Genuss

Menschen im Opiumrausch, Gemälde, schwarzweiß

Die richtigen Drogen gehören oft zu einem dekadenten Leben dazu. © UnklNik under cc

Immer nur das Beste zu wollen ist nicht schlecht, nur eben nicht statisch, sondern situativ. Mit 20 zu bekommen, was man sich im Alter von fünf Jahren immer gewünscht hat, ist eher eine Strafe, als eine Freude und wie man weiß, wenn man 30, 40 oder älter ist, hört die Entwicklung nicht auf. Selbst diejenigen, die sich nicht wesentlich weiter entwickeln, haben immerhin andere Bedürfnisse. Die Nächte durchzufeiern ist mit 20 schön, mit 40 anstrengend. Was man will, verlagert sich. Die Lesart, dass man nicht mehr so kann, wie früher, was angeblich schon mit Anfang 20 losgeht, ist ein wenig einseitig. Es ist eine Differenzierung die stattfindet, weil manche Fähigkeiten nachlassen und Bedürfnisse verblassen, andere aber überhaupt erst beginnen. Die Fähigkeit zum Genuss nimmt tendenziell zu.

Wenn man Kind ist, ist die Vorstellung des Paradieses einfach: Man weiß was gut ist. Selbstvergessen spielen, gerne auch mit anderen, Toben und Süßigkeiten. Die Genussmittel der Erwachsenen finden Kinder eher abstoßend: Bier und Kaffee sind bitter, Tabak reizt zum Husten und subtile Geschmacksnuancen sind nicht die Sache der Kinder und eigentlich ist vieles nur spannend, weil es verboten ist. Wie wir wissen ändert sich das, manchmal so dramatisch, dass aus dem anfänglichen Genuss eine Sucht wird.

Aber das haben Süchtige und Kinder gemeinsam, sie leben in der Illusion, dass das was gut ist, nur vergrößert und verlängert werden muss, fertig ist perfekte Welt. Dieses Prassen ist eine Seite der Dekadenz. Kinder halten das durch, für sie ist jeden Tag Schokolade keine Drohung, sondern das Paradies. Dekadenz bleibt bei dem, was man unmittelbar mag, was einfach und schön ist und versucht neue Eindrücke eher zu vermeiden. Die Waren werden durch Luxuswaren ersetzt, weil man es sich erlauben kann, ansonsten bleibt es grell, bunt, laut oder je nach Mode, dezent und edel, weil das gerade vorgeschrieben chic ist.

Genuss heißt aber auch, sich weiter zu entwickeln, die sich verändernden eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Das eisern festzuhalten, was man nun endlich hat und die Phase zu verpassen, in der man sich verändert, ist eine Gefahr. Eine verständliche, weil man nun endlich das erreicht hat, von dem einst träumte. Dumm nur, wenn die Träume sich verändert haben. Man muss dem anderen nichts madig zu machen, aber einen Traum zu leben, ist zugleich das Ende des Traums. Immer nur Schokolade, jede Nacht Party, immer mehr Drogen, das kippt mit der Zeit. Es ist keine Dekadenz mehr, bei der man tut, was man tut, weil man es kann und längst kein Genuss mehr, sondern eingefahrene Routine, auf dem Weg zur Sucht, bei der man tut, was man tut, weil man nicht mehr anders kann.

Qualität statt Quantität

Das ist tatsächlich oft die Lösung, wenn man aus der Dekadenz zum Genuss will. Aber nicht über Floskeln, indem man sich etwas einredet und auch nicht, indem die Handtasche für 300 Euro gegen eine für 6000 Euro eingetauscht wird, einfach weil es kaum noch befriedigt. Der Rausch des Konsums, vieler Süchte und Drogen besteht neurobiologisch darin, dass das Dopaminsystem anspringt, ein kurzer Flash, Peak. Das geht mit der neuen Handtasche, aber auch mit Selbstbefriedigung, wenn man vorm Spielautomaten sitzt oder sich ein Ziel setzt und es erreicht. Aber neurobiologische Ansätze verdecken oft mehr, als sie erklären, denn der kurze Kick macht nicht glücklich, ein neuer muss her und wenn man zu sehr chemisch nachhilft, ist das Ergebnis so gut wie immer, dass die gegenpolare Seite damit gestärkt wird, die Depression, das Gefühl der Leere, das Gefühl, dass man in all der Fülle nicht mehr erfüllt ist.

Die Lösung liegt nicht darin, an allem festzuhalten, auch nicht darin, sich alles was man erreicht hat, sogleich wieder madig machen zu lassen. Intelligenter sind zwei Stufen:

Genuss ist schön. Wenn man sich einen Traum wahr machen konnte, ist das erhebend und wunderbar, wenigstens für eine Zeit und die sollte man genießen. Das ändert sich in der Regel von selbst, auch wenn man sich das nicht immer eingestehen mag und dann ist es wichtig, dass man es irgendwann registriert, sich doch eingesteht und nach neuen Zielen und Bedürfnissen Ausschau hält.

Dazu muss man reflexiv werden, in sich schauen und was die Bedürfnisse und Erfahrungen des Genusses angeht, nachjustieren. Manches behält man unverändert, man kann immer wieder daran anknüpfen, in der Regel macht man die Erfahrung, dass auch das Schönste kippt, wenn es zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Dafür kommt aber anderes dazu, oft auch das, was man früher nicht mochte. Die Formel, dass immer mehr vom Selben zum Erfolg führt, ist schon längst als falsch entlarvt worden, aber es spricht wenig dagegen, viele verschiedene Genüsse in den Alltag einzubauen, denn, wer nicht genießen kann, wird selbst schnell ungenießbar.

Erfahrung und Reflexion

Dekadenz ist oft der Versuch die Dosis zu erhöhen: edler, teurer, nobler, exquisiter, das soll die Rettung sein. Ich finde es okay, wenn man auch das in sein Leben einbaut, die Grenzen austestet, aber erst der Kontrast hebt diese Bereiche heraus. Manche kommen von selbst auf die Idee, dass es dann ausgerechnet Phasen der Enthaltsamkeit sind, die aus mancher eingefahrenen Gewohnheit, auf der Grenze zur Sucht, wieder eine Lust machen können.

Auch die Beschäftigung damit, was es eigentlich ist, was mich da anmacht, ist nicht unwichtig. Wenn ich mir nicht nur von anderen erzählen lassen will, welchen Wein, welches Buch, welche Musik, welchen Urlaubsort oder welche Sexpraktik ich warum gut zu finden habe, muss ich mich selbst auf den Weg machen. Das ist nicht nur Denkerei, man muss die Welt schon probieren und dann schauen, was den Genuss erhöht. Die Lautstärke, den Preis oder die Dosis einfach nur ein wenig zu erhöhen, bringt es nicht in jedem Fall.

Dadurch wird aber auch klar, wofür und für wen, man sich sowas wie Interesse, Neugier, Bildung, Reflexion, Sorgfalt und dergleichen eigentlich aneignet: für sich. Wenn man immer mehr findet, was Freude und Genuss bereitet, ist das kein Nachteil, aber diese Beschäftigung mit sich macht einen zugleich auch zu einem interessanten Menschen, der was von der Welt zu berichten weiß und zugleich seine Neugier und Lust nicht vergessen hat.

Auch das kann man wieder überdrehen und zum Snob werden, sich zu elitär gebärden. Doch auch hier kann uns Reflexion helfen, etwa, wenn ich frage, warum ich etwas nicht leiden kann. Denn so wie mir jemand erzählt haben kann, was ich gut zu finden habe, kann mir ebenso eingetrichtert worden sein, was ich nicht mögen darf. Deshalb ist der letzte Schritt, dieser:

Mut zum Genuss auf dem eigenen Niveau

Man sollte zu sich selbst stehen und versuchen herauszufinden, was man wirklich mag, im Dickicht und Wechsel der sich ändernden Eindrücke, der sich verändernden Bedürfnisse, der Einflüsterungen, die man als Vorschläge durchaus berücksichtigen kann.

Das kann eine liebe und schrullige Gewohnheit sein. Oder etwas, von dem man selbst nicht so genau weiß, warum man es eigentlich mag. Vor allem ist schwer vorstellbar, wie jemand in jedem Bereich des Lebens ein solches Differenzierungsvermögen an den Tag legt, dass er erkennen kann, was eine tatsächlich gute oder sehr gute Qualität ist. Man kann das bei Motoren, Büchern, Textilien, Essen, Wein, Jazz, dem Gitarrenspiel oder Rechtssystemen vielleicht herausfinden, aber es gibt ja noch 10.000 andere Bereiche des Lebens.

Dass man sich in allem so hervorragend auskennt, dass man Spitzenqualität treffend erkennt, erscheint mir unglaubwürdig, muss man aber auch nicht. Interessanter ist das, was man zuverlässig kennt oder zumindest kennen könnte: den eigenen Geschmack. Wenn man Reggae, Fisch oder Stricken liebt oder gar nicht mag, dann ist das eben so. In der Regel kennt man einige Gebiete des Lebens gut, andere weniger gut, manche so ein bisschen, wenige sehr gut und viele gar nicht. So ist man in manchem wählerisch, in anderem folgt man einfach dem Mainstream, anderes ist einem vielleicht völlig egal.

Viel Genuss in das eigene Leben zu bringen, heißt nicht, sich selbst mit den Klischees des Erfolgs zu schmücken, wie einen glitzernden Weihnachtsbaum, sondern irgendwann bei dem anzukommen, was das eigene Leben lebenswert und lohnenswert macht. Morgens mit Schampus zu gurgeln, dann in den eigenen Pool zu gleiten und irgendwann den dicken Wagen vorfahren zu lassen, wirkt nur selten nicht inszeniert. Sich innerlich und äußerlich genau mit dem umgeben zu können, was einem tatsächlich wichtig ist, ist ein großer Luxus, mit demonstrativer Dekadenz wird er selten zusammen fallen.

Quellen