Warteschlange

Ein Mikrokosmos voll ungeschriebener Gesetze und wir kennen sie. © Karl_ludwig Poggemann under cc

Helden des Alltags klingt ein wenig großspurig, denn was ist schon dabei, seinen Alltag zu bewältigen? Eine Menge! Im Alltag bestehen zu können, ist die Grenzscheide, deren Erreichen auch in der Psychotherapie angestrebt wird, wenn es darum geht, den Menschen primär liebes- und arbeitsfähig zu machen. Man kann dies als Reduzierung verstehen, aber auch als Sprungbrett. Ist das gesichert, kann es in Eigenregie weiter gehen. In einer Weise am Leben teilnehmen zu können, die als normal bezeichnet werden kann, klingt vielleicht etwas bieder, aber nur, solange man nicht auf dem Schirm hat, wie ungeheuer komplex das Alltagsleben eigentlich ist.

Regeln über Regeln, soweit das Auge reicht. Wenn man fragt, wo die denn stehen, dann ist das schon ein Teil der angesprochenen Komplexität, nirgends. Es gibt Verkehrsregeln und vielleicht ein paar explizite Regeln für den Arbeitsplatz, aber nirgends steht geschrieben, wie man sich in einer Supermarktschlange zu verhalten hat und doch gibt es da bis ins feinste abgestimmte Regeln.

Die Warteschlange an der Supermarktkasse

Die Regel Nummer 1 ist einfach, man stellt sich hinten an und wartet geduldig. Doch diese Regel kennt zig Interpretationen und Variationen. Etwa, wenn im Supermarkt noch weitere Kassen existieren, wird irgendwann der Fünfte in der Schlange nervös, beginnt demonstrativ suchend um sich zu schauen, halblaut oder laut zu fragen oder zu moppern, ob man denn nicht mal eine weitere Kasse aufmachen könne, denn klar ist auch, hier, an der Kasse, muss es schnell gehen. Das Pläuschchen an der Kasse ist, wenn überhaupt, kurz zu halten, wenn man dabei nicht vergisst, die gekauften Sachen einzupacken. Jedenfalls in Ballungsräumen, im Dorf kann das anders aussehen.

Häufige Regeln sind, dass man, wenn man den Einkaufswagen bis oben voll hat, denjenigen vor lässt, der nur ein oder höchstens drei Teile hat. Ganz daneben ist es, sich vorzudrängeln, Verdächtige bekommen das auch schnell zu spüren, es sei denn, sie gehören zu einer seltenen Gruppe derer, die eine Aura der Gefahr verströmt, mit denen man sich besser nicht anlegt. Da kann man dann hinterher lästern, „Unverschämtheit sowas“, aber besser nicht während dessen. Das ist längst nicht alles. Wie auf zu viel Gedrängel reagiert wird, auf Oma, die es passend hat oder auf Kunden, die ‚versehentlich‘ noch was im Wagen vergessen haben, und dass man der Kassiererin anerkennend zunickt, wenn sie diejenigen fragt, ob „das auch von uns ist“, ist geregelt.

Nicht explizit, es gibt keine Zettel am Eingang auf denen steht, wie man sich hier zu verhalten habe, statt dessen erkennt man die Regeln induktiv, das heißt, aus der mehrmaligen Beobachtung des ähnlichen Verhaltens, wird auf übergeordnete Regeln geschlossen und dabei sind sogar Differenzierungen möglich, etwa, ob man notorische Drängler zurechtweist oder unterstützt.

Wieder anders ist die Lage im Fachgeschäft, gleich ob es da Computer oder Gemüse gibt. Da gehört das intensivere Gespräch mit dem Kunden zum guten Ton und wird sogar erwartet, es macht einen Teil des sozialen Beziehungsgefüges aus, bei seinem langjährigen Verkäufer auch Privates zu erzählen, man kennt sich.

Small Talk oder wie privat man wird

Der Small Talk ist eine halbritualisierte Form der ersten Annäherung. Die Frage, wie es einem geht ist dabei nicht zu ernst zu nehmen, sondern man antwortet, dass es einem gut geht, oder deutet Gegenteiliges dezent an, so dass der andere entscheiden kann, ob er nachfragt oder ritualisiert weiter macht und ein paar aufmunternde Floskeln verteilt. „Kopf hoch. Wird schon.“ Ob und wem man mehr erzählt, unterliegt auch einem feinen Regelwerk, abhängig davon, wie gut man sich kennt. Vielleicht schon, in einer Mischung von beruflich und halbprivat, über Jahre. Dann entscheidet man auch, wann man mehr erzählt, von Krankheiten, Schicksalsschlägen und Glücksfällen, je nach dem, wie lang und eng man sich kennt und wie es gerade zeitlich passt. Wann man vom Small Talk ins Privatere einsteigt, ist eine Ermessenssache, aber auch diese ist zum Teil geregelt, es wäre unangemessen der Metzgereifachverkäuferin beim zweiten Einkauf die eigene Lebensgeschichte zu erzählen.

Wie man sich bei den Eltern der ersten Liebe präsentiert, beim Vorstellungsgespräch, ins Fast Food- oder feinere Restaurants geht und dort benimmt, für alles das und mehr gibt es ein Spektrum des in einer Gesellschaft angemessenen Verhaltens, von der Kleidung bis zur Sprache.

Offizielle und inoffizielle Regeln

Wer seinen Führerschein macht, lernt die Regeln des Straßenverkehrs. Die braucht man für die Fahrprüfung, danach nie wieder. In den ersten Wochen fährt man noch wie gelernt, doch nach und nach bemerkt man, dass man mit dieser Fahrweise im realen Verkehr nicht so recht weiterkommt. Es klappt schon, nur gibt es parallel zur Ebene der offiziellen Regeln noch inoffizielle. Die meisten Autofahrer fahren etwas schneller als die Richtgeschwindigkeit vorgibt. Welches Zeitfenster man hat um an einer Ampel loszufahren, ist auch geregelt. Gemütlich zu fahren, ist mindestens in größeren Städten fast ein Affront.

Bis auf gröbste Eckdaten ist die Erziehung von Kindern sehr weitreichend den Eltern überlassen. Dennoch stehen Eltern natürlich andererseits andauernd unter öffentlicher Beobachtung durch andere Eltern, erwünschte Erklärungen und unerwünschte Belehrungen von diesen inklusive. Die Entwicklung der Kinder wird beäugt, wann es was können müsste, wird erklärt und verglichen, besonders unerfahrene Eltern erfahren wenigstens diese Anmerkungen reichlich.

Je nach dem, wo man wohnt, bekommt das Thema Nachbarschaft eine besondere Bedeutung. In den Ballungsräumen mancher Innenstädte wohnt man dicht an dicht, oft ohne sich überhaupt zu kennen, in anderen Regionen hat die Nachbarschaft eine viel höherrangige Gewichtung, auch diesbezüglich gibt es eigene Regeln, die man im Vorbeigehen lernt. Und so geht es fröhlich weiter, oft sind die stillen Regularien erstaunlich differenziert und durchziehen mit ihren stummen Erwartungen und Vorschriften ganze Lebensbereiche. Auch für privateste, wie die Liebe und Partnerschaft, die Verwandtschaft, die Lebensphase von der Kindheit bis zum Alter und noch darüber wie man seine Haustiere behandelt und wo man einkauft, gibt es ungeschriebene Gesetze, die mitunter soziale Schichten definieren und trennen.

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