Defibrillatro

Moderne Medizin, bedeutet einerseits diagnostische und therapeutische Spitzentechnik. © Bernhard Wintersperger under cc

Wenn man Menschen fragt, was für sie zum Glück dazugehört, dann nimmt die körperliche Gesundheit statistisch regelmäßig einen der vorderen, wenn nicht den ersten Platz ein. Man bemerkt den Wert der Gesundheit zwar oftmals erst, wenn sie allmählich schwindet, aber es bringt wenig, jemandem, der noch nicht krank ist deshalb permanente Angst vor Krankheiten einzuimpfen. Das macht ihn in der Regel nicht vernünftiger und gesünder, sondern nur ängstlicher.

Nun war Krankheit vermutlich schon immer ein wichtiges Thema, solange es Menschen gibt und immer gab es etliche, die auch früher schon erstaunlich alt geworden sind bei voller geistiger Leistungsfähigkeit, doch die durchschnittliche Lebenserwartung war nicht hoch und eine ernste Krankheit oder auch das, was heute als Bagatelle gilt, konnte lebensbedrohlich sein. Gesundheit und alles was sie erhält oder einschränkt, ist sind erstaunlich ideologische Themen, was aber auf den Wert verweist, den wir dem Leben zumessen.

Eine Einigung wie gut oder schlecht frühere Medizin war, ist immer schwer zu erzielen, da vor einem ideologischen Hintergrund andere weltanschauliche Perspektiven auf medizinische Themen seltsamer erscheinen, als sie es sind, aber oft sich sie auch nicht so erfolgreich, wie ihre Anhänger glauben. Blenden wir daher von einem spekulativen, zu einem noch für alle überschaubares Früher zurück.

Schlaglichter aus 100 Jahren Medizin

Mein Vater musste seine Tuberkulose noch ohne Antibiotika auskurieren, wie sein älterer Bruder, der hatte Diphterie, eine schwere bakterielle Halsentzündung. Meine Oma litt in ihrer Kindheit unter Ruhr oder Typhus, einer schweren bakteriellen Darminfektion, die auch nicht witzig war, da meine Oma zwar zäh war, sich aber nachhaltig daran erinnerte, muss das überlebenstechnisch knapp gewesen sein. Die Antibiotika und Impfungen halfen, dass die meisten dieser Krankheiten sehr gut in den Griff zu zu bekommen waren, die Übertreibungen bei ihrem Einsatz halfen, dass ihr Einsatz ideologisch umkämpft ist und mitunter kommen durch Missbrauch bei Verschreibung und Anwendung Erkrankungen heute wieder, von denen wir dachten, sie seien längst für immer ausgestorben.

Nach dem zweiten Weltkrieg hatten viele Leute in Deutschland sehr wenig zu essen, Hunger war damals ein Thema. Schaut man auf alte Bilder dieser Zeit findet man kaum jemanden der dick ist, schon gar nicht fett. Wer zu dünn war bekam vom Arzt Butter auf Rezept verschrieben, Fett war kostbar, mit dem Pergamentpapier in den der seltene Speck eingewickelt war, wurden Pfannen und Töpfe ausgerieben. In der eben beschriebene Familie meiner Vorfahren gab es das geflügelte Wort: „Sondermeldung: Kartoffel im Essen.“ Ansonsten wurde gekocht, was irgendwo wuchs, Hauptsache so was wie satt, lecker war kein Kriterium.

Ein paar Jahre später kam das Wirtschaftswunder und wer was hatte, zeigte dies auch mit Stolz, auch beim Essen und der Lebensführung. Da man Hunger als reales Problem noch kannte und Hunger ein Grund für einige Krankheiten war, war Essen, gerne auch deftig, reichlich, fett, süß und fleischlastig, garniert mit dem Schnäpschen (für die Verdauung) und was zu Rauchen ein Befreiungsschlag. Das galt nicht als ungesund, sondern war dralle, kraftstrotzende Gesundheit.

Dennoch, war zu viel des Guten dann irgendwann schlecht und eigene neue Krankheitsbilder entstanden langsam, die sogenannten Zivilisationskrankheiten. Zuerst bei den besser Gestellten, seinen Herzinfarkt musste man sich noch redlich verdienen. Doch jedes Jahrzehnt konnten sich immer mehr Menschen immer mehr leisten und so nahmen die Zivilisationskrankheiten schleichend breiteren Raum ein. Zu wenig Bewegung, zu viel ungesundes Essen, zu viel Alkohol und Zigaretten, immer weniger Leben in natürlichen Rhythmen.

Heute gibt es in unsrer reichen Gesellschaft immer mehr relative Armut, mitunter wieder mit echtem Hunger, gleichzeitig kann so gut wie jeder heute, durch immer billigere Angebote im Discounter und eine logistisch durchoptimierte Industrie, die lebendige und leidensfähige Wesen, vollständig und zur kundengerechten Ware degeneriert hat, feudaler speisen, als früher die Adeligen, Schampus, Krabben, Kaviar inklusive.

Ich wuchs in einer optimistischen Zeit auf. Antibiotika gab es bereits und sie galten als unproblematische Wunderwaffe, Seuchen waren kein Thema mehr, dem Krebs hatte man den Kampf angesagt, AIDS dämmerte gerade erst herauf. Umweltgifte und Zivilisationskrankheiten waren noch nicht in der Breite auf der Agenda, auch wenn es sie bereits gab. Ansonsten war alles irgendwie hübsch geordnet, der Arzt noch ein in der Regel gut verdienender und gesellschaftlich angesehener Halbgott in weiß, auch wenn die ersten größeren Skandale aufkamen.

Auch was mögliche Krankheitsursachen anging, herrschte Ordnung im öffentlichen Bewusstsein. Zucker galt als schlecht für die Zähne, Alkohol für die Leber, Rauchen für die Lunge, zu viel Fett machte fett, das war irgendwie alles nachvollziehbar, man sollte es damit nicht übertreiben, aber die Lebenserwartung stieg statistisch weiter, also konnte es so schlimm ja auch nicht sein. Ich hörte in dieser Zeit in Fernsehmagazinen, die sich kritisch gaben von Heilpraktikern, einer, wie es hieß schlecht ausgebildeten Spezies, die irgendwelchen medizinischen Unsinn machten. Die Frage war, warum man da hin gehen sollte, wenn man kostenlos zu guten Ärzten gehen konnte.

Ganzheitlichkeit und Alternativmedizin

zwei Männer vor Bergkulisse

Bewegung mit Freunden in schöner Umgebung, macht Freude und ist gesund. © Michael Beat under cc

Die Existenz und das verstärkte Auftreten der Heilpraktiker war allerdings selbst schon ein Symptom, ein merkwürdiges, wie auch Thorwald Dethlefsen und Rüdiger Dahlke in ihrem millionenfach verkauften Longseller Kranhkeit als Weg feststellten, der um 1980 erschien. Nicht der Inhalt der Kritik an der Medizin sei interessant, so sagten sie, sondern dass es überhaupt Kritik gibt. In der Tat, das war in der Breite neu, nachdem es bislang in der Nachkriegszeit wie am Schnürchen lief. Auch anderen kritische Stimmen wurden laut zu dieser Zeit, wie die des zwischenzeitlich als Ernährungspapst bezeichneten Dr. Bruker, der vor Ernährungs- und Zivilisationskrankheiten warnte. Alternative Formen der Medizin, die häufig auf irgendeine Art der Ganzheitlichkeit setzten, kamen auf, mit ihnen rückten die Heilpraktiker in ein immer besseres Licht. Von Industrie, Ärzten und Wissenschaft nie geliebt, etablierten sie gegen alle Widerstände (oder wegen dieser?) ein fast subkulturelles System, das vor allem von den gebildeten Schichten getragen wurde und wird.

Mit dem Gedanken des Ganzheitlichkeit rückten aber weitere Faktoren, die in der Medizin zwar durchaus bekannt waren, aber eher eine untergeordnete Rolle spielten, ins Licht. Psyche, Umweltgifte, Radioaktivität, Amalgam in den Zähnen, aber auch die Idee der Bedeutung feinerer Einflussgrößen, wie Ernährung, Entspannung und dergleichen. Wenn man einen Hammer in der Hand hat, sieht alles aus wie ein Nagel, hat man Antibiotika, sind nur noch Bakterien gefährlich und so setzte man immer mehr auf das, was man behandeln konnte, der Rest lief immer noch irgendwie unter belanglos. Viren, Bakterien, Krebs, Herz-/Kreislauferkrankungen und Unfälle, das waren die großen Bereiche der Medizin, der Rest schien nicht so wichtig. „Kann man machen, ist aber im Grunde egal“, war Aussage und Einstellung, zumal oft die Idee dominierte, die wesentlichen Schwachstellen seien genetisch bestimmt, allenfalls 20 Prozent gestand man dem Faktor Umwelt für die körperliche Gesundheit zu, zu dem dann alles aus dem Bereiche der Ganzheitsmedizin gehörte.

Jahrzehnte differenzierten sich beide Lager aus, ohne sich dabei tatsächlich anzunähern oder auch nur groß zu mögen, bis heute und trotz einiger Einzelkämpfer, die als unermüdliche Brückenbauer galten. „Die Schulmedizin“, wurde zu einem Begriff der für viele einen gerade verächtlichen Beiklang hatte, aber nicht weniger gab es immer wieder Kampagnen um die Alternativmediziner, Heilpraktiker und Vertreter einzelner kompllemantärer Verfahren irgendwo zwischen harmlosen und gefährlichen Irren rangieren zu lassen. Für manche wurde körperliche Gesundheit, in Form der Vermeidung von Krankheiten zu einem fast religiösen Thema, in der sich kluge Ideen mit irrationalen Einseitigkeiten und überwertigen Ideen verbanden, Hypochonder und Fundamentalisten fand man an beiden Ufern des Flusses.

Soweit die sehr gedrängte Zusammenfassung einer Geschichte, die in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart eine erstaunliche Wendung erfahren hat.

Ein Rückgang der ideologischen Schlachten

Eine neue Generation von Ärzten ist viel unideologischer unterwegs, als das früher der Fall war. Das hieß nicht unbedingt, dass sie die Kritik der Alternativmediziner und Medizinkritiker für bare Münze nahmen, sondern sie haben sich einfach weniger auf ideologisch motivierte Schlachten eingelassen, man hatte im Großen und Ganzen die pragmatische Einstellung, dass der Patient zusätzlich zur empfohlenen Therapie ruhig machen soll, was er will, wenn er denkt, dass ihm das hilft.

Was wie ein Erfolg der alternativen Ansätze aussah, hatte aber auch einen Nachteil: Man konnte aber auch nicht mehr provozieren und das Argument der Unterdrückung der alternativen Ansätze durch die „die Schulmedizin“ fiel großenteils weg. Doch auch den alternativmedizinischen Ansätzen ist es nicht gelungen, alle Krankheiten zu bessern, doch langsam konnten sich die Ansätze aufeinander zubewegen und durchdringen, die nun in ein medizinisches Gesamtkonzept eingebunden wurden. Akupunktur, EMDR, imaginative oder stessreduzierende Verfahren, werden immer besser integriert und angenommen.

Tenor ist heute oft, dass man mit bestimmten Verfahren, wie etwa der Akupunktur oder Osteopathie nicht viel verkehrt machen kann, was jedoch nicht bedeuten soll, dass diese Verfahren nicht wirken würden und es im Grunde egal ist, ob man sie anwendet oder es lässt, sondern daraus spricht eine Anerkennung dieser Ansätze, die einigen Menschen wunderbar helfen kann (und für bestimmte Indikationen auch als Kassenleistung anerkannt sind) und man sie gerade deshalb in erfolgversprechenden Fällen ausprobieren sollte, therapeutisch eskalieren kann man immer noch.

An dieser Stelle kann man natürlich die berechtigte Frage stellen, wieso man dann nicht gleich das beste Verfahren nimmt, was sicher hilft, bevor man mit halbgarem Zeug rumprobiert. Die Antwort ist, dass es diese sicheren Verfahren in allen Fällen und für alle Menschen, längst nicht in allen Fällen gibt.

Bei Unfällen, Notoperationen, Schock, Infarkten von Herz, Hirn oder anderen Organen gibt es immer noch standardisierte Verfahren, die effektiv sind. Doch bereits in der Nachbehandlung in sehr wichtigen Prävention vor dem zweiten Infarkt trennen sich die Wege und manche Standardverfahren haben einen sehr viel geringeren Nutzen, als man dachte, wie etwa Stents, bei kardialen Symptomen oder SSRI Präparate, bei Depressionen. Einige Interventionen sind umstritten, da es Folgeerkrankungen gibt, wie bei operativen Verfahren des Rückens der Statinen zur Cholersterinsenkung, auch die gewohnte Abfolge schwacher, mittlerer und starker Schmerzmittel existiert so nicht mehr, man muss von passenden und unpassenden Mittel für dieses Krankheitsbild sprechen.

Die körperliche Gesundheit hängt von vielen Faktoren ab

Das sorgt zunächst einmal für mehr Verwirrung. Die alten, groben Kategorien von schlecht für die Zähne, aber sonst unproblematisch, wirksam versus unwirksam, gut oder schädlich, körperlich oder psychisch, genetisch oder umweltbedingt sind in dieser eindeutigen Form kaum mehr aufrecht zu halten. Die alte Form, das heißt im Wesentlichen, dass man meinte, mit einer dominanten Erklärung so ziemlich alles abräumen zu können. „Ist genetisch bedingt“, war gleichbedeutend damit, dass man eben nichts machen kann und auch nichts machen muss. Findet man 20 verschiedene Stellschrauben, dann bleiben immer noch einige, an denen man nichts ändern kann, denn bestimmte genetische, zeittypische Einflüsse, das Lebensalter oder wie man aufgewachsen ist, kann man nicht ändern, aber durch unsere Kenntnisse über Resilienz, das innere Kind oder Epigentetik versteht man auch Zusammenhänge besser.

Es gibt zwei Extreme, die nicht zu einer Verbesserung der körperlichen Gesundheit führen: Das eine ist die Idee, buchstäblich alles regeln zu können oder zu wollen, der zumeist in an sich „sanften“ Ideen zum Ausdruck kommt, hinter denen keine Bosheit, sondern eher einer übergroße Sorgt steckt. Die andere Idee ist ein zu starker Fatalismus, bei dem man die Idee hat, man hätte auf alles, was mit der eignen Gesundheit zu tun hat, ohnehin keinen Einfluss. Ein bisschen Fatalismus und Demut sind durchaus gut, zu viel nicht. Aber zwischen den Extremformen gibt es ein breites Spektrum, in dem sich im Grunde die Fülle der Faktoren in zwei Cluster unterscheiden lassen: objektive und subjektive.

  • Objektive Faktoren
  • Damit meine ich alle jene, die der Einzelne nicht selbst beeinflussen kann:

    Genetik, Lebensalter, familiäre und soziokulturelle Herkunft, Gesellschaft und Zeitgeit, bestimmte Umweltgifte, klimatische oder geographische Bedingungen, medizinische Möglichkeiten, Allergien und sonstige Unverträglichkeiten, Temperament, sowie erworbene Einschränkungen oder Degenerationen.

  • Subjektive Faktoren
  • Das sind jene Faktoren, auf die der Einzelne eine direkten oder indirekten Einfluss hat:

    Ein Sinn im Leben, Disziplin, Einsicht, Reflexionsvermögen, Empathie, die Bereitschaft zu lernen, Vertrauen, Achtsamkeit, Ich-Stärke, Resilienz, Ressourcen, Therapie, Ernährung, Bewegung, Freude. Empfindungen.

    Beide Listen ließen sich erweitern und beide überschneiden sich. Niemand kommt auf die Welt mit dem Wunsch alles schwarz zu sehen und zutiefst unglücklich zu sein, aber es gibt auf der anderen Seite eine erstaunliche Beharrlichkeit nachweislich schlechten Angewohnheiten beizubehalten und daran kann man arbeiten, auch wenn man zuweilen dicke Bretter bohren muss. Im Idealfall immer irgendwo ausgependelt zwischen den Extremen von Größenwahn und Fatalismus. Doch der Zusammenhang der vielen Bereiche ist nicht einfach nur verwirrend, er zeigt auf der anderen Seiten auch ein Zusammenlaufen vieler Muster.

    Einige große Krankheiten der Gegenwart

    Freundinnen

    Beziehungen sind ungeheuer wichtig für die körperliche Gesundheit. © Mike Nelson under cc

    Rückenschmerzen gehören zu den Hauptproblemen vieler Menschen in Deutschland. Gewöhnlich schiebt man die Probleme auf Faktoren wie das Alter, dann ist von Abnutzung die Rede oder davon, dass man eben hart gearbeitet hat. Doch Studien haben ergeben, dass harte Arbeit überhaupt kein Risikofaktor ist, da Menschen mit leichter körperlicher Tätigkeit gleich viele Probleme hatten. Untersucht man die Wirbelsäule von Menschen, die im Alltag völlig gesund und beschwerdefrei sind, was Rückenprobleme angeht, stellt man fest, dass bereit bei der Hälfte aller 30-Jährigen ausgeprägte Degenerationserscheinungen der Rückenwirbel im MRT zu sehen sind, bei den beschwerdefreien 50-Jährigen sind es bereits 80%, im noch höheren Alter dann so gut wie jeder. Objektiver Befund und subjektive Beschwerden korrelieren kaum.

    Was die Bandscheibe tatsächlich ruiniert sind erstaunlicherweise, so zeigten Meta-Analysen von wissenschaftlichen Studien, ganz andere Faktoren, nämlich: Rauchen, Diabetes, hoher Blutdruck, ein zu hoher Cholesterinspiegel und Bewegungsmangel, allesamt kennen wir diese als Risikofaktoren für Herz/-Kreislauferkrankungen. Nun fördern diese, verwirrenderweise, auch die Degeneration der Bandscheiben. Man weiß noch nicht, ob der gemeinsame Mechanismus die Verbesserung der Durchblutungssituation ist, für die Praxis ist das aber zunächst auch nicht wichtig, denn wer diese Bereiche verbessert tut zugleich etwas für Herz, Adern und den Rücken.[1]

    Einer der nicht zu unterschätzenden Aspekte ist dabei die Bewegung und grob kann man sagen, egal welche Art von Bewegung, Hauptsache, man bewegt sich. Bewegung ist aber wiederum nicht nur gut für Herz, Adern, den Rücken und die Gelenke, sondern auch für die Haut, die Verdauung, das Immunsystem und für die Psyche. Sowie für Schmerzen aller Art, bei denen Bewegung einer der Hauptfaktoren zur Besserung ist[link]. Oft sogar gegen die Intuition der Betroffenen und alte Vorstellungen der Medizin, die erst mal Schonung empfehlen. Das gilt heute nur noch für wenige, spezielle Ausnahmen, alles anderen profitieren von der Bewegung. Stents
    (zur Gefäßerweiterung des Herzens) bringen in aller Regel nicht viel
    , der Abendspaziergang hingegen bringt immer etwas, buchstäblich jeder Schritt zählt. Aber nicht nur Schmerz- und Herz-Patienten profitieren von der Bewegung, auch für die Therapie von Depressionen ist die Bewegung nahezu unerlässlich. Depressionen[link] gelten einerseits als die zweithäufigste psychischen Erkrankungen, gleichzeitig jedoch auch als Stoffwechselstörung, also eine körperliche Erkrankung, aber die Einteilung in körperlich oder psychisch ist ohnehin nicht sonderlich sinnvoll, da die Psyche mittelbar allen Erkrankungen beteiligt ist. Nach einem Herzinfarkt ist einer der entscheidenden Größen, die vor einem weiteren und gefährlichen zweiten Infarkt schützt, dass eine eventuelle Depression behandelt wird.

    Bewegung schützt auch vor weiteren Erkrankungen oder Risikofaktoren, nämlich dem heute verbreiteten Übergewicht und dem Stress, den man durch Bewegung gut abbauen kann. Wir erkennen hier bereits, wie ein einziger Punkt einen positiven Einfluss auf eine Vielzahl gravierender Erkrankungen hat. Und das gilt auch für die weiteren Bausteine.

    Man kann es sehr kompliziert machen oder ganz leicht

    Kompliziert wird es, wenn man sich alles in eine mordsmäßig lange to-do-Liste übersetzt, die berücksichtigt, was gut für welchen Teil des Körpers ist, die man dann genau verstehen und pflichtgemäß abarbeiten muss. Dann gibt es dies, das und jenes zu berücksichtigen und sehr schnell ist alles ungeheuer kompliziert und für viele Menschen anstrengend, es sei denn man ist ein Fan, komplizierter Listen, das gibt es durchaus.

    Wenn man es sich leicht machen möchte, geht man am besten von sich selbst aus und schaut, was einem Spaß macht. Eine der Schwierigkeiten unseres Lebens besteht oft darin, dass wir die Dinge, die Spaß machen künstlich von denen trennen, die gesund sind. Wir wissen schon was uns Freude macht, außer bei Depressionen. Nimmt man uns das weg, sind wir beleidigt und bereits im Widerstand. Schaltet man auf stur und nur noch auf Spaß, lässt man alles andere sausen und verlässt die Couch nicht mehr, weil man den kick selbst findet oder beigebracht bekommen hat: fettig, süß und vor allem ständig Essen, Pornos schauen und dabei masturbieren, rauchen und trrinken, kaufen und spielen. Nicht was man kauft oder spielt, sondern dass man es tut, ist der entscheidende Punkt, nämlich der, der Dopamin ausschüttet, Drogen machen nichts anderes, als noch mehr davon frei zu setzen. Auf einem Dopamin High zu surfen kann erhebend sein, allerdings wird alles andere dann entsprechend farblos und öde, das fiese Ende aller künstlichen Highs ist sehr oft die Depression.

    Bewegung setzt auch Dopamin frei, man muss sich aber zunächst überwinden. Schafft man das, wird man vom Körper doppelt belohnt, weil man sich überwunden und bewegt hat. Besser ist es jedoch, die Schranke, dass alles was schön ist keinen Spaß macht, aus dem Kopf zu kriegen und einfach Spaß und Freude zu haben, denn auch das ist einfach:

    „Die beiden Studien The Grant Study und The Glueck Study beschäftigten sich über 75 Jahre lang mit dieser einen Frage: Was macht den Menschen wirklich glücklich? Die Forscher beobachteten über 600 Menschen über diese Jahrzehnte, verfolgten ihre Lebensgeschichten, testeten ihre Blutbilder, scannten ihre Gehirne. Für die Dauer der Studien öffneten diese Menschen die Fenster zu ihren Leben. Einige der Proband*innen sind bereits gestorben, mit anderen stehen die Forscher*innen immer noch in Kontakt.

    Nach einer Analyse dieser unvorstellbaren Massen an komplexen Daten bleibt laut Robert Waldinger, der Teile der Studie betreute, eine Kernerkenntnis: „Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder. Punkt.“ Die Betonung liege dabei auf gut, wie Waldinger in einem Vortrag für TED erklärt. „Es geht nicht um die Anzahl der Freunde, oder ob man in einer verpflichteten Beziehung steckt. Es ist die Qualität der nahen Beziehungen, die zählt.“

    Die Qualität einer Beziehung erkenne man daran, wie sicher man sich selbst in ihr fühle, während man sein Innerstes mit anderen teile. Daran, wie verwundbar wir dabei seien, wie tief die Beziehung gehe. Und daran, ob wir uns in ihr entspannen können und wir so sein können, wie wir sind; aber auch den*die andere*n so zu schätzen, wie er*sie ist.
    Es ist demnach weder Geld, noch körperliche Gesundheit, was uns glücklich macht.“[2]

    Es ist also sinnvoll stabile Beziehungen zu suchen, um glücklich zu werden.

    Spaß und Unbeschwertheit kombinieren

    Gerade um die Erfahrung zu machen, dass etwas für die eigene Gesundheit zu tun, kein leidiges Pflichtprogramm ist, sollte man von Anfang an darauf achten, dass es Freude macht. Bewegung an frischer Luft ist dabei prima, sei es Gartenarbeit, das Spiel mit den Kindern oder Enkeln, die Radtour mit Freunden, wenn im Idealfall die Arbeit auch noch Freude macht, ist das auch nicht schlecht.

    Mal wieder ausgehen und Spaß haben, ein Konzert, eine Kirmes, ein Kabarettprogramm, sich in einem Restaurant oder bei einem Wellnesswochenende verwöhnen lassen, oder worauf man eben gerade Lust hat. Noch besser ist auch hier aktiv zu werden, Musik zu machen, zu schreiben, Freunde zu besuchen, um wieder zu erleben, dass man nicht passiv davon abhängig ist, was die Welt einem schenkt, sondern für sein Glück und seine körperliche Gesundheit selbst sorgen kann.

    Wenn man so viele Menschen um sich nicht dauernd braucht, kann man auch alleine durch den Wald spazieren gehen und die Umgebung wieder bewusster wahrnehmen. Das Grün des Waldes entspannt, die Bewegung, die Luft, all das tut gut, Bäume stoßen sogar Stoffe aus, die das Immunsystem des Körpers anregen, hier ist also ein Ort an dem man tatsächlich Kraft tanken kann. Das Immunssystem profiert wesentlich davon, dass wir entspannt und schützt uns dann auf ziemlich geniale Weise vor einer Unzahl von Krankheiten, umso mehr, je mehr man ihm zumutet. Das Immunsystem braucht Aufgaben und will kämpfen. Wir müssen uns nicht kleinlich vor allem schützen, es reicht, wenn man weiß, wo man aufpassen sollte, ansonsten knüppelt unser Immunsystem so ziemlich jeden Feind nieder, dafür ist es fast fünf Milliarden Jahre lang optimiert worden.

    Riesige Teile des Immunsystems sitzen im Darm und auch der profitiert von Bewegung, wie uns Bücher wie etwa Darm mit Charme gut verdaubar nahe bringen.

    All diese Erkenntnisse kommen aus der wissenschaftlichen Medizin, auch wenn vielen Alternativmedizinern vieles davon schon lange klar war. Die Wege, die die Disziplinen gehen waren und sind verschieden, freuen wir uns, wenn am Ende für uns etwas Sinnvolles dabei herauskommt, was obendrein auch noch leicht umzusetzen ist und von Spezialisten bestätigt wird, denn gerade sie werden im Rahmen ihrer Spezialisierung oft auf die Vielzahl der Zusammenhänge aufmerksam. Es ist nie zu spät anzufangen. Hieß es früher, im Alter lohne sich weder körperliches Training noch Psychotherapie, doch das ist alles überholt, wer will, der kann in jedem Alter anfangen und erstaunliches bewegen, vor allem sich und die eigenen Muster.

    Die subjektiven Faktoren sind für Patienten wegweisend und viel wichtiger, als die objektiven, auf die man zuvor vertraute. Prophylaxe und Therapie gehen so fließend ineinander über denn glücklich zu sein, gute Beziehungen zu haben körperlich und geistig flexibel zu bleiben oder zu werden, setzt neue Vorzeichen. Die Qualität schlägt dabei die Quantität, die berümhten 500 Social Media Freunde sind nichts wert, die eine beste Freundin aber jede Menge und selbst beim Lebensalter ist es so, dass 20 Jahren längeres Überleben in Isolation nicht immer die bessere Option ist, als ein qualitativ erfülltes und glückliches Leben.

    Körperliche Gesundheit, tiefe Beziehungen, einen Sinn im Leben zu sehen, vielfältig und mit Spaß aktiv zu sein und einige ausgewählte Angebote der Welt dankbar annehmen und diese eigenen Ideen bereichern, dieses Spiel auf Gegenseitigkeit funktioniert auf allen Ebenen. Auch Kreativität und Phantasie sind Bausteine einer Medizin, die neben weiterer Spezialisierung immer mehr zu einer multimodalen Medizin werden wird, die Innen und Außen, Phantasie und Realität, Körper und Psyche verbindet, weil sie ohnehin verbunden sind.

    Quellen