Junge vor Mauer

Gute Laune sieht anders aus. © greg westfall under cc

Als ich vor etwa zwei Jahren Weltuntergang oder alles in bester Ordnung? schrieb oder auch schon vor dreieinhalb Jahren Verunsicherung, hatte es zwar einen Grund, warum ich dies als Thema wählte, aber ich dachte, der könne bald überwunden werden, doch noch immer sind viele Menschen schlecht gelaunt und aggressiv und mindestens in meinen Beobachtungsfenster nimmt diese schlechte Laune eher noch zu.

Paradoxerweise in einer Zeit, in der sich andererseits die Erfolgsmeldungen überschlagen, wie selten zuvor. Um nur zwei Beispiel anzuführen: Christian Stöcker im Spiegel und Watson aus der Schweiz.

Oder ist die Laune gar nicht schlecht? Ist auch das nur eine Verzerrung? Laut aktuellem Glücksatlas ist der Wert von 2017 annähernd wie 2016 und beide etwas höher als in den letzten Jahren. Gleichzeitig sagen die Deutschen aber, dass es ihnen zwar gut geht, sie Deutschland aber für eine ungerechtes Land halten. Wie passt das alles zusammen und wie kommt es zu dieser Diskrepanz zwischen dem Lebensgefühl und den Fakten?

Ich denke, man kann das nicht auf den einen Punkt reduzieren, wenn man nicht gerade zu einer Gruppe gehört, die es gewohnt ist, alles auf genau einen Faktor zu reduzieren. Heute kommt das gerne mal politisch daher und die Rechte gibt den Flüchtlingen die Schuld, oder eben einer Clique die das politisch gewollt hat, die Linke gibt dem Neoliberalismus die Schuld, oder der Clique, die vermeintlich dahinter steckt. Ich vermute, es gibt ein ganzes Bündel an Ursachen, die sich gegenseitig verstärken. Doch viele Bälle im Spiel zu halten, ist für viele offenbar schon eine zu anspruchsvolle Übung, was insgesamt kein gutes Zeichen ist.

Soziale Medien

Das Internet und die sozialen Medien haben unsere Welt verändert, das kann man schwer leugnen. Hier sind vor allem zwei Effekte führend:

Zum einen vermittelt uns das Internet einen Zugang zu Wissen und Informationen, wie man ihn schöner kaum finden kann. Selbst wenn man bestimme Hatespeech Gruppen sicher kritisch sehen muss und das Internet auch ein grausamer und verschrobener Ort ist und auch Wikipedia immer wieder ins Gerede kommt, hat doch der, der damit umzugehen weiß, einen Zugang zu Wissen, wie selten zuvor. Theoretisch.

Praktisch dient das was man im Internet tut, nicht rund um die Uhr der Bildung und der Vergrößerung des eigenen Horizonts und Reflexionsvermögen, sondern zu einem hohen Anteil darin, die Lust nach Klatsch und Tratsch, Spielen, Kaufen, Pornos und Sonstigem, was eher der Ablenkung und Bewältigung der Langeweile, statt der Wissensvermehrung dient, zu befriedigen.

So, und auch weil wir in der ungefilterten Fülle eher untergehend und überfordert sind, schafft man sich seine eigenen Nischen, die auch Echokammern genannt werden. Dort konsumiert man was bekommt und gefällt, inklusive dem kurzen Gruselgefühl und dann zieht man sich wieder in seine gewohnte Welt zurück. Da soziale Medien und Internet einen weitaus höheren Stellenwert haben als vor Jahren, wird diese Nische immer mehr gekräftigt. Man konsumiert und bekommt, was man erwartet und aktuell fühlen sich einige erst richtig gut, wenn sie sich richtig schlecht fühlen können und das Blut in Wallung gerät. Wut und Hass sind keine Zustände, die man unbedingt meidet, sondern durchaus welche, die sich prickelnd anfühlen und die mindestens motivierend sind. Um seine Feinde und Gegner kümmert man sich oft länger und intensiver, als um seine Freunde.

Insofern kommt vom Weltganzen oft wenig in den eigenen vier Wänden an. Gleichzeitig kann man sich aber von jedem Ort der Welt, auch via Internet, Bestätigungen für das holen, was man denkt. Wir sind deutlich besser vernetzt und schneller, aber nicht unbedingt besser informiert.

Verzerrung der Daten

Die Hurrameldungen sind sicher zu einem hohen Maße echt und redlich. Dennoch kann ihre Zusammenstellung selektiv sein. Sehr oft kennt man private Gegenbeispiele oder ist selbst eines. Dass wir so wenig arbeiten, wie nie zuvor in der Geschichte, ist für den Langzeitarbeitslosen ein Hohn und für den flotten Start Up Unternehmer ein Witz. Und natürlich gibt es die Start Ups aus dem Bilderbuch, gerade die dicken Online oder IT-Riesen sind die letzten Oasen der Geschichte von Tellerwäscher zum Millionär, aber viele Start Ups, reißen ihre 70 bis 80 Wochenstune runter und verzichten auf Urlaub, nur die ersten Jahre, heißt es, bis man am Markt etabliert ist. Und wenn nicht und man sich nur so eben über Wasser hält oder pleite macht? Dann arbeitet man im Akkord weiter oder gründet das nächste Unternehmen, wieder nur ein paar Jahre mit erhöhtem Arbeitsaufkommen. Start Up Unternehmer zu sein ist längst keine Goldgrube mehr, ebenso wenig wie Arzt. Das mögen Einzel- und Sonderfälle sein, aber doch nicht so selten, dass man niemanden kennt, der davon betroffen ist. Oder fragen Sie mal Pflegekräfte, wie entspannt deren Arbeit ist.

Wichtiger erschient mir aber, dass man zum sicher erfreulichen Bild der Weltsituation zusätzlich noch auf den regionalen Bereich schaut. Es mag Jammern auf hohem Niveau sein, wenn man ein lahmes Internet beklagt und darauf hingewiesen wird, dass anderswo in der Welt gerade Menschen verhungern. Vielleicht ist dieser Vergleich aber auch in eine andere Richtung unpassend, denn wir definieren uns nicht als Land, in dem man täglich ums Überleben kämpfen muss und da muss man die Standards eben mit denen ähnlicher Länder vergleichen. Dass woanders Krieg ist oder Menschen verhungern, kann kein Dauerargument für alles sein. Aus dieser Sicht sieht es dann mit dem Internet nicht mehr so toll aus und mit anderen Aspekten der Infrastruktur auch nicht. Einen signifikanten Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland sah man vor allem an den Straßen. Im Westen waren sie gut befahrbar, im Osten merkten man einen deutlichen Unterschied. Fast 30 Jahre nach der Wende gibt es dieser Unterschied noch immer, nur dieses Mal gibt es die schlechten Straßen und Schlaglöcher im Westen. Ist halt ärgerlich, weil teuer, wenn das eigene Auto davon kaputt geht und gefährlich, wenn man mit dem Fahrrad nicht mehr gefahrlos fahren kann.

Die Verkehrspolitik der Innenstädte ist ohnehin oft ein konzeptloses Fiasko. Selbst in Ballungsräumen sind gute Verkehrsanbindungen eher selten, der schlanke Umstieg klappt kaum, von ländlichen Regionen ganz zu schweigen, wo ein Einkauf mit öffentlichen Verkehrsmitteln schon mal zur Tagesreise wird. Und das ist noch längst nicht alles, wenn man sich die Wartezeiten anschaut, die man als Kassenpatient hat, um einen Facharzttermin zu bekommen, wenn man darauf schaut, wie das Thema Integration klappt, wenn man darauf schaut, dass Depressionen und Ängste deutlich zunehmen und wenn wir uns den Zustand der Weltpolitik anschauen, in der Autokraten und nationalistische Tendenzen mehr Gewicht bekommen, was nicht wenige Menschen mit Sorge sehen, eine Sorge, die man nicht als gänzlich irrational abtun kann.

Es wäre angemessen und fair, zu den erfreulichen Meldungen auch die andere Seite zu präsentieren, denn so stehen sich ziemlich unversöhnlich zwei Lager gegenüber, deren Interpretationen der Welt kaum gegensätzlicher sein kann.

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