„Kinder und Jugendliche, die aus ihren Herkunftsländern allein nach Deutschland kommen, gehören zu den schutzbedürftigsten Personengruppen. Es sind junge Menschen, die häufig Schreckliches erlebt haben und möglicherweise physisch und psychisch stark belastet oder hoch traumatisiert sind.“ [1]

So beschrieb der Bundestag 2015 in einem Gesetzesentwurf „zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher“ die Situation mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen. Im Jahr 2016 wurden fast 45.000 unbegleitete Minderjährige in Obhut genommen. [2] Diese Zahl zeigt, wie präsent und wichtig das Thema Integration ist.

In diesem Beitrag werden drei mögliche Gründe aufgegriffen, weshalb die Integration von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen unter psychologischen Gesichtspunkten manche Herausforderungen mit sich bringt.

Entwicklungspsychologische kulturelle Unterschiede

Der bedeutende sowjetische Wissenschaftler Lew Semjonowitsch Wygotski, der den soziokulturellen Ansatz der kognitiven Entwicklung vertritt, geht davon aus, dass Kinder vorrangig soziale Wesen und keine Einzelkämpfer sind, die versuchen die Welt aus eigener Kraft zu verstehen.

Wygotski beschreibt, wie Kinder sich in die Gesellschaft einfügen wollen und dazu an den üblichen Aktivitäten teilnehmen möchten. [3] In diesem Modell kann man davon ausgehen, dass sich Kinder an kenntnisreicheren Personen orientieren. [4] [5] Dementsprechend ist das kulturelle Umfeld, in dem sich ein Kind in den ersten Jahren bewegt, entscheidend für das entwicklungspsychologische Heranwachsen. Zwar sind die ersten Entwicklungen des Denkens universal, jedoch sind die Anforderungen an das Problemlösen, die Werte, Symbole und Gebrauchsgegenstände in vielen Kulturen unterschiedlich. [6]

Folglich kann man davon ausgehen, dass unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge durch ihre Kultur anders geprägt wurden und dies in der Arbeit mit ihnen besonders beachtet werden muss. Beispielsweise gab es in der Vergangenheit immer wieder Vorfälle, bei welchen sich unbegleitete Minderjährige nicht von weiblichem Personal beraten ließen. Dieses Verhalten sollte man zwar aus Gleichstellungsgründen absolut nicht hinnehmen, jedoch sollte man sich bewusst sein, dass diese Einstellung aus einer vollkommen anderen kulturellen Erziehung herrührt.

Aggressionen

Einige der Jugendlichen sind leicht reizbar und aggressiv, was es dem integrativen Arbeiten schwer macht. Das Kognitiv-Neo-Assoziationistische Modell von Berkowitz erklärt den Zusammenhang zwischen negativen Affekten und aggressivem Verhalten. Ein unangenehmes Ereignis, zum Beispiel eine frustrierende Situation, führt zu einem negativen Affekt und dann zur gleichzeitigen Aktivierung von aggressiven und fluchtbezogenen Gedanken. Ein System dominiert schließlich und es kommt zur „Flucht“ oder zum „Angriff“. [7]

Gestörte Identitätsentwicklung

Nach Eriksons Phasenmodell der Persönlichkeitsentwicklung entwickelt sich im Jugendalter die Identität. In seinem Modell spricht er von Wendepunkten im Laufe der Zeit. Im Jugendalter trägt dieser Wendepunkt, diese Krise, zur Entwicklung einer Identität bei. Gelingt die Bewältigung dieser Krise allerdings nicht, so führt das zu einer Rollendiffusion, bei welcher widersprüchliche Werte und Rollen als Teil der eigenen Persönlichkeit erlebt werden. [8] [9] [10]

Den unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen fällt es manchmal schwer „ihren Platz“, „ihre Identität“ zu finden, da sie einen einschneidenden Bruch erlebt haben. Sie haben die Heimat, ihre Familie zurückgelassen, sie müssen sich nun in ein neues kulturelles System einfügen. Viele haben starke Sehnsucht nach ihrer Heimat und ihren Familien. Wenn sie Nachrichten aus ihrer Heimat erhalten, beschäftigt sie das oft tagelang sehr intensiv. Diese enorme psychische Belastung kann zu Depressionen, Krankheiten und selbstverletzendem Verhalten führen.

Für die Integration unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge ist Verständnis notwendig

Integration

Kommunikation ist wichtig um die Geschichte des Gegenübers zu kennen. © rawpixel.com

Dies sind nur Beispiele für die psychologischen Herausforderungen der Integration. Sie spielen auf die ganz persönlichen, belastenden Vorbedingungen der einzelnen Menschen an. Wenn es um das Thema Integration allgemein geht, dann kommen noch viele andere Variablen hinzu. Doch um Verständnis für die Bedürfnisse und Gegebenheiten von Menschen zu erreichen, ist es notwendig einen gewissen Einblick, ein Verständnis zu wecken. Und dies war das Anliegen dieses Artikels.

Quellen