Es gibt Personen im Leben, denen begegnen wir mit besonderem Erstaunen: Menschen, die Schlimmes durchgemacht haben und trotzdem ein glückliches, autonomes Leben führen. Die das Scheitern nicht akzeptiert haben und immer wieder aufgestanden sind. Was haben sie, das andere nicht haben, die an ihrer schwierigen Vergangenheit zerbrochen sind? Dies ist eine Abhandlung mit der psychischen Widerstandsfähigkeit, auch genannt Resilienz.

Warum Resilienz heute wichtig ist

Leistungsgesellschaft – ein Stichwort, das oft genannt wird. Faktisch nimmt das Ausmaß psychischer Krankheiten zu und nicht wenige führen das unter anderem auf den gestiegenen Leistungsdruck zurück. Natürlich gibt es viele andere starke Risikofaktoren für psychische Krankheiten, aber der Leistungsdruck könnte zumindest ein Beschleuniger des Erwerbs von psychischen Leiden sein.

In einer Studie haben Hans-Ulrich Wittchen & Frank Jacobi herausgefunden, dass psychische Krankheiten die Lebenserwartung stärker senken als körperliche Probleme; ein beunruhigendes Fazit.

In den Medien gewann das Themenfeld „Resilienz/psychische Widerstandskraft“ in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung. Nicht verwunderlich – Resilienz kann Menschen in vielen Lebenslagen helfen. Und doch ist sie kein Gut, dass man eben mal im Internet bestellen kann.

Auf die Starken schauen

Frau tanzt mit rotem Tuch vor grauer Stadt

Von den Optimisten können wir lernen, wie man widerstandsfähig wird. © Myriams-Fotos gemeinfrei

Der englische Begriff resilience bedeutet so viel wie Elastizität. Sich anpassen können, auch wenn die Umstände schwierig sind, das macht es aus, resilient zu sein. Denn obwohl immer mehr Menschen zum Beispiel ein Burnout bekommen, gibt es auch diejenigen, die unter den gleichen anstrengenden Bedingungen gesund bleiben. Die positive Psychologie schaut sich diese Menschen an, um von ihnen zu lernen.

In ihrem Buch zum Thema beschäftigt sich die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt mit den Grundlagen der psychischen Widerstandskraft. Ihre gute Nachricht: Obwohl lange angenommen, ist diese kein stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Sie wird zwar meist in der Kindheit aufgebaut, es ist aber auch später noch möglich. Den unsicheren, hilfsbedürftigen Personen sollten dafür die Gedanken der Optimisten näher gebracht werden.

Widerstandskraft bildet sich oft in der Kindheit

Grüner Klee wächst auf Schutt und Asche

Trotz schwerer Vergangenheit schaffen es manche Menschen, ein neues Leben zu beginnen. © Bellezza87 gemeinfrei

Es gibt nicht viele Studien zum Thema Resilienz, da man hierfür Personen eine lange Zeit ihres Lebens beobachten müsste. Solche Forschungen sind zeit- und kostenintensiv. Dennoch führte Emmy Werner eine solche Längsschnittstudie durch. Sie befasste sich mit Bewohnern der Insel Kauai, auf der in den 1950er Jahren Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit in der Bevölkerung herrschte. Die Forscherin begleitete knapp 700 dieser Kinder, von denen 201 aus sehr schwierigen Verhältnissen kamen und/oder traumatisiert waren. Von den 201 Kindern konnte sich ca. ein Drittel trotz allem zu selbstständigen und zufriedenen Erwachsenen entwickeln. Werner fand, dass diese Kinder im Unterschied zu den anderen zwei Drittel, die weiter problembehaftete Leben führten, mindestens eine feste Bezugsperson hatten, an die sie sich wenden konnten, die konstant und liebevoll für sie da war und Grenzen setzte.

Die Bindungsforscher Grossmann & Grossmann haben eine ähnliche Theorie. Laut ihnen ist die zentrale Grundlage von Resilienz das Erleben einer psychischen Sicherheit als Kind. Diese Sicherheit befähige, „die Aufmerksamkeit gegenüber der äußeren Wirklichkeit nicht aufzugeben“ – sich also nach einer Enttäuschung nicht verzweifelt zurückzuziehen. Solche Hindernisse können unterschiedliche sein: eine zerbrochene Ehe, eine Krankheit oder eine harsche Kritik im Job. Wer aufsteht, kann auf seinem Weg weiterkommen.

Die Kombination gibt den Ausschlag

Man weiß mittlerweile, dass Resilienz eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umwelterfahrungen ist. Wenn das Kind zum Beispiel ein aufbrausendes Temperament hat, kann eine einfühlsame Bezugsperson dafür sorgen, dass diese Veranlagung nicht so stark in den Vordergrund tritt. Es gibt zum Glück nicht nur eine Ursache dafür, ob man ein widerstandsfähiger Mensch wird; die psychologische Forscherin Lena Korn schreibt dazu, dass auch eine mindestens durchschnittliche Intelligenz, eine Entlastung der Mutter und leider auch der sozioökonomische Status die Widerstandskraft beeinflussen.
Weiterhin hat die Forschung Faktoren festgestellt, die den Erwerb von Resilienz eher schwierig machen: Dazu zählen Hilflosigkeit, Impulsivität und passiv-aggressive Reaktionen auf Konflikte.

Als Erwachsener Resilienz trainieren

Mensch klettert Berg hoch im Dunkeln

Mit den richtigen Strategien lassen sich auch größere Hindernisse überwinden. © fxxu gemeinfrei

Auch im Alltag gibt es ganz unterschiedliche Hindernisse: Von psychischen oder körperlichen Krankheiten bis hin zu ernsthaften Streits mit nahestehenden Personen. Wer würde sich nicht wünschen, in solchen Situationen ruhig zu bleiben und entschlossen zu handeln?

Psychische Widerstandsfähigkeit kann man bei sich selbst fördern. Solche Tipps richten sich nicht an Menschen mit Traumata oder ähnlichem, die tiefgreifende Therapie brauchen, aber kleinere und größere Probleme im täglichen Leben lassen sich damit bearbeiten. Der US-amerikanische Psychologe Martin Seligman hat dazu eine Liste mit zehn Wegen zur Resilienz erstellt:

  • Soziale Beziehungen pflegen
  • Krisen als lösbar sehen
  • Akzeptanz von Veränderungen
  • Ziele setzen und darauf hinarbeiten
  • Aktiv Probleme anpacken
  • Sich selbst kennenlernen
  • Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
  • Langzeitperspektive behalten
  • Positive Zukunftserwartung
  • Sich um sich selbst kümmern

Letztendlich ist es ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren, die Resilienz entstehen lassen. Und die Entdeckung, dass Entwicklungsgeschichten mit denselben Schwierigkeiten dennoch unterschiedlich verlaufen können, schenkt Hoffnung. Denn das eigene Schicksal muss einen nicht verurteilen, mit allem zu scheitern.

Quellen