Ines leidet unter Zwangsstörungen. Sie hat verschiedene Zwänge wie Waschzwang, verbunden mit der Angst vor Keimen, Ordnungszwang etc. Im zweiten Teil des Interviews spricht sie über einige Erfahrungen aus ihrer Kindheit und warum sie ihre Mutter immer mit der Mutter bei »Hänsel und Gretel« verglichen hat.

Nachprüfen, ob man was Illegales getan hat

Was machst du bei solchen Zwangsgedanken?

Ich gehe zurück und prüfe, ob die Autos unversehrt sind. Ich muss mich aber zwingen, dies nur einmal zu tun. Sonst komme ich ja nicht zur Arbeit.

Ja, das stimmt.

Auch sonst brauche ich immer die gleichen Abläufe. Keine Ahnung warum. Es beruhigt mich einfach.

Für die Ordnung im Kopf?

Genau. So habe ich einen klaren Kopf. Sonst würde zu viel in meinen Gedanken herumschwirren.

Mann mit Mantel und Brille schwarz weiß

Ich muss ständig grübeln. – Zwangsgedanken belasten den Alltag. © Mayastar under cc

Gab es einen Auslöser, bevor du diesen neuen Grübelzwang dazubekommen hast? Ständig darüber nachzudenken, ob du irgendetwas Verbotenes getan hast?

Das weiß ich tatsächlich genau. Seit dem ich Besuch von einer Freundin hatte, habe ich dieses schlechte Gewissen, ich könnte irgendetwas Schlimmes getan haben.

Was war während des Besuches passiert?

Sie hat ihre Füße auf meinem Sofa abgelegt. Ich habe nicht viele Freunde. Diese Freundin ist eine neue Freundin, die ich zum ersten Mal zu mir nach Hause eingeladen habe. Plötzlich legte sie die Füße hoch und machte es sich gemütlich. Von da an konnte ich an nichts anderes mehr denken, als dass ich ihr die Füße vom Sofa schlagen wollte. Ich meine, wer macht denn so etwas?

Die Psyche hinter den Zwängen

Und aus diesem schlechten Gewissen ist dann dein Gefühl erwachsen, du wärst zu kriminellen Handlungen fähig?

Ich weiß, das klingt lächerlich.

Nein, tut es gar nicht. Es ist eine sehr naheliegende psychologische Verknüpfung. Könnte so eine Entstehung für einen Zwang gegebenenfalls etwas mit Grenzen setzen zu tun haben? Mit sozialer Überforderung?

Ja. In diesem Moment war ich nicht fähig, Grenzen zu setzen. Ich hätte sagen können, sie soll die Füße runternehmen. Hab ich aber nicht. Ich bin einfach sehr erschöpft. Seit Kurzem denke ich: Was soll schon sein? Wenn ich eine Straftat begehe, dann komme ich wenigstens ins Gefängnis und muss mir um meinen Lebensunterhalt keine Gedanken machen.

Und würdest du?

Sicher nicht. Dazu bin ich viel zu verantwortungsvoll. Das ist es ja. Andere Menschen benehmen sich wie Arschlöcher und kommen gut durchs Leben. Aber ich mache mir ständig Sorgen, habe ständig Ängste, nicht gut genug zu sein.

Zwänge: Ursache in der Kindheit?

Kind Seifenblasen

Nicht immer verläuft die Kindheit von Zwangspatienten unbeschwert. © Dan Zen under cc

Wie war deine Kindheit, Ines?

Wir hatten ein sehr mechanisches Familienleben. Alles lief über feste Strukturen. Wenig Liebe. Wenig Verständnis. Diese Sachen zu verbalisieren, fällt mir deshalb leicht, weil ich sie in meiner Therapie schon beantwortet habe. Wir mussten immer funktionieren. Schwächen gab es bei uns nicht.

Deine Mutter, wie würdest du sie charakterisieren, wenn sie eine Märchenfigur wäre? Fällt dir ein Gleichnis ein?

Man würde jetzt erwarten, dass ich Hexe oder böse Zauberin sage.

Vielleicht. Aber mich interessiert dein Empfinden diesbezüglich.

Als Kind habe ich meine Mutter immer mit der Mutter bei »Hänsel und Gretel« verglichen. Prinzipiell sah ich als Kind schon, dass meine Mutter so hart aus Verzweiflung geworden war.

Diese Beobachtung ist erstaunlich.

Ja. Heute überrascht mich das auch. Ich habe als Kind schon gesehen, dass sie schwach war und die Starke nur gespielt hat. So etwas hat eine ganz eigene Kälte.

Ist daraus deine Furcht davor erwachsen, die Kontrolle zu verlieren?

In gewisser Hinsicht schon. Ich wollte nicht so schwach sein wie sie. Das meine ich nicht überheblich. Eigentlich weiß ich, dass ich genauso schwach bin wie sie. Aber ich habe mir andere Muster zugelegt.

Muster, die dich im Alltag belasten.

Ja. Richtig. Die falschen Muster. Nun muss ich umlernen. Ich komme aus einem Elternhaus, wo Geld immer ein Thema war. Wir hatten nicht viel. Aber meine Eltern wollten immer, dass aus mir mal etwas wird.

Also Leistungsdruck?

Und wie! Es war kaum auszuhalten.

Zwänge und die Furcht vor Misserfolg

Wie ging man bei euch mit Misserfolgen um?

Es gab keine Schläge, wenn mein Bruder eine schlechte Note heimgebracht hatte. Aber er wurde ignoriert.

Silent Treatment. Liebesentzug.

Ja, sie haben Ignoranz angewandt, um ihn zu bestrafen.

Bei dir auch?

Ich habe nie schlechte Noten heimgebracht. Ich wusste, wie ich zu funktionieren hatte. Aber es gab da eine Geschichte aus meiner Kindheit, wo ich mal nicht so funktionierte, wie sie es von mir erwarteten.

Ja?

Wir waren im Urlaub. In Griechenland. Es war furchtbar heiß und wir liefen irgendwo im Hinterland herum. Mir war langweilig. Meine Eltern machten Fotos. Mein Bruder sprang irgendwo herum. Und ich sah vor mir über den heißen Boden einen Käfer krabbeln. Ich hatte einen Stein in der Hand und ließ ihn auf die Erde plumpsen. (Schweigen.)

Was ist dann passiert, Ines?

Bis heute weiß ich nicht, ob ich diesen Käfer umgebracht habe oder er im Sand eingedrückt wurde und überlebt hat. Gleich darauf fuhren wir mit dem Mietwagen weiter. Ich sollte mich beeilen und hatte auch Angst unter den Stein zu schauen, weil meine Mutter plötzlich neben mir stand. Also lief ich zum Wagen. Die gesamte Weiterfahrt und auch an den anderen Tagen musste ich an diesen Käfer denken. Hatte ich ihn umgebracht?

Interessant, dass dir diese Geschichte gerade einfällt. Es wirkt, als würde sich dahingehend ein Kreis schließen. Zu den Zwangsgedanken heutzutage, du könntest irgendjemandem etwas Schlimmes antun und es nicht mitbekommen.

Das ist genau so.

»Eine Zukunft ohne Zwänge? Ich glaube nicht.«

Meer ruhig Strand grüne Hügel

Ruhige See: Eine Zukunft ohne Grübeln, das wünschen sich Zwangspatienten. © Sean MacEntee under cc

Wie groß ist deine Hoffnung, eines Tages ohne die Zwangsgedanken sowie Zwänge im Allgemeinen sein zu können?

Meine Hoffnung geht gegen Null. Seit ich denken kann, fühle ich mich irgendwie unzulänglich. Voller psychischer Probleme. Eine Zeit lang waren sie einfach nur diffus in meinem Kopf. Ich konnte sie nicht ausmachen, wusste nur, dass sie mich nicht normal sein ließen.

Dann formuliere ich um: Was wünscht du dir für die Zukunft?

Von meinem jetzigen Standpunkt würde es schon ausreichen, wenn ich nicht noch mehr Zwänge dazu bekäme. Und wenn ich träumen dürfte …

Sicher. Nur frei heraus.

Ich würde gern weniger arbeiten. Ich weiß, dass ich überlastet bin durch den Leistungsdruck. Burnout ist auch ein Thema bei mir, hat meine Psychologin gesagt. Ich weiß das alles. Aber ich bin wie gelähmt. Das andere wäre noch anstrengender.

Eine Veränderung herbeizuführen, meinst du?

Ja, das meine ich. Ich müsste kündigen. Mir vorher einen neuen Job suchen. Wenn ich nur an die Bewerbungen denke. Wie oft ich über meinen Lebenslauf rübergehen würde, um auch wirklich genau zu prüfen, dass alles darin stimmig ist. Ich würde das alles zehnmal gegenchecken. Wenn nicht sogar noch häufiger.

Und eine berufliche Auszeit einzulegen? Wäre das auch ein Traum?

Und was für einer! Das wäre mein größter Wunsch. Ich muss mich ausruhen. Ich habe schon mit meiner Therapeutin darüber gesprochen.

Ich danke dir für deine Offenheit und dieses Interview. Alles Gute für dich!

Im nächsten Teil der Artikelreihe zu Zwangsstörungen beleuchten wir die diagnostische Sicht.