Masse

Wir werden immer mehr.
Wir werden zunehmend regressiv. © James Cridland under cc

Von einer Zeitenwende kann man sprechen, wenn mehrere, gravierende Veränderungen in vielen Bereichen des Privatlebens, der Gesellschaft, der Technik und Kulturtechniken stattfinden. Das ist der Fall.

Anhand der sechs Bereiche Demographie, Technologie, Klimawandel, Wirtschaft, Eurozentrismus und Politik und ihrer vielfältigen Verästelungen, die auf andere Bereiche des Lebens zurückwirken, möchte ich zeigen, dass wir Zeugen einer Zeitenwende sind, die bereits in vollem Gange ist. Die Zeitenwende wird seit geraumer Zeit von immer mehr Menschen als Krise erlebt. In erster Linie aufgrund von vier Problemen:

  • Viele Diskussionen und Ansätze werden an der Gesellschaft vorbei geführt.
  • Es gibt häufig eine Fixierung auf Einzelbereiche, statt das Ganze zu sehen.
  • Scheinbar gegenläufige Entwicklungen werden nicht richtig erkannt.
  • Entwicklungen von heute werden unsachgemäß in die Zukunft projiziert.

Demographie

Demographie oder der demographische Wandel ist ein Baustein, den wir immer mal wieder besprochen haben, der manchen auch langweilig und überbekannt vorkommt, ohne dass man den Eindruck haben muss, dass das Thema in seiner Relevanz schon umfassend verstanden worden wäre. Der demographische Wandel hat erschreckend viele Gesichter und etliche davon betreffen uns ganz direkt, hier und heute schon.

Ein simples und aktuelles Beispiel ist die schleppende Sanierung von öffentlichen Gebäuden, in Ostwestfalen-Lippe. Erst dachte man die Bürokratie sei zu langsam, doch die Genehmigungen, die man braucht, liegen alle schon vor, allein es fehlt an Handwerkern. Meister, aber auch qualifiziertes Fachpersonal ist nicht in Sicht. Ein regionaler Einzelfall? Nein, überall im Handwerk fehlt es an Nachwuchs, bis zu 250.000 Fachkräfte fehlen. Der Einzelfall einer Branche? Nein, in der Pflege, bei der Polizei, der Bundeswehr, aber auch bei Ingenieuren und Ärzten fehlt der Nachwuchs. Der Grund ist einfach, es fehlen Kinder. Das nicht erst seit gestern, sondern der Trend ist seit Beginn der 1990er zu beobachten und schon lange vorher zeichnete er sich ab. Sich dafür zu feiern, dass man wenig Arbeitslose hat, wenn es zugleich einen Mangel an Arbeitskräften gibt, ist eine eigenwillige Herangehensweise an das Thema.

Doch weniger Kinder bedeutet auch zugleich prozentual mehr ältere Menschen, mehr Rentner und eine sinkende Kreativität, Innovationsfähigkeit und -willigkeit einer Gesellschaft. Es bedeutet mehr Menschen, die gepflegt werden müssen, bei immer wenigeren, die bereit sind, das zu tun. Auch die Probleme in der Pflege sind keinesfalls nur auf diese Berufsgruppe beschränkt. Mehr Rentner, die immer länger leben, bedeuten aber auch mehr Rentenkosten und immer weniger Menschen, die einzahlen. Kein Problem, rechnet man uns gerne vor, es müssen nur alle produktiver werden und genug Geld verdienen, aber das berührt einen der oben angesprochenen Punkte: Entwicklungen von heute werden unsachgemäß in die Zukunft projiziert.

Während man das Thema Demographie recht gut abschätzen kann, weil auch eine plötzliche Geburtenschwemme, die nicht zu erwarten ist, weil Senioren selten Kinder bekommen, ihre Auswirkungen erst in 20 oder 25 Jahren hätte, wenn die Kinder zu arbeiten begännen. Schlecht abschätzen kann man hingegen die wirtschaftliche Entwicklung, da diese von zig Faktoren abhängt. Hier einfach linear das Heute in die Zukunft zu projizieren, ist eine besseres Ratespiel, sonst nichts.

Die andere Seite des Themas ist nicht minder brisant und heißt Youth Bulge oder in der abgeschwächten Variante weltweites Bevölkerungswachstum. Die Bevölkerung in Afrika soll bis zum Ende des Jahrhunderts von derzeit 1100 Millionen Menschen auf 4000 Millionen anwachsen. Tritt der Klimawandel so ein wie befürchtet, bedeutet das einen erheblichen Migrationsdruck auf die direkte Nachbarschaft, in dem Fall Europa. Wenn Fluchtursachen bekämpfen mehr als ein flotter Slogan sein soll, müssen wir uns klar machen, was dahinter steckt.

Technologie

Die große technologische Wende unserer Zeit ist die digitale Revolution. Wir alle kennen und erleben sie, Internet, Smartphones, Social Media. Veränderungen in wenigen Jahren, die so tiefgreifend sind, dass sie in jeden Lebensbereich hineinragen. Auch in die Arbeit und das Internet der Dinge, in dem nicht mehr nur Menschen miteinander kommunizieren, sondern auch technologische Gegenstände. Wie weit das geht und ob Kollege Robot, wie befürchtet (oder ersehnt), bald all unsere Arbeit verrichtet, bleibt abzuwarten. Automatisierungsprozesse gibt es schon seit Jahrzehnten, eine flächendeckende Digitalisierung braucht ein belastbares Breitbandnetz, also wird es das erst in Jahrzehnten geben, nicht zuletzt, weil Glasfaserkabel quer durch die Republik auch verlegt werden müssen, dafür fehlt es an Fachkräften und das kostet Zeit.

Überhaupt sieht es mit der Infrastruktur in Deutschland derzeit nicht rosig aus, die Brücken sind marode, die Reparaturarbeiten führen zu jahrelangen und nervtötenden ausgedehnten Staus, viele Straßen sehen aus, wie nach einem Krieg, kaputt und zerlöchert, statt zu reparieren senkt man die Geschwindigkeit um 20 km/h ab. Bei den Robots wird gerne mal vergessen, dass auch diese von irgendwem gebaut, gewartet und entsorgt werden müssen, dass das alles die Robots selbst machen setzt voraus, dass die erste flächendeckende Generation schon gebaut ist, offensichtlich sind nicht genug da um die offenen Stellen zu besetzen.

Ob sich die turmhohen Erwartungen tatsächlich erfüllen, wird man sehen, ob Roboter und künstliche Intelligenz die Menschen aus der Arbeit drängen auch, oft ergeben neue Berufsbereiche auch neue Jobs für Menschen. Gefahren gehen sicher von einer flächendeckenden Kontrolle unseres Verhaltens aus, das durch Algorithmen kontrolliert und gesteuert werden kann, oder es wird, wie in China, sozial erwünschtes Verhalten belohnt und unerwünschtes bestraft, den Chinesen scheint es zu gefallen. Ob diese Entwicklungen aber in Deutschland überhaupt ankommen, ist fraglich, da wir auch Pflegeroboter mit anderen Augen sehen, als die Japaner, die zur Technik eine andere Einstellung haben. Inwieweit wir uns zukünftig überwiegend durch virtuelle Welten bewegen, wird man auch sehen, viele Lebensbereiche sind bereits verändert worden, doch weite Teile der Welt werden immer analog stattfinden.

Verschlafen hat Deutschland die Energiewende. Man weiß im Grunde, wo die Reise hingehen wird und seit Jahren, dass ein Umstieg auf erneuerbare Energien sinnvoll und möglich ist, allein irgendwer scheint da kräftig auf der Bremse zu stehen. Würden diese es möglich machen, dass wir für Roboter, Computer, Klimaanlagen, Licht und so weiter unbegrenzt Energie zur Verfügung hätten, würde doch ein weiteres Problem auftauchen:

„Bei unermeßlicher Quelle … wird das Wärmeprodukt ihrer Verwendung über den ganzen Erdkreis hin ein potentiell kritischer Faktor: die in allen Stadien der Nutzung – mechanischer, chemischer, organischer – sich wiederholenden Wärmeabgabe an die Umgebung, bis zur animalischen Wärme der Milliarden Menschenleiber selber und ihrer tierischen Trabanten, und selbst noch die Gärungshitze ihrer verwesenden Kadaver. Es sollen aber, erinnern wir uns, reichlich mit Lebensgütern versehene Menschenmilliarden sein, also mit großen Maschinenpark pro Kopf – und dann noch (durch progressive Erschwerung der Abbaubedingungen in der ausgebeuteten Erdkruste) mit immer energiekostspieliger werdender, also mehr Abfuhrwärme zeugender Rohstoffgewinnung für dasselbe Endgut. Alle diese Maschinen- und Lebenswärme muss abgeführt werden, und dafür steht nur die irdische Umgebung, nicht das Weltall zur Verfügung. Bei genügender Überziehung der Erde mit stoffwechselnden Leibern und arbeitsleistenden Maschinen könnte somit dasselbe thermalglobale Ergebnis eintreten, das für den glücklich vermiedenen Treibhauseffekt beschrieben wurde.
Die Unmöglichkeit aber für jede Erfindungskunst, diese Kausalität zu umgehen, das heißt, das eine zu haben und das andere zu vermeiden, Exzess des Energieverbrauchs von den thermalen Folgen zu trennen, ist letztlich dasselbe, wie die Unmöglichkeit, ein Perpetuum mobile zu bauen: das unverbrüchliche Gesetz der Entropie, dass bei jeder Arbeitsleistung Energie „verloren“ geht, dass alle Energie zuletzt zu Wärme degeneriert, und dass Wärme sich zerstreut, das heißt mit der Umgebung einen Mittelwert ausgleicht. Hierin lässt die Thermodynamik nicht mit sich handeln.“[1]

Womit wir beim nächsten Thema wären.