Nett und hilfsbereit

Im Zusammenhang mit der Verlängerung des Selbst geht es vor allem darum, jene Narzissten zu verstehen, die beliebt sein wollen. Im Grunde wollen sie niemandem etwas zuleide tun, sondern geliebt, anerkannt und gemocht werden. Also etwas sehr menschliches. Ihr Narzissmus bringt es aber mit sich, dass sie besonders viel Anerkennung und Aufmerksamkeit brauchen. Sie können es nicht ertragen, einfach einer von vielen zu sein, sondern sie müssen irgendwie aus der Masse der anderen herausragen, was dazu führt, dass sie oft anders auftreten, um ihrem Anspruch auf Besonderheit Ausdruck zu verleihen. Dabei kann es vorkommen, dass Narzissten sich sogar besonders aufopfern, etwa in wohltätigen und gemeinnützigen Projekten oder in dem sie meinen mehr zu leisten, als andere es tun. Entweder indem sie im Leben härter oder besser sind, als alle anderen, das sie oft als andauernden Wettkampf erleben.

Wolfgang Schmidbauer hat in seinem Buch Hilflose Helfer diesen Typus dargestellt, dessen Besonderheitsanspruch darin besteht, am besten von allen zu wissen, was für einen anderen Menschen wirklich gut ist, was er am dringendsten braucht. Wenn man halbwegs einfühlsam ist, was Narzissten (und sogar Psychopathen) bis zu einem gewissen Grad durchaus sein können, macht man sich auf diese Art und Weise beliebt. Man geht ein wenig über die allgemeinen Grenzen hinaus, für Narzissten eine leichte Übung, ist ein wenig großzügiger und wirkt nicht so spießig wie andere, die sich an Regeln halten.

Das gleiche Motiv finden wir auf anderen Ebenen des privaten Miteinanders, etwa, wenn jemand über besondere handwerkliche oder technische Fähigkeiten verfügt und sich auf dieser Ebene als stets und gern hilfsbereiter Mensch präsentiert. Ist etwas kaputt, wird es geduldig repariert, oft sogar ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Daran ist erst mal nichts Narzisstisches oder Egoistisches zu sehen. Im Gegenteil, heißt es nicht sonst immer, dass der Narzisst sich nur für sich interessiert, immer nur um sich kreist? Wer anderen hilft, tut genau das Gegenteil, ist nicht kalt und herzlos, oder?

Vielleicht müssen wir unser Bild von Normalität und Pathologie auch noch einmal überdenken. Denn nicht nur jene Narzissten, die nett und beliebt sein wollen (also unter Punkt 3 und 4 fallen), sind hilfsbereiter als man eigentlich denkt, auch bei Psychopathen ist das so. Psychopathen sind Menschen mit einer weit fortgeschrittenen narzisstischen Störung, der Begriff selbst ist etwas unscharf, so dass man sagen kann, dass Psychopathen unter unsere obigen Punkte 5 bis 7 fallen. Wenn man sich den normalen Narzissten schon als Egoisten vorstellt, um wie viel mehr sollte das für Psychopathen gelten? Das erstaunliche Ergebnis einer Untersuchung ist, dass sogar Psychopathen hilfsbereit sind, noch erstaunlicher ist, dass sie in einigen Bereichen sogar hilfsbereiter als vermeintlich normale Menschen sind.

Wenn es sie nichts kostet, also auch keine emotionalen Mühen, denken sie sich: „Warum nicht?“ Kleine Gefälligkeiten werden mit erledigt, vielleicht mit dem Hintergedanken irgendwann mal davon profitieren zu können. Der Narzissmus, die Verlängerung des Selbst, muss also an einer anderen Stelle liegen, ist kein brutaler Egoismus, der jede Gefälligkeit verweigert. Gefällig auf ihre Art sind auch andere Spielarten des Narzissmus.

Der geduldige Welterklärer

Jedi Meister

Unendliche Weisheiten zu verkünden, ich habe. © JD under cc

Es heißt neuerdings, dass Narzissmus eher eine Krankheit der Männer als der Frauen sei. Inwieweit das gesichert ist, wird man sehen, fraglos gibt es typisch männlichen Narzissmus. Eine solche Attitüde ist der Welterklärer, der gerne erzählt und sich dabei, auch selbst, gerne reden hört. Da wird erklärt und doziert, wie die Welt wirklich funktioniert und wo die wichtigen Fäden zusammenlaufen. Wer ihm zuhört ist ihm egal, die Hauptsache ist, dass ihm jemand zuhört, da er überzeugt ist, stets etwas Bedeutendes zu sagen zu haben. Narzissten sind es gewohnt, auf die individuellen Besonderheiten ihres Gegenübers nicht einzugehen, da der Dialog nicht ihre Stärke ist, obwohl sie das oft selbst glauben. Andere fungieren für sie eher als bewundernde Stichwortgeber, damit sie zum nächsten, oft ausschweifenden Monolog ansetzen können. Bei den ersten Malen mag das noch faszinieren, zumal der Narzisst mit der von sich selbst überzeugten Wucht, wichtige Weisheiten zu verkünden, daherkommt, aber wenn man die immer ähnlichen Pointen und Versatzstücke kennt, stellt sich zunehmend das Gefühl der Langeweile ein. Das ist ein typisches diagnostisches Kriterium des Narzissmus, dass man sich über kurz oder lang bis zur Ermüdung langweilt.

Der Grund dafür ist, dass der Andere bei dem Gespräch, was meistens keines ist, nicht vorkommt. Ein Dialog lebt davon, dass beide Teilnehmer auf Augenhöhe miteinander reden und in der Regel interessiert auch die Meinung des Anderen. Den Narzissten aber nicht, ihn interessiert sein Monolog, dass irgendwer zuhört und beeindruckt bis begeistert ist. Nachfragen sind dabei durchaus erwünscht, wenn sie affirmativ sind: Wenn jemand sagt, er habe dies und das noch nicht so recht verstanden und nun um eine abermalige Erläuterung bittet. Das leistet der geduldige Welterklärer gerne, wieder und wieder, weil er in dieser asymmetrischen Konstellation die Autorität ist. Er kann sich im Bescheidwissen sonnen und auch eine milde Kritik, die sich sogleich dankend umstimmen lässt, ist erwünscht. Er kann dem Anderen dann erklären, dass und wo er sich irrt.

Echte Kritik, echte Alternativen auf Augenhöhe, eine Gegenmeinung, die man ernst nehmen muss, ist hingegen unerwünscht. Denn das würde heißen, eine gewisse Gleichberechtigung anerkennen zu müssen und das wollen und können Narzissten nicht. Die andere Variante des Narzissmus zeigt dies anschaulich. Es ist die Bewunderung des Narzissten für einen Menschen, den er selbst idealisiert. Alles, was der Andere sagt, wird kritiklos akzeptiert, alles ist von Interesse und eine Gegenmeinung des Narzissten gibt es nicht, das wäre eine Sünde, die Idealisierung könnte nicht aufrecht erhalten werden. Das Prinzip ist in beiden Fällen, dass nur eine Person im Raum ist, um die sich alles dreht, der Rest ist beliebiges, austauschbares Fußvolk, das sich freuen kann, diesen Moment der Offenbarung zu erleben.

Die Fähigkeit zur Idealisierung ist für das Verständnis der Verlängerung des Selbst interessant. Der Narzisst idealisiert jemanden oder er erwartet, dass man ihn idealisiert und in beiden Fällen liegt eine Asymmetrie vor, jene, die der Narzisst dauernd erlebt und die er sich als einzig vernünftiges Beziehungsmodell vorstellen kann. Er selbst als großer Geist, Weltversteher oder jemand, der zumindest ganz anders ist. Dazu ein paar idealisierte Menschen, zu denen er aufblickt und mit denen er sich oft identifiziert und ein großer Rest mehr oder weniger zweitklassiger Massenmenschen, das Fußvolk.

Idealisierung und Bewunderung

Mit dem von ihm idealisierten Menschen ist der Narzisst hingegen vollkommen verschmolzen und die andächtige Bewunderung, die er ihm zuteilwerden lässt, erwartet er auch von anderen. Vielleicht in Abstufungen, denn keiner kann ihn so gut erfassen, wie der Narzisst selbst, hier sind zwei geniale Brüder im Geiste gleichgeschaltet. Verweigert man dem vom Narzissten idealisierten anderen die Bewunderung, gibt es die Variante sich von ihm darüber aufklären zu lassen, warum der andere eindeutig den Gipfel des Erreichbaren repräsentiert und spätestens nun bewundert werden sollte. Analog dem geduldigen Welterklärer, bei dem man gerne ob des besseren Verständnisses nachfragen, aber nicht ernsthaft anderer Meinung sein darf. Der Andere, das bin eigentlich ich. Hier blitzt die Verlängerung des Selbst auf.

Dem angehimmelten Idol die Bewunderung zu verweigern, wäre deswegen wie eine Ohrfeige dem Narzissten gegenüber. Darauf kann er auf zwei Arten reagieren. Entweder es lässt ihn kalt, weil man zum entwerteten Teil der dummen Massen gehört, die ohnehin im tiefen Tal der Ahnungslosen wohnt oder man wird für vergleichsweise qualifiziert gehalten, dann bekommt man die oben erwähnte Chance zur Bewährung und erklärt, warum der Liebling des Narzissten von allen am besten ist. Dass es sich dabei zuweilen einfach auch um Gechmacksunterschiede handeln könnte zählt nicht, denn der Narzisst sieht sich als den Experten für echte Qualität und hat einen ausgeprägten Hang dazu, den Anderen so zu machen, wie er selbst ist. Und das heißt, auch das zu bewundern und abzulehnen, was man selbst idealisiert und entwertet.

Nicht selten ist es auch so, dass ein Narzisst in ein Thema tiefer eingetaucht ist und wenn dies der Fall ist, ist die Sache für ihn klar: Niemand beherrscht das Themengebiet so gut wie er oder, wenn er selbst nicht über die besten Fähigkeiten verfügt, so ist er der Überzeugung, dass doch niemand das Thema so tief durchdrungen hat, wie er. Sein Urteil hat Gewicht, vor allem duldet es keinen Widerspruch. Auch auf anderen Gebieten ist der Anspruch des Narzissten, übermäßig viel Ahnung zu haben, worauf diese beruht, braucht er nicht näher zu begründen, es ist einfach ein Naturrecht. Dass andere sich mit dem Thema vielleicht viel länger auseinandergesetzt haben, stört ihn nicht, schließlich verfügt er über besondere Kompetenzen, die das locker überbieten, wie wir auf der nächsten Seite erläutern.

Sind beim Narzissten auch noch echte Kompetenzen vorhanden, werden daraus nicht selten besondere Ansprüche abgleitet. So berichtete Kernberg von einem Patienten, der ein Kunstprofessor war. Eine seiner Eigenheiten, mit denen er mit dem Gesetz in Konflikt kommen konnte, war, dass er wertvolle Kunstbände aus einer öffentlichen Bibliothek stahl. Ihm war natürlich bewusst, dass dies verboten war, aber er war der Auffassung, dass die ganzen Leute, die die Bücher ansonsten ausliehen, ohnehin den Wert dieser Bände nicht würdigen konnten, was ihm aus seiner Sicht das moralische Recht gab, die Bücher zu stehlen, da er jemand war, der ihren Wert und Inhalt angemessen zu schätzen wusste.

Die Kunst, mindestens aber das wahre Verständnis derselben, das bin ich. Die Verlängerung des Selbst kann sich auf andere, idealisierte Menschen erstrecken, aber auch auf an sich überindividuelle Projekte: die Kunst, die Religion, die Wissenschaft, eine politische oder gesellschaftliche Idee, die er sehr wichtig nimmt. Keine Idee ist davor gefeit, von narzisstischen Menschen missbraucht und in den Dienst des eigenen Selbst gestellt zu werden.