Körper

Plakat für KI-Kongress

Der Fortschritt durch Technik und KI ist nicht aufzuhalten, oder? © ITU Pictures under cc

Wenn aber auch wir etwas können, ohne zu wissen, warum wir es können, ist das dann Wissen? Man kann dieser und jener Auffassung sein, implizites Wissen wird diese Befähigung genannt, ein Wissen, was uns zur Verfügung steht, ohne dass wir es näher erklären könnten. Das hat aber durchaus Konsequenzen, einerseits für unser Bild vom Ich, andererseits für die KI. Wir sind offenbar nicht die vor allem kognitiven Einheiten, für die wir uns lange Zeit gehalten haben sondern viel stärker als wir glaubten körperlich verwurzelt. Reflexion, eine Denkleistung, die unser Sosein, unser Denken, Wollen, Fühlen, Empfinden in einen Kontext einbettet lebt davon, dass ein Bild von mir als untrennbare Einheit von Körper und Geist vorhanden ist. Damit es dazu kommt läuft ein Prozess in mehreren Stufen ab, den Otto Kernberg zu beschriebt:

„Mit einfachen Worten könnte man sagen, dass wir von Geburt an die ererbte Fähigkeit der Wahrnehmung, der Erinnerung haben, der Fähigkeit, Repräsentationen von dem, was wahrgenommen wird, zu schaffen, und nach und nach entwickeln wir ein symbolisches Denken und die Fähigkeit zum abstrakten Denken und der Intelligenz. Wir absorbieren, was um uns herum geschieht: Unsere Beziehungen zu Dingen und Menschen. Das Ego ist wie ein Computer, der Informationen absorbiert, sie integriert und lernt, sie in Wichtiges und Unwichtiges zu sortieren, in das was gut und was schlecht, was hilfreich und was schädlich ist.

Wir lernen die Kontrolle unseres eigenen Körpers, und nach und nach lernen wir zu unterscheiden, was in ihm und außerhalb von ihm ist. Und schließlich wird eine innere Welt aufgebaut. Ein Teil davon bleibt in der bewussten Erinnerung haften, im Bewusstsein – ein kleiner Teil. Und ein großer Teil versinkt in die unbewusste Erinnerung, in das, was man das „Vorbewusstsein“ nennt. Das Vorbewusste ist wie ein Reservoir an Informationen, an das wir nicht ständig denken, doch zu dem wir Zugang haben. Und ein Teil sinkt auf eine noch tiefere Ebene, das dynamische Unbewusste oder das Es.

Was ist in diesem dynamischen Unbewussten oder dem Es enthalten? Alles, was das Ego oder Selbst im Bewusstsein nicht dulden kann. Es ist zu intensiv, es ist zu gefährlich und gewöhnlich ist es verboten. Freud sagte, dass das, was besonders intensiv ist und oft verboten wird, frühe sexuelle und auch frühe aggressive Impulse und Wünsche seien.

So hat das Ego die doppelte Aufgabe sowohl des allgemeinen Lernens wie auch des Errichtens einer inneren Welt von Repräsentationen des Selbst und der anderen. Und diese Repräsentationen werden allmählich integriert, und so entwickelt das Ego ein integriertes Selbstgefühl und ein integriertes Gefühl der signifikanten anderen – eine innere Welt der Menschen, die wir lieben und die uns lieben – oder was Joseph Sandler die „repräsentative Welt“ nannte.

Kurz gesagt, das Ego ist der Sitz des Bewusstseins, der Wahrnehmung, der motorischen Kontrolle, der bewussten Erinnerung, des Zugangs zum Vorbewussten. Aber es ist auch – und das ganz grundlegend – der Sitz der Welt verinnerlichter Objektbeziehungen und eines integriertes Selbstgefühls.“[3]

Das Ich ist eher körperlich und das bedeutet, für die KI Forschung, sie muss den Weg zurück gehen oder anders gesagt, sie muss die KI den Weg nachvollziehen lassen, um den Schachcomputer dazu zu bringen, dass er versteht, dass er Schach spielt. Er kann es, weiß aber nicht, dass er es kann. Wir Menschen wissen, dass wir es können, aber nicht genau wie und warum. Der Computer weiß nicht mal, dass er es kann, weil er von der Art Umwelt, die wir erleben völlig abgeschnitten ist. Aber er kann.

Das macht es für Roboter und KI leicht besondere Rechenleistungen zu vollbringen, wie beim Schach. Das ist ihr Spezialgebiet oder so selbstverständlich, wie für den Vogel, zu fliegen, was sie entwickeln müssen ist ein Selbstbild und dies ist dann noch in Beziehung zu setzen zu den Selbstbildern anderer Mitbewohner. Es sieht so aus, als sei das für die KI Forschung noch ein langer Weg, andere sagen, das alte Bild der KI Forschung, Bewegungen und den Geschmack von Wein, als Bündel von beschreibbaren Informationseinheiten zu begreifen, sei schlicht und ergreifend mausetot, erledigt, GOFAI (die „good old fashioned artificial intelligence“/ die gute, alte künstliche Intelligenz) sei am Ende.

Mitten ins Herz der technischen Utopien

Lässt man die KI nun ihren eigenen Weg der Evolution gehen, braucht man weder Informatiker, noch Psychologe, Biologe oder Philosoph zu sein, um zu erkennen, dass die Entwicklung, die die KI nimmt, eine andere sein wird, als unsere. Roboter haben keinen Durst, sie sehen und kommunizieren anders als wir, ob sie je so werden wie wir ist fraglich, es wird ihnen schwer fallen uns jemals zu verstehen und uns, sie zu verstehen. Ob man die Hoffnung, die Lösung für unsere menschlichen Probleme zu finden deshalb auf KI projizieren sollte, ist fraglich. Wie soll eine KI verstehen, was Depressionen sind? Vielleicht ein fehlerhaftes Programm und was wir erwarten könnten, wäre eine erneute Optimierung im Hinblick auf bessere Anpassung an das, was ist. Aber ist es nicht genau das, worunter aktuell schon so viele Menschen leiden? Der Wahn von Selbstoptimierung und Perfektionismus? Die App, die uns dauernd mahnt, unsere 5000 Schritte zu tun, nicht so fett zu essen, an die Kohlendioxid-Bilanz zu denken und an die Sonne zu gehen, um Depressionen vorzubeugen, aber nicht zu lange, um Hautkrebs vorzubeugen. Irgendwann könnte man auf die Idee kommen ein fremdbestimmtes Leben zu führen.

Aber da ist noch etwas. In sehr vielen Berichten über KI und den Fortschritt geht es um das rasende und nahezu unaufhaltsame Wachstum der KI, es scheint nur noch einer Frage des Zeit zu sein, bis uns Roboter überall verdrängen. Exemplarisch ein paar Stimmen aus der Wikipedia:

„Elon Musk, der selbst finanziell an KI-Firmen beteiligt ist, warnte 2014: „Der Fortschritt bei künstlicher Intelligenz (ich meine nicht einfache künstliche Intelligenz) ist unglaublich schnell. […] Solange man nicht direkt Gruppen wie Deepmind ausgesetzt ist, kann man sich kaum vorstellen, wie schnell es voran geht. Es ist annähernd exponentiell. […] Es besteht das Risiko, dass binnen fünf Jahren etwas ernsthaft Gefährliches passiert.“ Er löse keinen falschen Alarm aus, denn ihm sei bewusst worüber er rede. „Ich bin nicht der Einzige der sagt, wir sollten uns Sorgen machen. […] Ihnen [den führenden Unternehmen auf diesem Gebiet] ist die Gefahr bewusst, aber sie glauben, sie könnten die digitale Superintelligenz formen und kontrollieren und verhindern, dass Schlechtes ins Internet strömt […] Das wird sich zeigen“.

Auch Stephen Hawking warnte 2014 vor der KI und sieht darin eine Bedrohung für die Menschheit. Durch die KI könnte das Ende der Menschheit eingeleitet werden. Ob die Maschinen irgendwann die Kontrolle übernehmen werden, werde die Zukunft zeigen. Aber bereits heute sei klar, dass die Maschinen die Menschen zunehmend vom Arbeitsmarkt verdrängen.“[4]

Aber stimmt das? Ein ganz anderes Bild zeichnet Manuel Rodriguez, wenn er schreibt:

„Die Blütezeit der Informatik waren die 1980’er Jahre. Dort war die Technologie auf ihrem Scheitelpunkt angelangt, sie hatte sich diesen Sieg mühsam erkämpfen müssen. Aber man war stolz darauf. Die 1980’er waren gekennzeichnet durch eine gesellschaftliche Stabilität, wo also Programmierer in gut bezahlten Berufen arbeiteten und dort leistungsfähige Systeme entwickelten. Es gab damals Roboter, Computeranimation, Internet, Virtual Reality, eigentlich alles was man mit Computern machen kann. Leider sind die 1980’er Jahre vorbei. Sie kommen nie wieder zurück. Die Art wie damals Informatik betrieben wurde ist heute nicht mehr angesagt. Ich glaube es ist an der Zeit, die 1980’er dezidiert zu untersuchen. Es war nicht irgendeine Epoche in der Computergeschichte sondern es war die letzte Epoche.“[5]

Was folgte, war keine Explosion der Entwicklung, sondern Rückschritte.

„Was danach kam steht in den Geschichtsbüchern drin. Es ist die Zeit ab dem Jahr 1990, wo nicht Lisp-Maschinen sondern Wintel-Systeme ihren Siegeszug antraten. Sie wurden betrieben mit der x86 Architektur und verwendeten Microsoft Windows als Betriebssystem. Später wurde noch das Telefonkupferkabel mit einer Uralt-Technologie namens DSL in Hochgeschwindigkeitsbandbreite umgewandelt worüber die Erfinder Lisp Maschinen nur müde gelächelt haben. Der Unterschied ist, dass sich die Lisp Maschinen nicht durchsetzen konnten, aber die Windows98 PCs hingegen schon. Das ist merkwürdig wenn man unterstellt, dass es nur ein höher schneller weiter gibt.“[6]

Rodriguez‘ Resümee lautet dann auch:

„In den 1980’er gab es HDTV Fernsehen auf superscharfen Monitoren. Und was gibt es heute? Verwackelte youtube Aufnahmen in 240p, die zwischendurch noch Verbindungsprobleme verursachen. Die Technologie hat sich seit damals beträchtlich zurückentwickelt.“[7]

Denkt man an den überaus schleppenden Ausbau der Infrastruktur des Internet, 2019 mitten in Deutschland, den man auch für das Internet der Dinge braucht, kann man, wenn man sich sorgt, sehr gelassen sein. Die übliche Mischung aus Lähmung durch Politik und die wachsende Korruption, bei der nicht die besten Unternehmen, sondern die Marktführer mit den besten Lobbygruppen bestimmen in welche Richtung es geht, wird dafür sorgen, dass wir die besten Möglichkeiten so schnell nicht wieder erreichen.