fallende Dominosteine

Fällt ein Stein, dann fallen alle: So stellen sich Katastrophisierer die Welt vor. © fdecomite under cc

Katastrophisieren, ist mir als Begriff erst vor wenigen Jahren über den Weg gelaufen, im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen, dann aber immer wieder, in immer weiteren Kontexten. In der kürzesten Form könnte man Katastrophisieren als die Eigenschaft definieren, sich bei offenen, zukünftigen Möglichkeiten auf die schlimmsten Varianten zu fokussieren. So werden aus Möglichkeiten überwiegend Befürchtungen

Vorkommen, Ursachen und Beispiele für das Katastrophisieren

Jemand hat Kopfschmerzen und ist der Meinung, das könne nur ein Hirntumor sein. Ein anderer ist überzeugt davon, dass er wegen seiner Rückenschmerzen seinen Job verlieren wird und wenn das passiert, wird ihn unweigerlich seine Frau verlassen. Oder auch, wenn man denkt, dass man nie wieder Ski fahren können wird oder nun man nun aufgrund irgendeines Ereignisses nie wieder glücklich werden kann. Das Leben wird zu einem großen „Das war’s“, was nun noch folgt, ist bestenfalls B-Movie, alles andere ist aus und vorbei.

Die heimliche oder offene Überzeugung, dass man bei einer Prüfung unweigerlich versagen wird und danach sowieso alles aus ist; dass man genau eine Chance im Leben hat, die man nutzen muss, denn eine zweite kommt nicht mehr, gehört dazu. Dass man nur mit genau diesem einen Menschen glücklich werden kann; dass man immer die große negative Ausnahme ist und aus der Narkose nicht aufwachen wird; dass man eingespannt ist, in ein Netz von Bedingungen, die man selbst am wenigsten verändern kann, weil ein Stein den anderen anstößt und es sogleich zu einer Gerölllawine kommt, all das macht die Welt der Katastrophisierer aus.

Wenn Sie Sich in einigen Gedanken wiedererkannt haben, brauchen Sie nicht gleich zu erschrecken, denn diese oder ähnliche Gedanken des Scheiterns auch zu haben, ist normal und im Gegenteil, ist jeder der ein worst case Szenario ausschließt und keinen Plan B hat, oft ein Pokerspieler. Das heißt nicht, dass man dabei nicht auch gewinnen kann, nur kann das eben auch mal in die Hose gehen und dann vielleicht böse. Realismus ist also nicht immer schlecht. Katastrophisierer spielen aber nicht kurz durch, dass eine Sache auch schief gehen könnte, sondern sie sind zutiefst überzeugt davon, dass sie schief gehen wird und lassen sich da auch wenig beirren.

Das Katastrophisieren kommt nicht nur bei Schmerzen und vor allem bei chronischen Schmerzen vor, sondern auch bei anderen Erkrankungen mit psychosomatischer Komponente und eigentlich immer ist es schlecht, wenn man vom Negativen ausgeht. Aber manchmal eben nicht zu ändern, da diese Eigenschaft auch bei Depressionen, Angststörungen und im paranoiden Formenkreis zu finden ist und das sind häufige bis sehr häufige Erkrankungen. Auch fällt vieles von dem, was wir unter Ich-Schwäche beschrieben haben darunter. Negative Erwartungen und unendliches Grübeln über das was alles schief gehen kann und wird ist dabei zugleich Symptom, als auch Motor des Aufrechterhaltens des Schwarzsehens und der Befürchtungen. Wie beim Hypochonder, ebenfalls ein geübter Katastrophisierer.

Bei den Ursachen können wir uns kurz fasssen, denn für chronische Schmerzen, Depressionen und Ängste gilt in sehr ähnlicher Weise, dass es die eine Ursache schlicht nicht gibt. Und das gilt auch für das Katastrophisieren. Stellvertretend braucht man sich nur die 14, bei Wikipedia aufgeführten, möglichen Ursachen der Depression anzuschauen. Was einerseits verwirrt, kann uns andererseits eine Tür öffnen, zu einem neuen, breiteren Ansatz der Therapie und das ist wirklich spannend.

Warum das Katastrophisieren hochinteressant ist und wegweisend sein könnte

Das Katastrophisieren verbindet viele Ideen, Theorien, Therapieansätze und Lebensbereiche. Zum Beispiel zeigt es uns ganz deutlich den Zusammenhang von Körper und Psyche, die Psychosomatik oder, wie es immer öfter genannt wird, den biopsychosozialen Aspekten. Es verweist außerdem auf den Zusammenhang von Denken und Fühlen und nicht zuletzt, die Konzepte von Biologie, Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie, sowie Psychoanalyse.

Immer öfter hört man heutzutage von integrativen, multimodalen oder multikausalen Ansätzen in der Therapie somatischer, psychosomatischer und psychischer Leiden und das ist eine gute Entwicklung. Weniger schön ist, dass es öfter bei Absichtserklärungen bleibt und man sich in gewisser, kulturell naiver Weise daran gewöhnt hat, dass eine gute Absicht zu haben ein Wert an sich ist. Vor allem aber, haben wir eine gewisse Neigung uns auf ein unveränderliches Schicksal einzuschwören und in einer gewissen Weise halten uns Katastrophisierer nur den Spiegel vor Augen.

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