kleiner Junge, werfend am Strand

Hier sind Bewegung, Spaß und Neugier noch eine sichbare Einheit. © danabooo under cc

Auf die Idee, dass Depressionen und natürliche Rhythmen in einem Zusammenhang stehen, kommt man am ehesten bei bei der Diagnose der Depression. Denn es gibt nicht den einen Indikator für eine Depression, es müssen mehrere Symptome für eine längere Zeit zusammen kommen. Auch wechseln immer wieder die die Moden und damit auch die Ansichten darüber, ob und ab wann etwa Trauer normal ist und wann die Trauer als depressives Symptom zu bewerten ist.

Der Mensch als Mischwesen

Zur Frage wie natürlich oder nicht der Mensch leben sollte, gibt es zahlreiche Meinungen, die insgesamt daran kranken, dass der Naturbegriff fürchterlich unklar ist. Es gibt eine Einigung im Ungefähren, fast jeder hat zur Natur, Naturschutz oder Naturnähe eine positive Einstellung, in der Werbung kommen Begriffe die mit dem Bild des Natürlichen spielen in Ernährung, Kosmetik, Kleidung und Lebensführung gut an und wenn wir krank sind, steht bei sehr vielen von uns etwas aus dem Arsenal der Naturheilkunde hoch im Kurs.

Fragt man jedoch genauer, was die Einzelnen unter Natur verstehen, so sind die Abweichungen so dramatisch, dass der Begriff kaum zu gebrauchen ist. Da wird die Kultur oft als Gegensatz zur Natur gesehen und definiert, andere jedoch sehe den Menschen als Produkt der Natur und damit auch alles, was ihm entspringt, wobei dann auch Atomkraftwerke, Magnetresonanztomographen und Raumstationen Naturprodukte wären, was vom Naturbegriff der Ferien auf dem Bauernhof weit entfernt ist.

Dennoch sind wir Mischwesen, haben einen Körper und mindestens der, seine Triebe und Affekte sind tief in der Natur, verstanden als biologisches Erbe, verwurzelt. Dabei ist der Körper sehr träge, über abertausende Jahre tut sich da einfach nicht viel, großartige Mutationen sind Fehlanzeige. Die letzte größere war, dass einige Menschen Laktose tolerieren, eine leichte Veränderung beim Zahnstatus, ansonsten alles ähnlich wie in der Steinzeit. Biologisch sind wir also noch Steinzeitwesen, allerdings mit der Lebensweise der Zivilisation. Die körperlichen Folgen sind hinlänglich bekannt: Übergewicht, Verdauungsstörungen, mangelnde Fitness, Zivilisationserkrankungen dieser und jener Art.

Dabei ist die Psyche robust, meint es gut mit uns und ist obendrein noch erstaunlich anpassungsfähig. Was können wir nicht alles ertragen, egal wie angeblich widernatürlich es ist. Blitzschnell kann zumindest der Teil, den wir Geist nennen würden, sich auf neue Situationen und Lebensstile einstellen. Wenn wenigstens der Rahmen stimmt und es scheint, dass einige einen größeren und stabileren und einige einen kleineren brauchen. Doch vermutlich war es nie anders und schon Tierreich wird es Tiere gegeben haben, die robuster und ängstlicher waren, andere hingegen neugieriger und zurückhaltender.

Was wir insgesamt Psyche nennen ist eine Mischung aus allerlei Faktoren, etliche davon sind körperlicher Natur. Der Mensch hat vermutlich in einzigartiger Weise gelernt sich verschiedensten Bedingungen anzupassen und der Körper macht da sehr gerne mit, wenn man ein Ziel hat und die Motivation stimmt. Doch der Zusammenbruch der Motivation ist gerade ein Hauptproblem der Depressionen.

Zerfall der natürlichen Rhythmen: Ursache und Symptom zugleich

Dabei sind depressive Menschen oft nicht unmotiviert, sondern hochmotiviert. Da ist oder war nur irgendwo der Punkt, an dem sie einfach nicht mehr konnten, oft schon vor Jahren. Ab da begann das Leben immer freudloser und anstrengender zu werden. Wichtig ist, dass nicht irgendwelche besonderen Herausforderungen im Leben sind, die es schwer, trist und zäh werden lassen, sondern der ganz normale Alltag, also das, was den anderen scheinbar so leicht fällt. Depressive Menschen sind gerade nicht jene, die keinen Biss haben und sich vorschnell hängen lassen, nicht selten sind es ehemalige Leistungsträger oder wenigstens Menschen, die oft sehr fleißig waren und in 20 Jahren Arbeit nie einen Krankenschein hatten, wie sie nicht ohne Stolz erzählen. Nur, auf einmal und irgendwann wurde es immer schwerer, doch gerade Menschen mit einer Neigung zur Depression sind es oft nicht gewohnt frühzeitig auf ihre innere Stimme oder ihren Körper zu hören, der ihnen schon seit längerer Zeit es etwas anderes und sagt, auf seine Art: Eigentlich kann und will ich nicht mehr. Depressive Menschen erfüllen dennoch zäh und oft unter Aufwand aller zur Verfügung stehenden, aber schwindenden Kräfte, weiter ihre Pflicht, weshalb der oft nicht mal böse gemeinte Hinweis, sich doch einfach mal etwas zusammenzureißen, bei ihnen so schrecklich deplatziert und nicht selten wie ein Stich ins Herz ist: Denn das tun sie ja bereits, oft seit Jahren und weit über die Grenzen des Erträglichen und mehr als die anderen sich vorstellen können.

Was zu Depressionen zwingend dazu gehört sind Störungen der Vitalfunktionen nicht selten gleich mehrerer. Essen und Trinken, Wachen und Schlafen, Sex, ein vernünftiges Verhältnis von Rückzug und sozialen Aktivitäten sind dabei oft betroffen. Typisch ist, dass der Appetit nachlässt und man einfach nicht nur keinen Hunger mehr hat, sondern die Lust am und aufs Essen ist nicht mehr da. Man sagt manchmal, Essen sei der Sex der alten Menschen, aber auch junge können ihre Spaß daran haben, es ist einfach eine Quelle der Lust im Leben. Bei depressiven Menschen zumeist nicht die einzige Quelle, die versiegt.

Auch beim Sex ist es oft vorbei mit der Lust und wenn Sexualität kein Spiel mehr ist, was Spaß macht, sondern selbst zur Pflichtveranstaltung wird, dann stimmt etwas nicht und ein weiterer Pfeiler dessen, was das Leben lebenswert macht, ist weggebrochen. Dasselbe gilt für weitere natürliche Bereiche des Lebens, mit denen es eigentlich keine Probleme geben sollte oder müsste, aber inzwischen gibt es kaum mehr irgendwelche Selbstverständlichkeiten im Leben, also Bereiche, die unproblematisch ablaufen.

Auch ohne tiefe psychologische Kenntnisse zu besitzen, ist erkennbar, dass dort, wo die Lust aufs Leben immer geringer wird und dort, wo Entspannung und Erholung immer weniger selbstverständlich sind, das Leben immer anstrengender und freudloser wird. Und so werden die Symptome der Depression selbst zu Ursachen einer Depression. Gelegentlich kann es vorkommen, dass im Zuge einer Depression, die viele Gesichter hat, die Lebensbereiche, die sonst eher reduziert sind, verstärkt auftauchen. Maßloser Hunger, vor allem auf Kohlenhydrate oder eine verstärkte sexuelle Aktivität. Doch das sind eher seltene Erscheinungen, häufiger ist Reduzierung. Gemeinsames Band bei den Depressionen ist aber eine Abweichen von der Norm, die für diesen Menschen bisher gegolten hat. Depressionen und natürliche Rhythmen haben einen großen Zusammenhang.

Der Schlaf- und Wachrhythmus

So gut wie immer in bei depressiven Menschen der Schlaf- und Wachrhythmus gestört. Depressive Menschen Schlafen oft schlecht. Sie Schlafen schlecht ein und/oder werden früh wach und sind dann oft gezwungen die immer gleichen, fruchtlosen Gedankenschleifen zu ziehen, ohne Fortschritt, oder Ergebnis, reines Grübeln, nicht selten sind es Gedanken von Schuld und Versagen, die einem da den Schlaf rauben. Entsprechend energiearm und ausgelaugt fühlt man sich den Tag über, bei starken Formen der Depression ist man kaum noch in der Lage seinem geregelten Tagesablauf nachzugehen, zu groß die Antriebsarmut, zu bleischwer das unbekannte Gewicht, was da auf einem lastet, als müsse man jede Bewegung in einer zähen, klebrigen Masse ausführen. So ist man oft erschöpft, findet aber erneut keine Erholung in einem tiefen und erquickenden Schlaf, so dass die zähe Geschichte sich fortsetzt und ins Bett gehen zu müssen, zur Horrorvorstellung werden kann.

Oft werden die Symptome, die bei einer Depression im Rahmen der Pathologie auftreten aber auch von außen induziert. Das Schlafbedürfnis ist individuell, manche kommen ihr Leben lang mit 4 bis 5 Stunden Schlaf in der Nacht aus, wenn man jung ist, schläft man länger, als im Alter. Schlafforscher empfehlen jedoch etwa 8 Stunden und diagnostizieren, dass wir kollektiv deutlich zu wenig Schlafen, durchaus mit negativen Folgen für die Gesundheit. Man kann das glauben, weil der Körper und auch die Psyche buchstäblich vieles im Schlaf machen. So bringen wir uns aber in die Situation, die der Depressive im Rahmen seiner Krankheit erlebt: Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Übermüdung. Kunstlicht, und das blaulastige Licht der Smartphones und Computer sorgen dafür, dass der Körper auch abends noch eher aufgeputscht wird, statt abschalten zu können. Die Dauererreichbarkeit, die manche aus ihrer Arbeitswelt kennen, sowie der normale Stress, den man bisweilen hat, tragen ihren Teil dazu bei, dass viele heute nicht mehr abschalten können, zudem sorgen Alkohol und Schlafmittel oft noch dafür, dass die Schlafqualität sinkt und somit das, was den Schlaf eigentlich gesund macht, reduziert wird. Ein Teufelskreis.

Dennoch, wer jung fit und stabil ist wird all das gut ertragen und wenig Probleme haben. Man sollte aber im Hinterkopf behalten, dass es ein Baustein ist, den man dem Körper und seiner Psyche entzieht und auch immer mehr junge Menschen schwächeln inzwischen. Galten Studenten bisher als psychisch robust, so erkranken doch immer mehr von ihnen (und mehr als altersgleiche Nichtstudierende) an Depressionen, als Grund gelten Zeit- und Lerndruck.[1]

Die sind es auch, die die recht eigene, kleine, aber erwähnenswerte Gruppe der Workaholics oder leistungsorientierten Menschen ab und zu in die Knie zwingen. An sich sind diese durchaus glücklich mit ihren Stress und identifizieren sich voll mit der Leistung, inklusive dem wenigen Schlaf. Ausschlafen ist dort etwas für Pussies und Warmduscher. Durch Powernapping, Vitamine und vielleicht auch etwas Ritalin und Kokaik kann man sich effektiv erholen auf einem gefühlt hohen Level halten, meint man in dieser eigenen Welt, in der man die Kritikfähigkeit irgendwann verliert. Dennoch bricht auch hier immer mal wieder jemand zusammen und fällt in ein tiefes Loch der Depression.

Die Störung des Schlaf- und Wachrhythmus macht man sich auch therapeutisch zunutze, indem man durch bewusstes Schlaffasten (unter Aufsicht) depressive Patienten in gewisser Weise wieder die Reset-Taste drücken lässt, in der Hoffnung, dass der Körper seinen natürlichen Rhythmus wieder findet, was durchaus manchmal gelingt.

Essen und Verdauen

Puppe mit gespreizten Beinen, schwarzweiß

Er ist noch von lustvoller Neugier durchdrungen. © Thomas Leuthard under cc

Der nächste an sich natürliche Rhythmus der gestört ist, ist der von Essen und Verdauen. Essen kann so schön sein, doch schon die Flut von Essstörungen sorgt dafür, dass aus dieser an sich selbstverständlichen Geschichte leider oft ein entsetzliches Drama wird. Bei depressiven Menschen ist die unbeschwerte und lustvolle Nahrungsaufnahme nicht durch merkwürdige Ideale sabotiert, sondern durch eine Unlust am Essen selbst. Man hat keinen Appetit und nichts schmeckt mehr so richtig, oft entgegen dem, wie man es von sich selbst kannte. Denkbar ist natürlich auch hier, dass man sich durch eine jahre- und manchmal jahrzehntelange Selbstkasteiung aufgrund vorgeblich gesundheits- oder gewichtsbedingten Verzichts auf das, was man wirklich gerne Essen würde eine Quelle abgräbt, die dem Leben Würze und Fülle gibt.

Die andere Seite des Thema ist die Verdauung, die ebenfalls am besten funktioniert, wenn man wenig Theater um sie macht. Oft ist jedoch auch der Darm erlahmt, das Grundübel ist hier zu wenig Bewegung und dann manchmal ein reduzierter Stoffwechsel. Den haben depressive Menschen manchmal auch anzubieten, was man daran sieht, dass eine Schilddrüsenserkrankung, die den Stoffwechsel reduziert Symptome produzieren kann, die man von der Depression nicht unterscheiden kann. Durch Stress, Schmerz- oder Abführmittel, die den Darm normal kaum noch arbeiten lassen. Wer verstopft ist, kann auch auf anderen Ebenen nichts Neues aufnehmen, meinen zumindest einige aus der Abteilung Psychosomatik und da der Darm alles andere als ein einfacher Schlauch ist, sondern ein hochkomplexes Organ, steht eine Fehlfunktion sogar direkt in der Diskussion Depressionen auszulösen. In jedem Fall tut eine Rückkehr zur natürlichen Normalität auch hier gut.

Anspannen und entspannen

Anspannung und Entspannung sind die nächsten Kandidaten des Themas Depressionen und natürliche Rhythmen. Auch hier ist heute im durchaus größeren Rahmen etliches aus dem Rhythmus geraten, auf der Ebene des Körpers ebenso, wie auf der psychischen. Dadurch, dass wir uns körperlich oft nicht mehr richtig anstrengen, kommen wir kaum noch in die natürlich folgende Entspannung, in der der Körper regeneriert, Muskeln auf- und Stresshormone abbaut. Durch den häufigen Stress ist unser Körper aber in einer permanenten Alarmstimmung und das heißt, dass die Muskeln unseres Körpers oft verkümmern, dabei aber zugleich hart und dauerverspannt sind. Hier ist Entspannung über den Umweg der Aktivität gefragt, um den Körper langsam wieder mehr zu fordern, was zudem oft mehr Selbstvertrauen gibt, Glückshormone ausschüttet, erstens, weil man sich überwunden und zweitens, einfach weil man sich bewegt hat.

So werden auf denkbar einfachen Weg Schmerzen reduziert, die oft auch eine hohe Korrelation mit Depressionen haben und überdies ist die Therapie gegen chronische Schmerzen und Depressionen, auf vielen Ebenen erstaunlich parallel, bis in die Biochemie hinein, wo Medikamente, die gegen Schmerzen wirken, in höherer Dosierung antidepressive Effekte entfachen. Für beide gilt, dass Bewegung ein essentieller Bestandteil der Therapie ist.

Die Realität sieht heute anders aus. Hektik und Dauerstress bringen es oft mit sich, dass man nach der Arbeit einfach zu kaputt ist, um sich noch sportlich zu betätigen. Natürlich ist es hier oft ratsam den inneren Schweinehund dennoch zu überwinden, aber gerade bei depressiven Menschen ist hier Vorsicht geboten, denn sogar der Sport wird dann zu einem Bumerang, wenn er nur der nächste Punkt auf der Liste der Pflichtaufgaben ist, die man tapfer, aber ohne jeden Spaß abarbeitet.

Die Fülle der Emotionen leben und annehmen

Und so ist eine wesentlicher Punkt um wieder in einen natürlichen Rhythmus zu kommen, die Fülle der Emotionen zu leben. Depressive Menschen haben oft das Lachen und das Weinen verlernt, vor allem aber die Zufriedenheit. Manchmal deshalb, weil sie über Jahren versuchten auch ihre Emotionen zu sehr zu kontrollieren. Das ist eine andere Form als die depressive Phase beim zyklothymen Wechsel zwischen unterschiedlich stark ausgeprägten Manien, auf die dann in vielen Fällen unterschiedlich stark ausgeprägte Depressionen folgen. Doch nicht alle depressiven Menschen unterliegen dem Wechsel der Stimmung. Ihre einpolige Grundtonart ist ein tiefes Moll, manchmal aus der angstvolen Überlegung erwachsens, dass es nur schlimmer werden kann, wenn es gut ist. Darum besser nie in die Vollen gehen, dann ist der Absturz nicht so tief. Könnte man zumindest meinen, nur dass der Verzicht auf die Tiefen eben auch bedeutet, sich der Höhen zu berauben. Und das wirkliche schlimme Leiden ist nicht die Traurigkeit, sondern das Empfinden, von jedem Gefühl abgeschnitten zu sein.

Es kann zu einem Stück weit auch ein unfreiwilliges, weil erlerntes denkerisches und emotionales Training sein, sich die Welt schlecht zu reden, nur muss man bei depressiven Menschen mit solchen Hinweisen eher sparsam und vorsichtig sein, zumal die Depression, das dürfen wir nie vergessen, eine lebensbedrohende Krankheit ist. Wenn depressive Menschen Hinweise hören, wie schön das Leben doch eigentlich ist, so kann sie das noch mehr deprimieren, weil sie gefüht dann ’nicht mal dazu‘ in der Lage sind. Auch darf der stille Vorwurf der Undankbarkeit nicht aufkommen, den sich depressive Menschen auch dann zu Herzen nehmen, wenn man es selbst gar nicht so meinte. Depressive Menschen ziehen sich nicht selten den Schuh an, unfähig zu sein, die einfachsten Dinge hinzukriegen oder zu erleben, eine niederdrückende „Nichts mache ich richtig“ Haltung, die einem die erneute Legitimation gibt, sich schlecht zu fühlen.

Doch einen Blick für die schönen und unbeschwerten Seiten des Lebens zurück zu gewinnen, ist richtig, dort muss die Reise langfristig hinführen, egal in welcher dunklen und engen Höhle sie startet. Das Leben depresssiver Menschen ist nicht selten ein Ausdruck von unbewusster Selbstbestrafung. Männer benutzen tendenziell die Arbeit als Strafe, werden Workaloics, auch wenn sie keinem größenwahnsinnigen Programm folgen und bleiben weit länger als Frauen unter unzumutbaren Arbeitsbedingungen. Frauen nutzen Beziehungen als Strafe, indem sie Partner wählen, die weit unter ihrem Niveau sind. Beide Geschlechter tun es in dem Bewusstsein, es nicht besser verdient zu haben, oft genug einfach ein Resultat vielfach wiederholter Glaubenssätze, die man in der Kindheit hörte und nie infrage stellte und waren sie noch so primtiv: Dass man faul, dumm, ungeschickt ist und es nie zu was bringen wird. Eine Ebene tiefer existiert die Welt der Strafe für eine Schuld, die, eher unbewusst als vorbewusst ist, die man nie so ganz zu greifen kriegt und die oft so aussieht, als sei man irgendwie an allem schuld, inklusive daran, dass es einem jetzt so schlecht geht.

Wenn alles finster ist, ist gerade der Körper ein guter Partner um sich an und mit ihm wieder ins Land oder wenigstens auf Inseln der kleinen Freuden und des Unbeschwerten vorzuwagen. Oft ist es wirklich ein Wagnis, wenn man der stillen Überzeugung ist, man dürfe sich nicht wohl fühlen oder gar längerfristig zufrieden sein. Manchmal muss man tief in der Psyche graben, doch bei Depressionen ist es überraschend oft auch so, dass man sich einfach nur daran erinnern muss, dass man glücklich sein darf. Ein geradezu banal anmutendes Experiment dazu hat einfach dadurch funktioniert, dass man zutiefst unglückliche Menschen, sich blaue Punkte an verschiedene Orte in der Wohnung kleben ließ, die sie einfach nur daran erinnern sollten, dass sie glücklich sein dürfen. Es klappte sensationell gut.

Sexualität, Kreativität und Neugierde

Sexualität ist ein schöner Weg zur Entspannung, leider gepflastert mit Tabus, die gerade auch in unserer Zeit wirken, in der wir meinen die oft allgegenwärtige Übersexualisierung und leichte Verfügbarkeit der Pornographie, habe diesen Bereich enttabuisiert. Insofern sind Schuld und Selbstablehnung hier weiterhin mit den meisten Spielarten der Sexualität verbunden und sei es, dass dies über den Druck zahlreicher Affären statfindet, die dann doch auf dem Gewissen lasten. Häufiger ist die sexuelle Lust jedoch gehemmt und damit eine weitere natürliche Quelle, die an sich jederzeit zur Verfügung steht.

Erlaubt ist, was Spaß macht, leider haben Depressionen und natürliche Rhythmen hier die schlechte Wechselbeziehung, dass viele Ratgeber zwar sagen, man solle lernen, auf sich und den eigenen Körper zu hören, dann aber auch gleich mitliefern, was der eigene Körper dabei empfinden sollte, wenn man auf ihn hört. Man mag bestimmte Haltungen mit mehr oder weniger Recht kritisieren, bei Depressionen sollte es am wenigsten darum gehen, eine Korsett durch das nächste zu ersetzen, sondern jemandem zumuten und zutrauen wirklich mal für sich zu entdecken, was im Leben Spaß und Freude bringt, jenseits irgendwelcher Modelle von einem richtigen Leben.

Man wird nie alle Bereiche dieser natürlichen Rhythmen so leben können, wie die Natur es mal vorgesehen hat (was letztlich, wegen den unklaren Naturbegriffs nur eine Metapher sein kann) und der Mensch ist zäh und anpassungsfähig und kann Abweichung von vielen dieser Rhythmen für längere Zeit kompensieren. Doch klar werden sollte auch, dass wenn man immer mehr dieser natürlichen Rhythmen für eine immer längere Zeit missachtet, die Gefahr steigt, dass man sich durch diese Missachtung in einer immer größere Nähe zur Depression bringt. Da Depressionen weltweit zunehmen und sehr häufig sind, wäre das zumindest ein Ansatz, der mir diskutabel erscheint. Das Thema einfach unter Stoffwechselerkrankung abzuhaken, Tabletten zu nehmen und ansonsten alles weiter wie bisher zu machen, erscheint mir da fragwürdig.

Wenn der Weg in die Depression über den Körper, im Sinne einer Vernachlässigung seiner Bedürfnisse geführt hat, stehen die Chancen, dass hier tatsächlich eine simple Umkehr der richtige Weg ist, gar nicht schlecht. Im praktischen Leben wird diese simple Umkehr alles andere als simpel sein, das ist mir bewusst, aber sich auf die Mühen, vieles leichter zu nehmen, einzulassen, erscheint mit lohnend, denn Depressionen sind wahrlich kein Spaß. All das was auch für diesen Weg an Energie, Neurgierde, Kreativität und Lust fehlt, kann man sich behutsam (zurück)erobern, auch wenn man mitten in einer Abwärtsspirale meint, dies sie völlig aussichtslos.

Quellen