zwei Jungs auf rotem Boot

Das innere Kind in uns kann auch die schönen Seite der Kindheit zurück holen. © wsilver under cc

Das innere Kind bekommt in der Psychotherapie in letzter Zeit mehr Aufmerksamkeit und ganz aktuell, durch ein seit längerem populäres Buch der Psychotherapeutin Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden. Die Popularität zeigt, dass das Thema wichtig ist.

Psychische Störungen sind Beziehungsstörungen, aber Beziehungsstörungen heißt nicht im engeren Sinne Störung einer Paarbeziehung, sondern, dass jede Art von Beziehungen gestört sind, durch das Bild, was ich von mir selbst und von anderen habe. Dieses Bild wiederum ist im Kern durch reale Erfahrungen in der Kindheit erworben. In schweren Fällen von Störungen, wenn Kinder chronischer Aggression und Spitzenaffekten ausgesetzt sind, führt dies zu schweren Persönlichkeitsstörungen. In leichteren Fällen zu einem Mangel ein Urvertrauen, zu Problemen mit dem Selbstwertgefühl und eben zu einer skeptischen Einstellung gegenüber anderen Menschen.

Ein Konzept wurde von Thomas Harris bereits 1967 in dem Buch Ich bin o.k. Du bist o.k. eingeführt, war und ist unter als die psychotherapeutische Methode der Transaktionsanalyse bekannt, die von Eric Berne stammte. Sie ist eine etwas abgespeckte Version den Psychoanalyse, die unsere inneren Gespräche und Kommentare zu analysieren versucht, die wir in typischen Situationen in unserem Kopf „hören“. Kommentierende, oft kritische Stimmen, wie „War ja klar, dass das nicht klappt.“ Harris fragt uns unter anderem, wer das eigentlich ist, den wir da hören, wer uns da noch mal zusätzlich kritisiert, statt uns liebevoll zu beschützen? Kennen und erkennen wir diese Stimme? Können wir ihr ein Geschlecht oder gar eine konkrete Person zuordnen? Manchmal ist es die Stimme eines Elternteils, manchmal können wir sie nicht erkennen, doch so gut wie immer können wir erkennen, ob dies eine eher lobende oder kritisierende Stimme ist und ob die Bemerkungen tendenziell eher die Handlungen und Aussagen anderer bewerten oder die eigenen.

Daraus entwickeln sich spezifische Grundpositionen im Leben:

  • „Ich bin o.k. Du bist o.k.“, ist die optimale Version von Menschen, die trotz aller Krisen des Lebens, mit sich, der Welt und den anderen in reinen sind. Sie können Kritik in der Sache so gut annehmen, wie Lob und sind ebenfalls in der Lage, wenn nötig andere in der Sache und nicht als Mensch zu kritisieren. Sie sind mit dem reifen Erwachsenen-Ich identifiziert, das Kindheits-Ich und Eltern-Ich integriert hat.
  • „Ich bin nicht o.k. Du bist o.k.“, ist die selbstkritische Haltung, von Menschen die mit dem Kindheits-Ich identifiziert sind, mit einem etwas angeknacksten Selbstwertgefühl, die empfindlich auch auf wohlmeinende Kritik reagieren und sich sofort tief verletzt und verunsichert fühlen, wenn sie einen Fehler gemacht haben, der vielleicht ärgerlich, aber nicht weltbewegend ist. Hier ist im Hintergrund ein verletztes inneres Kind, das zu wenig Aufmerksamkeit, Anerkennung, Lob und Zuneigung bekommen hat, oft hören musste, dass es stört und nervt. Das innere Kind in ihnen fühlt sich nicht geborgen und muss ständig auffallen, wird dafür aber oft kritisiert.
  • „Ich bin nicht o.k. Du nicht bist o.k.“ ist die fremdkritische Haltung, bei der sich jemand mit seinem Eltern-Ich identifiziert ist, sich albernes, aufsässiges, lautes und wildes Verhalten so wenig gönnt, wie spontanes, begeistertes, kreatives und neugieriges und es bei anderen ebenfalls harsch kritisiert. Das innere Kind eine Instanz, mit der sie sich nicht ausgesöhnt haben, die in ihnen nicht leben darf und bei anderen nicht da sein sollte. Statt dessen sind sie pflichtbewusst, aber auch etwas steif, freudlos und zwanghaft.
  • „Ich bin nicht o.k. Du bist nicht o.k.“, ist die Variante von Menschen, die mit sich und der Welt Probleme haben. Sie mögen das innere Kind in sich und anderen nicht und sind selbst tief verunsichert.

Anfang der 1990er wurde der Ansatz durch John Bradshaw, sowie Erika Chopich und Margaret Pau expliziter auf das innere Kind ausgerichtet, das Ziel bleibt jedoch die Position des reflektierenden und abwägenden Erwachsenen einzunehmen, der sich und anderen erlauben kann, ausgelassen und albern zu sein, weil er sich auf der andren Seite sicher sein kann, dass er auch Verantwortung übernehmen kann. Es kommt eben auf die jeweilige Situation an.

Glaubenssätze oder Skripte

Glaubenssätze oder Skripte wird dabei bei das genannt, was da an inneren Kommentaren zu hören ist, sie können sich, wie erwähnt, auf das eigene oder fremdes Verhalten beziehen oder auch beides kommentieren. Dabei ist es die Summe und vielleicht ein Stück weit auch der Grad an emotionalem Nachdruck, der entscheidet, wie sich jemand fühlt und womit er selbst dominant identifiziert ist. Es sind weniger tiefenpsychologische Muster oder die tiefsten Kerben, die unausgesetzte Spitzenaffekte hinterlassen, sondern eher mittelstarke Wunden, um die es hier bevorzugt geht.

Das Urvertrauen ist hin, man fühlt sich einfach nicht richtig wohl in der Welt, selbst dann, wenn die Rahmenbedingungen eigentlich stimmen sollten. Zumindest bei den Schattenkindern. Das Schattenkind ist ein Bild für die Summe der problematischen Prägungen, die man als Kind erlitten hat, der negativen Glaubenssätze, die man immer wieder gehört hat. „Das wird nie was mit Dir.“ „Du bist einfach ungeschickt.“ Es gibt auch die selbstmitleidige Varianten: „Warum immer ich?“ Oder pauschale Urteile über andere: „Letztlich weiß man ja, dass alle nur an sich denken.“ „Menschen sind unberechenbar, da kann man nicht vorsichtig genug sein.“ „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ „Man weiß ja, wie die Frauen so sind.“ Diese Glaubenssätze werden nach und nach, durch ihre pure und immer wiederholte Präsenz verinnerlicht werden und dann lauten: „So wie ich drauf bin, finde ich nie einen Mann.“ „Hoffentlich merkt niemand, was ich in Wahrheit für eine Niete bin.“

Das Sonnenkind steht für die positiven Kindheitsprägungen, aber auch für das, was man als Erwachsener nachträglich als Glaubenssatz erwirbt. Das grundlegende Gefühl sich auf sich selbst aber auch auf andere verlassen zu können, was auch durch gelegentliche Ausrutscher und Enttäuschungen nicht gefährdet ist. Das, was andere manchmal heillos naiv finden, da man ja bekanntlich niemals vorsichtig genug sein kann, ist jedoch genau das Grundgefühl, was man braucht, um mit dem Leben zufrieden zu sein. „Klar, passieren mir und anderen auch mal Fehler, aber wir sind alle nur Menschen, da kommen Fehler einfach vor. Solange sie nicht boshaft sind, kann ich das tolerieren.“ Ein ganz andere Haltung dem Leben gegenüber, die es einem erlaubt, Verantwortung auch mal zu delegieren und sich selbst etwas zuzutrauen.

In gravierenderen Fällen geht der Mangel an Urvertrauen in eine manifeste Ich-Schwäche, bei der man gute therapeutische Hilfe braucht, aber auch die scheinbar so leichten Formen, können einen erheblichen Leidensdruck auslösen. Auch eine andauernde Überempfidlichkeit tut einfach innerlich weh. Man will aber nicht dauernd verletzt sein und auch nicht, dass andere merken, dass man es ist. Damit das nicht immer wieder im Leben vorkommt, so erklärt Stefanie Stahl, entwickelt man Schutzstrategien, die einen vor der dauerhaft bewussten Präsenz der eigenen Verletzlichkeit schützen.

Möglichkeiten dazu sind, sich anderen stark anzupassen oder stets für andere da zu sein. Die Idee dahinter: Wenn sich nicht auffalle und aus der Reihe tanze, akzeptieren mich die anderen, wenn ich für andere da bin, werde ich beliebt sein und nie wieder abgelehnt. Das kann man weiter treiben, bis zum Perfektionismus, der heute oft zu finden ist. Man schützt sich vor der Kritik der anderen, weil man selbst ein bester Kritiker wird und so gründlich arbeitet, dass niemand mehr unzufrieden sein kann. Das Problem dabei ist nur, dass man ja eigentlich für das geliebt und anerkannt werden will, was einem im Kern ausmacht. Man will so sein dürfen, wie man ist und nicht immer und überall eine Rolle, noch dazu eine perfekte, spielen müssen. Schon gar nicht, wenn man privat ist.

Andere Strategien sind daher nicht Anpassung, sondern Härte und Unbeeindruckbarkeit. Einmal enttäuscht, nie mehr verarscht: „Das passiert mir nie wieder“, lautet die Devise. Doch auch das ist unentspannt, der dauernde Kämpfermodus und die Einstellung, dann doch lieber die anderen zu verarschen, ist aufreibend, denn was, wenn man andere dann doch mal ernst nehmen will? Das innere Kind hat Angst vor Verletzungen und so hält man andere dadurch auf Distanz, dass man sie, vermeintlich überlegen, an der Nase herum führt.