Wer einen rauen Umgangston im Netz pflegt, macht sich und anderen das Leben schwer. Doch missmutige Nörgler und selbstgefällige Spötter bereiten nicht nur ihrem Umfeld Bauchschmerzen, sie schaden auch sich selbst – seelisch und körperlich. Denn Notorisch Nörgeln ist schlecht fürs Hirn. Konstruktive Kritik zu beherrschen, ist demnach mehr als eine Phrase, es ist eine medizinische Notwendigkeit.

Nörgeln: Schlecht fürs Hirn

Vom Wecker erschrocken und den Kopf am Regal über dem Bett gestoßen? Die Zunge am viel zu heißen Kaffee verbrannt? Mit einem Fuss vor der Haustür in die Ausscheidungen des Hundes von nebenan getreten? Der Bus kommt zu spät und man selbst nicht zur Arbeit? Und der Chef ruft einen unverzüglich ins Büro, obwohl man noch keine Zeit hatte, die Exkremente des Hundes restlos vom Schuh zu entfernen? Das alles mögen große Unglücke sein.
Entscheidend ist dennoch, wie wir solche Situationen bewerten. Natürlich kann man auch mal so richtig heulen, nörgeln oder Flüche ausstoßen, bei denen selbst ein Postkutscher erröten würde. Aber es kommt eben auf die Häufigkeit an. Denn unser Gehirn bevorzugt Einfachheit, Gewohnheiten. Deshalb legt es gerne Muster an, die es bei Bedarf auch auf andere Situationen anwenden kann. Häufig finden Reaktionen aus dem realen Leben in ähnlicher Form auch online statt.

Cortisol versus Serotonin: Ring frei!

Schaubild. Stress und Auswirkungen.

Nörgeln nervt: Auswirkungen von Stress auf den Menschen. © Brittany Butts under cc

Regelmäßiges Jammern, Nörgeln oder Ärgern verändert die neuronale Informationsverarbeitung eines Menschen. Das durch den Stress ausgeschüttete Cortisol führt bei den Neuronen im Gehirn dazu, dass sie mehr Calcium hinsichtlich der Durchlässigkeit ihrer Zellmembran akzeptieren. Eine übermäßige Calciumkonzentration kann dazu führen, dass die Zellen zu häufig feuern, d.h. eine Erregungsweiterleitung vollführen, und absterben. Der Präfrontale Cortex ist unter anderem von diesen negativen Effekten des Cortisols betroffen. Folglich kann ein erhöhter Cortisolspiegel zu einem Verlust von Neuronen im Präfrontalen Cortex führen, die Region im Gehirn, welche für unsere Entscheidungsfindung und Planungsprozesse wichtig ist.

Zuviel Cortisol mindert unseren Serotoninspiegel. Ein Hormon, das für unser Glücklichsein zuständig ist. Ein verminderter Serotoninspiegel sorgt wiederum dafür, dass man schneller verärgert und auch (schmerz)empfindlicher ist. Eine Verminderung dieses Hormons ist für stärkeres aggressives Verhalten verantwortlich und kann zu Depressionen beitragen. Ein Teufelskreis, wenn man so will.

Nörgeln auf eingetretenen neuronalen Pfaden

Je häufiger wir jammern, desto eingetretener sind diese »Verarbeitungspfade« im Gehirn, da die Synapsen Brücken bilden für die Informationsweiterleitung. Mit jedem Mal Nörgeln, etwa weil der Bus zu spät kommt, werden diese synaptischen Verknüpfungen stärker. Ein gut ausgebautes »Liniennetz« entsteht, welches dann nicht nur bei der Verspätung des Busses zum Tragen kommt, sondern auch wenn der Kaffee mal wieder zu heiß ist. Denn das Gehirn arbeitet effizient und bevorzugt eine schnelle Bearbeitung der externen Reize. Ziel ist es, zügig eine bewährte Reaktion seines Besitzers hervorzurufen, um »angemessen« reagieren zu können.

Folglich jammern Jammernde immer wieder. Auf eingetretenen Pfaden. Ständig. Wegen Kleinigkeiten. In den unterschiedlichsten Situationen. Weil alles nervt. Doch wer jammert, wird nicht nur insgesamt pessimistischer. Nein, er wird auch zunehmend vergesslich.

Notorische Nörgler haben »kleine Gehirne«

Neuronen und Glia im Gehirn. Farbliche Abbildung.

Das Gehirn und seine neuronale Informationsweiterleitung sind faszinierend. © NICHD under cc

Wer notorisch nörgelt, läuft Gefahr, sein Gehirn zu verlieren. Und zwar an Substanz. Wie Forschungen zeigen, lässt permanentes Grummeln und Ächzen den Hippocampus schrumpfen, eine Gehirnregion, die entscheidend an der Gedächtnisbildung beteiligt ist.
Beim Hippocampus zeigen sich die negativen Effekte des bei Stress ausgeschütteten Cortisols dahingehend, dass zum einen Neuronen absterben, zum anderen eine Neubildung verhindert wird. Eine schwächere Aktivität des Hippocampus wirkt sich nachteilig auf das Kurzzeitgedächtnis aus, auch auf das Bilden neuer Erinnerungen. »Was wollte ich nochmal sagen?«, ist nur eine Variante, die aufzeigt, dass unser Hippocampus gerade belastet ist.

Vor allem in späteren Lebensabschnitten ein fataler Zusammenhang, da bei Alzheimer insbesondere diese Region betroffen ist. Also, wie war das noch mit der Unzufriedenheit im Alter?

Vorsicht! Bissiger Mitmensch!

Nicht nur im realen Leben, auch in sozialen Netzwerken beeinflussen sich die User gegenseitig emotional, wie eine Studie zeigt. Nachdenklich stimmt dabei, dass die Korrelation von Ärger unter den Usern signifikant höher ist, als die Korrelationen anderer Stimmungen wie Freude oder Trauer. Demzufolge würde der ärgerliche Emoticon sich wesentlich schneller und stärker in sozialen Netzwerken ausbreiten als andere.

Mirror, mirror, in the brain.

Die menschliche Informationsverarbeitung ist so angelegt, dass wir versuchen wollen, zu verstehen. Sitzt uns also ein masochistischer/sadistischer Quälgeist online oder real gegenüber, wird unser Gehirn versuchen, seine Gedankengänge nachzuvollziehen. Unsere Spiegelneuronen sorgen dafür, dass wir uns in den anderen hineinversetzen können. Und sie werden selbst bei Emoticons aktiviert, wie Studien zeigen.

Zieht man die oben beschriebenen neuronalen Mechanismen heran, welche bei Cortisolausschüttung durch Stress in Gang gesetzt werden, bedeutet dies im Umkehrschluss, dass der gemeine Knurrhahn auch in seinem Umfeld Stressreaktionen auslöst. Nachgewiesenermaßen bringt ein nörgelnder Zeitgenosse eine Erhöhung des Cortisolspiegels mit sich.
Ergo, werden wir mit jeder Mittagspause unter quengelnden Kollegen beziehungsweise in einem sozialmedialen Umfeld voller Hass und Ärger auch in den Sumpf aus Pessimismus und chronischer Unzufriedenheit gezogen. Und laufen mit der Zeit Gefahr, selbst verbittert zu sein. Auf diese Art befruchten sich die Quengler gegenseitig und eine zwingend abwärts laufende »Nörglerspirale« droht.

Dagegen zeigen Studien, dass Zufriedenheit und Wohlbefinden durch eine optimistische Lebenseinstellung steigen können. Das Cortisollevel wird gehörig gesenkt und damit auch der individuelle Stresspegel – bei uns und bei dem anderen.

Wenn das Gehirn Springseil springt

Unser Gehirn ist ein leistungsfähiges und bis ins hohe Alter flexibles Organ. Es umfasst Milliarden von Neuronen und gilt als komplexeste Struktur im menschlichen Körper. Auch wenn sich der Volksglaube hartnäckig hält, dass Charakter und Verhaltensweisen nur schwer veränderbar seien, es ist und bleibt ein Mythos. Unser Gehirn ist formbar und geschmeidig und überhaupt äußerst anbetungswürdig. Lassen wir es trainieren. Es braucht nur etwas Zeit. Und wir müssen durchhalten, um etwaige Verhaltensänderungen herbeizuführen.

Mann, der Springseil springt.

Genau wie unser Körper ist auch unser Gehirn trainierbar. © somewhereto_ somewhereto_ under cc

Oftmals hilft die bewusste Verarbeitung über den Cortex, wo man sonst automatisiert mit Angelerntem reagieren würde. Ein sachliches Abwägen der Dinge ist vonnöten und die Bewusstmachung, dass uns Nörgeln nicht weiter bringt. Stattdessen sollten wir gleich optimistisch nach einer Lösung suchen, um diesen verka… Tag (Dank an das Herrchen des Hundes!) noch retten zu können. Die selbsterfüllende Prophezeiung, also das Eintreffen der Vorhersage, von einem selbst ausgelöst durch eigene Denkmuster und Verhaltensweisen, kommt uns dabei entscheidend zugute, alte Gewohnheiten abzulegen und neue Copingstrategien im Umgang mit Alltagsproblemen zu erlernen.

Dankbarkeit! Oh, Lord!

Dankbarkeit zu üben, kann dramatische und nachhaltige Effekte auf das Leben einer Person haben, wie Robert A. Emmons, Professor der Psychologie an der University of California sagt. Niedriger Blutdruck, verbesserte Immunfunktionen und erholsamerer Schlaf sind Vorteile, die unmittelbar mit der körperlichen Gesundheit in Zusammenhang stehen. Das naheliegende verminderte Risiko, an einer Depression zu erkranken, geht laut Emmons ebenfalls mit mehr Dankbarkeit einher. Ebenso vermindertes Angstempfinden und weniger Drogenmissbrauch beziehungsweise -abhängigkeiten.

Versuchen wir es mit mehr Dankbarkeit. Rauf auf die rosa Zuckerwattewolke. Rein in den Ponyhof. Wo das Leben leichter gelebt werden kann, sollte es ein Zuckerschlecken sein.
Die positive Lebenseinstellung, die man sich gegebenenfalls zunächst bewusst diktieren muss, wird irgendwann ganz automatisiert in unser Inneres übergehen. Irgendwann werden wir gar nicht mehr anders können, als das Glas stets halbvoll zu sehen. Ohne jegliches Nörgeln.
Kognitiv-Verhaltenstherapeutische Ansätze zeigen, dass eine positive Interpretation der Dinge zu einem besseren Wohlgefühl und weniger Angsterleben beitragen können.

So wie man sich selbst und seinen alltäglichen Problemen gegenübertritt, so bewertet man auch das Dasein und die Wertigkeit anderer Menschen und reagiert dementsprechend darauf. Freundlich oder mit Nörgeln, ein jeder hat die Wahl. Ziel ist es, zum Wohle unser aller Gesundheit Alltag und soziales Miteinander so wenig stressvoll wie möglich zu erleben. Und wenn wir doch unsere Meinung kundtun wollen – die Ehrlichkeit in allen Ehren! -, tätigen wir es so, dass es niemanden verletzt. Wie genau? Das zeigen wir in unserem nächsten Artikel.

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