Schild Internet

Ob geliebt oder gehasst: Es ist der Alltag von immer mehr Menschen. © James Cridland under cc

Berichte über das Internet und ernsthafte Kritik an demselben sind meistens ein Nichtthema. Der zweitwichtigste Grund: Irgendwie meint man das alles schon mal gehört zu haben und genug zu wissen, um nicht noch mal alles durchzukauen, andererseits weiß man irgendwie nicht genug, um sich effektiv vor den Gefahren zu schützen oder man kennt sich so gut aus, dass man auch weiß, dass es letztlich keinen effektiven Schutz gibt.

Irgendwas ist gerade anders geworden und man staunt eigentlich, denn die großen Datenkraken tun genau das, was sie all die Jahre zuvor auch gemacht haben, nämlich radikal so ziemlich alles an Daten zu sammeln, was man kriegen kann, diese Daten zu persönlichen Profilen zu verdichten, denen Kenner kinderleicht Klarnamen, Adresse, Telefonnummer und dergleichen zuordnen können und diese Daten dann verkauft. Besonders Facebook ist in diesem Zusammenhang ins Visier geraten. Hier kursieren unterschiedliche Varianten. Die einen sagen, dass die Daten bei Facebook bleiben und potentielle Käufer lediglich ihre Werbung sehr gezielt anbringen können. Beliebig detailliert kann man so beispielsweise alle Frauen unter 30 aus dem Ruhrgebiet, die Kinder haben und gerne Rad fahren finden, weil man genau für diese ein Angebot hat und somit nur diese Gruppe erreichen will. Die anderen sagen, dass man mindestens über bekannte und nahe Umwege Datensätze kaufen kann, auf deren Basis sich sehr viel entschlüsseln lässt, vom Einkommen über den Alkohol- oder Drogenkonsum, bis zur politischen oder sexuellen Einstellung.

Die erste Gruppe meint, dass das Geschäftsmodell von Facebook nur funktioniert, wenn und weil die Daten bei Facebook bleiben, denn wenn sie diese aus der Hand gäben, sei ihr Wissen ja buchstäblich nichts mehr wert, weil ja nun jemand anderes dieselben Daten hat. Aber das ist zu kurz gesprungen, denn erstens, muss man nicht alles herausgeben, was man von jemandem weiß, zweitens ändern sich die Daten ständig und zwei Jahre später kann sich die Situation von jemandem durch Ehe, Scheidung, Jobwechsel, Umzug, Kinder oder beliebige Kombinationen recht radikal geändert haben. Wenn ich jemandem etwas verkaufen will, muss ich wissen, was ihn genau jetzt interessiert und was seine finanziellen Möglichkeiten heute sind, nicht vor zwei Jahren.

Aber das alles kannte man entweder oder wähnte sich in unbeschwerter Naivität geschützt, weil man irgendwo ein Häkchen gesetzt hat und nun meint, Websites würden einen jetzt tatsächlich nicht mehr verfolgen oder weil man irgendwen kennt, der einem den Computer vermeintlich sicher macht oder ganz einfach glaubt, dass man ja nichts zu verbergen hat. Irgendwie ist das ja auch eine Einstellungsfrage. Wer die Idee der Privatsphäre vollkommen antiquiert findet und für wen es völlig normal ist, weil er damit aufgewachsen ist, dass man einfach alles teilt und andere fortwährend an seinem Leben teilhaben lässt, für den ist es nun wirklich kein Schreckensszenario, wenn man ein Foto von sich im Netz findet.

Berufswunsch YouTuber

Zumal der ernstgemeinte Berufswunsch junger Menschen heute ist YouTuber oder Vlogger (Video-Blogger) zu werden oder Influencer, wie es manchmal von außen genannt wird. Da gehört es zum guten Ton, oft, live und aus der eigenen Wohnung möglichst alles in die weite Welt der Internetcommunity mit ihren 100.000en an Followern zu senden. YouTuber sind heute Popstars und wenn die Teenies ihren Stars begegnen, reagieren sie auf diese, wie die früheren Teenies auf ihre Helden, die meistens Musiker waren: die Beatles, Smokie, Take That, die Spice Girls oder Tokio Hotel je nach Jahrzehnt. Mit Tränen und Kreischen, bis zur Ohnmacht. Tatsächlich nehmen nach einer Umfrage unter US-Teenagern Vlogger die ersten Fünf Plätze der beliebtesten Stars ein. Sänger, Schauspiel und Sportler erscheinen dort nicht.[1] Die älteren Semester stehen fassungslos vor dem Phänomen, schon weil die Idee, dass man besondere Fähigkeiten braucht um YouTuber zu sein, am Zeitgeist vorbei geht. Dass die ja gar nichts können, ist daher kein Gegenargument, ganz im Gegenteil ist die radikale Normalität das Markenzeichen der Influencer. Eben dadurch, dass sie nichts können und nicht besonders sind, sind sie die idealen Projektionsfläche, denn nicht besonders sind ja viele und im Grunde ist dieser Trend eine nicht mal unlogische Antwort auf die Trends der normalen Gesellschaft, nach immer mehr Optimierung und Ausgrenzung.

In Was macht den Extremismus attraktiv?, zeigten wir auf, dass die Antwort auf die Ausgrenzung durch die Mainstream Gesellschaft oft ist, die besonders abgelehnten Attribute in eine eigene Stärke zu verwandeln. Man ist dann besonders, gerade weil man jemand ist, den die anderen nicht mögen. So wird man über Nacht vom vermeintlichen Loser zum Star oder Auserwählten. Die heutigen Influencer gehen in dem Sinne noch einen Schritt weiter und verzichten auf jedes besondere Attribut. Man muss nicht ausnehmend hübsch, eine brillante Sängerin, ein charismatischer Schauspieler oder wenigstens originell sein, es reicht, dass man möglichst authentisch ist, oder zumindest so rüberkommt. Welches Teenie-Mädchen kommt nicht hochbeglückt vom Shoppen wieder und freut sich über das, was sie gekauft hat? Wenn sie das obendrein noch teilen kann, ist das Glück perfekt.

Mehr oder weniger süffisant versuchen manche das Phänomen zu entzaubern, indem die darauf hinweisen, dass die ach so authentische YouTuberei vor allem eines ist: Eine gut kalkulierte und technisch oft perfekt ausgeleuchtete und mit neuestem Equipment ausgestattete Show, bei der vor allem Modelabels oder Drogeriemarktketten frohlocken, weil Influencer großartige Werbeflächen und Multiplikatoren sind. Doch das zieht nicht, denn die Kids sind überzeugt, dass ihre Helden dennoch authentisch sind und die Produkte mögen, die sie da begeistert in die Kamera halten. Dass man damit obendrein noch viel Geld verdienen und berühmt werden kann, verlockt sie eher, das macht den Zauber der Veranstaltung ja gerade aus. Der Schuss ging nach hinten los.

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