Wenn Paula C. zu Weihnachten von der Großstadt ins heimische Schaichtal fährt, freut sie sich zuallererst darauf, ihre Familie wiederzusehen. Ihre Eltern, ihren Opa, ihre Schwestern, Großtante Hedi und Onkel Klaus. Doch bald darauf verfinstert sich ihre Miene, derweil sie aus dem Zugfenster blickt. Denn es wird zu Streitereien kommen. Wie jedes Jahr zu Weihnachten. Onkel Klaus findet Mamas Festtagsbraten mies. Papa ist Mitschuld am Leid und frühen Tod der Oma, jedenfalls nach Meinung seines Vaters. Und sowieso ist Paula viel zu selten daheim. Familienstress zu Weihnachten gleicht einer „Dramödie“, die alle Jahre wieder kommt. Doch worüber streiten Menschen eigentlich an Weihnachten am häufigsten?

Schon in der Vorweihnachtszeit beginnt der Streit



Laut einer im Jahre 2008 durchgeführten Online-Befragung an 1000 Probanden geht der Streit bereits in der Vorweihnachtszeit los und umfasst vor allem – ganz im Sinne der deutschen Seele – Organisatorisches. Auch wenn Paula C. noch in keiner Partnerschaft ist, für Viele macht der Großteil der weihnachtlichen Streitereien der Streit mit dem Partner aus.

Weihnachtsmarkt mit Kirche und Schnee

Ein Familienstreit und das besinnliche Fest gerät aus den Fugen. Dabei ist manchmal nicht klar: Worüber streiten wir eigentlich? © Ari Helminen under cc

Bei gut einem Drittel der befragten in Partnerschaften befindlichen Personen besteht Dissens darüber, wo die Feiertage verbracht werden sollen. Hinzu kommt, dass allein die Reihenfolge, wen man wann wie besucht, schon Unmut hervorrufen kann, weil sie Wichtigkeit suggeriert. Sollte man den Heiligen Abend bei ihren oder bei seinen Eltern verbringen? Wo begibt man sich am ersten Weihnachtsfeiertag zum Gänsebraten hin, wo am zweiten? Welche Einladungen kann man ausschlagen, ohne jemanden zu enttäuschen?
Außerdem spielt bei den partnerschaftlichen Streitereien die Weihnachtsdekoration eine nicht unwesentliche Rolle. Zudem die Arbeitsteilung hinsichtlich der Festvorbereitungen und wie sich die Feiertage im Speziellen gestalten sollen (Kirche oder nicht etc.). Schließlich möchte ein Jeder ein schönes Weihnachtsfest verbringen.

Sieht man es als Arbeitsaufgabe, so scheint in der Partnerschaft ein konstruktiver Werdegang stattzufinden, bei dem das Ziel – ein schönes Weihnachtsfest zu verbringen – erarbeitet wird.

Wenn Streits zu Weihnachten ausarten: Gewalt und Co.

Auch wenn es in den meisten Familien nicht zum Eklat kommt und schon gar nicht zu Gewalt, in einigen Familien kann dies zu Weihnachten durchaus gehäufter und drastischer vorkommen. So scheinen die Fälle häuslicher Gewalt in der Weihnachtszeit zuzunehmen und auch die Drähte der Sorgentelefone glühen heißer als sonst. Gepaart mit Alkohol können unterschwellige Konflikte schnell eskalieren, bei jemandem, der von Hause aus sowieso gewaltbereit ist.

Zwar ist häusliche Gewalt bei Familie C. kein Thema. Dennoch, die Situation mit den Streitereien an Weihnachten bleibt bestehen. Worüber streiten Familien an den Feiertagen am meisten?

Worüber streiten wir innerhalb der Familie an Weihnachten?

Oft dient Weihnachten dazu, einander zu berichten, wie das Leben so ist. Vor allem, wenn man sich lange nicht gesehen hat. Dabei kommen natürlich auch Alltagsprobleme zur Sprache. Zwischen Jugendlichen und ihren Eltern zum Beispiel.
Gemäß einer 2013 durchgeführten Umfrage zählt zu den häufigsten Alltagsproblemen zwischen Eltern und Kindern die verbrachte Zeit am Computer, zu langes Ausgehen, Debatten über das Taschengeld sowie die Einstellung der Heranwachsenden zu Schule und Noten.

Weihnachtsplätzchen auf Teller

Beim Familienstreit zu Weihnachten geht es oftmals nicht um das Essen oder die Dekoration. Sondern um unterschwellige Konflikte. © Steve Bremer under cc

Paare dagegen streiten häufig in Bezug auf die Alltagsbewältigung. Dies ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach an 1500 Befragten. Wer soll welche Hausarbeit bewältigen? Sind die Anteile gerecht verteilt? Hinzu kommen schlechte Alltagsangewohnheiten, etwa ganz klassisch die geöffnete Zahnpastatube oder herumliegende Socken. Denn Ordnung und Sauberkeit hat einen großen Anteil bei partnerschaftlichen Streitereien. Ebenso die Familie des anderen, wenn sie ungeliebt ist. Eine grauenhafte Schwiegermutter hat schon so manchen Streit unter Liebenden auslösen können. Auch Themen wie Geldfragen, Kindererziehung und Autofahren können so manche Streiterei mit sich bringen. Insbesondere wenn es von witzigem Geplauder bei Tisch plötzlich in ernsthafte Sphären überzugehen droht.

Vergangenheit aufarbeiten und politischer Diskurs

Gerade alte Zwistigkeiten kommen alle Jahre wieder auf den Gabentisch. Verletzungen aus der Kindheit, die selbst unter erwachsenen Geschwistern noch unter der Oberfläche brodeln und die selbst durch Kleinigkeiten einen emotionalen Vulkan heraufbeschwören können.

Vor allem in gesellschaftlich angespannten Zeiten erhält man hitzige politische Debatten gratis dazu beim reich gedeckten Weihnachtstisch. Man kennt einander gut innerhalb der Familie, weiß wie die Ansichten so sind und bei welchen Themen der andere angreifbar ist.

Bedenkt man, worüber wir streiten, erscheint das Ganze trivial und man fragt sich einmal mehr, warum man sich untereinander das Leben so schwer macht. Allerdings besteht noch Hoffnung für das Frohe Fest. Schließlich sollen die Menschen in den letzten Jahrhunderten immer netter, immer friedlicher geworden sein. Dies sagt zumindest der Evolutionspsychologe Steven Pinker von der Havard Universität, der als einer der einflussreichsten Denker unserer Zeit gilt.
Wir wollen unseren Beitrag zu einem friedvollen Miteinander leisten und sprechen im nächsten Artikel darüber, wie sich die familiären Konflikte zu Weihnachten besser verstehen lassen und was man ihnen entgegensetzen kann.

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