Mann und geplatztes Objekt

Was ist ursprünglicher: die Einheit oder das Auseinanderstreben? © Rama V under cc

Mit den Begriffen Heimat, Freiheit und Ich können wir alle spontan etwas anfangen, wissen zumindest was im Alltag gemeint ist. Heimat ist, wo Ich herkomme, Freiheit, wenn Ich mehr oder weniger uneingeschränkt tun und lassen kann was ich will und Ich, das bin eben ich, so wie ich bin, mit meinem Körper und meinen Fähigkeiten, Hobbys und Interessen. Nun ist der Begriff Heimat schon ein wenig breiter und wir alle kennen vermutlich beim zweiten Nachdenken auch Menschen, die sagen, ihre Heimat sei eher die Musik, die Literatur, eine bestimmte Lebensart oder ein Glaube, so dass der Begriff doch weniger abgeschlossen ist, als er erscheint:

„Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen. Der Begriff „Heimat“ steht in einer speziellen Beziehung zum Begriff der „Siedlung“; dieser bezieht sich, und damit im Gegensatz zum Wohnplatz, in der Regel auf eine sesshafte Lebensform, d.h. auf ein dauerhaftes bzw. langfristiges Sich-Niederlassen und Wohnen an einem Ort bzw. in einer Region. Der Heimatbegriff befindet sich in ständiger Diskussion.“[1]

Und doch bleibt ihm zumeist eine gewisse Verbindung zum Damals, eine Verwurzelung eigen. Plötzlich und unvermittelt ein Geruch, den man von früher kennt. Weil jemand kocht, ein bestimmtes Deo in der Luft liegt, man ein altes Lied hört und sofort ist man ein wenig auf einer kleinen, inneren Zeitreise, weil zu dem Eindruck meist Bilder und Assoziationen von früher aufsteigen. Um so merkwürdiger, wenn man Menschen hört, die ganz anderen Vorstellungen von Heimat haben.

Einer davon ist der deutsche Physiker und Astronaut Gerhard Thiele, der in der Jubiläumssendung des philosophischen Radios zu Gast war. Wenn man von den Erfahrungen von Astronauten hört, dann ist ein häufiges Element ihrer Erzählungen, dass sie erst aus der Ferne des Weltraums eine immense Nähe zur Erde verspürt hätten, mit der sie sich fast magisch verbunden fühlten. Auch Thiele beschreibt den Anblick der Erde als sehr eindrucksvolle Erfahrung, aber für ihn ist eine andere Erfahrung noch viel anziehender, die unendliche schwarze Tiefe des Alls. Dieses Nichts, die Weite, die Schwärze. Und überraschenderweise beschreibt er seine Erfahrung als tiefes Gefühl der Heimat. Überraschend deshalb, weil er diesen Anblick vorher so noch nie haben konnte.

Etwas ähnliches habe ich selbst erlebt und in diesem Artikel so beschrieben: „Was das für ein Empfinden war, vermochte ich anfangs noch nicht zu fassen, doch nach einiger Zeit war klar, dass es eine Art Heimatgefühl war, das ich mit der Meditation verband.“ Das geschah in der Meditation, ein einerseits auch für mich zu der Zeit neues Erlebnis, zugleich das zu einem neuen Erlebnis eigentlich erneut unpassende Gefühl der Erfahrung einer Art Heimat.

Heimat und Freiheit

Was Gerhard Thieles‘ und meine Erfahrungen außerdem verbindet, ist die Kombination von Heimat und Freiheit. Eine Form von Freiheit, die zu einem guten Teil dadurch definiert ist, dass da einfach nichts ist, was Widerstände setzt, eine unendliche, schwarze Weite, einmal beim Blick aus dem Fenster des Raumschiffs, zum anderen beim Blick nach Innen. Wieso kann man das überhaupt als Heimat empfinden, hat Heimat nicht eher die Assoziation des Festen, Sicheren, Verwurzelten? Nun aber, dieses namenlose Nichts, was nicht zu greifen ist. Man kann es faszinierend finden, es ist vorstellbar, dass man es als reine Freiheit empfindet, die Reinhard Mey als „Über den Wolken“ liegend genau so besungen hat, wie mancher Schriftsteller sie eingefangen hat, wenn es um das Fliegen ging. Die Freiheit zu denken fällt hier nicht schwer, aber Heimat?

Wenn Heimat das ist, wo wir in irgendeinem Sinne herkommen, dann kann das Grenzenlose doch eine tief in uns sitzende Erinnerung an ein sehr frühes Früher sein. Die Frage, inwieweit spirituelle Erfahrungen im Kern Erinnerungen an biologische Urerfahrungen oder etwas ganz anderes sind, ist nach wie vor umstritten, aber einige nehmen biologische Wurzeln an. So unterschiedliche Denker und Forscher wie Sigmund Freud, einer der Begründer der transpersonalen Psychologie Stanislav Grof und der Philosoph Peter Sloterdijk. Anders, Ken Wilber, der präpersonale (biologische) und transpersonale (sprirituelle) Ereignisse unterscheidet.

Aber vielleicht kann der Gedanke der Erinnerung an eine Heimat dennoch richtig sein, wenngleich es nicht unbedingt eine biologische sein muss. So schreibt der Philosoph Slavoj Žižek:

„Kant hat in seiner Kritik der reinen Vernunft die Idee der „transzendentalen Einbildungskraft“ als die geheimnisvolle, unergründliche Wurzel aller subjektiven Aktivität ausgearbeitet, als eine „spontane“ Fähigkeit, sinnliche Eindrücke zu verbinden, die der rationalen Synthesis sinnlicher durch apriorische Kategorien vorausgeht. Wenn Hegel nun aber in den beiden zitierten Passagen auf eine noch mysteriösere Rückseite der synthetischen Einbildungskraft hinweist, eine noch ursprünglichere Macht der „präsynthetischen Einbildungskraft“, der Herausreißung sinnlicher Elemente aus ihrem Kontext, der Zerstückelung der unmittelbaren Erfahrung eines organisch Ganzen? Deshalb wäre es voreilig, die „Nacht der Welt“ mit der Leere der mystischen Erfahrung zu identifizieren: sie bezeichnet vielmehr das genaue Gegenteil, nämlich den ursprünglichen Big Bang, den gewaltsamen Selbstgegensatz, durch den das Gleichgewicht und der innere Frieden der Leere, von dem die Mystiker sprechen, erschüttert wird und aus den Fugen gerät.“[2]

Damit wäre dann auch das Ich im Spiel.

Das Ich und seine Heimat

Sich als Ich wahrzunehmen, ist ein Vorgang des Denkens. Eines Denkens, das sich durch eine synthetische, also zusammenführende oder zusammenfassende Kraft auszeichnet. Man muss all die verschiedenen Eindrücke unter einen Begriff, ein Konzept bringen, das Ich. Aber wir können das recht selbstverständlich. Von uns selbst zu sagen, dass wir dieses Geschlecht haben, soundso alt sind, jenen mögen, diesen aber nicht leiden können, gerne lesen und schwimmen oder sonst etwas, ist für uns kein Problem. Dass ich es bin, der das alles erlebt, fühlt und denkt, ist irgendwie immer gratis dabei. Soweit Kant. Hegel fragt nun, ob das nicht eher ein Wunder sei und diese synthetische, vereinheitlichende Kraft nicht eher etwas Gewordenes. Er meint, dass es etwas noch Grundsätzlicheres gibt, nämlich eine auseinanderstrebende Kraft und fragt, ob es nicht selbstverständlicher ist, dass diese fragmentierende Kraft der kurzen Eindrücke, des Hier und des Aufblitzens ursprünglich ist.

Doch dies hat bei Žižek nichts Heimeliges, sondern eher etwas von einem Sprengsatz. Kann es dennoch eine Art Heimat sein? Vielleicht im Sinne eines sehr weit zurückliegenden Ursprunges, noch bevor das Ich oder die Erde geworden sind. Ist die Heimat dessen, was wir als Ich kennen, ein noch früheres Nicht-Ich? Haben wir Ahnungen oder gar Erinnerungen an diesen Zustand? Für die einen mag das bedrohlich sein, für andere nicht. Warum auch immer das so ist. Erste Meditationserfahrungen sind oft auch nicht entspannend, nicht wegen der Körperhaltung, sondern weil, wenn man nichts tut, nicht nichts passiert, sondern diese Leere die Bühne ist, für jede Menge Eindrücke, der Start für den Big Bang im Sinne von Žižek oder Hegel.

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