Das Ich und die Freiheit

Häuser vor Bergen

So stellen wir uns Heimat eher vor, fest und verwurzelt. © Giuseppe Milo under cc

Wer möchte nicht frei sein? Was Freiheit philosophisch und damit auch psychologisch ist, haben wir hier schon durchdekliniert. Freiheit als Abwesenheit von inneren und äußeren Zwängen und der Möglichkeit inne zu halten und auf dem Boden selbst gewählter und gewichteter Prämissen zu entscheiden. Das ist die Freiheit des Ichs, eines (wenn auch nicht nur) rationalen Agenten. Die Freiheit der Mystiker ist eine andere und zugleich ein Versuch in die ursprüngliche Heimat des Ich vorzudringen.

Das klingt nach einem Weg zurück, doch wenn er über die biologische Heimat im Mutterleib hinaus gehen soll, in eine vielleicht noch frühere Heimat, vor allem aber in eine noch größere Freiheit, dann müssen wir verstehen, welche Art der Freiheit da gemeint sein könnte. Es ist ein Zurück in eine radikale Form der Zeitlosigkeit, der Ewigkeit. Wilber kritisiert an dem Ansatz von Grof genau das, dass er nämlich größtenteils der Meinung sei, der Weg in die Spiritualität ginge durch das Tor der Vergangenheit, eine Reise zur Geburt vielleicht in den Uterus oder zur Empfängnis. Doch die spirituellen Meister aller Zeiten sagen, dass es ausreicht zu meditieren und da kommt in aller Regel kein Weg in die Vergangenheit vor. Progression, nicht Regression.

Stattdessen hört man oft von einem schwer vorstellbaren Weg in die Ichlosigkeit. Eben weil das Gefühl des Ichseins all unser Denken, Fühlen und Handeln, wenn auch unausgesprochen, begleitet. Aber wer wir auch sind, solange wir einen Körper haben, haben wir mindestens in dem Sinne ein Ich, dass wir wissen, wer gemeint ist, wenn wir angesprochen werden, Hunger haben oder zum Klo müssen. Diese Fähigkeit zur Orientierung in Zeit und Raum zu verlieren ist eher pathologisch als erleuchtet und ist nicht als Ausdruck von Freiheit vorstellbar. Der Mystiker sieht sich nicht beschränkt auf dieses Ich, was die Identifikation angeht. Ihm ist der Nächste und vielleicht auch die ganze Welt genauso nahe, wie das eigene Ich. Ich-Schwäche kann man auch als starke Selbstkontraktion und damit enge Grenze der Identifikation verstehen. Ein starkes Ich ist weiter, sieht sich weniger bedroht, muss weniger kämpfen und ist mit mehr identifiziert. Ein sehr starkes Ich wird irgendwann luzide, durchschimmernd, die Grenzen werden unsichtbar.

Die Rede vom Loslassen und der Gelassenheit fällt einem ein, man denkt dabei vielleicht an den Buddhismus, was auch stimmig wäre, aber auch der deutsche Mystiker Meister Eckhart, von dem sogar der Begriff „Gelassenheit“ stammt, redet in radikalen Worten vom Loslassen. Von einem Loslassen, das nicht im konventionellen Sinne Verzicht predigt und versucht, ein wenig zu fasten oder ein gottgefälliges Leben zu führen, der Meister weist dies schroff zurück und geht entschieden weiter. Auch davon, ein guter Christ sein zu wollen oder einem sonstigen Ideal zu folgen, soll man loslassen, denn Gott, so sein Argument, macht dich schon so, wie er es für richtig hält.

In den Worten des katholischen Theologen, Ethikprofessors und langjährigen Präsidenten der interdisziplinären Meister-Eckhart-Gesellschaft, Dietmar Mieth:

„Eckharts „Geheimnis“ ist der Verzicht auf jede Teleologie oder Finalisierung im Denken, Lieben oder Begehren, auch im Handeln. Nach vorne in Richtung auf unsere denkbaren konventionellen Ziele, das Ziel „Gott“ eingeschlossen, gibt es nur ein Warnschild mit dem Namen „Nicht“. Das meint die Armutspredigt, wenn sie von „nicht wissen, nicht wollen, nicht haben“ spricht […]. Eckharts Sicht ist konsequent „archeologisch“: eine Rückreise, keine Hinreise […] .“[3]

Doch wieder eine Rückreise? Wenn dann hier keine biologische, in die Erfahrungen der frühen Kindheit oder des Mutterschoßes. Es wäre eine Rückreise zu einer ersten Ursache, die oberhalb eines Gottesbildes liegt, das den Schöpfergott markiert. Denn dieser Gott reicht Eckhart nicht, er ruft uns dazu auf, auch von diesem Bild loszulassen. So weit zurück geht die Reise bei Meister Eckhart. Ein Ziel, so konnten wir lesen, gibt es nicht. Zumindest keines, was für alle gleich ist, denn Gott hat ja jeden etwas anderes gedacht. Wenn überhaupt, dann wäre es das, dass man soweit loslässt, dass man für Gottes Wirken in sich Platz schafft.

Und das ist die größte Freiheit, die man erlangen kann, dass Gott durch einen hindurch wirkt. Ein Akt in dem Selbsterkenntnis, Gotterkenntnis, eigenes Handeln und Gottes Wirken zusammenfallen. Aber eben nicht in einer Form völliger Passivität, sondern, man ist ja nun mal der, der man ist und so ist man auch gemeint. Damit trägt man auch die Verantwortung für das eigene Wirken und Gott ist dann nicht jemand für den man in sich Platz schaffen und innerlich etwas zur Seite rutschen muss, sondern hier fällt das Ich mit Gott zusammen, wie Meister Eckhart unmissverständlich klar macht:

„Da empfange ich einen Aufschwung, der mich bringen soll über alle Engel. In diesem Aufschwung empfange ich so großen Reichtum, daß Gott mir nicht genug sein kann mit allem dem, was er als Gott ist, und mit allen seinen göttlichen Werken; denn mir wird in diesem Durchbrechen zuteil, daß ich und Gott eins sind. Da bin ich, was ich war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche Ursache, die alle Dinge bewegt. Allhier findet Gott keine Stätte in dem Menschen, denn der Mensch erringt mit dieser Armut, was er ewig gewesen ist und immerfort bleiben wird. Allhier ist Gott eins mit dem Geiste, und das ist die eigentlichste Armut, die man finden kann.“[4]

Das ist der Ursprung bei Meister Eckhart und mehr Freiheit als man findet, wenn man dies erkannt und alles andere losgelassen hat, geht nicht.

Heimat als Einheit in der Vielheit?

Der anfängliche Gedanke war Ausdruck einer Verwunderung darüber, wie man, fast könnte man sagen, etwas so unheimliches wie die Schwärze des Alls oder die unfassbare Weite der Meditation, beides nichts zum Festhalten, kein Anschein einer Möglichkeit zur Verwurzelung, als Heimat empfinden kann. Unsere Heimat, muss das nicht eine definierbare Quelle, etwas Ganzes, Eines sein? Doch Hegel fragt, ob die Bildung einer Einheit nicht das Nachgeordnete sein könnte. Gewiss gibt es eine Heimat der Gewohnheit, die uns immer wieder zu Gedanken wie Ich, Gott oder Welt zurückkehren lassen. Wir verbinden etwas damit und es ist gut, dass es diese Einheiten gibt. Es ist das, womit wir im Alltag umgehen.

Doch noch ursprünglicher könnte die Zersplitterung sein, auch wenn es das Ich dann genau betrachtet eben nicht mehr gibt, denn das stellt eine Einheit dar. Doch auch wenn wir Žižeks Gedanken vom „Big Bang“ aufgreifen, er würde wiederum auf eine noch frühere Einheit dessen, was dann explodierte oder ins Sein trat, verweisen. In all dem was existiert wäre noch immer etwas zu finden, von diesem Urknall oder auch einer Urquelle, alles hat das, was Wilber den „einen Geschmack“ nennt. Wenn es wahr ist, dass es kein definierbares Ziel für alle gibt und die grundlegende Einheit sich einfach in der Verschiedenartigkeit der Vielheit ausdrückt, dann ist die Einheit auch nur in dieser Verschiedenartigkeit und Vielheit zu finden. Die endlose Weite des Alls und die endlose Tiefe der Meditation können uns vielleicht deshalb besser an diese Einheit erinnern, als das Bild einer dicht gedrängten Kugel, die anfänglich alles enthält.

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Auch die Schwärze des Alls kann tiefe Gefühle von Heimat auslösen. © jonathan.vall under cc

Das Bild von Einheiten und Vielheiten begegnet uns immer wieder. Bei der Frage, ob Dinge oder Prozesse die Welt besser beschreiben ebenso wie bei der Idee von der Einheit und Polarität, etwa im Taoismus. Es ist aber keineswegs nur eine abstrakte Spielerei, sondern die Frage, womit man sich identifizieren kann, ist von praktischer Relevanz. Menschen, die sich mit einem sehr engen Ich identifizieren, leben aus diversen Gründen weniger gut, als diejenigen, die sich in Projekten engagieren, die keine reine Verlängerung des Selbst sind. Weniger bekannt ist, dass Menschen, die sich mit allem identifizieren, in bewundernswerter Weise auch die Angst vor dem Tod überwinden, ganz praktisch sieht man das bei Menschen, die Nahtoderfahrungen machten. Doch dieses Tor öffnet sich nicht nur in Todesnähe, es kann auch bei Formen der Meditation oder anderen Gipfelerfahrungen aufgehen, die Erfahrung des Astronauten Gerhard Thiele war ganz sicher eine.

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