In den letzten Artikeln haben wir uns mit der multiplen Persönlichkeit beziehungsweise der Dissoziativen Identitätsstörung näher beschäftigt. Darüber hinaus gibt es noch weitere Dissoziative Störungen, welche von der Dissoziativen Identitätsstörung häufig schwer abzugrenzen sind. Diese wollen wir in diesem Artikel anhand von Fallbeispielen erläutern. Doch bevor wir auf Fallbeispiele Dissoziativer Störungen Bezug nehmen, werden nachfolgend die diagnostischen Kriterien aufgeführt, die allen Dissoziativen Störungen gemein sind.

Gemeinsamkeiten Dissoziativer Störungen

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Dissoziative Fugue: Wenn man mit einem Mal aus seinem Leben ausbricht und, ohne es zu wissen, in einer anderen Stadt ein völlig neues Leben beginnt. © Lars Plougmann under cc

Im psychiatrischen Klassifikationssystem ICD-10 werden die dissoziativen Störungen (beziehungsweise Konversionsstörungen) durch nachfolgende Aspekte gekennzeichnet:

  • teilweise oder völliger Verlust der normalen Integration der Erinnerung an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, der Wahrnehmung unmittelbarer Empfindungen sowie der Kontrolle von Körperbewegungen
  • zumeist nach einigen Wochen oder Monaten vorübergehende oder dauerhafte Remission, das heißt ein Nachlassen der Symptome, ohne dabei den Zustand der Genesung zu erreichen – vor allem wenn Beginn mit traumatisierendem Ereignis in Zusammenhang steht
  • wenn Beginn mit unlösbaren Problemen und zwischenmenschlichen Schwierigkeiten verbunden, Neigung zu chronischen Störungen insbesondere Lähmungen und Gefühlsstörungen
  • Ausschluss organischer Ursachen
  • Funktionsverlust verkörpert Krankheitsmodell des Betroffenen und ist Ausdruck emotionaler Konflikte und Bedürfnisse
  • oft plötzliches Auftreten der Symptome, häufig in Verbindung mit psychischer Belastung
  • beinhaltet ausschließlich Störungen der Körperfunktionen, die im Normalfall der willentlichen Kontrolle unterliegen (inklusive Verlust der Sinneswahrnehmungen); andernfalls siehe Somatisierungsstörungen (F45.0)

Fallbeispiele Dissoziativer Störungen

Selbstredend ist die Aufzählung verschiedener dissoziativer Störungen nicht erschöpfend. Und auch die Fallbeispiele Dissoziativer Störungen sind nicht maßgeblich für die jeweilige psychiatrische Diagnose. Sie sind nur ein Beispiel, wie das Störungsbild aussehen kann.
Weiterführend wird auf das psychiatrische Klassifikationssystem ICD-10 verwiesen sowie auch auf die Lehrbücher Psychiatrie und Psychotherapie und Dissoziation: Theorie und Therapie.

Dissoziative Amnesie

Die Dissoziative Amnesie ist durch den unvollständigen/selektiven Verlust der Erinnerung für bestimmte, meist traumatische Ereignisse gekennzeichnet, welcher nicht durch organische Ursachen erklärt werden kann und der über die übliche Vergesslichkeit beziehungsweise Ermüdung hinausgeht.

Bus Southwick Square

Selbst wenn man sich an das Trauma nicht mehr erinnern kann, können Trigger dazu führen, dass man damit zusammenhängende Umstände meidet. © Les Chatfield under cc

Klinisches Fallbeispiel: Die neunundzwanzigjährige Patientin, welche in einer psychotherapeutischen Praxis vorstellig wurde, schilderte große Ängste, die »jetzt mit den Jahren« noch schlimmer geworden seien. In der Kindheit habe sie Vernachlässigung erfahren und sei schon immer sehr zurückhaltend gewesen. Mit ihren Ängsten habe sie bisher einigermaßen umgehen können, jedoch nun sei eine weitere, sehr einschneidende Angst dazugekommen. Sie könne ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen, da sie seit einiger Zeit öffentliche Verkehrsmittel meide. Im Laufe der Therapie zeigte sich, dass der Patientin vor einigen Monaten beim Aussteigen aus dem Bus ein Mann, der sie dort entdeckt hatte, gefolgt war und von dem sie vergewaltigt worden war. An die Vergewaltigung erinnerte sich die Patientin zunächst nicht, nur der Trigger »öffentliche Verkehrsmittel« blieb ihr indirekt in Erinnerung und war seitdem negativ behaftet.

Dissoziative Fugue

Die dissoziative Fugue geht mit einer dissoziativen Amnesie allerdings darüber hinaus mit einer deutlichen, zielgerichteten Ortsveränderung einher, zudem mit einer Diffusion in Bezug auf die Identität, welche nicht das Ausmaß einer Dissoziative Identitätsstörung hat. Das Verhalten der Betroffenen kann auf Dritte vollständig normal wirken.

Klinisches Fallbeispiel aus dem DSM-4: Ein zweiundvierzigjähriger Imbisskoch geriet nach einer Auseinandersetzung mit einem Gast in den Fokus der Polizei. Der Mann gab an, erst vor Kurzem in die Stadt gekommen zu sein. Er verfügte über keinerlei Dokumente, die seinen angegebenen Namen oder seine Identität bestätigen konnten. Auch an die Zeit, bevor er in die Stadt gekommen war, konnte er sich nicht erinnern. Ermittlungen der Polizei ergaben, dass der Mann vor einem Monat von seiner Ehefrau vermisst gemeldet worden war. Er stammte aus einer Stadt, gut 300 Kilometer entfernt, und hatte zuvor als Manager gearbeitet. Die Ehefrau des Mannes bestätigte dessen Identität. Er dagegen besaß weiterhin keinerlei Erinnerung an seine Frau oder sein früheres Leben. Als Auslöser für die dissoziative Fugue beim Patienten konnte starker, anhaltender beruflicher sowie privater Stress ausgemacht werden.

Dissoziativer Stupor

Verringerung oder Fehlen von willkürlichen Bewegungen und normalen Reaktionen auf äußere Reize wie Licht, Geräusche oder Berührung, die nicht auf eine organische Ursache zurückgehen, in Folge von zuvor stattgefundenen belastenden Ereignissen oder Problemen.

Klinisches Fallbeispiel: Von der Polizei in eine Klinik eingeliefert, wurde ein Mann, der vor einem Geschäft mehrere Stunden regungslos und in ungewöhnlicher Position auf einer Bank gesessen haben soll. Mit leerem Blick starrte er in die Ferne. Vom Geschäftsinhaber angesprochen, reagierte er nicht, folgte aber später ohne Widerstand der Polizei. Die spätere Anamnese seitens des medizinischen Personals ergab Stressauslöser sowie einen heftigen Unfall, an dem der Mann kurz davor beteiligt gewesen war.

Ganser-Syndrom

Rückansicht Mann auf Bank rosa Malerei

Bewegungslos in die Leere starren, kann im seltenen Fall auch mit einer dissoziativen Störung in Zusammenhang stehen. © zeevveez under cc

Gekennzeichnet ist das Syndrom durch unstimmige und falsche Antworten auf einfache Fragen beziehungsweise durch in sich nicht stimmige Handlungsabläufe.

Fallbeispiel aus dem Lehrbuch Dissoziation: Theorie und Therapie: Im Gespräch mit einem jungen Mann wird deutlich, dass selbst einfache Fragen, wie die Frage nach der Farbe der Sonne, falsch beantwortet werden. Die Antwort, die gegeben wurde, war: grün. Auf die Frage, wie viel zwei plus zwei sei, antwortete er: fünf. Auf die Frage, wo sich seine Söhne befinden würden, antwortete er, dass sie ausgezogen seien. Tatsächlich befand sich einer der Söhne im Internat, der andere im Krankenhaus. In der weiteren Anamnese stellte sich heraus, dass die schwere Erkrankung des Sohnes als Auslöser des vom Mann gezeigten klinischen Erscheinungsbildes galt.

Neben den hier genannten Dissoziativen Störungen gibt es noch eine Reihe weiterer, die in den psychiatrischen Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-5 aufgeführt sind. Einige besondere Fallbeispiele Dissoziativer Störungen sowie weiterführende Literatur wurden in diesem Artikel benannt und bilden damit den Abschluss unserer Reihe zu Dissoziativen Störungen. Dissoziative Störungen, allen voran die Dissoziative Identitätsstörung, sollten im klinischen Kontext sowie in der Forschungswelt, die Ernsthaftigkeit erfahren, die den tief greifenden kognitiven, emotionalen und somatischen Beeinträchtigungen der Betroffenen und dem Einschnitt für deren Leben angemessen ist. Das Bemühen einiger Vorreiter in Klinik und Forschung, sich diesem Störungskomplex systematisch zu nähern, ist sehr zu begrüßen.