Kürzlich sorgten argentinische Polizisten für Erheiterung im Netz. Auf die Frage, wo 540 Kilogramm Cannabis aus der Asservatenkammer hinseien, antworteten sie, dass Mäuse es gefressen hätten. Mal abgesehen davon, dass Wissenschaftler der Universität von Buenos Aires diese krude Theorie sofort entkräften konnten, ist Cannabis zunehmend in den Fokus der Wissenschaft geraten. Wie gesund oder ungesund ist Kiffen fürs Hirn?

Abhängigkeitspotential von Cannabis

Eines vorweg, die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Dennoch wollen wir einige Forschungsansätze dazu, inwiefern Cannabis schädlich ist, an dieser Stelle aufzeigen.

Cannabis = Einstiegsdroge?

Aus der Psychiatrie weiß man, dass ein Großteil der drogenabhängigen Patienten auf Entzug mit dem Konsum von Cannabis begonnen hatten. Auch soll es statistisch gesehen einen Anstieg cannabisbedingter Psychosen geben, wobei häufig bei den Patienten Co-Abhängigkeiten existieren, was die Eindeutigkeit der Zuordnung erschwert. Eine akkurate Diagnostik, im Besonderen Differentialdiagnostik, ist diesbezüglich vonnöten.
Problematisch für eine spätere Abhängigkeit scheint vor allem der altersbezogene frühe Konsum des Rauschmittels zu sein. Auch scheinen hauptsächlich Jugendliche mit geringem sozialen Status für den Konsum anfällig zu sein. Ein Teufelskreis, der sich bedingt. Berücksichtigt man zudem die Studienlage, dass Cannabiskonsum gleichermaßen mit sozialem Abstieg verbunden ist.
Geht Cannabis als mögliche Einstiegsdroge also nur auf eine soziologische Kovariate zurück?

Cannabis macht Hirn anfälliger

Cannabis Pflanze Blatt

Kiffen fürs Hirn: Cannabiskonsum steht politisch, gesellschaftlich und wissenschaftlich in der Diskussion © manuel m. v. under cc

Forscher des Karolinska Instituts in Stockholm konnten in einer Studie aufzeigen, dass der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC), der in Cannabis enthalten ist, das Gehirn anfälliger für Opiate macht. Dieser Sachverhalt scheint sich vor allem auf das Gehirn von Heranwachsenden auszuwirken. In der besagten Studie von Ellgren et al. (2007) verabreichten sich Ratten selbst Opiate, mittels Hebel, den sie mit der Schnauze betätigen konnten. Selbstredend entwickelten alle Tiere eine Abhängigkeit.
Allerdings zeigten Tiere, die im »Teenageralter« eine kleine Dosis THC verabreicht bekommen hatten, ein wesentlich stärkeres Suchtverhalten mit deutlich höherem Konsum. Wie sich herausstellte, hatte der frühe THC-Konsum neurophysiologische Auswirkungen auf das Belohnungssystem im Gehirn der Tiere, sprich mehr Opioidrezeptoren sowie Veränderungen in der Produktion der neuronalen Botenstoffe. Folglich: Um einen Effekt durch die Drogen zu verspüren, benötigten diese Tiere eine deutlich größere Menge.

Neuronale Verjüngung durch Cannabis-Konsum?

Doch der Forschungsdiskurs wäre nicht so heftig entfacht, wenn es nicht auch positive Effekte durch Cannabis geben könnte. Einige Studien deuten darauf hin. So gilt Cannabis als Anwärter dafür, Alterungsprozesse im Gehirn aufhalten zu können. Provokant gefragt: Was wäre, wenn Kiffen tatsächlich gut fürs Hirn wäre?

Verjüngung: Kiffen fürs Hirn?

Forscher der Universität Bonn und der Hebrew University in Israel konnten in einer Tierstudie die Gedächtnisleistung von alternden Mäusen auf das Niveau eines Jugendlichen zurücksetzen. Durch eine niedrig dosierte Cannabis-Intervention (ohne Eintreten einer Rauschwirkung) konnte die Gedächtnisleistung, unter anderem die Lernfähigkeit sowie das Orientierungsvermögen und die Wiedererkennung, dieser Mäuse auf das Leistungsniveau von etwa zwei Monate alten Mäusen gebracht werden.

Gehirn altert schneller ohne Cannabinoid 1-Rezeptoren

Demonstration Cannabis Kanada

Cannabis legalisieren? Demonstration in Kanada © Cannabis Culture under cc

Ferner fanden die Wissenschaftler heraus, dass die Gehirne der Versuchstiere schneller altern, wenn die Mäuse keine oder weniger funktionsfähige Cannabinoid 1-Rezeptoren besaßen, was mit zunehmendem Alter der Fall ist, da die Menge der im Gehirn natürlich gebildeten Cannabinoide abnimmt.
Bei den nun gehirntechnisch verjüngten Mäusen zeigte sich Überraschendes: Die molekulare Struktur ähnelte der junger Mäuse, inklusive einer höheren Verknüpfung der neuronalen Zellen. Ein Zeichen für besseres Lernen.

Hoffnung bezüglich Demenz?

Sollten sich diese Erfolge aus Tierstudien auch auf das menschliche Gehirn übertragen lassen, böten sich womöglich völlig neue Ansätze zur Behandlung von Demenzerkrankungen. Was wäre, wenn es gelänge, die Alterungsprozesse im menschlichen Gehirn umkehrbar zu machen? Könnten wir unsere kognitive Kapazität durch eine niedrige Dosierung, die nicht abhängig macht, steigern?

Macht Cannabis doch nicht dumm?

Eine Frage, die durchaus streitbar ist. Vor allem, da die Studienlage zu Cannabiskonsum und die Effekte auf die menschliche Intelligenz nicht eindeutig ist. Zwei Langzeitstudien an Zwillingen geben weiteren Zündstoff für die Diskussion, inwieweit Kiffen fürs Hirn Vorteile oder Nachteile mit sich bringt.

Forscher an der University of South California in Los Angeles konnten durchaus Effekte des Cannabiskonsums im Jugendalter auf die aktuelle und spätere Intelligenz finden. Über einen Zeitraum von acht Jahren begleiteten die Forscher die Probanden. Messzeitpunkte für die Intelligenzermittlung waren im Alter von neun bis zwölf und im Alter von siebzehn bis zwanzig Jahren. Über den gesamten Zeitraum wurden die Heranwachsenden bezüglich etwaigen Cannabiskonsums befragt.

IQ niedriger? Cannabis versus clean

Insgesamt, so zeigte sich, erzielten die Cannabis-Konsumierenden schlechtere Ergebnisse in den standardisierten Intelligenztests im Vergleich zu den nichtkonsumierenden Altersgenossen. Darüber hinaus zeigte sich bei ihnen eine Abnahme der kristallinen Intelligenz, welche durch Umwelteinflüsse wie zum Beispiel Training veränderbar ist.

Demgegenüber gilt anscheinend nicht: Je mehr Cannabis-Konsum, desto dümmer. In der Studie der Forschergruppe um Jackson et al. (2016) fand sich kein korrelativer Zusammenhang zwischen der stärkeren Häufigkeit des Konsums und einem stetig niedriger werdenden Intelligenzquotienten.

Cannabis ohne Einfluss im Zwillingsvergleich

Kirschen Twins

Störvariablen verringern: Zwillingsstudien haben den Vorteil, dass genetische und Umwelteinflüsse bei beiden Geschwistern relativ gleich sind. © Simone Bosotti under cc

Zudem überraschend: Betrachtet man die einzelnen Zwillingspaare, so zeigte sich keine signifikante Verschlechterung im IQ beim konsumierenden Zwilling im Vergleich zum nichtkonsumierenden Zwilling.
Die Unterschiede in der Verschlechterung der Intelligenz durch den Cannabiskonsum, welche in der Kohorte gefunden worden sind, finden sich also nicht, wenn man die Zwillinge miteinander vergleicht.

Störvariable Umwelt

Hoch anzurechnen ist den Forschern der University of South California, dass sie einen wissenschaftlich verantwortungsvollen Schluss ziehen. Offenbar ist der in der Gesamtkohorte gefundene Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und abnehmender Intelligenz auf Drittvariablen zurückzuführen. So könnte zum Beispiel das schlechtere soziale Umfeld der Zwillinge sowohl zu Cannabiskonsum als auch zu einer Abnahme der kristallinen Intelligenz führen, durch unter anderem eine schlechtere Schulbildung und weniger Lernen.

Wer nun ungehemmt dem Kiffen frönen will, sollte dennoch vorsichtig sein. Die Studienlage zeigt lediglich, dass es noch weiterer genauer Forschung bedarf. Berücksichtigt werden muss auch die soziale Erwünschtheit als unbekannte Variable, die Zusammenhänge beeinflussen kann, da es sich um eine Selbstauskunft der Jugendlichen handelt. Außerdem wurde die konsumierte Menge nicht erhoben und vieles mehr.
Auch die Motive, warum es zu einem Cannabiskonsum kommt, könnten durchaus von Belang sein in Bezug auf die spätere kognitive Entwicklung. Denn auch Versagensängste können unter Umständen zu Leistungsbeeinträchtigungen führen, genauso wie zu einem potentiellen Cannabiskonsum. Inwiefern Kiffen fürs Hirn also einen positiven oder negativen Effekt hat, konnte bisher noch nicht eindeutig geklärt werden.

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