vier Männer im Anzug, schwarzweiß

Man muss überall aufpassen … Warum noch mal? © Ox FF under cc

Macht und Wahrheit stehen heute auf vielen Ebenen in einem großen Konkurrenzkampf, sie bedingen einander allerdings auch. Vieles was an Streit, schlechter Laune und Unterstellungen in der Gesellschaft kursiert, geht auf dieses Spannungsverhältnis zurück und zugleich ist die Betrachtung ein ergänzender oder vertiefender Aspekt zu unserer Reihe über das Prinzip Narzissmus.

Was Macht ist, haben wir als Essenz aus mehreren Definitionen so beschrieben: Macht ist der Einfluss oder die Fähigkeit, das Verhalten oder Denken anderer zu steuern.

Wahrheit ist schwieriger zu definieren, weil es diverse Wahrheitsdefinitionen und -theorien gibt, darunter mehrere große, einflussreiche. Keine davon ist widerspruchsfrei und unproblematisch, das macht die leichtfertige Rede von der Wahrheit so problematisch. Das ist alt, bekannt und ungelöst aber auch meistenteils ignoriert. Irgendwie tut man, als wüsste man was Wahrheit ist, auch, wenn das nicht stimmt.

Was aber heißt das in der Konsequenz? Es bedeutet, dass wir keinen letzten Punkt haben, an dem wir festmachen können, was eine absolute Wahrheit ist. Aber es bedeutet nicht, dass es größeren Grund gibt, an dem Wahrheitsgehalt bestimmter Aussagen über den Alltag zu zweifeln. „Hat der Supermarkt noch auf?“ Das ist eindeutig zu beantworten, auch dann, wenn gerade heute alles anders sie könnte. Vielleicht hat er immer bis 20 Uhr geöffnet, nur heute war da dieser Stromausfall oder Wasserrohrbruch. Das simple: „Ja, der hat bis 8 auf“, müsste also im relativer und ergänzt werden: falls nicht gerade heute ein Feuer, Wasserrohrbruch, Stromausfall, Raubüberfall … plus beliebiger weiterer Möglichkeiten auftreten, aber das lässt man zurecht weg und sehr viele Fragen, sind klar zu beantworten, wenn man sich nicht mit Gewalt dumm oder tot stellt.

Ob es regnet, wer derzeit Ministerpräsident von Bayern ist und wie das Fußballländerspiel gestern ausgegangen ist. Das ist einfach. Wie ein Gewitter entsteht und ein Staubsauger funktioniert und was die sizilianische Eröffnung ist, ist schon die mittlere Stufe. Rechtstheorien, wie genau ein fMRT funktioniert, kosmologische Modelle oder philosophische Theorien, da wird es oft haarig.

Die pragmatische Lösung bezogen auf die Wahrheitstheorien ist, dass man zwischen den großen Wahrheitstheorien pendelt und von allen etwas nimmt. Sie besagen, dass Wahrheit dann gegeben ist, wenn das was man denkt und behauptet mit der sogenannten Realität (der Tatsachen) übereinstimmt oder korrespondiert (die Korrespondenztheorie der Wahrheit), wenn die Scientific Community, die Gemeinschaft der Wissenden, der Meinung ist, diese oder jene Theorie kämen der Wahrheit am nächsten (Konsenstheorie der Wahrheit) und wenn die Argumentation einer Theorie in sich logisch stimmig oder kohärent, statt widersprüchlich ist (die Kohärenztheorie der Wahrheit).

Worum es geht

Es gibt eine These, die besagt, dass jeder Mensch stets seine Machtinteressen verfolgt und der Unterschied lediglich darin liegt, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Egal, ob man zum anderen nett ist, droht, bitterlich weint oder sagt, dass man doch nur das beste für den anderen will, stets verfolgt man damit Eigeninteressen und will den anderen im Sinne der Maximierung des eigenen Nutzens manipulieren.

Ein Teil von uns wird nun denken, dass es genau so ist, ein anderer Teil wird denken, dass das nicht stimmt. Beide habe zugleich Recht und Unrecht. Es gehört zu den psychoanalytischen Grunderkenntnissen, dass der Mensch wesentlich aggressiver und selbstsüchtiger ist, als gewöhnlich gedacht wird und eine Person ist von den egozentrischen Absichten oft besonders ausgenommen: man selbst. Das gilt allerdings für so ziemlich jeden, der meint, die anderen seien ganz schön aggressiv und selbstsüchtig, man selbst allerdings nicht, wenigstens wüsste man selbst, wo die Grenzen liegen und wäre allenfalls zu kleinen Sauereien bereit. Beim anderen ist man sich da nicht so sicher.

Diese Deutung funktioniert in der Regel auch ganz gut, so dass man mit einem etwas geschönten Selbstbild durchs Leben geht, das zwar etwas unrealistisch ist, aber nicht so unrealistisch, dass man mit dem Leben und den Beziehungen in ihm nicht mehr klar kommt. Eine gelinde Selbstüberschätzung ist gut, ist sie übertrieben, ist das nicht so gut. Psychoanalytiker, dynamische und Tiefenpsychologen machen nichts anderes, als in die aufrichtige Eigenempfindung, zu erweitern, in dem sie, entweder noch ein wenig Sex oder Aggression und Egozentrik in die Selbsterzählung mischen und dadurch die als leidvoll erlebte Lücke zwischen Selbsterleben und Fremdeinschätzung abmildern.

Anders formuliert: Sexuelle, selbstbezogene und aggressive Antriebe sind stärker in uns verbreitet, als wir selbst wissen und merken. Unser Zusammenleben erfordert aber einen gewissen Triebverzicht, mindestens die spontanen Impulse muss man bremsen, der Lohn dafür ist gesellschaftlicher Schutz, soziale Anerkennung und Unterstützung. Der klassische Streit zwischen den Triebwünschen des Es und den verinnerlichten sozialen Anforderungen des Über-Ich. Damit man diesen Streit nicht fortwährend als innere Spannung merkt, haben sich gewisse Strategien der Verdrängung und Verleugnung eingespielt, durch die man irgendwann zutiefst davon überzeugt ist, dass das, was man am Werten verinnerlicht hat, die ureigenen Wünsche sind und so entsteht dieses etwas gezähmte Selbstbild, das man von sich hat. Es scheint also, dass die Gruppe derer, die glauben, dass der Mensch letztlich ein Egoist sei, die Nase vorn hat.

Doch es ist komplizierter. Wenngleich unser Selbstbild sicher geschönt ist, ohne dass das in den meisten Fällen sonderlich schlimm wäre, heißt das wiederum nicht, dass es keinen echten Altruismus gibt (der das Wohl eines anderen Menschen vergrößern möchte) und es heißt auch nicht, dass es Menschen nicht authentisch und aufrichtig sein können.

Vertrauen gegen Misstrauen

Es gibt eine grundsätzliche positive Unterstellung, dass der andere aufrichtig ist, bis zum Beweis des Gegenteils. Dieser Standpunkt muss nicht naiv sein. Ich kann dem anderen grundsätzlich unterstellen, keine feststehenden Absichten zu verfolgen, aber dann dennoch, im Laufe der Zeit zu der Überzeugung kommen, dass diese positive Unterstellung, zu unecht geschah und daher wieder kassiert werden muss. Das muss mich nicht davon abbringen, dem nächsten wieder mit Offenheit zu begegnen und erneut erst mal zu unterstellen, dass er sagt, was er denkt und meint, was er sagt. Die eine Herangehensweise an Begegnungen und Beziehungen ist, jedem neuen Menschen zunächst so offen zu begegnen, wie es geht und einen Vertrauensvorschuss zu schenken.

Das findet die Gegenseite heillos naiv und ist betont vorsichtig bis misstrauisch. Wer weiß, ob der andere nicht etwas im Schilde führt? Lieber erst mal nicht vertrauen. Vertrauen, muss man sich verdienen, man bekommt es nicht geschenkt, wenigstens nicht von Vertretern dieser Gruppe. Solange beides nicht überdreht wird, ist dagegen nicht einzuwenden, aber manchmal wird der Bogen eben überspannt. Die gute Laune Fraktion wischt dann alle Zweifel, die man irgendwann mal bekommen sollte vom Tisch, Hauptsache die Party geht weiter und irgendwie haben wir uns doch sowieso alle lieb. Der notorisch Misstrauische hingegen, lässt Zweifel an seinen Zweifeln gar nicht erst aufkommen, was auch immer der andere tut, macht er aus taktischem Kalkül. Warum sollte man nett sein, außer wenn man sich dadurch einen Vorteil verspricht?

Den Psychologen kann man es offenbar nie Recht machen und tatsächlich muss die Psychologie sich öfter mal den Vorwurf gefallen lassen, dass ihre Pathologisierungen ja das eigentliche Übel seien. Man erklärt einfach einige Verhaltensweisen als problematisch, anormal oder krank und dadurch stigmatisiert man die Menschen, die unter den Normierungen und Kategorisierungen viel mehr leiden, als unter ihren Symptomen. Aus das, so heißt es, ist eine Machtproblematik. Eine Kritik, die man ernst nehmen muss und die auch ernst genommen wird. So gilt es abzuwägen, doch ganz so sinnlos und willkürlich sind die Diagnosen nicht. Wer hier schon länger liest, wird bei obigen Beschreibungen des notorisch gut Gelaunten, für den es keine Probleme geben darf und seines miesepetrigen Pendants den narzisstischen und paranoiden Pol der Persönlichkeit wiedererkannt haben. Was daran auch über die Lust an der Diagnose schief ist, zeigt eine Erweiterung des Blicks.

Gerade am paranoiden Pol kann man die Problematik dieser Denkweise aber auch philosopisch aufzeigen: Wer sagt, dass er dem anderen prinzipiell nicht glaubt, muss sich fragen lassen, aus welchem Grund man ihm selbst denn glauben sollte und warum man nicht mit dem gleichen Vorbehalt auch ihm misstrauen sollte. Wenn man wirklich jedem misstrauen sollte, dann auch dem, der das generelle Misstrauen empfiehlt und wenn man das ernst nimmt, sollte man der Empfehlung gerade nicht folgen. Philosophisch ist das ein Selbstwiderspruch und damit erledigt.

Psychologisch ist diese paranoide Position eine anstrengende Welt, in der man dem anderen nicht mal glaubt, dass er einem die Uhrzeit ohne doppelten Boden und geheime Absichten sagt.

Eine weitere, etwas abgeschwächte und depressiv eingefärbte Idee ist die, dass man nicht enttäuscht werden kann, wenn man erst mal vom schlimmsten Fall ausgeht. Das klingt auch erst mal logisch. Wer hoch fliegt, kann tief fallen, allerdings wird jemand, der seine Stimmung aus Angst vor Enttäuschung immer im Keller hält, auch die keine Glücksmomente haben. Abgerechnet wird zum Schluss und dann hat man sich wenigstens keinen Illusionen hingegeben, so lautet das Gegenargument, allerdings ist man missmutig bis depressiv durchs Leben geschritten. Da wird dann die Angst vor gelegentlichen Enttäuschungen gegen die eine große Enttäuschung eingetauscht, zu der das Leben dann wird. Schön ist das nicht. Soweit die Vorbemerkungen, doch das Thema war ja: