Echo und Narziss, Gemälde Waterhouse

Er kann keine Beziehung eingehen, weil ihn sein eigenes Spiegelbild mehr fasziniert. Der Mythos von Echo und Narziss, gemalt von Waterhouse. gemeinfrei, Wikimedia/geocities under cc

Das Prinzip Narzissmus soll ein Begriff sein, der breiter ist, als die Formen der manifesten narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Er umfasst zudem Massenregressionen, bei denen Menschen, die an sich psychisch höher entwickelt sind in einen Sog geraten und auf eine Stufe einfacher Urteile, Emotionen und Verhaltensweisen der zurückfallen. Diese Regressionen können narzisstisch oder paranoid ausfallen oder später, bei anhaltender Regression, ineinander übergehen. Zuletzt, gehört dazu eine Art narzisstisches Ideal dazu, das Menschen attraktiv finden oder das ihnen mindestens notwendig bis normal erscheint zum Prinzip Narzissmus. Dieses Ideal wird angefeuert von Personen des öffentlichen Lebens und deren narzisstischen Verhaltensweisen, die manchmal auch bis in psychopathische Gefilde reichen. Psychopathie ist eine regressiven, also schwere Form des Narzissmus.

Narzissmus ist einer der inflationärsten Begriff in der Psychologie und weil er auch in gesellschaftlichen Diskussionen so breit verwendet wird, kommt es zu mitunter heillosen Widersprüchen, wenn man über Narzissmus spricht und liest. Meiner Auffassung nach ist Narzissmus aber ein gravierendes und in seiner gesellschaftlichen Dimension kaum verstandenes Problem unser Zeit, dessen Reichweite dramatisch unterschätzt wird und zudem in seiner Bedeutung geleugnet oder heruntergespielt wird. Darum lohnt es sich das Phänomen zu verstehen, was ich Prinzip Narzissmus nenne und den von ihm ausgelösten Sog, mit ihm entgeht man auch den Zahlenspielereien, mit denen die Problematik oft bagatellisiert wird.

Wir wollen nicht in aktuelle Streits um Definitionen einsteigen, weil der nur Fachleute interessiert, müssen aber dennoch kurz darzustellen, wovon die Rede ist: Für die einen ist Narzissmus eine schwere Erkrankung, für andere eine leichte, für wieder andere gar keine Erkrankung, sondern eine normale Erscheinung innerhalb unseres Verhaltensrepertoires. Eine weitere Position sagt, dass Narzissmus einfach nur, pathologisch oder nicht, eine Anpassung an unsere Gesellschaft ist. Narzissmus beginnt im Gesunden, doch er wird immer pathologischer, je mehr Aggressionen sich mit den narzisstischen Tendenzen vermischen.

Zugleich ist man sich über die Verbreitung und die Frage der Zunahme des Narzissmus ebenfalls herzlich uneinig. Einige sehen eine geradezu dramatische Zunahme des Narzissmus in den letzten Jahrzehnten und sprechen von einer narzisstischen Epidemie. Andere zucken ungerührt mit den Schultern und sagen die Zahl der narzisstischen Persönlichkeitsstörungen hätte sich eigentlich überhaupt nicht verändert. Selbstverständlich ist man über die Zahl der Narzissten und ob sie nun erschreckend hoch oder vernachlässigenswert gering ist auch uneins. Ungefähr 1-2% sagen die einen, fasst man die Eskalationsstufen des Narzissmus zusammen, kommt man vielleicht auf 8 – 10% bei den anderen. Die Gesamtzahl der schweren Persönlichkeitsstörungen zu denen die Narzisstische Persönlichkeitsstörung zählt, ist ebenfalls umstritten und wechselt schon deshalb, weil die Definitionen öfter mal wechseln.

Wir beschreiben in der Folge den Narzissmus und werden vor allem das Prinzip Narzissmus vorstellen, das einige der Streitpunkte übergeht und Ihnen die Möglichkeit gibt, Sich selbst ein Bild zu machen. Das Prinzip Narzissmus hat den Vorteil, dass man es losgelöst von der Frage betrachten kann, ob nun jemand tatsächlich im engen Sinne der Persönlichkeitsstörung narzisstisch ist, oder nicht oder unter dem Einfluss von Massenregressionen steht, in denen auch normal gesunde Menschen Verhaltensweisen aus dem Spektrum der schweren Persönlichkeitsstörungen zeigen können. Gleiches gilt für zwischenzeitliche Regressionen in intimen Partnerschaften, die kurzfristig auftreten können. Zuletzt umfasst das Prinzip Narzissmus auch jene Situationen in denen sich jemand von narzisstischen Einstellungen mitreißen lässt, etwa, weil er einem charismatischen Narzissten begegnet oder diesen erlebt.

Wie zeigt sich Narzissmus und warum gibt es ihn?

Narzisstische Menschen sind selbstbezogen, manche sagen selbstverliebt, doch das ist umstritten und wichtiger ist, dass es sich in allen Lebenslagen, manchmal auf leisen Wegen, oft jedoch auch ganz offen, stets um sie als Hauptperson drehen sollte. Ist das nicht der Fall, tritt der die Narzissten leitende Affekt hervor, schwerer bewusster und unbewusster Neid. Neid, nicht die wichtigste Person im Raum zu sein, Neid darauf, dass ein anderer die Aufmerksamkeit auf sich zieht, die doch vom Selbstempfinden allein dem Narzissten gebührt und die er jederzeit für sich beansprucht. Das kann so weit gehen, dass man den anderen beneidet, der einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat, sei es eine Krebsdiagnose, eine Unfall oder der Tod eines nahen Menschen, nicht um den Schicksalsschlag, sondern darum, dass man nun die bessere Story hat und dem nun die Show stehlen kann.

Typisch für Narzissten ist ihre Unfähigkeit sich in für andere zu interessieren, über die Konkurrenz um Aufmerksamkeit hinaus oder in idealisierende Bewunderung kippt. Auch hier muss man aufpassen, denn es ist nicht im eigentlichen Sinne Empathiemangel der den Narzissten ausmacht. Es ist eine spezielle Stufe der Empathie[link], die Narzissten erreichen, über die sie nicht hinauskommen, über die sie auch nicht hinauswollen, jene des instrumentalisierenden Umgangs miteinander, sowie der Konkurrenz. Wie viele Menschen, denken gerade auch Narzissten, dass es kein anderes Motiv gibt, das Leben zu leben, außer dem Kampf um Aufmerksamkeit, Besonderheit und Anerkennung. Zur Anerkennung haben sie ein besonderes Verhältnis: Einerseits gieren sie nach Anerkennung, am meisten in Form der Bewunderung, doch wenn sie diese erfahren, können sie es nicht ertragen, dass der andere, der lobt und bewundert, etwas kann, was sie selbst nicht können: nämlich andere als zu loben, zu bewundern und sich mit ihnen zu freuen, was wiederum den ewigen Neid intensiviert. So sind sie gezwungen, den, der sie lobt, zu entwerten, als jemanden, der ohnehin keine Ahnung von der wahren Bedeutung und dem Wert dessen hat, was man da geleistet hat. Damit zerstören sie aber auch das Lob. Ein sicherer Mechanismus selten bis nie zufrieden zu sein und das sind Narzissten auch nicht. Sie hassen sich selbst und lieben ihr ideales Ich, ihr grandioses Selbstbild, um das ihre Phantasie die ganze Zeit kreist und das ihrer Meinung nach den Menschen zeigt, der man eigentlich ist, ein oftmals verkanntes Genie, oder mindestens ein durch und durch besonderer Mensch. Ihre Pathologie ermöglicht es ihnen, ihr reales Selbst zu vergessen und ihr ideales Selbst an dessen Stelle zu setzen, so dass sie das Gefühl haben, bereits so zu sein, wie es ihrem Ideal entspricht. Aus dem Wunsch großartig zu sein, ist so das Gefühl geworden es bereits zu sein. Jedenfalls in der gutartigen, grandiosen Variante.

Aus diesem Grund fällt es ihnen auch leicht, sich mit Genies oder herausragenden Personen des öffentlichen Lebens zu identifizieren. Diese Menschen seien ihnen wesensverwandt, so die Selbsteinschätzung. Wenn Narzissten leiden, identifizieren sie sich auch gerne mit dem Leiden anderer, die Unerträgliches bis Übermenschliches durchmachen mussten, auch hier muss Grandioses geboten werden, die Botschaft ist oft: „Was ich durchmache, hat noch niemand durchmachen müssen. Das kann sich keiner vorstellen.“ Durchschnitt, Normalität und Entdramatisierung sind dem Narzissten in fast allen Fällen fremd bis verhasst, so dass er zwischen Grandiosität und existentieller Katastrophe pendelt. Sie empfinden sich als Menschen, die, auch wenn ihnen das passiert, was viele andere ebenfalls erleben, das alles doch auf eine ganz besondere Weise erleben und es ist ihnen wichtig, dass so gut wie niemand nachvollziehen kann, was sie bewegt, wie sie empfinden, dass dasselbe Erlebnis, was andere auch hatten, bei ihnen doch immer noch eine besondere Note erhält. Die anderen schaffen es einfach nicht so feinfühlig, sensibel, krass, offen, schonungslos oder mit geistreichen Bezügen und Assoziationen die Welt zu erleben, wie sie es tun, ihre Welt bleibt den anderen, vor allem dem Durchschnitt verborgen. Gleichzeitig können sie mit den Freuden der Normalen oft nichts anfangen und empfinden deren Vergnügen oft als unter ihrem Niveau. Unbewusst leiden sie dann darunter, dass ihnen die Welt des anderen ebenfalls verschlossen bleibt, aber den Schmerz, den das auslöst und die Trauer darüber, können sie nicht empfinden, statt dessen wird die Welt des anderen als nicht so wichtig, läppisch, lächerlich, primitiv oder total uninteressant entwertet.

Neidisch ist man jedoch stets auf das, was man selbst gerne hätte, von dem man weiß, dass man es aber momentan oder prinzipiell nicht bekommt. Die Schwärmerei um das Ideale und Besondere und die Triumphe sind oft nur Ersatz für die Unfähigkeit an der der Welt teilzunehmen: „Guck mal, was ich habe und wie großartig ich bin, und wie lächerlich klein Du dagegen bist.“ Man macht den anderen klein, um selbst groß zu sein, sich das zumindest unausgesetzt einreden zu können.