zwei Jungs vier Smartphones

Smartphones gehören heute dazu, aber unsere Probleme können nur wir lösen. © Asim Bijarani under cc

Dass die Welt sich verändert ist nicht neu, neu ist das atemberaubende Tempo der Veränderung und dass sich viele neue Realitäten ergeben, denen man sich stellen muss. Wir Menschen sind individuell und mehr noch als Kollektiv nicht sonderlich gut darin, vorausschauend zu leben. Vielleicht deshalb, aber auch, weil die Zahl der Menschen in den letzten Jahrzehnten extrem zugenommen hat – auf derzeit mehr als 7,6 Milliarden Menschen, Tendenz langsamer steigend, Ausgang ungewiss – wachsen Probleme, die früher noch in weiter Zukunft lagen, mit denen man sich also irgendwann mal beschäftigen konnte, aber nicht musste, spürbar an.

Durch eine weltweit verbesserte Infrastruktur und die Globalisierung rückt die Welt außerdem derzeit mehr zusammen, Risiken und Nebenwirkungen inbegriffen. Für die Vergangenheit galt daher, dass man es sich in einer ideologischen Nische bequem machen und die Lösungen der Probleme vertagen konnte. Die Möglichkeit dazu besteht noch immer, aber nur, wenn einem die Welt im Grunde egal ist. Das ist durchaus bei immer mehr Menschen eine Option, aber nicht zwingend gut.

Neues Bewusstsein

Der Begriff des neuen Bewusstseins ist vor 30 Jahren schon mal aufgekommen und markierte die Hoffnung, dass sich Spiritualität und Wissenschaft näher kommen, weil Erkenntnisse von Mystikern und Quantenphysiker ähnlich zu sein schienen, aber eine breite Koalition hat sich daraus nie ergeben. Wenn ich von einem neuen Bewusstsein spreche, dann meine ich damit Menschen, die die Fähigkeit haben zu erkennen, dass es mehr als ein wichtiges Thema gibt und die dafür Lösungen suchen.

Die Zeit der Lieblingsthemen und -lösungen ist vorbei. Die politisch Linke ist der Meinung, dass, wenn erst die Turboversion des Kapitalismus, der Neoliberalismus abgeschafft ist, sich alle Probleme von selbst lösen. Aber so wird der Neoliberalismus nur zur großen Chiffre für alles was schlecht und böse ist und auch wenn man erkennt, dass es vielfältigere Themen gibt, so bleibt doch eine Tendenz zu denken, dass auch alle sonstigen Probleme, wie Klimawandel und Umweltschutz letztlich auf den Neoliberalismus hinauslaufen. Die politisch Rechte sieht in der Aufweichung der Nation durch Migration und eine Vielfalt der Stimmen das Problem und sehnt sich starke Führer und ein einiges, homogenes Volk zurück, selbst wenn es das nie gab. Andere sehen alle Probleme gelöst, wenn niemand mehr Tierprodukte verwendet, alle wieder religiös werden oder im Gegenteil, endlich alle Religionen abgeschafft sind. Immer ist es das eine Thema, mit dem alles steht und fällt.

Wie auch immer der konkrete Inhalt ist, die Zeit alles über den Kamm genau eines Themas zu scheren läuft ab, weil man so der Komplexität der Herausforderungen nicht gerecht wird. Jeder hat so seine Lieblingsthemen im Leben und auch ein Recht darauf, für diese zu werben und diese Aspekte besonders zu betonen, aber zu den neuen Realitäten gehört der Blick Kombination an Themen, die immer zwingender auf uns zukommen und für die wir Antworten finden müssen.

Die Themen der nächsten Jahre

Über die meisten dieser Themen ist entweder alles gesagt oder es wird über sie immer wieder berichtet. Die meisten sind inzwischen auch in der Bevölkerung angekommen, darum nur noch kurze Bemerkungen dazu:

  • Klima und Umwelt

Der Klimawandel ist nicht mehr zu leugnen und gleich, wie ideologisch man auf dieser oder jener Seite steht, auch bei uns und in anderen wohlhabenden Regionen wird man mit den Auswirkungen zu kämpfen haben. Vielleicht rechtzeitig genug, um noch an den Stellschrauben zu drehen, da das was wir heute tun, aber erst in 30 oder 40 Jahren wirkt, werden die vom Klimawandel verursachten Ereignisse tendenziell zunehmen.

Aber davon ganz abgesehen, kommen auch durch Plastikmüll, der die Meere verseucht und seine Mikropartikel, die in unserem Blut sind und die man überall auf der Erde findet, Probleme auf uns zu. Doch auch Monokulturen, abnehmende Biodiversität, Pestizide, grüne Gentechnik, Überdüngung der Flüsse, Seen und Meere und die Abholzung von Urwäldern sind ernsthafte Probleme, die man durch Wegschauen nicht gelöst bekommt.

  • Bevölkerungswachstum und Ernährungssituation

Die Bevölkerung der Erde wächst. Die Geschwindigkeit des Wachstums nimmt zwar ab, aber die Ausbeutung der Ressourcen nimmt weiter zu. Die Prognosen der UNO wurden für das Jahr 2100 zwar von 12,3 auf 10,9 Milliarden Menschen gesenkt, aber selbst das ist noch einmal ein Drittel mehr, als heute, dazu kommt eine höhere Lebenserwartung überall auf der Welt und ein steigender Wohlstand.

Immer mehr Menschen werden ein Smartphone haben, Auto fahren, Fleisch essen, Heizen oder Klimaanlagen betreiben. Es ist unsicher, wie lange die Phosphatvorkommen der Erde reichen, die Teil des Düngers sind, die das Tierfutter oder Pflanzennahrung für uns wachsen lassen. Auch die Knappheit des Trinkwassers wird als eines der Hauptprobleme der nächsten Jahre gesehen.

  • Wohlstand, Gesundheit und Gerechtigkeit

Jedoch wollen wir den einmal erreichten Wohlstand ja nicht wieder kassieren, wir haben auch den Anspruch, dass es in unserer Welt gerechter zugehen soll. Der Hunger soll weniger werden, Bereiche wie Bildung und kulturelle Teilhabe gestärkt werden, das alles möglichst umweltfreundlich und klimaneutral. Die Schere zwischen arm und reich soll zusammen gehen, nicht weiter auseinander, national und global, auch um sogenannte Fluchtursachen zu bekämpfen, was nichts anderes heißt, als den Menschen in ihren Ländern erträgliche Lebensbedingungen zu ermöglichen.

Jedoch scheinen diese auch in den entwickelten Ländern für viele unerträglicher zu werden, in den USA sinkt die Lebenserwartung und wenn die Antibiotika ihre Wirkung noch mehr verlieren, haben auch die entwickelten Länder größere Probleme. Es droht eine Rückkehr der Seuchen und Todesfälle durch banale Infekte, die man nicht gestoppt kriegt. Durch eine verbesserte Infrastruktur können sich auch Schädlinge und Krankheiten besser ausbreiten, das veränderte Klima sorgt dafür, dass sie hier auf geschwächte Arten treffen oder solche, die mit den Schädlingen nicht zurecht kommen.

Ein weitere Problem ist, dass die Menschen in den aufstrebenden Nationen China, Indien oder Brasilien, was den Wohlstand angeht, gerne auch so leben möchten, wie wir im Westen es ihnen vorgemacht haben und da gehören Autos, Elektrospielzeug, Reisen, Fleisch essen und zeigen, dass man es geschafft hat, dazu. Mit welchem Argument, will man ihnen nun versagen, was wir in Teilen hinter uns haben? Wenn 50 Millionen bewusster leben, im Gegenzug 1000 Millionen aber nicht, ist das keine gute SItuation.

  • Infrastruktur und Energieverbrauch

Man unterscheidet die Bereiche der technischen und sozialen Infrastruktur, sie sind sozusagen der materielle Ausdruck der Ideen von Wohlstand und Gerechtigkeit. Ein Ausbau und Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur ist wichtig, doch auch hier gilt es die Balance zu finden und einen wohnlichen Lebensraum, der nicht über die Maßen Müll produziert, Energie frisst und die Menschen krank macht, zu schaffen. Licht, Abgase, eine schlechte Klimabilanz, das bringt eine verbesserte Infrastruktur, nach altem Stil, oft mit sich.

Lösungen könnten eine dezentrale Energieversorgung sein, die auf einer Mischung aus erneuerbaren Energien in intelligenten Stromnetzen, mit ebenfalls dezentralen Speichermöglichkeiten beruht, sowie öffentlichen Plätzen, an denen man sich wohl fühlt und Gebäuden, die Heiz- und Kühltechniken verwenden, die aus der Natur kommen.

  • Digitalisierung und das Ende alter Lebensformen

Die Digitalisierung verändert unser aller Leben, ob uns das nun passt oder nicht. Für die meisten Menschen bei uns, ist der Aufenthalt in der digitalen Welt längst Alltag geworden, das Smartphone begleitet uns überall mit hin. Auch unser soziales Miteinander verändert sich, die klassische Familie, sowie wie andere Formen einer gesellschaftlichen Normalität werden zunehmend zu etwas, was nicht normierend ist, sondern nun als eine Möglichkeit unter vielen daherkommt. Der vielen so verhasste Mainstream, es gibt ihn immer weniger. Die Welt zerfasert in viele kleine Segmente und es ist derzeit nicht klar, ob es jemals wieder Themen gibt, die uns alle zusammen in dem Umfang beschäftigen, den es einmal gab. Das ist insofern nicht gut, weil es möglich ist, mit dem anderen kaum noch etwas zu tun zu haben, da fallen die Themen weg, der andere wird uns fremd.

  • Kriege und Überwachungsstaaten

Die unterschiedlichen Vorstellungen der Welt finden wir in mitunter noch paradigmatisch in den einzelnen Staaten der Welt wieder und dementsprechend in einer Einstellung, die sich darin ausdrückt, wie man zu bestimmten Staaten steht, zu Trumps Amerika, Putins Russland der EU und so weiter. In vielen dieser Staaten wird versucht einen rigiden Nationalismus zu etablieren, der oftmals die regressiven Formen linker und rechter Bewegungen vereint und sich globalisierungs- und dekadenzkritisch gibt, gegen Schwäche, Schwule und Perversionen eingestellt ist und die eigene Aggression dahinter verbirgt, als Staat ein Opfer zu sein, dass sich, die Bürger und ihren Führer gegen die Doktrin einer weltweiten Verschwörung schützen muss.

Ganz gleich wie sehr das bewusst kalkulierte oder zynische Inszenierung ist, irgendwann muss man das, was man in die Welt gesetzt hat auch füttern, ansonsten steht schnell jemand bereit, der die Ideen ernst nimmt und umsetzt, mit der Folge einer realen Kriegsgefahr. Dass Geländegewinne heute keine reale Option mehr seien, kann sich als Legende entpuppen, auch wenn durch Cyberwars und flächendeckende Online-Überwachungen digitale Machtoptionen dazukommen. Das macht die Welt noch komplexer, bedeutet aber nicht, dass alles andere Schnee von gestern ist.

Das Ende alter Mythen

humanoider Roboter vor Formeln

Ist er die Lösung, oder ein Traum derer, die den Körper abschaffen wollen? © Mike MacKenzie under cc

Religion und Kommunismus sind zumindest bei uns weitgehend durch. Surrogate, wie das Vertrauen in Wirtschaftswachstum, Fortschritt durch Wissenschaft und Technik haben aber auch allesamt Federn lassen müssen. Dennoch können und sollten wir die wichtigsten Botschaften der jeweiligen Richtungen mitnehmen. Soziale Gerechtigkeit ist wichtig, wurde aber selten richtig verstanden und muss auch finanziert werden. Der Wirtschaft einfach freie Hand zu lassen und darauf zu hoffen, dass sich dann alles von selbst regelt, ist genau das neoliberale Versprechen, das vor die Wand gefahren ist.

Technik ist nicht selten zum süchtig machenden Spielzeug und Überwachungsinstrument geworden, andererseits wird die Technik auch weiter der Zukunft bestimmen, wie man so hört, in den Bereichen Medizin, Arbeit und Verkehr, klar ist, Technik hat immer auch positive Seiten und auch bei erneuerbaren Energien oder zur Abwehr von Seuchen wäre Technik hilfreich.

Die soziale Frage drängt und wird sich bei Migration, Alter und Armut nicht abschütteln lassen, den Deutschen sind diese Themen wichtig, sie werden an Fahrt gewinnen, das Thema Klima ist noch nicht dabei, wird uns aber in immer kürzeren Abständen beglücken.

Zugleich brauchen wir Ideale und Visionen, denn ein Ziel und ein Sinn ist etwas, was vielen Menschen abhanden gekommen ist. Man ist heute prima darin, alles zu ironisieren, sich darüber lustig zu machen, wenn andere noch Ideale haben, an etwas glauben. Es kommt uns fremd vor, wenn wir sehen, dass andere bereit sind für eine Idee zu sterben, denn wir haben oft sogar schon vergessen, wofür wir eigentlich leben wollen, so stark ist die Mischung aus Depression, Orientierungslosigkeit, Langeweile und dem Prinzip Narzissmus. Ein Warten auf eine technische oder pharmakologische Lösung, setzt weiter aufs falsche Pferd.

Führungsstärke und Teamfähigkeit

Führungsstärke und Teamfähigkeit sind keine Gegensätze, denn wer weiß, was er will, kann dennoch ein kompetentes Team um sich haben, sollte es auch, um neue Realitäten verstehen zu können. Wer stark ist, kann auch andere Starke um sich herum dulden, die Schwachen bevorzugten Ja-Sager und Speichellecker. Es bringt nicht viel noch länger einfach mal abzuwarten, denn vieles wird sich nicht von selbst lösen, aber eben auch nicht im Alleingang lösen lassen, der nur ein Ziel verabsolutiert und alles andere ignoriert. Die sozialen Missstände werden nicht automatisch besser, wenn der Klimawandel abgeschwächt wird. Man muss den Überblick über das Gesamte gewinnen, aber nicht einer alleine, auch kein Rat der Weisen, sondern wir alle sind angesprochen. Wenn wir wissen, worum es geht, können wir konstruktiv mitarbeiten, korrigierend und protestierend eingreifen und Ideen, die sinnvoll erscheinen gemäß dem jeweiligen, regionalen Bedarf umsetzen.

Sehr viele Menschen sind bei uns gar nicht weit davon entfernt systemisch oder ganzheitlich denken zu können. Ganzheitlich wirklich in dem Sinne, innere und äußere, individuelle und kollektive Aspekte zusammen zu denken, nicht zwingend im Sinne einer Ideologie der Ganzheitlichkeit. Technik und Natur, Psyche, Infrastruktur und Kultur müssen als neue Realitäten unseres Denkens ineinander fließen, praktisch tun sie es ja immer schon. Systemisch zu denken, fängt einfach an: Eine Schnecke bewegt sich auf einem Brett vorwärts. Während das Weichtier im Schneckentempo vorwärts kommt, bewegen Sie das Brett nach hinten. Das ist ein einfaches System. Wenn die Spritpreise steigen, obwohl der Ölpreis fällt, weil der Wasserpegel in den Flüssen sinkt und die Tankstellen nicht beliefert werden können, ist das auch ein System.

Es gibt durchaus komplexere Systeme, aber es gibt auch immer mehr Menschen, die in der Lage sind diese und ihre Interaktion zu verstehen. Wenn man sich bei dem Tankstellenbeispiel vorstellt, dass der niedrigen Wasserstand über viele Wochen eine Folge des Klimawandels ist, hat man die Probleme auf einmal vor der eigenen Haustür und das System ist um zwei Komponenten gewachsen, nämlich Klima und das eigene Leben. Das ist sehr komplex, aber durchaus für viele Menschen zu verstehen.

Die Zeit der Monothemen ist vorbei. Kein weiser Führer, keine proletarische Revolution und auch kein naives Gottesbild können uns weiter helfen, aber die Mischung aus Idealen, sozialer Gerechtigkeit, Sorge, Kooperation, neuen virtuellen und technischen Möglichkeiten kann in neue Gesamtbilder integriert werden, an denen vor allem die kulturell Kreativen mitarbeiten können und das sind viele von uns.

Mythen und Ideal

Die ganzen Artikel über Entwicklungsstufen, Weltbilder und innere Abfolgen hatten und haben den tieferen Sinn einen Raum, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass nicht alle Menschen, in allen Bereichen des Lebens gleich weit entwickelt sind. Das bedeutet, dass dadurch, die von vielen verabscheuten Hierarchien entstehen, aber diese sind nur problematisch, wenn man höher und nieder, besser und schlechter eine abwertende Note beimischt. Das passiert, wenn man einige Fähigkeiten selbst als wichtig bewertet – oft ohne es sich einzugestehen –, andere einen aber kaum interessieren. Aus hierarchischen Gründen der eigenen Prämissen ist man dann gegen Hierarchie. Man will schön, sexy, intelligent und erfolgreich sein. Anständig, verlässlich oder ausdauernd zu sein, steht weniger hoch im Kurs. Oder umgekehrt, das ist für die Illustration, dass man manches wichtiger findet, als anderes (und sich denkt, das sei aber doch auch ganz objektiv wichtiger) nicht von Bedeutung..

Bewerten und entwerten muss nicht zusammen gedacht werden und es ist sogar so, dass ein echtes Empfinden dafür, dass jeder Mensch wertvoll ist, eher eine hochstehende Erkenntnis ist, während grobe gut/böse Kategorien primitiv sind und zugleich wenig Probleme damit haben, andere abzuwerten.

Wenngleich es in Europa wohl eine nahezu ausreichend große Zahl an Menschen gibt, die komplexere Systeme verstehen und sich darin zurechtfinden, so gibt es die weitaus größere Zahl derer, die dazu noch nicht in der Lage ist. Man muss aber die Mehrheit auch mitnehmen und sie vor allem auf die Art und Weise ansprechen und Angebote machen, die auch jenen attraktiv erscheinen, die den Gesamtzusammenhang nicht verstehen. Es ist wichtig, dass man diese Menschen mitnimmt, einbindet und ihnen gesellschaftlich akzeptierte Rollen zur Verfügung stellt. Sie sind keine Verfügungsmasse, sondern Menschen, mit eigenen Vorstellungen, vom Leben ausgestattet mit derselben unantastbaren Würde, die jeder andere.

Die vermutlich größte Zahl von Menschen lebt bei uns auf der mythisch-rationalen Stufe, was konkret bedeutet, dass sie einem Mythos anhängen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das heißt, sie glauben, ihr Glaube sei die Wahrheit. Die Mythen vergangener Zeiten oder anderer Ideologien wehren sie jedoch ab, diese erscheinen ihnen lächerlich und simpel. Dabei hängen sie in ihrem Glauben ebenfalls fest. Das mythische Weltbild selbst ist ungeheuer stabil, das ist sein Vorteil, unseres fliegt und gerade um die Ohren, weil die einzelnen Stränge der großen Erzählung nicht mehr ziehen.

Deshalb brauchen wir neben vielen Menschen, die Zusammenhänge gut verstehen, neue kraftvolle Mythen, in deren Kielwasser immer auch neue soziale Rollen entstehen. Das Klima oder die Umwelt ist ein guter Kandidat für einen kollektiven Mythos, aber auch das soziale Miteinander und die Fähigkeit dazu kann wieder stärker betont werden. Der Wert des sich Kümmerns, könnte ein Revival erleben. Viele von uns werden noch Menschen kennen, die die entbehrungsreiche Nachkriegszeit erlebt haben. Obwohl es eine oft leidvolle Zeit war, war es dennoch auch eine, die merkwürdig verklärt wird. Was man als positiv heraushört, ist, dass die Menschen solidarisch waren, sich um einander kümmerten. Es gab einen Hobel für das Weißkraut und der ging reihum, durch alle Familien. Man hatte wenig, war aber oft für einander da. Heute leben wir oft im Überfluss aber weitgehend entsolidarisiert. Zusammen zu gehören und sich für ein gemeinsames Ziel zu engagieren, das gibt dem Leben Sinn. Unsere Welt, wie wir sie kennen, zu retten, das erfordert die ganze Kraft der systemischen Denker und den Mut mythischer Helden.

Die Vorboten sind zu spüren. Das Bewusstsein, das in der Lage ist die neuen Realitäten zu erfassen, wird ein eher weibliches Bewusstsein sein müssen, in dem Sinne, dass es ganzheitlicher und besorgter sein muss, aber seinen Pluralismus nicht als Dogma verkündet, was nur geht, wenn man auch natürliche Hierarchien gelten lässt. Klingt vielleicht kompliziert, bedeutet aber nur, dass jemand ein versierter Arzt aber schlechter Koch sein kann und umgekehrt. Es bedeutet weiterhin, dass der Arzt nicht per se wichtiger ist, als der Koch, es kommt immer auf die Situation an. Die höchsten Formen spiritueller Erkenntnis laufen darauf hinaus, dass es nichts an sich Höheres und Niederes gibt und es geht darum, das wirklich zu kapieren, statt nur zu glauben.

Es gibt noch immer viele Träume einer isolierten Geistigkeit, die sich vor allem darin ähneln, dass sie alles Niedere und Körperliche abstreifen wollen, weil sie damit nicht klar kommen. Zu feucht, eklig und unrein scheint der Körper zu sein. Eine klassisch neurotische Position derer, die mit dem Menschen, so wie er ist, nichts anfangen können: weil er verletzlich und sterblich ist, ein sexuelles Wesen ist, was je nach dem wie man gestrickt ist, dringend geheilt oder vernichtet werden soll. Es ist die eigene Schwäche, die sich hier spiegelt, mit der manche Formen der Religion, sowie manche Formen der Wissenschaft gleichermaßen ihre Probleme haben. Nicht zuletzt auch der Faschismus, der das Schwache und von der Norm abweichende verachtet. Alles Formen, in denen der Geist, der Wille über den Körper triumphiert. Der Faschismus ist dann nicht mehr neurotisch, sondern dreht das Rad der psychischen Entwicklung zurück, was man Regression nennt. Aus Schuld und Neurose werden dann Scham und Narzissmus oder Paranoia und irgendwann, unter Beimengung von Aggression und Sadismus – Machtdemonstration, um ihrer selbst willen – fusionieren diese im malignen Narzissmus.

Das große Werk bestand von je her in der Vereinigung der Gegensätze und weite Teile unser Weltsicht, die nun bedroht ist, wollte sich für eine puristische Lösung entscheiden: Immer mehr vom Selben. Die Gegenreaktion kann eine progressive sein, wenn man systemisch denken, mehrere Bälle im Spiel halten und Ambivalenzen tolerieren kann. Die andere Gegenreaktion kann ein faschistische sein, auch eine Form des Einheit, in der alles was anders ist zerstört wird. Einswerdung, in ihrer perversen, regressiven Form. Dass die Einheit auch in der und durch die Verschiedenheit der Formen und Denkansätze erreicht werden kann, ist die Herausforderung, der wir uns wieder und breiter als vor 40 Jahren stellen müssen.

Signale setzen

Auf Deutschland wird immer noch geschaut. Viele Deutsche haben zwar das Gefühl, wir lebten in der hinterletzten Bananenrepublik, aber der Blick aus dem Ausland auf uns, ist ein anderer. Was in Deutschland, vor allem die Integration der obigen Themenkompexe betreffend, gelingt, wird noch immer mit Interesse registriert. Von daher ist es egal, wenn wir, mit unserem etwa 1% Anteil an der Weltbevölkerung, etwas mehr Fahrrad fahren oder Tüten einsparen, aber ob es in einem Land mit einem hohen Grad an Bildung, Energiehunger, sozialem Standard und Wohlstand gelingt auf erneuerbare Energien umzusteigen und gleichzeitiig, bei sinkender Geburtenrate, die Renten zu sichern, das ist schon interessant.

Ein neues Bewusstsein gehört dabei zu den neuen Realitäten und zu diesen gehört die konstruktive Mitarbeit an neuen Wegen, an neuen ethischen Standards, an Ansätzen, die Denken, Fühlen, Wollen und Praxis zusammenbringen, statt immer mehr soziale und psychische Spaltung zu etablieren. Das Denken im Gleichschritt, das kollektivistische Ansätze verfolgen ist Schnee von gestern, der Zwang, mit dem der Pluralismus uns eine Sichtweise aufnötigen will und sich dabei selbst sabotiert, ist unsympathisch und verursacht Widerstände, es aus Trotz zum Faschismus kommen zu lassen, ist möglich, wäre aber blöd.

Vordenker gibt es genug, schaffen und nutzen wir neue Realitäten, es liegt mehr denn je an uns.