Hirschkampf

Der Kommentkampf zweier Hirsche. gemeinfrei, wikimedia/Heinz Seehagel under cc

Die Frage, ob aggressives oder friedliches Verhalten bei einem direkten Aufeinandertreffen oder als allgemeiner Lebenssansatz im Vorteil ist, ist tatsächlich öfter und auf verschiedene Arten gestellt und beantwortet worden. Galten Durchsetzungskraft und das reinigende Gewitter bei einem emotionalen Ausbruch als schick, ist man im Laufe der Zeit zu der Überzeugung gekommen, dass gewaltfreie Kommunikation und ein emotionale Intelligenz, die in großen Zügen Affektkontrolle bedeutet, vorteilhafter ist. Der Wüterich begibt sich in einen immer stärkeren Strudel von Aggression und Ärger, aus dem er irgendwann selbst nicht mehr herausfindet und mit dem er seinen Beziehungen und obendrein auch noch der eigenen Gesundheit schadet. Aber was ist auf der Stufe davor, was ist mit dem Tier in uns, mit unseren Genen? Wir wollen es rekonstruieren.

Bei den Tieren unterscheidet man Kommentkämpfer und Beschädigungskämpfer. Kommentkämpfer üben sich in eindrucksvollen Droh- und Imponiergesten, kämpfen aber in der Regel nicht, während der Beschädigungskämpfer auf Kampf aus ist.

Auf den ersten Blick sieht es einfach aus: In der direkten Konfrontation siegt der Beschädigungskämpfer, da der Kommentkämpfer nur droht. Aus diesen unterschiedlichen Verhaltensweisen ergeben sich bestimmte Vor- und Nachteile. Der Kommentkämpfer ist durchaus nicht ohne Erfolg und das aus mehreren Gründen. Zum einen ist ja vorher nicht klar, ob der andere ein Komment- oder Beschädigungskämpfer ist. Ein imposantes Tier, das sich laut drohend aufplustert, da können viele potentielle Gegner schon mal auf die Idee kommen, es doch nicht weiter zu provozieren, denn wer weiß, was dann geschieht?

Dadurch, dass Kommentkämpfer bedeutend weniger kämpfen, treten zwei Effekte ein. Erstens, verbrauchen sie weniger Energie als die Beschädigungskämpfer, denn Kämpfen ist hoch anstrengend und zweitens, sind sie seltener verletzt. Dafür hat der gut trainierte Beschädigungskämpfer kaum jemanden zu fürchten, außer bei Verletzungen, die in der Natur verheerend sind.

Aber dennoch überlegte man sich ob eher altruistische oder egoistische Gruppen im Vorteil wären, also jene, die einander helfen und jene, die bis zum Ende konkurrieren.

Spieltheorie

Wickler und Seibt haben diese Ideen dann in ein spieltheoretisches Modell gegossen, indem sie untersuchen wollten, wer auf lange Sicht gewinnt, wenn Beschädigungskämpfer (B) auf Kommentkämpfer (K) treffen. Hier trafen sie folgende Annahmen:

„1. Jeder Kampf soll eine Entscheidung bringen. 2. Wer aufgibt, hat verloren, und der andere wird Sieger. 3. Wer nicht im Kampf getötet wird, hat Gelegenheit zu mehreren Kämpfen. 4. Es bleibt auf die folgenden Kämpfe ohne Auswirkungen, ob einer gewann oder verlor.“[1]

Weiter wurde idealtypisch vereinbart:

„1. B trifft auf B: Der Kampf endet, wenn einer tot oder ernstlich verletzt ist. 2. K trifft auf B. K läuft sogleich davon. Keiner wird verletzt. 3. K trifft auf K. Wer zuerst aufgibt, hat verloren, keiner wird verletzt.“[2]

Wickler und Seibt haben den Kombattanten Punkte zugeordnet: Ein Sieger im Kampf erhält 50 Punkte, der Verlierer 0 Punkte. Wer schwer verletzt wird erhält – 100 Punkte, wer viel Zeit oder Energie vergeudet, – 10 Punkte. Eine Zuordnung, die letztlich zwar willkürlich ist, doch nach einigen Zahlenspielen der Spieltheorie ergibt sich, dass die Beschädigungskämpfer in einer Mischpopulation dem Kommentkämpfer in einem dynamischen Gleichgewichtszustand mit 7 : 5 überlegen sind.[3]

Doch so einfach ist es mit den flotten Rechenspielen schon spieltheoretisch nicht. In der Mischpopulation würde die Überlegenheit der Beschädigungskämpfer dazu führen, dass es in der Folge mehr Beschädigungskämpfer gibt und bei einer größeren Anzahl derselben sinkt ihr Vorteil. Es wird einfach öfter gekämpft und bei Reinpopulationen sieht die Rechnung so aus, dass der Kommentkämpfer überlegen ist, da es bei seinem Verhalten weniger Schäden gibt. Eine Gruppe, allein aus Beschädigungskämpfern wäre eine, die rechnerisch mehr Nachteile bringt als eine reiner Kommentkämpfer, wegen dauernder Kämpfe und einer Vielzahl an Verletzungen,

Mathematik und Verhaltensforschung

  • Einfache physikalische Systeme

Der Zusammenhang zwischen mathematischen Größen und Messverfahren ist bekannt, Faustregel: je toter und monokausaler das System, umso leichter ist es mathematisch einzufangen. Die Waage reagiert unmittelbar darauf, wenn man Gewichte hinzufügt oder wegnimmt, der Zusammenhang ist einfach und eindeutig,

  • Komplexe und chaotische physikalische Systeme

Schon das Klima, ein weitgehend physikalisches Modell, stellt uns vor größere Schwierigkeiten, weil hier verschiedene Einflussgrößen ineinandergreifen, die hierarchisch gewichtet werden müssen. Je mehr dynamische Einflussgrößen, umso schwieriger die Prognostizierbarkeit.

  • Biologische Systeme

Wenn wir es mit biologischen Systemen zu tun haben, sind diese oft so komplex, dass sie, als Gesamtsystem betrachtet, ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen, dass sie noch einmal anders aussehen lässt, als tote Systeme. Biologische Systeme sind oft Puffersysteme, das heißt, sie zeigen über eine lange Zeit, auch bei wechselnden äußeren Einflüssen eine relativ hohe Stabilität, die organische Systeme zum Leben brauchen. Das heißt, sie haben einen hohen Toleranzbereich, sind diese Systeme aber einmal überdehnt, sind sie oft irreparabel zerstört.

  • Soziales Verhalten

Die Ethologie oder vergleichende Verhaltensforschung untersucht das Verhalten von Tieren und eine der Faustregeln ist, dass tierisches Verhalten bei einigen Arten sehr viel komplexer ist, als man früher dachte und daraus resultiert, dass in einigen Fällen die Unterschiede zwischen den Individuen größer sind, als die Gleichheit der Art. Vor allem aber verhalten sich auf die arttypischen Tiere nicht idealtypisch, so dass die Modellrechnungen über Komment- und Beschädigungskämpfer nicht aufgehen. So stellt Eibl-Eibesfeldt fest:

„Ein Kommentkämpfer beißt ferner regelmäßig zurück, wenn der Angreifer beißt. Mit anderen Worten, er wird regelmäßig zum Beschädigungskämpfer, wenn er auf Beschädigungskämpfer trifft.“[4]

Es gibt also mit anderen Worten keine Gruppe reinster Kommentkämpfer, die immer und sogleich die Flucht ergreifen, die Gruppen gehen eher in einander über. Es gibt weitere Argumente gegen das egozentrische und aggressive Verhalten, denn zum einen sind die Beispiele von Tieren, die die Nachkommen ihrer Konkurrenten töten, eher selten, zum anderen schädigt jedes Individuum, das in einer kleineren Population von Tieren die Nachkommen des anderen tötet, auch den eigenen Gene, denn der Genpool ist vollkommen durchmischt, es werden mit anderen Worten immer eigene Verwandte getötet. Die Wahl ob, aggressives oder friedliches Verhalten ein Vorteil ist, kann man also in dem Kontext gar nicht treffen, da so gut wie keine Reinformen vorliegen.

Hier liegen also die Schwierigkeiten und Grenzen, aus einem variablen Verhalten eine idealtypische Rechengröße zu machen, es stimmt ganz einfach nicht. Mögen die Modellrechnungen plausibel sein, die Tiere verhalten sich zum größten Teil anders. Die um 1970 aufgekommene Idee, sowohl von W. D. Hamilton (1969), als auch von R. L. Trivers (1971), wurden dann von E. O. Wilson und vor allem R. Dawkins aufgenommen und gewannen zwischenzeitlich an Ansehen.

2016 jedoch ist der Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, Michael Tomasello, mit diesem Ansatz in wenigen Zeilen fertig:

„Die Verwandtschaftsselektion ist wohl das grundlegendste Problem bei der Evolution der Kooperation. Darwin fragte sich, warum soziale Insekten, etwa Ameisen und Bienen, sich so bereitwillig füreinander aufopfern (bis hin dazu, daß es sogar zeugungsunfähige Helfer gibt). Im Kontext der modernen Genetik lösen Haldane und Hamilton das Problem durch die Feststellung, daß bei sozialen Insekten Individuen, die in der selben sozialen Gruppe leben, mehr Gene miteinander teilen, als die Gruppenmitglieder anderer Tierarten. Indem sie anderen helfen, begünstigen die einzelnen Ameisen und Bienen Kopien ihrer Gene; in gewissem Sinne helfen sie sich selbst. Dawkins (1976) trieb diese Ansicht ins Extrem, indem er die ganze Evolution aus dieser „Genperspektive“ betrachtete.“[5]