden, vielleicht sogar depressiv machen. Man hängt einfach in zu vielen Optionen, nicht nur beim Joghurt oder Browser. Auch die Lebensentwürfe, potentielle Freunde und die auf mich maßgeschneiderten Werbeangebote sind mögliche Optionen. Man kommt irgendwie nicht von der Stelle, weil man sich dauernd entscheiden muss. Nimmt man dann noch hinzu, dass heute in vielen Bereichen viel weniger Lücken entstehen, also Zeiträume in denen einfach nichts passiert, in denen man Dösen, Träumen oder leer in die Welt glotzen kann, weil das Smartphone diese Leerstellen überbrückt, dann klingt das zunächst mal alles nach Überforderung, so als ginge es tendenziell in Richtung Burnout.

Doch das ist nur für jene Menschen so, die mit diesem Tempo nicht mithalten können oder wollen. Für andere ist das allerdings genau richtig, für jene, für die es wichtig ist effizient zu sein, die aus irgendwelchen Gründen leistungsorientiert zu leben und dabei weder Zeit noch Ressourcen vertrödeln wollen. Im Grunde sind die neuen Möglichkeiten, weltweite Vernetzung und 24/7 Möglichkeiten der Unterhaltung genau ihr Ding, vorbei die Zeiten, in denen es mal eine Art von Zwangspausen durch Sendeschluss gab. Wenn man sie lässt, blühen sie auf, sprühen über vor Ideen, sehen, was hier und da besser laufen könnte, doch sie treffen im realen Arbeitsleben immer auch auf Menschen, die sich leidenschaftslos an die neuen Bedingungen anpassen und gar nicht mehr, schon gar keine ständigen, Veränderungen wollen. Und auf solche, die von all dem neuen Kram tatsächlich überfordert sind. Doch das ist nicht neu, bei Freud lesen wir bereits den Befund, seine Lösung und die angesprochenen lebenspraktischen Schwierigkeiten:

„Am meisten erreicht man, wenn man den Lustgewinn aus den Quellen psychischer und intellektueller Arbeit genügend zu erhöhen versteht. Das Schicksal kann einem dann wenig anhaben. Die Befriedigung solcher Art, wie die Freude des Künstlers am Schaffen, an der Verkörperung seiner Phantasiegebilde, die des Forschers an der Lösung von Problemen und am Erkennen der Wahrheit, haben eine besondere Qualität, die wir gewiß eines Tages werden metapsychologisch charakterisieren können. Derzeit können wir nur bildweise sagen, sie erscheinen uns „feiner und höher“, aber ihre Intensität ist im Vergleich mit der aus der Sättigung grober, primärer Triebregungen gedämpft; sie erschüttern nicht unsere Leiblichkeit. Die Schwäche dieser Methode liegt aber darin, daß sie nicht allgemein verwendbar, nur wenigen Menschen zugänglich ist. Sie setzt besondere, im wirksamen Ausmaß nicht gerade häufige Anlagen und Begabungen voraus.“[11]

In bestimmten Sparten von Forschung und Wissenschaft, Think Tanks, der Werbung oder Kunst sind diese Menschen gut aufgehoben, an den meisten anderen Stellen jedoch chronisch unterfordert. Man sieht sie förmlich innerlich mit den Füßen scharren, ihr Motor läuft bereits auf Hochtouren, doch sie können ihre PS nicht auf die Straße bringen. So müssen sie sich beständig selbst bremsen und das kostet Kraft.

Burnout und Boreout: Durch falschen Krafteinsatz in die Erschöpfung

Junges Mädchen sitzt abseits bei Familientreff

Man hat eigentlich anderes im Kopf … © merri under cc

Burnout und Boreout sind die beiden extremen Enden eines fließenden Kontinuums, in dessen goldener Mitte der Flow steht, der mit Gipfelerfahrungen zusammenfällt oder zumindest ihre Ouvertüre ist. Dass Menschen, die in einem Bereich überfordert sind (oder einfach zu viele Aufgaben haben), irgendwann an ihr Limit geraten, ist unmittelbar einzusehen. Menschen mit Boreout kommen irgendwann in die Erschöpfung, weil sie sich ständig bremsen müssen und chronische Langeweile und Unterforderung, der man nicht entgehen kann, ein nervenzehrender Zustand sind.

Wenn wir uns die Aussage des Neurologen Alex Korb noch mal vor Augen führen, was machen wir, wenn wir unterfordert sind? Wir fangen an zu grübeln und kreieren uns Probleme. Manchmal visionär und hellsichtig, manchmal wirr und als nicht abzustellende Endlosdenkschleife, in den meisten Fällen jedoch fallen die Denkresultate in die tiefen Graben zwischen den Menschen, die Freud schon beschrieb. Aber gleich, ob man Genie ist oder Querulant, in beiden Fällen fehlt in meisten Gedanken das, was die Soziologie Anschlussfähigkeit nennt. Die anderen wollen, wo sie nicht verständnislos mit dem Kopf schütteln, vielleicht nett sein, hören artig und angestrengt zu, es kommt vielleicht zu einer floskelhalften Antwort: „Interessant, worüber Du so nachdenkst.“, doch man merkt schnell, ein echter Austausch wird nicht zustande kommen.

Korb hatte neben der Möglichkeit von Scham und Schuld eine weitere angesprochen, den Stolz, der sogar am stärksten sein soll. Stolz bietet die Möglichkeit, sich verkannt zu fühlen, aber gefühlt auf dem richtigen Weg zu sein. Tapfer geht man seinen einsamen Weg, auch wenn die anderen nicht zu würdigen wissen, was man tut. Eine Option, wenn die Anerkennung ausbleibt.

Dabei wollen wir zumeist nur beschäftigt sein. Probleme zu suchen und zu finden ist eine Lösung, wenn uns von außen keine, in Form anspruchsvoller, Aufgaben präsentiert werden. Dann werden wir eben schlecht gelaunt und suchen sie uns selbst. Schlechte Laune ist aktuell jedoch nicht unbedingt salonfähig, in der Zeit der Selbstoptimierung, wo für jedes Problem viele Lösungsangebote auf dem Tisch liegen, man muss sie direkt fördern, wie es Angelika Gerk mit ihrem Lob der schlechten Laune getan hat.

Der Unzufriedene, Nörgler und Grantler ist kreativ. Natürlich kann man schlechte Laune auch übertreiben, für andere ist das anstrengend und irgendwann fühlt man sich auch selbst mies. Aber der Zusammenhang soll klar werden: wo keine Aufgaben sind, da kreiert man selbst welche, manchmal ohne es bewusst zu wollen.

Das geht so weit, dass man sich mit seinen Problemen teilweise sogar wohler fühlt, als ohne sie. Was tun wir, wenn wir frei haben? Rätsel raten, Krimis lesen oder schauen oder uns im spielerischen (Online-)Wettkampf mit anderen messen. Sogar unser Alltag ist zum Wettkampf mutiert. Ob eine Hochzeit oder Einladung zum Abendessen, medial ist das Feld bereitet, dass auch dies alles perfekt sein muss und unter Wettkampfbedingungen mit Perfektionsanspruch stattfindet. Die perfekt genutzte und durchgestylte Freizeit, was für ein himmelschreiender Selbstwiderspruch.

Aber die Menschen sind verschieden und wo der eine schon an der Grenze ist, ist der andere noch längst nicht satt. Werden sie nicht mit Aufgaben oder Problemen gefüttert, kommen sie im Beruf auf, auch im Leben in eine Boreout Problematik. Machen wir letzte kleine Schlenker zu zwei großen Themen.

Boreout in der Partnerschaft

Hier ist nicht das Erlahmen der Liebe, der Leidenschaft oder der sexuellen Begierde gemeint. Gemeint ist, dass, auch wenn es partnerschaftlich eigentlich gut passt, die Probleme fast von selbst kommen. Einige Paare sind in tiefer, wechselseitiger Dankbarkeit vereint und wissen, was sie aneinander haben, sie sind zu beglückwünschen.

Oft stellt sich jedoch nach der ersten Verliebtheit, in der man auf Wolke 7 schwebt, die praktische Frage, ob und wenn ja wie man denn jetzt zusammen leben soll. Nach der Phase beidseitiger unendlicher Toleranz hält irgendwann der Alltag Einzug und wie lebt man da? So wie man es normal und vernünftig findet, eben so, wie man es gewohnt ist. Nur leider könnte der Partner anderes gewohnt sein. Manchmal gründet man eine neue, eigene Welt. Das ist gut.

Manchmal erweist sich einer, oftmals er, als jemand, der für das praktische Leben (jedenfalls zusammen) nicht so gut geeignet ist und alles muss man ihm erklären. Immerhin hat man dann echte Probleme, deren Bewältigung sich durchaus hinziehen kann, manchmal überlebt die Partnerschaft das nicht. Ein anderes Modell ist, wenn, oftmals auch er, bei ihr Optimierungsmöglichkeiten sieht. Weil die aktuelle Normalität der Partnerschaft ihn unendlich langweilt, nicht weil es schlecht läuft, sondern weil das, was durchaus gut gefunden werden kann, irgendwie nicht alles sein kann. Das ist durchaus am Anfang gut gemeint, verkennt aber, dass einfach nicht jeder in seinem Leben den Wunsch nach Optimierung und maximaler Effizienz hat und dass dies kein Programmfehler ist. Effizienz heißt dann oft mehr Zeit zum Nichtstun zu haben, genau dem also, womit dieser Menschentyp nicht umgehen kann. Das Talent zur Gelassenheit ist nicht jedem gegeben, dass es ein Talent ist, wird nicht immer erkannt.

Doch auch, wenn man sich abgestimmt hat und auch, wenn man den passenden Partner gefunden hat, die Probleme hören nicht auf. Das, was oben als bekannte Denkmuster, und seien sie sorgenvoll und leidbehaftet, aber dafür eben wenigstens bekannt, vorgestellt wurde, gibt es auch aus einer psychoanalytischen Perspektive. Wenn es in einer Beziehung gut genug läuft, wird diese auf einmal radikal auf die Probe gestellt, indem man an und mit dem Partner das größte Trauma der eigenen Vergangenheit reinszeniert. Manchmal kann die Beziehung diese Konfrontation nicht bestehen, dann ist das heimliche Weltbild gerettet und man weiß nun noch sicherer, dass es eben stimmt, dass die Männer (oder Frauen) alle so sind. Hält die Beziehung die oft mehreren Versuche aus, so muss das oft als unumstößliche Wahrheit behandelte Weltbild sterben und das lässt man sich nicht so einfach nehmen, weshalb es mehrere Versuche gibt, bis man glaubt, dass einige Männer oder Frauen scheinbar doch anders sind, als man es bisher zu wissen glaubte.

Probleme sind der Brennstoff der Entwicklung

Man kann unser gesamtes Dasein beschreiben, als die Tätigkeit, vor Problemen zu stehen, diese zu lösen (oder nicht) und wenn ja, dann aus der Lösung Erkenntnisse zu ziehen. War die Erfahrung eindringlich, macht man dieses Problem zumeist kein zweites Mal. Man kann die Problemlösungsstrategien tradieren, das ist es, was Erziehung und Kultur machen.

Abgehakt und weiter, das ist es, was wir Fortschritt, Entwicklung oder Evolution nennen. Probleme sind ihr Brennstoff. Sind sie gelöst, bleibt die reine Situation über, mit der wir dann kein Problem mehr haben und mit der wir nach Belieben umgehen können. Ob das alles Sinn und Ziel hat, ist eine umstrittene und ungelöste Glaubensfrage und wenn man es nicht zu simpel angeht, alles andere als leicht. Genug zu tun also, für jene Menschen, die sich in der Nähe des Boreout bewegen. Immer her mit den Problemen.

Quellen