Showhypnose

Als groteske Bühnenshow kennen die meisten von uns die Hypnose. © PhotoAtelier under cc

Rätselhaft ist die Rationalisierung in vielerlei Hinsicht, unter anderem deshalb, weil man sich bis heute fragen kann, was eigentlich genau aus ihr folgt. Es ist, vermutlich aus diesem Grund, sogar umstritten, ob sie als Abwehrmechanismus zu betrachten ist. Doch der Reihe nach.

Der Begriff Rationalisierung wurde 1908 vom Freudbiographen Ernest Jones in die psychoanalytische Literatur eingeführt, der Mechanismus wurde aber vermutlich im Jahr 1895 von Freud selbst, der zu dieser Zeit bei dem französischen Pathologen und Neurologen Jean-Martin Charcot in Paris weilte, gefunden. Als dessen Schüler nahm er an Vorlesungen über Hysterie teil, in denen Charcot auch die zur damaligen Zeit verbreitete Hypnose praktisch an Patienten einsetzte. Infolge der Beobachtung einiger Hypnosesitzungen stieß Freud schließlich auf die Idee der Neurose.

Definiert wird die Rationalisierung als ein „Vorgehen, durch welches das Subjekt versucht, einer Verhaltensweise, einer Handlung, einem Gedanken, einem Gefühl etc., deren wirkliche Motiv-neurose-hypnose-motive nicht erkannt werden, eine logisch kohärente oder moralisch akzeptable Lösung zu geben.“[1]

Die Entdeckung der Rationalisierung

Am besten kann man Freuds Idee an inzwischen vielfach durchgeführten Hypnoseexperimenten nachvollziehen, in denen Patienten in der Hypnose ein sogenannter posthypnotischer Befehl gegeben wird, also einer, der erst im Wachzustand, auf ein ebenfalls in der Hypnose suggeriertes Zeichen hin ausgeführt wird.

Ein Beispiel wäre, dass man einem Menschen in Hypnose suggeriert, dass er später, nachdem die eigentliche Hypnosesitzung beendet ist und wenn der Hypnotiseur dann hustet, aufstehen und den Regenschirm aufspannen wird. Der Proband selbst weiß nach der Hypnosesitzung von dieser Verabredung oder Suggestion nichts mehr. Das klingt halbwegs absurd, weshalb solche Experimente oft wiederholt wurden, immer mit dem Ergebnis, dass der Proband, auf das beliebig vereinbarte Zeichen, in dem Fall das Husten, tatsächlich aufsteht und mitten im Zimmer den Schirm öffnet. Die eigentliche Überraschung setzt jedoch in dem Moment ein, wenn man den Probanden fragt, warum er eigentlich gerade tut, was er tut. Es ist nämlich halbwegs absurd im Zimmer den Regenschirm aufzuspannen. Der Proband wird sich jedoch nicht groß irritieren lassen, sondern sogleich eine plausibel klingende Erklärung abgeben, wie etwa: „Ich hatte gehört, dass es demnächst regnen soll, da wollte ich mal schauen, ob mein Schirm noch in Ordnung ist.“

Eine bildschöne Rationalisierung, denn der Proband erweckt den Anschein, dass das was er tat, seinem ureigenen Motiv entsprang und unter normalen Umständen wären wir geneigt, sein Verhalten zwar als merkwürdig anzusehen, ihm aber ansonsten zu glauben. Warum sollte er das nicht so gewollt haben? Und genau das ist es auch, wovon er selbst zutiefst überzeugt ist, dass er selbst nämlich der Urheber seiner Handlung ist und niemand sonst. Doch die Zeugen der Hypnosesitzung wissen es besser und können versichern, dass er einfach nur dem Befehl des Hypnotiseurs folgte.

Diese Experimenten verstören, weil sie bei Personen, die hypnotisierbar sind, zuverlässig funktionieren. Sie verstören deshalb, weil das was der Betrachter beim anderen sieht, stellvertretend für ihn selbst steht. Auch er könnte so agieren. Übertreibungen und Ängste gehen in die Richtung, dass man auch Morde oder sexuelle Übergriffe, auf diese Weise suggerieren kann oder die Hypnose wird zur Idee einer umfassenden Manipulation aller Menschen ausgebaut. Dieser speziellen Frage sind wir in Sind wir alle manipuliert? ausführlich nachgegangen.

Nicht mal Herr im eigenen Haus

Freud aber sah dabei etwas, was niemand sonst entdeckte, nämlich die Frage, wie es denn wäre, wenn wir uns nicht nur nach Hypnosesitzungen mehr oder weniger falsch oder willkürlich zum Urheber unserer Handlungen erklären – ein hoch seltener Fall, überlegen Sie mal in für ihr eigenes Leben, ob sie auch nur drei Menschen kennen, die jemals hypnosisiert wurden – sondern auch in anderen, ganz alltäglichen Situationen.

Denn die eigentliche Lehre aus den Experimenten, ist ja, dass auch dann wenn ein anderer der Verursacher unserer Handlungen ist, wir der festen Überzeugung sind, wir selbst seien es. Dieser andere Verursacher muss kein Mensch sein und ist es in Freuds Theorie auch nicht, sondern sozusagen der unhörbare Kampf der inneren Instanzen in uns. In uns lebt ein biologisches Erbe, der einfache Wunsch unsere Bedürfnisse befriedigt zu bekommen und zwar natürlicherweise in dem Moment, in dem sie auftreten. Es ist das, was bei Freud später das Es genannt werden wird.

Durch Erfahrungen mit der Umwelt wird in uns aber eine verbietende und gebietende Instanz installiert, das Gewissen, oder wie es bei Freud heißt, das Über-Ich. Das Über-Ich, das uns oft sagt: „Nein, beherrsche dich, das darfst du nicht. Du musst es so und so machen.“ Desweiteren sprach Freud noch vom Realitätsprinzip, das unseren Wünschen Grenzen setzt und zwischen diesen Mühlsteinen wird das arme Ich zerrieben. Seine Aufgabe ist es, nach Freud, einen Kompromiss zwischen dem was realistisch möglich, vom Es gewünscht und vom Über-Ich erlaubt ist, zu finden. Das ist an sich schon schwer, noch schwerer wird es, wenn die Instanzen untereinander noch im Clinch liegen und aus dem Kompromiss zum Beispiel eine dauerhafte Unterdrückung unserer biologischen Bedürfnisse und Triebwünsche wird, das ist es, was Freud Neurose nennt.

Das mehr oder weniger starke Eigenleben der Instanzen führt zu der skeptischen Formulierung Freuds, dass das Ich nicht mal Herr im eigenen Haus sei, das heißt, egal wie gut und plausibel die Erklärungen sind, die uns jemand für die Motive seines Verhaltens gibt, es besteht immer der Verdacht, dass es auch ganz anders sein könnte. Wie bei dem Mann, der im Zimmer den Schirm aufspannte, das gut erklärte und sich, hinsichtlich seiner eigenen Motive, dennoch irrte. Nur, dass es in dem Fall kein anderer Mensch ist, der der wahre Verursacher ist, sondern eine unserer inneren Instanzen.

Die Rationalisierung ist auch deshalb ein rätselhafter psychischer Abwehrmechanismus, weil wir nicht so recht wissen, was wir mit seiner Erkenntnis nun anfangen sollen.