Jugend, Pubertät und Sexualität

Mädchen macht Handstand

Die Vitalität der Jugend ist etwas, was sich ältere Menschen sehnlich zurück wünschen. © AnneCN under cc

Komischerweise wird jedoch der Zeit der Pubertät noch etwas eher zugestanden problematisch zu sein, so groß wohl auf die Irritationen der und mit den eigenen Kindern. Es ist ein seinerseits ein Mythos, dass die Sexualität erst jetzt erwacht und beginnt, aber offensichtlich ist das Bild der sexuellen Unschuld etwas, was unsere Gesellschaft braucht, zumindest hat man keinen guten Weg gefunden, nicht daran festzuhalten und so ist dieses sexuelle Tabu noch immer existiert.

Mit der Pubertät wird das anders, die Sexualität erhält nun auch offiziell Einzug in die Kinderzimmer, die dann keine mehr sind, für die Jugendlichen ist dieser Wechsel nicht nur, aber auch, wegen der körperlichen Veränderungen spannend und irritierend, sondern wegen des Perspektivwechsels, der nun kommt. Für Außenstehende war die wechselseitige gegengeschlechtliche Abwertung in der Vorphase der Pubertät, schon ein Vorbote des bald einsetzenden oder Spielart des schon existenten Interesses, doch die Beteiligten, finden das andere Geschlecht überwiegend noch ganz authentisch doof und anstrengend. Noch bevor man selbst so recht weiß, dass das nun einsetzende Interesse vorrangig ein sexuelles ist, bemerkt man, dass man sich interessiert. Man ist zum erstem Mal verliebt, macht seine ersten Erfahrungen auf diesem Terrain und was im Nachhinein als prickelnd und „Ach, wie war es doch schön“ intepretiert wird, ist ja im Selbsterleben äußerst ambivalent. Elektrisierend und erregend, bis zum Kribbeln und Zittern einerseits, doch man ist auch verunsichert und linkisch, vor allem erlebt man sich in dieser Phase oft in Stimmungen in denen Himmel und Hölle dicht beisammen sind. Was gibt es Schöneres, als die Liebe, aber was ist schlimmer, als dass sie unerhört bleibt oder man sich einfach nicht sicher ist. Mit jedem Lächeln von ihr oder ihm ist man im Paradies angekommen, hat der andere keine Zeit ist die Katastrophe perfekt und die Gedanken und Gefühle fahren Achterbahn. Nebenher soll man möglichst noch normal funktionieren, Mathemathik und Sozialkunde lernen.

In dieser Phase des Lebens in der man geil und gehemmt zugleich ist und erst sehr viel später weiß man, dass es so war. Vieles in diesem Alter wird als ein Drama erlebt, das Außenstehenden weniger dramatisch vorkommt. Ein Pickel und die Welt geht unter, das ist nicht süß oder nervig, sondern in dem Alter ist man in vielen Fällen ganz dieser Pickel oder die nicht perfekte Frisur oder was es eben gerade für ein Mangel ist und überzeugt, dass alle Welt nur darauf schauen wird. Also eine Katastrophe, die einem den Tag gründlich verderben kann. Sicher gibt es auch ruhigeren Phasen und ruhigere Jugendliche und natürlich merken diese sehr bald, was von der Umgebung erwünscht ist und was nicht, doch irgendwo hier testet man die Grenzen aus, bis zu einem für einige entscheidenden Tag.

Endlich 18 und frei!?

Mit der Zeit und bei uns von ist der Beginn des Erwachsenenalters von 21 auf 18 heruntergesetzt worden und vor noch nicht allzu langer Zeit war dieser Tag noch etwas aufgeladener. Das große Thema des Erwchsenenseins ist das Gefühl der Freiheit, der zeitlichen, man kann nach Hause kommen, wann man will, niemand hat einem mehr offiziell vorzuschreiben, wann man wieder da zu sein hat, zum anderen der räumlichen und das Symbol schlechthin war für viele das Auto. Fahren und erwerben konnte man es mit 18 und nicht wenige taten das dann in kürzester Zeit.

Doch an die Stelle der Freiheit durch das Auto ist die Freiheit des Smartphones gekommen, schneller und unbegrenzter Zugang, Autos werden eher problematisch gesehen, Mobilität ist zwar wichtig, wird aber anders definiert, man nutzt alles was es gibt und um mobil und online zu sein, muss man nicht warten, bis man 18 ist und was die Internet und dessen Möglichkeiten angeht, kennen sich die Jugendlichen im Zweifel weit besser aus, als ihre Eltern.

Partys und Protest war das Thema früherer Jugendbewegungen, das Chillen mit Hilfe von Alkohol und Drogen gehört zwar auch noch dazu, aber der Protest hat nicht mehr diesen Eventcharakter, den er mal hatte. Vieles ist das rationaler und ausdifferenzierter geworden, selbst der Umgang mit Drogen. Die wilden Experimentierphasen gehören eher Vergangenheit an, heute setzt man alles etwas gezielter ein. Die Drogen sind auch nicht mehr überwiegend Downer, die die Leistung mindern, der Trend ist eher, immer mehr mit Uppern zu agieren, um die Leistungsfähigkeit nicht zu verlieren.

Der heutige Protest hat sein Gesicht verändert, man ist noch immer gegen das Establishment, was man heute Eliten nennt, aber das ist nicht allein der Jugend vorbehalten, der Wutbürger ist zunächst mal der pensionierte Akademiker gewesen und das große Dagegensein richtet sich heute immer mehr gegen die, die früher selbst dagegen waren und ist heute viel zielgerichteter, professioneller und auf mehreren Kanälen, vor allem auch über Meinungsbildung durch das Internet. Nicht unbedingt für alle etwas, die jung und wild sind und so sind viele Jugendliche auch entpolitisiert, jedenfalls was Parteipolitik und die hier etablierter Strukturen angeht.

Da klassische Denk- und Lebensmodelle, sowie innere Bindungen an eine Religion, die eine Firma oder eine bestimmte Partei, denen man dann ein Leben lang die Treue hielt, schon seit einigen Generationen auf dem Rückmarsch sind kommt es zu einer viel größeren Ausdifferenzierung von kleineren Gruppierungen und gesellschaftliche unverbindlicheren Lebensweisen. Meine Community oder Echokammer hat mit der anderen kaum mehr Berührungen.

Idealismus

Doch ein paar Bausteine sind nicht so einfach zu ändern. Die Kinder und Jugendlichen sehen, wie ihre Eltern aufwachsen und sie sehen immer auch sehr genau was gut und was nicht klappt. Sie sehen, wie glücklich und erfüllt das Leben als alleinerziehende Mutter ist, sie sehen, wie der Vater von der Arbeit kommt, man kann ihnen schlecht erzählen, wie großartig oder grauenhaft das Leben auf deutschen Schulhöfen, in der Patchworkfamilie, als Akademikerkind oder im Ökohaushalt ist, wenn sie es selbst so nicht erlebt haben, wie es beschrieben wird.

Bei Beschreibung darüber, wie ‚die Jugend‚ so ist, findet sich diese nur in seltenen Fällen wieder. Sie müssen in einer hysterischen Zeit groß werden, in der man zum einen überversorgt ist und maximal auf Perfektion und irgendeine Spielart von „Mach was aus deinem Leben“ gedrillt ist, gleichzeitig bekommt man die fast tägliche Mischung von Endzeitstimmung einerseits: Was sind wir für ein Scheißland und was jetzt noch nicht kaputt ist, wird es bald sein, die Umwelt, die Arbeit, die Rente, das soziale Miteinader und Jubelarien andererseits: Deutschland geht es gut, Wirtschaft topp, Lebenserwartung topp, alles in viel besserer Qualität als je zuvor, das Paradies ist nah, der fast tägliche Tanz zwischen Weltuntergang oder alles in bester Ordnung? Das muss man erst mal ausbalancieren können.

Auch das klingt nicht so richtig, als sei es ein Kandidat für das beste Lebensalter. Doch mit der Ausdifferenzierung der Lebens- und Denkstile steigt auch die Möglichkeit der Reaktion darauf. Das aggressive Gebell geht oft gar nicht von der Jugend aus, die ganz andere Themen hat und wenn engagiert oft nach wie vor von einer besseren Welt träumt und mit typisch jungem Idealismus auch etwas dafür zu tun bereit ist. Oft wird auch ganz nüchtern und zielstrebig die eigene Karriere geplant, seinen Weg in all dem Trubel zu finden und zu gehen ist noch immer eine attraktive Option und der Erfolg beruhigte schon immer. So etabliert sich ein stiller, smarter und durchaus verantwortungsbewusster Lebensstil, der zu einem Teil auch pragmatisch nutzt, was da ist.

Wenn man sich mit den Eltern gut versteht, werden diese zu den besten Ratgebern der jungen Erwachsenen, die aus Gründen der Vernunft und Ökonomie dann länger zu Hause bleiben und bei denen die großen Kämpfe ausfallen. Ich weiß nicht, ob es Protest ist, auf den Protest zu verzichten, den die Eltern ja oft übernommen haben. Ob diese große Unverkrampftheit, die eben auch zur aktuellen Lebensweise gehört nur gut ist, weiß ich nicht. Ein Ineinanderfließen der Strukturen klingt sympathischer als es ist, weil auf der anderen Seite die große Gleichgültigkeit steht.

Eigentlich sind wir ja alle nur Menschen und Menschen sind eigentlich nur Affen, eigentlich ist die Grenze zwischen den Geschlechtern und Lebensaltern willkürlich gezogen und eigentlich muss man sich ja nur den neuen Gegebenheiten anpassen, dann ist alles gut. Man muss kein Reaktionär sein, um das zu kritisieren, denn mit dem Verschwimmen und Verschwinden von Grenzen verschwimmen und verschwinden auch Identifikationsangebote und eine nicht ganz von der Hand zu weisende Theorie ist, dass der Narzissmus unserer Tage nur eine Reaktion auf diesen Strukturverlust ist und psychologisch ist das eine durchaus sinnvolle Überlegung. Das ist ein anderes Thema und doch verwandt, weil der Sturz des Idealismus, der nicht mehr ankommt, weil Lebensstile, Denkweisen und Tabubrüche aller Art inflationär geworden sind dazu führt, dass man sich immer mehr abstrampeln muss, um noch jemand zu sein.

Kindheit und Jugend aus Sicht der Älteren

Es sind ja nicht die Pubertierenden, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ihre Lage verklären und sie für das beste Lebensalter halten, denn sie sind ich bei allen zwischenzeitlichen Höhepunkten ja ihrer Lage doch in aller Regel sehr bewusst. Es ist der Blick der älteren Generationen, die das Jungsein immer mehr idealisieren, weil sie ihre eigenen Kräfte schwinden sehen. Mit dem Siechtum dieser und jener Art und dem privaten Umgang damit, beginnt zumeist auch eine Sehnsucht nach einem besseren damals, aber man kommt der Realität vermutlich näher, wenn man eingesteht, dass jedes Lebensalter seine eigenen Freuden und Leiden hat und das muss man bei der Frage nach Lebensalter immer mit hineinrechnen.

Im Idealfall möchte man natürlich, die Schönheit, Kraft Potenz und Leistungsfähigkeit der Jugend, mit den Bekanntschaften und dem sozialen Status des mittleren Alter und im Idealfall mit der Weisheit des Alters kombinieren, nur das scheint dann tatsächlich des Guten zu viel zu sein.