Eines der grundlegendsten Bedürfnisse des Menschen ist sozialer Art: Von Kindesbeinen an braucht er Beziehungen zu anderen Personen, um später ein eigenständiger Mensch zu werden. Bindungen lernen wir aus der Kindheit und nehmen sie mit in Partnerschaften, aber auch Beziehungen zu guten Freunden.

Warum Bindung für den Menschen wichtig ist

Bindung ist eine enge, langfristige Beziehung zwischen einem Kind und seinen Eltern oder einer anderen Bezugsperson, so lautet die Annahme des bekannten Bindungsforschers John Bowlby. Durch Bindung erfährt ein Kind Schutz in schwierigen Situationen und ist damit gut ausgestattet fürs Leben.

Versäumnisse in der Entwicklung von Bindung sind ein zentraler Risikofaktor für psychische Krankheiten. Jedoch unterscheidet die psychologische Forschung zwischen unterschiedlichen Bindungsstilen, die nicht zwangsläufig alle krankhaft sind. Sie stellen eine natürliche Variation innerhalb der Bindungsarten in der Bevölkerung dar.

Sichere Bindungen sind nicht selbstverständlich

Ein Bindungsstil ergibt sich aus den ersten Bindungen eines Kindes mit seinen Eltern oder stellvertretenden Bezugspersonen. Die Erfahrungen, die früh gemacht wurden, beeinflussen, wie wir Beziehungen als Jugendliche und Erwachsene führen und wahrnehmen. Der neueste Stand der Forschung ist eine Aufteilung in vier grundlegende Bindungsstile. Der Pionier der Bindungsforschung, John Bowlby, begründete in seiner Theorie die ersten drei: Seine Aufteilung erfolgt in unsichere und sichere Bindung.

Frau sitzt abgewendet von Partner auf einer Bank.

Menschen mit unsicher-vermeidendem Bindungsstil ziehen sich lieber zurück, um nicht verletzt zu werden. © Takmeomeo gemeinfrei

Eine sichere Bindung zeichnet sich durch Kontinuität und eine feinfühlige Bezugsperson aus. Dadurch entwickeln Kinder die Überzeugung, dass auf ihre Eltern Verlass ist.

Die unsicheren Bindungen gliedern sich, so Bowlby, in zwei weitere Typen. Der unsicher-vermeidende Bindungsstil steht für ein Bindungsverhalten, das von scheinbarer Unabhängigkeit und einem Abwehren von engem Kontakt gekennzeichnet ist. Kinder, die öfters zurückgewiesen wurden, entwickeln ein solches Bindungsverhalten mit einer schützenden Funktion, um nicht verletzt zu werden. Ein weiterer als „unsicher“ geltender Bindungsstil ist der unsicher-ambivalente, der oft Folge einer unentschieden und widersprüchlich agierenden Bezugsperson ist. Infolgedessen entwickeln Kinder ein widersprüchliches Verhalten zwischen Anklammern und Abweisen, weil sie sozusagen ihre Bezugsperson spiegeln. Diese Kinder reagieren überdurchschnittlich ängstlich in Trennungssituationen und begegnen Fremden mit Misstrauen.

Der vierte Bindungsstil wurde erst einige Zeit später klassifiziert, da sich manche Kinder in keines der drei Schemata einordnen ließen: Kinder mit dem desorganisierten Bindungsstil bringen oft Bewegungen nicht zu Ende, kehren auf halbem Weg zu ihren Eltern um und legen ein chaotisches Beziehungsverhalten frei von jeder Regelmäßigkeit an den Tag, was oft die Folge von Missbrauch, schwerer Vernachlässigung oder psychisch selbst stark traumatisierten Elternteilen ist. Letzterer Bindungsstil wird von vielen Forschern als pathologisch betrachtet.

Tatsächlich gelangte die Forschung zu der Erkenntnis, dass Bindungsstile kulturübergreifend ähnlich verteilt sind: 60 Prozent der Menschen sind in etwa sicher gebunden, während bei je ungefähr 15-20 Prozent einer der beiden unsicheren Bindungsstile erlernt wurde. Bei ca. 3 Prozent ließ sich ein desorganisierter Bindungsstil ermitteln.

Mit einem sicheren Bindungsstil ist es am einfachsten, Vertrauen in sich und die Welt zu erlangen. Doch auch für Menschen mit Bindungsstilen, die eher unsicher sind, gibt es Möglichkeiten zur Veränderung.

Bleibt Bindungsverhalten ein Leben lang gleich?

Zwei junge Frauen halten sich fest. Sie stehen auf einer Wiese.

Auch in Freundschaften dominiert der eigene Bindungsstil. Durch positive Erfahrungen kann sich dieser aber verändern. © Free-Photos gemeinfrei

Auch Erfahrungen im Erwachsenenalter prägen einen Menschen. So haben jüngst Forscher in Studien einen „Neuheitseffekt“ gefunden, der postuliert, dass unsere Bindungsstile mit der Zeit überschrieben werden können, wenn wir als Erwachsene deutlich andere Bindungserfahrungen machen. Dieser Prozess ist jedoch ein langsamer, zeitaufwändiger.

Laut anderen Studien laufen Menschen außerdem Gefahr, sich selbst in einen Teufelskreis zu bringen: Denn wenn sie als erwachsene Person nach Bindungen suchen, die den ersten Erfahrungen als Kind entsprechen, verstärkt sich der bereits erlernte Bindungsstil noch zusätzlich. Hier ist also eine gewisse Portion Selbstreflektion nötig, um gegebenenfalls neue Richtungen einzuschlagen. Bindungsstile sind im Erwachsenenalter nicht mehr so offen ersichtlich wie bei Kindern, bei denen zum Beispiel die Reaktion darauf untersucht wird, dass die Mutter den Raum für einige Minuten verlässt, was als „Fremde-Situations-Test“ nach Mary Ainsworth bezeichnet wird.

Prävention von unsicheren Bindungen

Wieder einmal beweist sich die Empathie oder Feinfühligkeit einer Bezugsperson als Schlüsselfaktor, um einem Kind sichere Bindung zu ermöglichen, das ergibt eine Studie. Auf der Basis dieser Erkenntnis wurden Interventionsprogramme entwickelt, um die Feinfühligkeit der Mutter zu trainieren. Diese Programme haben deutlichen Erfolg und sind daher ein geeignetes Mittel, um Bindungsproblemen entgegenzuwirken.
Letztendlich sind Bindungsstile in der Psychologie eine grobe Einordnung und es gibt auch immer einige Kinder zwischen den Kategorien. Die Stile sollen helfen, Verhalten besser zu verstehen und stellen gleichzeitig ein Merkmal dar, das veränderlich bleibt.

Quellen