Wenn man sagt, man habe »aus dem Bauch heraus« entschieden, eine Entscheidung nach Bauchgefühl getroffen, was meint das eigentlich? In diesem Artikel befassen wir uns mit der oft unterschätzten, häufig milde belächelten Intuition. Was genau heißt Intuition? Und wo wird die Entscheidung nach Baugefühl überhaupt getroffen?

Intuition: eine Definition

Gemäß dem Dorsch Lexikon der Psychologie bezeichnet Intuition eine »eingebungsartige, nicht durch Erfahrung oder Überlegung, sondern durch unmittelbares Erfassen des Wesens einer Wirklichkeit gewonnene, der Offenbarung ähnliche Einsicht«. Soweit, so gut.

Neuronen Schrift Alessandro Prada

Intuition und Neuronen: Wer ist wann wie beteiligt? © Alessandro Prada under cc

Im Gegensatz dazu scheinen rational gefällte Entscheidungen zu stehen, welche man rein theoretisch anhand logischer Überlegungen tätigt. Beispielsweise könnte man eine tabellarische Gegenüberstellung an »Pros« und »Cons« formulieren.
Doch viele von uns kennen das Gefühl, dass man sich trotz sorgfältiger Überlegung dennoch für die andere Seite entscheidet. Wie kommt das?

Jeder Mensch macht im Leben eine Vielzahl von Erfahrungen. Selbst wenn man sich nicht mehr explizit an alle erinnern kann, so bleiben doch bewusste und unbewusste Schlussfolgerungen daraus bestehen – manchmal sogar nur als ungutes oder eben wohliges Bauchgefühl, welches man mit der Bewertung einer Sachlage verbindet. Letztendlich macht uns die Erfahrung zu dem Menschen, der man ist. Und die Quintessenz davon lautet auch: Intuition.

Aber wo sitzt die Schaltzentrale für intuitive Entscheidungen? Wird die Entscheidung nach Bauchgefühl im Bauch getroffen? Im Kopf? Oder in beidem?

Intuitives Handeln: Bauch versus Kopf

Dass es sich um zwei getrennt voneinander existierende Systeme handeln könnte – Ratio versus Intuition, Kopf versus Bauch -, scheint auf den ersten Blick eingängig zu sein. Ist es doch eine Zeit lang der in Forschung und Gesellschaft vorherrschende Konsens gewesen. Doch ganz so klar voneinander abzugrenzen, sind sie nicht, die soggenanten Bauch- und die Kopfentscheidungen.

Manche Kognitionspsychologen halten die Theorie zweier Systeme der Entscheidungsgewinnung für nicht effizient. Stattdessen gehen sie von nur einem System aus, welches eher dem Ökonomieprinzip der Natur entspräche und auf dem Weg zur Entscheidungsfindung hin und wieder ins Bewusstsein vordringt (Ratio) oder eben nicht (Intuition).

Diskutabel ist zudem, über welche Gehirnregionen sowie neuronalen Verbindungen sich an der Entscheidungsgewinnung beteiligte Systeme erstrecken.

Fühlen, bevor du weißt, warum

Schwangere auf dem Sofa

Inwieweit werden Entscheidungen nach Bauchgefühl im Bauch getroffen? © george ruiz under cc

Horr et al. (2014) untersuchten in ihrer neurowissenschaftlichen Studie die Aktivitäten im Gehirn bei der intuitiven Entscheidungsfindung. Den Probanden wurden Bilder vorgelegt, welche zwar stark fragmentiert waren, aber so, dass noch ein Objekt erkennbar war. Im Gegensatz dazu zeigte man ihnen Bilder, die so stark zerpixelt waren, dass kein Objekt auszumachen war. Die Versuchsteilnehmer sollten nun die Objekte auf den Bildern benennen. Mittels MEG wurde die neuronale Aktivität aufgezeichnet. Es zeigte sich, dass die neuronale Aktivität im Orbitofrontalen Cortex früher begann als in Hirnarealen, welche für die eigentliche Objekterkennung zuständig sind. Der Orbitofrontale Cortex ist demgegenüber an der Korrektur emotionaler Stimuli beteiligt und ist unabdingbar hinsichtlich erlernter Emotionen. Mit anderen Worten: Du fühlst es, bevor du weißt, warum. Ergo: Intuition. Vermutlich entsteht im Orbitofrontalen Cortex die Entscheidung nach Bauchgefühl, nicht alleinig, aber mit großen Anteil.

Entscheidung nach Bauchgefühl im Bauch?

Inwieweit hat nun der Bauch an sich mit dem Bauchgefühl zu tun? Klar ist, die Beobachtung Vieler, ein ungutes Gefühl zunächst im Bauch zu verspüren, ohne explizit zu wissen, warum, ist nicht von der Hand zu weisen. Möglicherweise spielt das sogenannte enterische Nervensystem eine Rolle, »ein in der Darmwand lokalisiertes intrinsisches Nervengeflecht, das sich entlang des gesamten Magen-Darmtraktes – vom Ösophagus bis zum Anus – zieht.« (zitiert nach spektrum.de) Dahingehend steht die psychologische Forschung noch am Anfang.

Wie gut ist Intuition?

Gehirn Vernetzung Universum Datenstrom

Existiert der freie Wille? Neurokognitive Forschungen finden Überraschendes. © Praveen Kumar under cc

Wagen wir uns noch weiter vor: Einige Hirnforscher wie zum Beispiel Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Roth von der Universität Bremen formulieren es deutlicher: Vernunft ist begrenzt, Emotionen und die Intuition steuern unser Handeln schlussendlich. Vernunft wägt ab, steuert womöglich gegen. Der Bauch jedoch hat das viel größere Gewicht. Manchmal haben Entscheidungen aus dem Bauch sogar soviel zu sagen, dass wir nicht einmal konkret formulieren können, warum wir uns so entschieden haben, wie wir uns entschieden haben.

Freier Wille: Wer entscheidet wirklich?

Dem Nucleus Accumbens, einer Gehirnstruktur, die Teil des Belohnungssystems ist, schenkte die Forschergruppe um Knutson von der Stanford University besondere Beachtung. In ihren fMRI-Studien zeigte sich, dass im Gehirn der Probanden schon zwei Sekunden, bevor sie eine risikofreudige Entscheidung trafen, der Nucleus Accumbens aktiv wurde. Trafen sie dagegen eine weniger optimale, aber risikovermeidende Entscheidung wurde die Anterior Insular (Inselrinde) aktiv – allerdings auch diesmal wieder, bevor die Probanden glaubten, eine Entscheidung getroffen zu haben. Folglich stellt sich für zukünftige Forschungen die Frage: Wie stark ist unser Bewusstsein überhaupt an Entscheidungen beteiligt? Denn so wie es aussieht, scheint die Entscheidung nach Bauchgefühl – bewusst oder unbewusst getroffen – diejenige zu sein, die uns hauptsächlich durchs Leben leitet.