Da haben wir es! Nach Empfehlungen zu gesunder Ernährung, moderater Bewegung an der frischen Luft, einem ausfüllenden Job und einem ausgeglichenen Familienleben nun auch noch das: regelmäßiger Sex! Andernfalls zöge es psychische und physische Konsequenzen nach sich, angeblich. Diese unschöne Tatsache scheinen zumindest einige Studien herausgefunden zu haben. Aber welche negativen Konsequenzen sollen das sein? Außerdem: Zählt nicht vielmehr die Qualität des sexuellen Spiels und nicht die Quantität – in Bezug auf sexuelle Zufriedenheit? Und wie wenig Sex ist überhaupt zu wenig Sex? Schauen wir mal, was die Forschungswelt uns offenbart.

Die Mehrheit zählt. Oder?

Schlafzimmer Bett Lichtschein Tür

Zu wenig Sex? Manchmal auch eine Frage der Atmosphäre © Gregor Dodson under cc

Vom Kondomhersteller Durex wurde 2008 eine Umfrage durchgeführt bezüglich der Häufigkeit sexueller Aktivitäten in deutschen Betten. Etwa 35 % der befragten Männer und Frauen gaben an, sechs- bis zehnmal pro Monat Sex zu haben. Verglichen mit anderen Ländern liegen wir damit im Mittelfeld. Demnach hätten wir nicht unbedingt zu wenig Sex.
Die Dauer eines sexuellen Kontaktes (mit allem Drum und Dran) soll nach Umfrage durchschnittlich 18 und 24 Minuten sein. Das ist zwar länger als eine Werbepause, aber deutlich kürzer als der »20.15-Film«.

Der eigentliche Geschlechtsakt soll beim Menschen im Schnitt innerhalb von 5.4 Minuten vollzogen werden, so die Ergebnisse einer interkulturellen Umfrage von Waldinger et al. (2005). In der Umfrage wurde nur die Zeit des intravaginalen Kontaktes erhoben: »Intravaginal ejaculation latency time (IELT), defined as the time between the start of vaginal intromission and the start of intravaginal ejaculation …«
Erwähnt werden sollte der erhebliche Range, welcher bei diesem Durchschnitt vorhanden war. Das heißt: Die Dauer des eigentlichen Geschlechtsaktes variierte von 0.55 – 44.1 Minuten.
Es obliegt jedem selbst, zu prüfen, inwiefern er sich innerhalb der vorhergesagten normalen Verteilung bewegt.

Zu wenig Sex? Ein Blick ins Tierreich

Mal unabhängig davon, welch qualitativ und quantitativ hochwertiges Liebesspiel uns diverse Online-Anbieter für Sexspielzeuge oder gar Online-Pornos vorgaukeln wollen: Vielleicht lohnt es sich auch, einen Blick ins Tierreich zu werfen. Durch die Orientierung, an dem was natürlich ist und sich Jahrtausende lang bewährt und über Jahrhunderte entwickelt hat, ließe sich womöglich ausmachen, bei welcher verminderten Häufigkeit zu wenig Sex schädlich sein könnte.

Ein nicht ganz uninteressantes Detail dürfte der Penisknochen sein. Noch nie gehört? Jenes wird sicher Vielen so gehen. Denn bei den Menschen ist dieser Knochen nicht mehr zu finden, bei so einigen Säugetieren dagegen schon.

Der Penisknochen oder: Warum wir nicht die »größten« Liebhaber sind

Die Anthropologen Brindle und Opie schreiben 2016 in ihrer Veröffentlichung, der Penisknochen solle vielen Säugetieren bei der Fortpflanzung helfen. Er unterstützt einen lang anhaltenden Paarungsakt. Vor allem, wenn die männlichen Artgenossen beim eigentlichen Akt auch die Konkurrenz im Blick behalten müssen. Anders ausgedrückt: Der Penisknochen gewährt andauernde Standhaftigkeit – selbst wenn man(n) mal kurz abgelenkt ist. Insbesondere bei Lebewesen, die einen länger andauernden Geschlechtsakt praktizieren – länger als drei Minuten -, findet man den Penisknochen im Skelett.
Moment. Länger als drei Minuten? Der durchschnittliche Geschlechtsakt des Homo sapiens dauert doch 5.4 Minuten, wie in der Studie von Waldinger et al. (2005) herausgefunden wurde. Warum haben unsere Männer also keinen Penisknochen mehr?

Monogamie: Keine Konkurrenz, kein Penisknochen?

Evolution Schrift gelb orange

Evolution schafft gut angepasste Veränderung: auch beim Sex? © Kevin Dooley under cc

Brindle und Opie formulieren die Hypothese, der Übergang von der polygamen hin zur monogamen Lebensweise könne für die evolutionäre »Kürzung« verantwortlich sein. Geschehen so vor circa zwei Millionen Jahren. Die Gefahr, das Weibchen könne während des Geschlechtsaktes abhanden kommen, war durch diese Änderung im Sozialverhalten radikal minimiert.

Einen anderen Lösungsweg haben unsere nahen Verwandten gefunden. Denn auch bei Schimpansen ist der Penisknochen so gut wie nicht mehr vorhanden. Zum einen liegt es an der Dauer von nur wenigen Sekunden, die der Geschlechtsakt vonstatten geht. Zum anderen mag es sicherlich auch daran liegen, dass sich die Weibchen innerhalb einer Gruppe mit allen Männchen paaren, was das »Konkurrenzmotiv« erheblich reduziert.

Wir halten fest: 5.4 Minuten Geschlechtsaktdauer (mit einem Range von 0.55 – 44.1 Minuten) in ruhiger monogamer Umgebung – so zumindest der erhobene Durchschnitt in der Befragung von Waldinger et al. (2005). Und wie oft?

Kopulationshäufigkeiten und andere Besonderheiten

Wie oben bereits angedeutet, kopuliert der Homo sapiens etwa sechs- bis zehnmal pro Monat – zumindest nach eigenen Angaben. Diverse andere Tierarten, zum Beispiel Vögel, können darüber nur schmunzeln. Sie tun es in der Häufigkeit – und noch darüber hinaus – mehrmals am Tag.

Wie Professor Manfred Dzieyk von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe verlauten lässt, nimmt der Mensch im Großen und Ganzen keine besondere Stellung im Vergleich zu anderen Tierarten ein, jedenfalls was seine sexuellen Aktivitäten betrifft. Allerdings eine Sache ist ihm eigen:

Schimpansen mit Jungtier im Zoo

Schimpansen in Gefangenschaft »menscheln« sexuell © Eleleleven under cc

»Nur der Mensch kann bewusst in der Bandbreite zwischen völliger sexueller Enthaltsamkeit und permanenter Ausschweifung wählen. Der Mensch kann als einzige Art bei seinen sexuellen Handlungen, wenigstens seit jüngster Zeit, die Fortpflanzung völlig ausschließen und allein aus Liebe und/oder Lustgewinn genießen oder es lassen. Zweifellos hat der Mensch in der Emotionalität und der Rationalität gegenüber den Menschenaffen eine ungleich größere Tiefe, zumindest die Möglichkeit dazu, im Positiven wie im Negativen, wobei viele Handlungen, vor allem in der Jugend und Adoleszenz, doch eher triebhaft und emotional motiviert sind, aber auch später oft erst nachträglich rational begründet werden.«

Sexuell daueraktiv: Der Mensch als guter Liebhaber

Ferner schreibt Professor Dzieyk, bei den meisten Säugetieren seien die Fortpflanzungszeiten durch asexuelle Zeiten unterbrochen, meist saisonal bedingt. Beim Menschen hingegen herrscht sexuelle Daueraktivität. Interessanterweise findet sich diese dauerhafte sexuelle Aktivität auch bei Affen in Gefangenschaft. Begründet wird dies damit, weil Aufwendungen für Nahrungssuche und damit verbundene körperliche Anstrengungen sowie zeitliche Beanspruchung wegfallen (vielleicht auch zur Kompensation?).

Sei es drum: Wir könnten also … wenn wir wollten.

Wir brauchen nicht Sigmund Freud, um zu wissen, dass der Sexualtrieb einer der stärksten menschlichen (An-)Triebe ist. Am Ende dieses Artikels resümieren wir demzufolge, dass uns die Natur dank der evolutionären und zivilisatorischen Entwicklung alle Möglichkeiten für häufige und lang andauernde sexuelle Aktivitäten offen hält. Dennoch scheinen Viele aufgrund von Alltagsbelastungen, moralischer Überformung, Stress und ähnlichem den Bezug zu einem der stärksten natürlichen Triebe verloren zu haben. Andernfalls würden Studien keine negativen gesundheitlichen Konsequenzen aufgrund von zu wenig Sex beim Menschen finden. Darüber hinaus: Hätte Masturbation einen kompensatorischen Nutzen? Demnächst zu lesen hier.