Das Ende alter Mythen

humanoider Roboter vor Formeln

Ist er die Lösung, oder ein Traum derer, die den Körper abschaffen wollen? © Mike MacKenzie under cc

Religion und Kommunismus sind zumindest bei uns weitgehend durch. Surrogate, wie das Vertrauen in Wirtschaftswachstum, Fortschritt durch Wissenschaft und Technik haben aber auch allesamt Federn lassen müssen. Dennoch können und sollten wir die wichtigsten Botschaften der jeweiligen Richtungen mitnehmen. Soziale Gerechtigkeit ist wichtig, wurde aber selten richtig verstanden und muss auch finanziert werden. Der Wirtschaft einfach freie Hand zu lassen und darauf zu hoffen, dass sich dann alles von selbst regelt, ist genau das neoliberale Versprechen, das vor die Wand gefahren ist.

Technik ist nicht selten zum süchtig machenden Spielzeug und Überwachungsinstrument geworden, andererseits wird die Technik auch weiter der Zukunft bestimmen, wie man so hört, in den Bereichen Medizin, Arbeit und Verkehr, klar ist, Technik hat immer auch positive Seiten und auch bei erneuerbaren Energien oder zur Abwehr von Seuchen wäre Technik hilfreich.

Die soziale Frage drängt und wird sich bei Migration, Alter und Armut nicht abschütteln lassen, den Deutschen sind diese Themen wichtig, sie werden an Fahrt gewinnen, das Thema Klima ist noch nicht dabei, wird uns aber in immer kürzeren Abständen beglücken.

Zugleich brauchen wir Ideale und Visionen, denn ein Ziel und ein Sinn ist etwas, was vielen Menschen abhanden gekommen ist. Man ist heute prima darin, alles zu ironisieren, sich darüber lustig zu machen, wenn andere noch Ideale haben, an etwas glauben. Es kommt uns fremd vor, wenn wir sehen, dass andere bereit sind für eine Idee zu sterben, denn wir haben oft sogar schon vergessen, wofür wir eigentlich leben wollen, so stark ist die Mischung aus Depression, Orientierungslosigkeit, Langeweile und dem Prinzip Narzissmus. Ein Warten auf eine technische oder pharmakologische Lösung, setzt weiter aufs falsche Pferd.

Führungsstärke und Teamfähigkeit

Führungsstärke und Teamfähigkeit sind keine Gegensätze, denn wer weiß, was er will, kann dennoch ein kompetentes Team um sich haben, sollte es auch, um neue Realitäten verstehen zu können. Wer stark ist, kann auch andere Starke um sich herum dulden, die Schwachen bevorzugten Ja-Sager und Speichellecker. Es bringt nicht viel noch länger einfach mal abzuwarten, denn vieles wird sich nicht von selbst lösen, aber eben auch nicht im Alleingang lösen lassen, der nur ein Ziel verabsolutiert und alles andere ignoriert. Die sozialen Missstände werden nicht automatisch besser, wenn der Klimawandel abgeschwächt wird. Man muss den Überblick über das Gesamte gewinnen, aber nicht einer alleine, auch kein Rat der Weisen, sondern wir alle sind angesprochen. Wenn wir wissen, worum es geht, können wir konstruktiv mitarbeiten, korrigierend und protestierend eingreifen und Ideen, die sinnvoll erscheinen gemäß dem jeweiligen, regionalen Bedarf umsetzen.

Sehr viele Menschen sind bei uns gar nicht weit davon entfernt systemisch oder ganzheitlich denken zu können. Ganzheitlich wirklich in dem Sinne, innere und äußere, individuelle und kollektive Aspekte zusammen zu denken, nicht zwingend im Sinne einer Ideologie der Ganzheitlichkeit. Technik und Natur, Psyche, Infrastruktur und Kultur müssen als neue Realitäten unseres Denkens ineinander fließen, praktisch tun sie es ja immer schon. Systemisch zu denken, fängt einfach an: Eine Schnecke bewegt sich auf einem Brett vorwärts. Während das Weichtier im Schneckentempo vorwärts kommt, bewegen Sie das Brett nach hinten. Das ist ein einfaches System. Wenn die Spritpreise steigen, obwohl der Ölpreis fällt, weil der Wasserpegel in den Flüssen sinkt und die Tankstellen nicht beliefert werden können, ist das auch ein System.

Es gibt durchaus komplexere Systeme, aber es gibt auch immer mehr Menschen, die in der Lage sind diese und ihre Interaktion zu verstehen. Wenn man sich bei dem Tankstellenbeispiel vorstellt, dass der niedrigen Wasserstand über viele Wochen eine Folge des Klimawandels ist, hat man die Probleme auf einmal vor der eigenen Haustür und das System ist um zwei Komponenten gewachsen, nämlich Klima und das eigene Leben. Das ist sehr komplex, aber durchaus für viele Menschen zu verstehen.

Die Zeit der Monothemen ist vorbei. Kein weiser Führer, keine proletarische Revolution und auch kein naives Gottesbild können uns weiter helfen, aber die Mischung aus Idealen, sozialer Gerechtigkeit, Sorge, Kooperation, neuen virtuellen und technischen Möglichkeiten kann in neue Gesamtbilder integriert werden, an denen vor allem die kulturell Kreativen mitarbeiten können und das sind viele von uns.

Mythen und Ideal

Die ganzen Artikel über Entwicklungsstufen, Weltbilder und innere Abfolgen hatten und haben den tieferen Sinn einen Raum, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass nicht alle Menschen, in allen Bereichen des Lebens gleich weit entwickelt sind. Das bedeutet, dass dadurch, die von vielen verabscheuten Hierarchien entstehen, aber diese sind nur problematisch, wenn man höher und nieder, besser und schlechter eine abwertende Note beimischt. Das passiert, wenn man einige Fähigkeiten selbst als wichtig bewertet – oft ohne es sich einzugestehen –, andere einen aber kaum interessieren. Aus hierarchischen Gründen der eigenen Prämissen ist man dann gegen Hierarchie. Man will schön, sexy, intelligent und erfolgreich sein. Anständig, verlässlich oder ausdauernd zu sein, steht weniger hoch im Kurs. Oder umgekehrt, das ist für die Illustration, dass man manches wichtiger findet, als anderes (und sich denkt, das sei aber doch auch ganz objektiv wichtiger) nicht von Bedeutung..

Bewerten und entwerten muss nicht zusammen gedacht werden und es ist sogar so, dass ein echtes Empfinden dafür, dass jeder Mensch wertvoll ist, eher eine hochstehende Erkenntnis ist, während grobe gut/böse Kategorien primitiv sind und zugleich wenig Probleme damit haben, andere abzuwerten.

Wenngleich es in Europa wohl eine nahezu ausreichend große Zahl an Menschen gibt, die komplexere Systeme verstehen und sich darin zurechtfinden, so gibt es die weitaus größere Zahl derer, die dazu noch nicht in der Lage ist. Man muss aber die Mehrheit auch mitnehmen und sie vor allem auf die Art und Weise ansprechen und Angebote machen, die auch jenen attraktiv erscheinen, die den Gesamtzusammenhang nicht verstehen. Es ist wichtig, dass man diese Menschen mitnimmt, einbindet und ihnen gesellschaftlich akzeptierte Rollen zur Verfügung stellt. Sie sind keine Verfügungsmasse, sondern Menschen, mit eigenen Vorstellungen, vom Leben ausgestattet mit derselben unantastbaren Würde, die jeder andere.

Die vermutlich größte Zahl von Menschen lebt bei uns auf der mythisch-rationalen Stufe, was konkret bedeutet, dass sie einem Mythos anhängen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das heißt, sie glauben, ihr Glaube sei die Wahrheit. Die Mythen vergangener Zeiten oder anderer Ideologien wehren sie jedoch ab, diese erscheinen ihnen lächerlich und simpel. Dabei hängen sie in ihrem Glauben ebenfalls fest. Das mythische Weltbild selbst ist ungeheuer stabil, das ist sein Vorteil, unseres fliegt und gerade um die Ohren, weil die einzelnen Stränge der großen Erzählung nicht mehr ziehen.

Deshalb brauchen wir neben vielen Menschen, die Zusammenhänge gut verstehen, neue kraftvolle Mythen, in deren Kielwasser immer auch neue soziale Rollen entstehen. Das Klima oder die Umwelt ist ein guter Kandidat für einen kollektiven Mythos, aber auch das soziale Miteinander und die Fähigkeit dazu kann wieder stärker betont werden. Der Wert des sich Kümmerns, könnte ein Revival erleben. Viele von uns werden noch Menschen kennen, die die entbehrungsreiche Nachkriegszeit erlebt haben. Obwohl es eine oft leidvolle Zeit war, war es dennoch auch eine, die merkwürdig verklärt wird. Was man als positiv heraushört, ist, dass die Menschen solidarisch waren, sich um einander kümmerten. Es gab einen Hobel für das Weißkraut und der ging reihum, durch alle Familien. Man hatte wenig, war aber oft für einander da. Heute leben wir oft im Überfluss aber weitgehend entsolidarisiert. Zusammen zu gehören und sich für ein gemeinsames Ziel zu engagieren, das gibt dem Leben Sinn. Unsere Welt, wie wir sie kennen, zu retten, das erfordert die ganze Kraft der systemischen Denker und den Mut mythischer Helden.

Die Vorboten sind zu spüren. Das Bewusstsein, das in der Lage ist die neuen Realitäten zu erfassen, wird ein eher weibliches Bewusstsein sein müssen, in dem Sinne, dass es ganzheitlicher und besorgter sein muss, aber seinen Pluralismus nicht als Dogma verkündet, was nur geht, wenn man auch natürliche Hierarchien gelten lässt. Klingt vielleicht kompliziert, bedeutet aber nur, dass jemand ein versierter Arzt aber schlechter Koch sein kann und umgekehrt. Es bedeutet weiterhin, dass der Arzt nicht per se wichtiger ist, als der Koch, es kommt immer auf die Situation an. Die höchsten Formen spiritueller Erkenntnis laufen darauf hinaus, dass es nichts an sich Höheres und Niederes gibt und es geht darum, das wirklich zu kapieren, statt nur zu glauben.

Es gibt noch immer viele Träume einer isolierten Geistigkeit, die sich vor allem darin ähneln, dass sie alles Niedere und Körperliche abstreifen wollen, weil sie damit nicht klar kommen. Zu feucht, eklig und unrein scheint der Körper zu sein. Eine klassisch neurotische Position derer, die mit dem Menschen, so wie er ist, nichts anfangen können: weil er verletzlich und sterblich ist, ein sexuelles Wesen ist, was je nach dem wie man gestrickt ist, dringend geheilt oder vernichtet werden soll. Es ist die eigene Schwäche, die sich hier spiegelt, mit der manche Formen der Religion, sowie manche Formen der Wissenschaft gleichermaßen ihre Probleme haben. Nicht zuletzt auch der Faschismus, der das Schwache und von der Norm abweichende verachtet. Alles Formen, in denen der Geist, der Wille über den Körper triumphiert. Der Faschismus ist dann nicht mehr neurotisch, sondern dreht das Rad der psychischen Entwicklung zurück, was man Regression nennt. Aus Schuld und Neurose werden dann Scham und Narzissmus oder Paranoia und irgendwann, unter Beimengung von Aggression und Sadismus – Machtdemonstration, um ihrer selbst willen – fusionieren diese im malignen Narzissmus.

Das große Werk bestand von je her in der Vereinigung der Gegensätze und weite Teile unser Weltsicht, die nun bedroht ist, wollte sich für eine puristische Lösung entscheiden: Immer mehr vom Selben. Die Gegenreaktion kann eine progressive sein, wenn man systemisch denken, mehrere Bälle im Spiel halten und Ambivalenzen tolerieren kann. Die andere Gegenreaktion kann ein faschistische sein, auch eine Form des Einheit, in der alles was anders ist zerstört wird. Einswerdung, in ihrer perversen, regressiven Form. Dass die Einheit auch in der und durch die Verschiedenheit der Formen und Denkansätze erreicht werden kann, ist die Herausforderung, der wir uns wieder und breiter als vor 40 Jahren stellen müssen.

Signale setzen

Auf Deutschland wird immer noch geschaut. Viele Deutsche haben zwar das Gefühl, wir lebten in der hinterletzten Bananenrepublik, aber der Blick aus dem Ausland auf uns, ist ein anderer. Was in Deutschland, vor allem die Integration der obigen Themenkompexe betreffend, gelingt, wird noch immer mit Interesse registriert. Von daher ist es egal, wenn wir, mit unserem etwa 1% Anteil an der Weltbevölkerung, etwas mehr Fahrrad fahren oder Tüten einsparen, aber ob es in einem Land mit einem hohen Grad an Bildung, Energiehunger, sozialem Standard und Wohlstand gelingt auf erneuerbare Energien umzusteigen und gleichzeitiig, bei sinkender Geburtenrate, die Renten zu sichern, das ist schon interessant.

Ein neues Bewusstsein gehört dabei zu den neuen Realitäten und zu diesen gehört die konstruktive Mitarbeit an neuen Wegen, an neuen ethischen Standards, an Ansätzen, die Denken, Fühlen, Wollen und Praxis zusammenbringen, statt immer mehr soziale und psychische Spaltung zu etablieren. Das Denken im Gleichschritt, das kollektivistische Ansätze verfolgen ist Schnee von gestern, der Zwang, mit dem der Pluralismus uns eine Sichtweise aufnötigen will und sich dabei selbst sabotiert, ist unsympathisch und verursacht Widerstände, es aus Trotz zum Faschismus kommen zu lassen, ist möglich, wäre aber blöd.

Vordenker gibt es genug, schaffen und nutzen wir neue Realitäten, es liegt mehr denn je an uns.