Wenn Ricarda S.* am frühen Abend ihren Säugling für die Nachtruhe bereit macht, hat sie ein Ritual. Der kleine Junge liegt auf seiner Wickelkommode. Seine Mutter steht davor. Die studierte Pädagogin beginnt zu singen: »Zwei Händchen, zwei Füßchen und einen kleinen Bauch …« Ein Lied mit eingängiger Melodie, welches sie selbst erfunden hat. Dabei tippt sie auf die jeweiligen Körperteile beim Baby, die sie besingt. In der Interaktion mit dem Baby habe es sich einfach ergeben, so Ricarda. Da ihr Junge darauf mit fröhlichem Glucksen reagierte, sang Ricarda am nächsten Abend das gleiche Lied noch einmal. Am darauffolgenden Abend erneut. Auf die Weise etablierte sich ein Ritual vor dem Zubettgehen, welches Mutter und Sohn miteinander verbindet. Warum spielen mit dem Baby wichtig ist, zeigt allein schon diese geschilderte liebevolle Interaktion zwischen Mutter und Kind. Eigentlich bedarf es keiner psychologischen Erkenntnisse dafür. Dass es sich gut anfühlt, spielerisch Zeit mit dem Baby sowie später mit dem Kind zu verbringen, weiß nahezu jede Mutter und jeder Vater.

Doch wir wären keine wissenschaftlich ausgebildeten Psychologen, wenn wir nicht dennoch eine Studie dazu parat hätten. Und manches Mal kann es ja durchaus etwas nützen, die wissenschaftlichen Hintergründe zu kennen. Denn das soziale Spielen bereits im Babyalter ist nicht nur eine alltägliche Routine, auf die sich Mutter beziehungsweise Vater und Kind freuen. Es geht nicht allein um die Zeit, die beide ausschließlich für sich haben. Eine Studie der Universität Wien fand heraus: Hinter solchen sozialen Routinespielen steckt noch viel mehr. Spielen ist aus psychologischer Sicht wichtig, »selbst« für Babys.

»Hoppe, hoppe Reiter«: Soziale Spiele mit Baby

Baby mit offenem Mund und Ringelshirt

Babys Erstaunen und Fröhlichkeit zeigt, warum spielen mit dem Baby wichtig ist. © Ted Murphy under cc

Zunächst einmal wäre wichtig zu klären, was genau soziale Routinespiele mit dem Baby eigentlich sind. Beispielhaft zu nennen, wäre hierbei ganz klassisch: »Hoppe, Hoppe Reiter« – ein Spiel, welches Babys und Kleinkinder bereits seit Generationen erfreut. Ein anderes Beispiel, nicht weniger bekannt, ist: »Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen«. Mancherorts gelten diese Spiele als unmodern, als veraltet, doch ihre Funktionen für die kognitive Entwicklung des Kindes sowie für das soziale Beisammensein sind ihnen nicht abzusprechen. Alle diese Spiele vereint eine Kombination aus Sprechgesang oder Gesang, eingängiger Melodie, Takt, Berührungen beziehungsweise Gesten und Mimiken. Sie sind vorhersehbar und an die Kognition des Babys angepasst. Und nicht zu vergessen: Sie zaubern jedem Baby ein Lächeln aufs Gesicht.

Warum ist Spielen mit dem Baby wichtig?

Die Entwicklungspsychologin Gabriela Markova von der Universität Wien ging den Fragen nach, welche Mechanismen frühe spielerische Handlungen mit Babys unterstützen und warum spielen mit dem Baby wichtig ist. In der von ihr durchgeführten Studie beobachtete sie spielende tschechische Mütter mit ihren vier Monate alten Säuglingen bei natürlichen sozialen Interaktionen. In 76,7 % der untersuchten Mutter-Kind-Dyaden konnten soziale Routinespiele festgestellt werden, ohne dass die Mütter in irgendeiner Form instruiert wurden. Etwa ein Drittel der sozialen Interaktionszeit verbrachten Mütter und Babys mit Spielen. Wie es scheint, spielen Mütter, welche eine höhere Anzahl an Bildungsjahren aufweisen, im Durchschnitt häufiger mit ihren Kindern als Mütter mit einer geringeren Anzahl an Bildungsjahren.

Mama sitzend auf Boden, Kind sitzt auf Mamas Knien

Kuscheln und miteinander spielen unterstützt die Mutter-Kind-Bindung. © Adam Tas under cc

Offenbar setzen Mütter diese sozialen Spiele unter anderem zur Aufmerksamkeitslenkung ein, etwa dann, wenn die Babys gerade nicht mit ihnen interagieren. Soziale Routinespiele scheinen also tatsächlich eine gewisse unterstützende Bindungsfunktion zwischen Mutter und Kind zu haben. Außerdem wurden die Spiele häufig angewandt, um zum Beispiel die Emotionen des Babys zu regulieren, etwa wenn Frustration entstand. Soziale Spiele scheinen demnach auch zur Entstehung einer »Komfort-Zone« fürs Baby zu dienen. Sie sind vorhersehbar für das Baby, das Kind kennt diese Spiele und sie machen Spaß.
Für die Kleinsten der Kleinen besteht mittels sozialer Spielroutinen die Möglichkeit, bereits an sozialen Interaktionen teilzunehmen und auf die Art, ihr soziales Verhaltensrepertoire aufzustocken.

Soziale Spiele und Babys Stimmung

Insgesamt war in der Studie zu beobachten, dass Babys während dieser sozialen Interaktionsspiele, einen stärkeren positiven Affekt aufwiesen und weniger negative Affekte im Vergleich zu Interaktionszeiten ohne Ritualspiele. Kurzum, sie zeigten sich fröhlicher. Allerdings konnten soziale Routinespiele nicht die Tages-Grundstimmung des Babys beeinflussen. Mit anderen Worten: Hat das Baby einen schlechten Tag, vermag ein soziales inniges Miteinander nebst ritualisierten Spielen es vorübergehend aufheitern, dennoch bleibt der Tag fürs Baby mies. Ähnlich wie bei uns Erwachsenen. Würden uns Bauchschmerzen plagen, könnten wir ebenfalls nicht lachend durch die Gegend rennen. Ungeachtet dessen vermag uns ein kleiner Scherz für ein paar Sekunden von unserem Schmerz ablenken, aber den Tag retten, tut dieser uns nicht.

Routinespiele und das »Kuschel-Hormon«

Neben der reinen Beobachtung natürlicher Interaktionen wurden in der Studie zusätzlich Speichelproben bei Mutter und Kind entnommen. Diese Proben dienten dazu, den Oxytocin-Gehalt, im Volksmund »Kuschel-Hormon« genannt, zu messen. Unter anderem beim Stillen des Babys, aber auch beim Kuscheln, zum Beispiel mit dem Partner, wird dieses Hormon ausgeschüttet. Die Ausschüttung dieses Hormons steht mit Zufriedenheit und Entspannung in Zusammenhang.
Welche Rolle spielt es demnach bei sozialen Routinespielen, die augenscheinlich Mutter und Kind innig miteinander verbinden? Warum also ist das Spielen mit dem Baby wichtig auch in biologischer Hinsicht?

Bei Müttern steigt Oxytocin-Gehalt

Kinder beim Sprung in Laubhaufen

Spielen ist in jedem Alter wichtig. © lecates under cc

Erfreulicherweise konnten die Messungen in der Studie zeigen, dass bei Müttern der Oxytocin-Gehalt während der spielerischen Interaktion mit dem Baby steigt. Dies zeigen Speichelproben, welche vor dem Routinespiel sowie nach diesem entnommen und miteinander hinsichtlich des Hormongehalts verglichen wurden. Die angestiegene Oxytocin-Menge korrelierte positiv mit der Häufigkeit der Spiele und der Zeitdauer, die mit solchen Spielen verbracht wurde.

Und bei Babys?

Interessant ist, dass der bei Müttern beobachtete angestiegene Oxytocin-Gehalt im Speichel während der sozialen spielerischen Interaktion in der Form nicht bei den Kindern festgestellt werden konnte. Im Gegenteil, bei den Säuglingen nahm der Oxytocin-Gehalt im Speichel stattdessen ab. Die Psychologin Gabriela Markova schlussfolgert nun, dass offenbar eine Art regulierende Wirkung dieser sozialen Spielroutinen beim Baby eintritt.
Zudem könnte es sein, dass vorrangig die Aufmerksamkeit des Babys bei diesen sozialen Spielen gebunden ist und mehr der Spaß für sie im Vordergrund steht. Es wäre immerhin möglich, dass die innige Verbundenheit, die indirekt hinter dem sozialen Spiel mit der Mutter steht, vom Baby in der Art nicht wahrgenommen werden kann, aufgrund der noch mangelnden kognitiven Reife des Gehirns. Demzufolge sind Babys Sinne auf Exploration und Neugierde gestellt, der Kuschel-Hormon-Haushalt sinkt.

So oder so wirken sich soziale Routinespiele positiv auf Mutter und Kind aus, wenn auch scheinbar zum Teil in unterschiedlicher Form. Beiden gemeinsam bei diesen Spielen ist das Lächeln auf den Gesichtern.
In der heutigen schnelllebigen Gesellschaft kommen das Spielen und die verbrachte Zeit mit dem Kind häufig zu kurz. Dabei gehört, gemeinsam mit dem Kind die Welt zu entdecken, zu einer der intensivsten Erfahrungen, die wir als Erwachsene leben können. Hinzu kommt, dass soziale Interaktionen mit dem Kind im Allgemeinen und auch bereits das Spielen mit dem Baby wichtig sind, in biologischer, sozialer und psychologischer Hinsicht.

*Name von der Redaktion geändert