Dass Unzufriedenheit mit der Sexualität in der Partnerschaft tiefergehende psychologische sowie gesamtgesellschaftliche Ursachen haben kann, wurde im letzten Artikel dargestellt. Doch wie steht es eigentlich damit, unser gesamtes gelebtes Beziehungsmodell zu hinterfragen. Die lebenslange Monogamie als gesellschaftlicher Zwang. Und weniger als die Konsequenz einer romantischen, immer währenden Liebe. Handelt es sich nicht vielmehr um ein veraltetes Konzept der lebenslangen Ehe, welches einst aus der Not heraus geboren wurde? Betrachten wir zunächst die Zahlen.

Ehe: Monogamie als gesellschaftlicher Zwang

Unzählige Hollywoodstreifen machen es uns vor. Die Suche nach der einzigen – der wahren – Liebe. Ist diese Suche abgeschlossen, hat man also mit zumeist Mitte Zwanzig den Mann seiner Träume gefunden, gilt es, diesen, für das vollendete Sicherheitsgefühl, lebenslang an sich zu binden. Die Hochzeitsplanung steht ins Haus. Ein verrückter Junggesell(inn)enabschied folgt. Der letzte Abend in Freiheit, bevor man das Korsett der lebenslangen Ehe anlegt. Das Begehren wird fortan eingeschränkt und hinter die Gitter der Häuslichkeit gezwängt. Die Monogamie als gesellschaftlicher Zwang tritt in Kraft. Nicht unbedingt romantisch, oder?

Was die ersten paar Jahre womöglich noch funktioniert (Heirat/eigenes Haus/Kinder/Vermögensanhäufung/glückliche Ehe/alles neu) scheint irgendwann zum Problem zu werden. Anders sind die Zahlen nicht erklärbar. Untreue und Unzufriedenheit hinsichtlich der Sexualität in der Partnerschaft sind keine Seltenheit in unserem westlichen Kulturkreis.

Scheidung: Wenn es nicht mehr weitergeht

Silberring auf Tisch

Scheidungsraten: Ist Monogamie nicht mehr als ein gesellschaftlicher Zwang? © Billie Grace Ward under cc

Auch die Scheidungshäufigkeit lässt vermuten, dass es mit dem Konzept der lebenslangen Ehe und vor allem Treue (!) allmählich zu Ende gehen könnte. Obwohl gemäß dem Statistischen Bundesamt im Jahr 2016 die Zahl der Eheschließungen in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um 2,6 % angestiegen ist und demgegenüber die Häufigkeit der Scheidungen um 0,6 % gesunken ist, lässt sich mit der lebenslang eingeforderten Treue in vielen Fällen kein Blumentopf mehr gewinnen. Denn nach dem derzeitigen Verhältnis zwischen Heirat und Scheidung werden etwa 35 % aller Ehen, die pro Jahr geschlossen werden, in den kommenden 25 Jahren geschieden. Das entspricht circa jeder dritten Ehe. Hierbei reden wir nur von denen, die sich tatsächlich scheiden lassen. Wie hoch ist wohl die Dunkelziffer derer, die sich gerne trennen würden, es aber aus wirtschaftlichen beziehungsweise gesellschaftlichen Gesichtspunkten nicht tun?

Würde man diese Erfolgswahrscheinlichkeit auf ein Wirtschaftsunternehmenskonzept anlegen, es hätte nicht lange in der Welt der Ökonomie Bestand. Nicht gerade vielversprechend. Monogamie als gesellschaftlicher Zwang scheint in der heutigen Zeit von Selbstverwirklichung und Individualismusstreben nicht mehr als ein Auslaufmodell zu sein.

Späte Heirat: Für die Familie?

Das Erstheiratsalter hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte deutlich nach hinten verschoben (Männer: 33,8 Jahre; Frauen: 31,2 Jahre; Angaben für 2015). Dies mag zum einen dem längeren Bildungsweg/Karriereaufstieg und Idealen wie beruflicher Selbstverwirklichung und »Selbstentfaltung« geschuldet sein. Dennoch lässt sich dieser Sachverhalt auch anders interpretieren: Man möchte sich austoben, sich so spät wie möglich binden.
Das Scheidungsalter liegt im Durchschnitt bei 46,6 Jahren für die Männer beziehungsweise bei 43,6 Jahren für die Frauen (2016). Gepaart mit dem immer späteren Alter der Elternschaft liegt der Schluss nahe, dass man allein zur Familiengründung die »lebenslange« Ehe eingeht. Doch wie sich zeigt, hat etwa die Hälfte aller geschiedenen Paare gemeinsame Kinder unter 18 Jahren und der überwiegende Teil der Scheidungen wird von den Frauen eingereicht.

Veraltetes Ehekonzept versus Gesellschaftliche Verantwortung

Kind sitzt auf Treppe, mit Tute

Auch die Gesellschaft trägt die Verantwortung für eine stabile Elternschaft ohne Einschnitte. © Joris Louwes under cc

Was zurückbleibt bei einer Scheidung, sind Eltern, die ein schlechtes Gewissen haben, weil »ihre Ehe gescheitert« ist. Kinder, die gesellschaftlich so geprägt sind, dass sie fortan als Scheidungskinder deklariert werden und sich im jungen Erwachsenenalter selbst auf Bindungsunfähigkeit prüfen, sowie – ja, auch das ist äußerst relevant – die hohe Altersarmut bei Frauen, weil es immer noch die Mütter sind, die während der Jahre der frühen Elternschaft die deutlichsten beruflichen Einschnitte haben. Denn selbst nach der Erziehungszeit arbeitet ein Großteil der Frauen nur halbtags, um für den Nachwuchs da zu sein.

Nutzen und Verantwortung liegen bei der Gesellschaft

Insgesamt also kein vielversprechendes Modell der lebenslangen Ehe und Familiengründung – bei dem die Frauen momentan die »Verlierer« sind. Berücksichtigt man vor allem den Hintergrund, dass »Deutschland« sich mehr Kinder wünscht. Und diese Kinder sollten nicht die Leidtragenden sein. Sie sollten weder in einer Familie aufwachsen müssen, in welcher die Eltern lieber getrennt als zusammen sind. Sie sollten nicht das Gefühl haben, unerwünscht zu sein. Und der Verlauf ihrer Kindheit sollte nicht von dem finanziellen Druck bestimmt sein, der zumeist auf den Frauen lastet, wenn sie sich heute leider immer noch zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen.
Eine soziale Absicherung für die Frauen, unabhängig vom Ehemann und der Anzahl der Kinder sowie der Zeit, die sie diese Kinder umsorgen wollen, wäre genauso notwendig wie wünschenswert. Ebenso jederzeit eine selbstverständliche Wiedereingliederung in den Beruf. Und nebenbei gesagt, in einem der reichsten und fortschrittlichsten Länder der Welt sollten beide Aspekte – der finanzielle sowie der karrieretechnische – eher eine Selbstverständlichkeit als eine Ausnahme sein. Vor allem da die Gesellschaft auch für die nachfolgenden Generationen in der Verantwortung steht, da sie davon in höchstem Maße profitiert.

Liebe: Je nach Neigung

Verstehen wir uns nicht falsch. Nichts berührt uns so sehr wie die wahre Liebe. Und für einige Menschen funktioniert die lebenslange Ehe durchaus. Aber die anderen zu ächten, die sich gegen den klassischen Lebensweg entscheiden, und ihnen dadurch wirtschaftliche und soziale Nachteile zu verschaffen, ist genauso wenig angebracht. Denn letztendlich ist die romantische, ewig währende Liebe inklusive Heirat und andauernder Monogamie nichts weiter als eine kulturelle Prägung, die wir seit der Kindheit durchlaufen haben. Stichwort: Disney und Co. Monogamie als gesellschaftlicher Zwang sollte generell hinterfragt werden. Die lebenslange Ehe ist kaum mit unserer heutigen Werteentwicklung vereinbar. Näheres zu lesen hier auf psyheu.de.