Villa mit Pool

Für den kleinen Hummer zwischendurch. © Dmitry Dolgolaptsev under cc

Begriffe verändern sich im Laufe der Zeit und das gilt auch für den Begriff der Dekadenz, der so ziemlich alle Wendungen mitgemacht hat. Alle paar Jahre taucht er wieder auf. Einige werden sich noch an den Ausspruch des damalige FDP Vorsitzenden Guido Westerwelle erinnern, der schrieb: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“[1] Ein hoch unglücklicher Zusammenhang, den Westerwelle später bereute, denn die Hartz IV Realität hält den Vergleich mit Dekadenz nur im Angesicht der Slums und Elendsviertel der Welt aus.

„Im gegenwärtigen Sprachgebrauch wird der Begriff Dekadenz oder dekadentes Verhalten überwiegend gleichgesetzt mit Schwächlichkeit, Verkommenheit und/oder Verschwendung sowie im Sinne eines sozial schädlichen (vorwiegend moralisch-ethischen) Abweichens von einer gesund-natürlichen Lebensform verwandt. Oft wird der Begriff kritisch gegen das Verhalten von Personen mit angesonnener Vorbildaufgabe, also Personen des öffentlichen Lebens, Medienstars u. ä. gekehrt.“[2]

Extremistische Kreise sehen vor dem Hintergrund ihrer Ideologie den Westen gerne pauschal als dekadent an, weil er zu weichlich und individualistisch ist, manche betonen auch eine sexuelle Verkommenheit, aber häufig und ideologisch unschuldiger steht Dekadenz für hemmungsloses Prassen, Überkonsum, oder etwas zu machen, einfach, weil man es kann, ohne das Gefühl zu haben, sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Die Party auf der ausladenden Privatyacht vor Monaco, mit den unvermeidlichen Zutaten: reiche Männer, schöne Frauen, Kaviar und Champagner, so unbeschwert, kann das Leben sein. Der Privatclub für junge Milliardäre. Der glasige Blick, auf die steigenden Aktienkurse, die man selbst beeinflusst hat, solche Bilder mögen aufsteigen.

Aber oft sind es nicht mal die Reichen, Schönen und Mächtigen die – nicht selten als Projektionsfläche – die Wut auf sich ziehen, sondern der gedankenlose Nachbar, der alles falsch macht und stellvertretend für all das steht, woran die Welt untergehen wird.

Spielverderberei ist nicht der richtige Ansatz

So verständlich die Wut und manchmal auch nur der Neid sein mag, so wenig wird in der Regel damit erreicht. Moral ist eine wichtige Komponente der Persönlichkeitsentwicklung, aber Moralismus ist dann ätzend, wenn er eine selbstgefällige Pose ist, die sich zur Schau stellt. Der Punkt an dem viele abschalten, ist, dass ein mehr oder weniger willkürlich ausgewählter Bereich des Lebens nicht in seiner Symbolik erfasst wird, sondern frontal angegangen und zum wichtigsten Thema der Welt aufgeblasen wird; und dieser Einstellung haben, nach Meinung des Moralisten, gefälligst alle zu folgen, schließlich macht er das auch. Mit dem SUV die 200 Meter zum Bäcker fahren, gedankenlos Plastiktüten verschwenden, falsch heizen und beleuchten, an den Folgen von Übergewicht leiden, Intensivmedizin für Haustiere oder eben die Coffee to go Becher, mit dem Flieger in den Urlaub oder gar die Kreuzfahrt, die inzwischen für fast jeden erschwinglich ist, jeder hat was anderes, was er grauenhaft findet.

Gerechtigkeit ist auch dann erreicht, wenn es allen gleichmäßig schlecht geht, aber man darf schon die Frage stellen, ob man das als übergeordnetes Ziel ausgeben sollte, denn eigentlich ist der bessere Ansatz, den Wohlstand oder besser noch das Glück, zumindest aber die Zufriedenheit zu mehren, freilich so, dass uns der Planet nicht um die Ohren fliegt. Das wird als die große Aufgabe unserer Zeit angesehen, nur wird dabei gerne mal vergessen, dass man jemandem nicht vorschreiben kann, wann er glücklich ist oder womit er glücklich zu sein hat. Die Lust an Verboten, bis hin zum liebäugeln mit Diktaturen ist immer wieder ein verlockender Ansatz, er klingt so schrecklich vernünftig.

Härte, Disziplin und Verzicht als Gegenmittel?

Für manche ist die Lösung ganz einfach, man muss sich eben in Disziplin üben. Manche Menschen sind stolz darauf, dass sie nur zwei Stunden geschlafen haben, weil sie darum so ungeheuer produktiv und gnadenlos erfolgreich sind. Immer aktiv, immer leistungsbereit und immer ganz weit vorne, wenn es darum geht, 120% zu geben, yeah. Manche Lebensansätze sind ihre eigene Bestrafung, aber wer sich chronisch großartig, perfekt und überlegen fühlen muss, der ist eben nicht wirklich frei.

Dabei soll der Marshmallow-Test es an den Tag bringen und tut es auch mehr oder weniger verlässlich. Wer sich bremst, gewinnt und in der Tat zeigt sich, immer wieder, dass Impulskontrolle Vorteile bringt, die sich auch darin manifestieren, dass man es in der Schule bessere Leistungen zeigt und die Karriere besser gelingt. Aber ist das allein schon Glück? Nein, das würden wohl auch die Anhänger zugestehen, aber es kann eine Grundlage für das Glück sein, denn Erfolg, Wohlstand und soziale Anerkennung sind Bausteine des Glücks.

Nur hat man gelegentlich das Gefühl, dass die Superehrgeizigen und -diszipinierten nicht so gut den Schalter umgelegt bekommen und sich dann auch mal gönnen können faul zu sein, sich gehen zu lassen und ja, ein kleines bisschen genießen zu können, denn auch dort hört der ehrgeizige Wettstreit oft nicht auf. Alles muss noch größer und pompöser werden, die Party wird zur Inszenierung, das Leben mehr und mehr zur Show, die Fähigkeit zu genießen degeneriert allmählich und man braucht die anderen nur noch als Zeugen, für die eigene Großartigkeit oder um sie zu dominieren. Ein Eigentor.

Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden

Diese Zitat von Oscar Wilde klingt nach purer Dekadenz, aber wenn wir genauer hinschauen, wird es komplizierter. Denn dann wird die Frage virulent, was denn das Beste ist. Wer hat darüber zu urteilen? Ist das beste Auto nun das Modell superschneller Flitzer oder der supersichere Panzer oder klein, wendig, stadttauglich, der repräsentative Straßenkreuzer oder das sparsame Ökoauto der Zukunft? Hängt davon ab, wo man lebt, wie man lebt und was man für Ideale hat.

Und so geht es weiter, der beste Wein, die beste Musik, die besten Bücher, Schuhe, Handtaschen, Maler klar, da gibt es Annäherungen, einen bestimmten Kanon, aber was, wenn einem das alles nicht zusagt, weil man anders sozialisiert wurde oder die Qualität noch gar nicht nachvollziehen kann? Als eines der besten Studioalben gilt Kind of Blue von Miles Davis, auf youtube kann man es hören. Ob all unsere LeserInnen spontan dahinschmelzen?

Wir sind ja längst an anderes angepasst, an den Massengeschmack und sind irritiert bis enttäuscht, wenn wir mal etwas bekommen, was von dem abweicht, das wir kennen. Wir erkennen Qualität keinesfalls immer. Die Supermarktweine werden – wenn man überhaupt Wein trinkt und nicht viel lieber Limo oder das gängige Szenegetränk, gerne die Kombination aus süß und alkoholisch anregend – als lecker empfunden, wenn sie bestimmte Erwartungen bedienen: Breit und schwer für den Roten, Apfel mit Bonbon für den Weißen. Die Tafel Schokolade aus echter Spitzenproduktion, 60 Stunden gerührt und aus besten Zutaten, kann oft einpacken gegenüber der überzuckerten Billigmarke, die man aus der Kindheit kennt.

Viele versuchen angestrengt das Beste als das zu empfinden, was führende Experten als herausragend anpreisen. Manche können, wenn sie sich die Mühe machen, dann auch noch artig referieren, was man davon zu halten hat und warum dieses Theaterstück, diese Modemarke, dieser Parfümduft als das Nonplusultra gilt, was man selbstverständlich genauso empfindet. Ein Leben, bei dem man gezwungen ist, das überragend finden zu müssen, was gerade als trendy deklariert wird und der manchmal angestrengte Versuch, den eigenen Geschmack stets in diese Richtung zu dressieren.

Finde Deinen eigenen Geschmack und Stil?

So durchschaubar das für manche ist, so leicht tappt man aber auch auf der anderen Seite in die Falle. Ist das wahre Gute zu finden, wenn ich ganz eigentlich, ursprünglich und authentisch werde? Alle Einflüsterungen abstreife und ganz zu mir selbst finde? Wer aber ist dieses wahre Selbst jenseits aller Einflüsse? Wir sind Wesen, die in Beziehungen leben und durch diese geprägt werden und sogar unser Selbst verdanken wir zu einem großen Teil den anderen, oder wie Jürgen Habermas es ausdrückt:

„Mir hat es nie eingeleuchtet, dass das Phänomen des Selbstbewusstseins etwas Ursprüngliches sein soll. Werden wir uns nicht erst unter den Blicken, die ein Anderer auf uns wirft, unserer selbst bewusst? In den Blicken des Du, einer zweiten Person, die mit mir als einer ersten Person spricht, werde ich mir nicht nur meines erlebenden Subjekts überhaupt, sondern zugleich als eines individuellen Ichs bewusst. Die subjektivierenden Blicke des Anderen haben eine individuierende Kraft.“[3]

Es kann nicht darum gehen, eine Ursprünglichkeit vor aller Erfahrung zu finden, weil wir Erfahrungen und Begegnungen gar nicht aus unserem Leben aussperren können, sondern Authentizität heißt, wenn überhaupt, eine Position jenseits der Einflüsterungen und Vorschläge zu finden und langsam zu etablieren. Oder anders: Man wird nicht als der geboren, der man ist, sondern wird erst zu diesem Menschen. Dann allerdings könnte sich ein eigener Stil, eine eigene Art mit den Dingen umzugehen herausbilden.

Aber das heißt in den seltensten Fällen, sich naserümpfend vom Mainstream abzuwenden, da dies ebenfalls oft nur eine Pose ist und damit die andere Seite des Mainstream gefesselt bleibt, nur eben auf negative Art, in dem man ihn verachten und drüber stehen muss. Das snobistische Gehabe derer, die wissen, was sie nicht wollen, aber eben nicht, was sie wollen, weil sie sich selbst nie kennen gelernt haben.

Genuss

Menschen im Opiumrausch, Gemälde, schwarzweiß

Die richtigen Drogen gehören oft zu einem dekadenten Leben dazu. © UnklNik under cc

Immer nur das Beste zu wollen ist nicht schlecht, nur eben nicht statisch, sondern situativ. Mit 20 zu bekommen, was man sich im Alter von fünf Jahren immer gewünscht hat, ist eher eine Strafe, als eine Freude und wie man weiß, wenn man 30, 40 oder älter ist, hört die Entwicklung nicht auf. Selbst diejenigen, die sich nicht wesentlich weiter entwickeln, haben immerhin andere Bedürfnisse. Die Nächte durchzufeiern ist mit 20 schön, mit 40 anstrengend. Was man will, verlagert sich. Die Lesart, dass man nicht mehr so kann, wie früher, was angeblich schon mit Anfang 20 losgeht, ist ein wenig einseitig. Es ist eine Differenzierung die stattfindet, weil manche Fähigkeiten nachlassen und Bedürfnisse verblassen, andere aber überhaupt erst beginnen. Die Fähigkeit zum Genuss nimmt tendenziell zu.

Wenn man Kind ist, ist die Vorstellung des Paradieses einfach: Man weiß was gut ist. Selbstvergessen spielen, gerne auch mit anderen, Toben und Süßigkeiten. Die Genussmittel der Erwachsenen finden Kinder eher abstoßend: Bier und Kaffee sind bitter, Tabak reizt zum Husten und subtile Geschmacksnuancen sind nicht die Sache der Kinder und eigentlich ist vieles nur spannend, weil es verboten ist. Wie wir wissen ändert sich das, manchmal so dramatisch, dass aus dem anfänglichen Genuss eine Sucht wird.

Aber das haben Süchtige und Kinder gemeinsam, sie leben in der Illusion, dass das was gut ist, nur vergrößert und verlängert werden muss, fertig ist perfekte Welt. Dieses Prassen ist eine Seite der Dekadenz. Kinder halten das durch, für sie ist jeden Tag Schokolade keine Drohung, sondern das Paradies. Dekadenz bleibt bei dem, was man unmittelbar mag, was einfach und schön ist und versucht neue Eindrücke eher zu vermeiden. Die Waren werden durch Luxuswaren ersetzt, weil man es sich erlauben kann, ansonsten bleibt es grell, bunt, laut oder je nach Mode, dezent und edel, weil das gerade vorgeschrieben chic ist.

Genuss heißt aber auch, sich weiter zu entwickeln, die sich verändernden eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Das eisern festzuhalten, was man nun endlich hat und die Phase zu verpassen, in der man sich verändert, ist eine Gefahr. Eine verständliche, weil man nun endlich das erreicht hat, von dem einst träumte. Dumm nur, wenn die Träume sich verändert haben. Man muss dem anderen nichts madig zu machen, aber einen Traum zu leben, ist zugleich das Ende des Traums. Immer nur Schokolade, jede Nacht Party, immer mehr Drogen, das kippt mit der Zeit. Es ist keine Dekadenz mehr, bei der man tut, was man tut, weil man es kann und längst kein Genuss mehr, sondern eingefahrene Routine, auf dem Weg zur Sucht, bei der man tut, was man tut, weil man nicht mehr anders kann.

Qualität statt Quantität

Das ist tatsächlich oft die Lösung, wenn man aus der Dekadenz zum Genuss will. Aber nicht über Floskeln, indem man sich etwas einredet und auch nicht, indem die Handtasche für 300 Euro gegen eine für 6000 Euro eingetauscht wird, einfach weil es kaum noch befriedigt. Der Rausch des Konsums, vieler Süchte und Drogen besteht neurobiologisch darin, dass das Dopaminsystem anspringt, ein kurzer Flash, Peak. Das geht mit der neuen Handtasche, aber auch mit Selbstbefriedigung, wenn man vorm Spielautomaten sitzt oder sich ein Ziel setzt und es erreicht. Aber neurobiologische Ansätze verdecken oft mehr, als sie erklären, denn der kurze Kick macht nicht glücklich, ein neuer muss her und wenn man zu sehr chemisch nachhilft, ist das Ergebnis so gut wie immer, dass die gegenpolare Seite damit gestärkt wird, die Depression, das Gefühl der Leere, das Gefühl, dass man in all der Fülle nicht mehr erfüllt ist.

Die Lösung liegt nicht darin, an allem festzuhalten, auch nicht darin, sich alles was man erreicht hat, sogleich wieder madig machen zu lassen. Intelligenter sind zwei Stufen:

Genuss ist schön. Wenn man sich einen Traum wahr machen konnte, ist das erhebend und wunderbar, wenigstens für eine Zeit und die sollte man genießen. Das ändert sich in der Regel von selbst, auch wenn man sich das nicht immer eingestehen mag und dann ist es wichtig, dass man es irgendwann registriert, sich doch eingesteht und nach neuen Zielen und Bedürfnissen Ausschau hält.

Dazu muss man reflexiv werden, in sich schauen und was die Bedürfnisse und Erfahrungen des Genusses angeht, nachjustieren. Manches behält man unverändert, man kann immer wieder daran anknüpfen, in der Regel macht man die Erfahrung, dass auch das Schönste kippt, wenn es zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Dafür kommt aber anderes dazu, oft auch das, was man früher nicht mochte. Die Formel, dass immer mehr vom Selben zum Erfolg führt, ist schon längst als falsch entlarvt worden, aber es spricht wenig dagegen, viele verschiedene Genüsse in den Alltag einzubauen, denn, wer nicht genießen kann, wird selbst schnell ungenießbar.

Erfahrung und Reflexion

Dekadenz ist oft der Versuch die Dosis zu erhöhen: edler, teurer, nobler, exquisiter, das soll die Rettung sein. Ich finde es okay, wenn man auch das in sein Leben einbaut, die Grenzen austestet, aber erst der Kontrast hebt diese Bereiche heraus. Manche kommen von selbst auf die Idee, dass es dann ausgerechnet Phasen der Enthaltsamkeit sind, die aus mancher eingefahrenen Gewohnheit, auf der Grenze zur Sucht, wieder eine Lust machen können.

Auch die Beschäftigung damit, was es eigentlich ist, was mich da anmacht, ist nicht unwichtig. Wenn ich mir nicht nur von anderen erzählen lassen will, welchen Wein, welches Buch, welche Musik, welchen Urlaubsort oder welche Sexpraktik ich warum gut zu finden habe, muss ich mich selbst auf den Weg machen. Das ist nicht nur Denkerei, man muss die Welt schon probieren und dann schauen, was den Genuss erhöht. Die Lautstärke, den Preis oder die Dosis einfach nur ein wenig zu erhöhen, bringt es nicht in jedem Fall.

Dadurch wird aber auch klar, wofür und für wen, man sich sowas wie Interesse, Neugier, Bildung, Reflexion, Sorgfalt und dergleichen eigentlich aneignet: für sich. Wenn man immer mehr findet, was Freude und Genuss bereitet, ist das kein Nachteil, aber diese Beschäftigung mit sich macht einen zugleich auch zu einem interessanten Menschen, der was von der Welt zu berichten weiß und zugleich seine Neugier und Lust nicht vergessen hat.

Auch das kann man wieder überdrehen und zum Snob werden, sich zu elitär gebärden. Doch auch hier kann uns Reflexion helfen, etwa, wenn ich frage, warum ich etwas nicht leiden kann. Denn so wie mir jemand erzählt haben kann, was ich gut zu finden habe, kann mir ebenso eingetrichtert worden sein, was ich nicht mögen darf. Deshalb ist der letzte Schritt, dieser:

Mut zum Genuss auf dem eigenen Niveau

Man sollte zu sich selbst stehen und versuchen herauszufinden, was man wirklich mag, im Dickicht und Wechsel der sich ändernden Eindrücke, der sich verändernden Bedürfnisse, der Einflüsterungen, die man als Vorschläge durchaus berücksichtigen kann.

Das kann eine liebe und schrullige Gewohnheit sein. Oder etwas, von dem man selbst nicht so genau weiß, warum man es eigentlich mag. Vor allem ist schwer vorstellbar, wie jemand in jedem Bereich des Lebens ein solches Differenzierungsvermögen an den Tag legt, dass er erkennen kann, was eine tatsächlich gute oder sehr gute Qualität ist. Man kann das bei Motoren, Büchern, Textilien, Essen, Wein, Jazz, dem Gitarrenspiel oder Rechtssystemen vielleicht herausfinden, aber es gibt ja noch 10.000 andere Bereiche des Lebens.

Dass man sich in allem so hervorragend auskennt, dass man Spitzenqualität treffend erkennt, erscheint mir unglaubwürdig, muss man aber auch nicht. Interessanter ist das, was man zuverlässig kennt oder zumindest kennen könnte: den eigenen Geschmack. Wenn man Reggae, Fisch oder Stricken liebt oder gar nicht mag, dann ist das eben so. In der Regel kennt man einige Gebiete des Lebens gut, andere weniger gut, manche so ein bisschen, wenige sehr gut und viele gar nicht. So ist man in manchem wählerisch, in anderem folgt man einfach dem Mainstream, anderes ist einem vielleicht völlig egal.

Viel Genuss in das eigene Leben zu bringen, heißt nicht, sich selbst mit den Klischees des Erfolgs zu schmücken, wie einen glitzernden Weihnachtsbaum, sondern irgendwann bei dem anzukommen, was das eigene Leben lebenswert und lohnenswert macht. Morgens mit Schampus zu gurgeln, dann in den eigenen Pool zu gleiten und irgendwann den dicken Wagen vorfahren zu lassen, wirkt nur selten nicht inszeniert. Sich innerlich und äußerlich genau mit dem umgeben zu können, was einem tatsächlich wichtig ist, ist ein großer Luxus, mit demonstrativer Dekadenz wird er selten zusammen fallen.

Quellen