Der elitäre Habitus

Reiterin im Dressurdress

Das Pferd ist öfter das Tier der Eliten. David Merrett under cc

Doch die echten Eliten des alten Stils, so wie sie im Drehbuch stehen, gibt es nach wie vor. Geld ist hier nicht das entscheidende Kriterium, man spricht nicht drüber, sondern geht davon aus, dass es im angemessenen Rahmen vorhanden ist. Was die Spreu vom Weizen trennt sind viel mehr die soziales Codes, die Art wie man spricht und über was, die Selbstverständlichkeit mit der man sich in besseren Kreisen bewegt, wie man sich kleidet, welche Sportarten man macht, all das nicht aufgesetzt, sondern so natürlich, wie kulturelle Blasen und Gewohnheiten eben natürlich sein können. Und das können sie, denn wenn man drinnen ist, fühlt sich das alles sehr normal an, die Welt hier um mich ist eben so.

Hier ist die Schnittmenge der wirklich Reichen, Schönen und Einflussreichen und es klappt ganz gut, unter sich zu bleiben, href=“https://www.diw.de/de/diw_01.c.584241.de/themen_nachrichten/soziale_mobilitaet_in_deutschland_durchlaessigkeit_hat_sich_in_den_letzten_30_jahren_kaum_veraendert.html“ target=“_blank“>da die soziale Durchlässigkeit in Deutschland eher gering ist. Wer nicht von Anfang an dazu gehört bleibt in aller Regel draußen, wenn es um den verschärften Kreis der Elite geht, doch auch da ist nicht alles so, wie man es sich vorstellt. Eliteforscher Hartmann in einem anderen Interview:

Die Welt: Dann ist vielleicht eine Eliteschule eine gute Idee? Dort würden die Kinder mit dem Nachwuchs aus reichem Hause aufwachsen und solche Verhaltensweisen unbewusst lernen.

Hartmann: Auf den meisten deutschen Elite-Internaten stoßen Sie doch gar nicht auf die Elite. Dort treffen Arzt- oder Anwaltskinder auf ihresgleichen, also das klassische Bildungsbürgertum. Das belegt auch die Statistik: Nur eine Handvoll Vorstände waren auf Elite-Internaten. Mein Lieblingsbeispiel ist das Internat Torgelow. Als Referenz kann die Privatschule auf einen Formel-3-Rennfahrer und eine Siegerin bei den Gedächtnisweltmeisterschaften verweisen. Beeindruckend liest sich das nicht. Tatsächlich schicken die wirklichen Eliten ihre Kinder eher auf öffentliche Schulen, vor allem auf humanistische Gymnasien, damit sie mehr vom normalen Leben mitbekommen.

Die Welt: Also besser gleich ein Elite-Internat in England wählen, wo auch die Royals ihren Nachwuchs schulen?

Hartmann: Auch das funktioniert nicht so einfach. Es besteht für soziale Aufsteiger an einem solchen Ort immer das Risiko, Außenseiter zu bleiben. Natürlich können Sie Ihr Kind nach Eton schicken, wo es auf den Nachwuchs aus der britischen Oberklasse trifft. Aber sobald Ihr Sprössling nicht vom Chauffeur abgeholt wird, ist es schon wieder aus.[4]

Der Mythos des Aufsteigers gehört zwar nach Amerika, wo es eben möglich sein sollte, den sprichwörtlichen Weg vom Tellerwäscher zum Millionär zu gehen, aber auch in Deutschland glaubt man gerne daran, dass man durch Klugheit und Fleiß zum Erfolg kommt. Zu einem Teil ist das auch so, aber in die klassische Elite wird man hinein geboren und wenn nicht, ist der Zugang so gut wie immer verbaut.

Proteste von vielen Seiten

Proteste gegen die Eliten sind im Laufe der letzten Jahre immer stärker geworden und damit sind nicht nur sehr wohlhabende Menschen gemeint, sondern viele Institutionen in Deutschland haben stark an Vertrauen[link] verloren. Die Politik, die Wirtschaft, aber auch die Wissenschaft und auch das Vertrauen in die deutsche Technologie ist gesunken. Gleichzeitig schwinden die Mitgliederzahlen der Kirchen und gesellschaftliche Leitfiguren, moralische Instanzen und große Intellektuelle melden sich auch nicht mehr zu Wort, vielleicht weil es kaum noch welche gibt oder es nur noch wenige Menschen gibt, deren Stimme von allen gehört und akzeptiert wird.

Darum ist der Kampf der Eliten auch einer des Ringens um Deutungshoheiten und Eliten sind gerade dadurch welche, dass sie zu einem guten Teil mitbestimmen, welche Erzählungen gerade bestimmend sind. Die Elite der alten weißen Männer befand sich letztlich in der selbstsicheren Position, wenn es drauf ankam, die Macht im Diskurs zu haben, die anderen zur Ordnung zu rufen. Man ermahnte die anderen zur Sachlichkeit, zur Nüchternheit, hier war man Experte und auf dem eigenen Terrain. Man hatte etwas vorzuweisen, Titel, Status und erbrachte Leistung, etwas, mit dem man sich garnieren konnte und was zweifelsfrei als Ausdruck einer erbrachten Leistung galt.

Doch auch hier ist einiges weggebrochen, denn viele dieser Attribute sind erstunken und erlogen, wie bei vielen Politikern, die sich ihre akademischen Grade ergaunert haben, vermutlich einfach, weil es sich ganz gut in der Biographie macht und irgendwie dazu gehört. Zudem begreifen inzwischen immer mehr, dass auch gesellschaftliche herausragende Positionen oft mehr mit der Herkunft als mit der Leistung zu tun haben, so dass das Argument, der eigene Erfolg zeige doch schließlich, dass man irgendwie zurecht herausragt, stumpf geworden ist.

Die Schwierigkeiten in die die Schicht der sogenannten alten weißen Männer geraten ist, markiert ein Ende des persönlichen und gesellschaftlichen Zentralismus, in der es jemanden gibt, der das Sagen hat und zuverlässig weiß, wie es weiter geht und was richtig und falsch, gut und böse ist. Doch dieser Machtverlust der Institutionen und alten Eliten hat mehrere Kehrseiten. In einer Welt, in der mehrere alternative Deutungen für den gleichen Sachverhalte bestehen, herrscht eine gewisse Konfusion und ein Orientierungsverlust, über den wir seit Jahren klagen. Bei der Kritik an den alten weißen Männern wird nicht selten das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und so steht das kritisierte Weltbild in der Tradition eines Bildungsideals, in dem man versuchte, sich in vielerlei Hinsicht zu verbessern, was aber auch eine humanistische und sittliche Komponente mit einschloss. Der ganze Ansatz war darauf angelegt, zwar aus dem Gefühl der eigenen prinzipiellen Überlegenheit heraus, mit dem man den unterentwickelten Teil der Welt erziehen wollte, aber bei allen Verwerfungen wollte man selbst oft noch ein guter Mensch sein.

Heute ist dies oft einem Leistungsideal gewichen, bei dem Sittlichkeit als eher weltfremd und hinderlich für Geschäfte angesehen wird, man gibt sich zwar gerne ein grünes oder soziales Image, aber im Kern geht es darum Geld zu verdienen. Jung, smart, erfolgreich und innovativ zu sein, bricht daher oft mit den alten Idealen, das Überlegenheitsgefühl wird behalten, der Rest über Bord geworfen.

Die Unterschicht protestiert ebenfalls gegen die Eliten, die ihnen viel versprechen, aber wenig davon halten. Der Protest sammelt sich politisch links wie rechts hier wird oft das als unangemessen hoch empfundene Einkommen kritisiert und immer mehr wird allen Eliten misstraut, der Einkommenselite ebenso, wie der Bildungs- oder Machtelite, bei denen gemutmaßt wird, sie steckten alle unter einer Decke.

Keiner hat derzeit die Oberhand

Im Moment ist nicht zu erkennen, dass beim Kampf der Eliten eine Gruppe dominiert, die Macht der Umwelt- und Klimabewegten wächst aufgrund der immer drastischeren Auswirkungen auf unseren Alltag inzwischen weit über das Lager der Grünen hinaus, doch auch die alten weißen Männer oder Traditionalisten organisiersen sich in einer wachsenden politischen Rechten, die sich globalisierungskritisch gibt und viele Proteste der geschwächten Linken aufgegriffen hat, darunter die Strategie sich als Opfer zu inszenieren. Rechtspopulisten gewinnen Stimmen derzeit in einem inhomogenen Lager von Menschen, die sich von der Politik und „dem System“ generell nichts mehr versprechen, aus Teilen der Unterschicht, die sich verraten fühlt, weil sie, selbst arm, sozial abgehängt und vergessen, mit Migranten um bezahlbaren Wohnraum, Arbeitsplätze und anderes konkurrieren muss. Menschen, denen der Gedanken der Einwanderung generelles Unbehagen bereitet und die sich in ihren Ängsten nicht ernst genommen fühlen und wohlhabenden Menschen, die man durchaus zu den begrifflich hoch unglücklich bis diffamierend bezeichneten alten weißen Männern rechnen darf, die um ihre Privilegien und ihre als selbstverständlich erachtete Macht kämpfen.

Die Kosmopoliten finden sich häufiger in einem libertären oder wirtschaftsliberalen Lager, das primär frei sein und sich nichts vorschreiben lassen möchte, aber es gibt genügend Menschen, die diese Angeboten bunt gemischt aufgreifen und leben. Wie erwähnt, hat das Besondere in unserer Zeit einen hohen Stellenwert, so dass Einstellungen, die im Grunde nicht zusammen passen gerade als reizvoll erlebt werden, doch weil sie nicht zusammen passen eben oft auch der oberflächlich gelebt werden müssen. Dass man mit dem SUV zum Biomarkt fährt; andere Kulturen toll findet, nur nicht im eigenen Land; die Umwelt vor dem Menschen schützen will; als jemand aus der Unterschicht sich mit Menschen verbündet, die die Unterschicht verachten; vegan isst, aber dennoch durch die Welt fliegt und hilft, weil man sich damit gut darstellen kann, sind nur ein paar dieser zu kurz gegriffenen Aspekte.

Man weiß nicht, wie der Kampf der Eliten ausgehen wird, Traditionalisten, Kosmopoliten und Kosmopoliten sind im Insgesamt des Kräftespiels derzeit ungefähr gleich stark, alle haben gute Argumente aber auch ihre schwachen Seiten. Der gut gemeinte Trend, jedem zuzusprechen, dass er auf seine Art ja irgendwie auch Recht hat und in allen Fällen ernst zu nehmen ist, führt der zu mehr Demokratisierung oder mehr Entwertung. Denn es mit den guten Gründen nicht mehr so genau zu nehmen und dafür die großen Gefühle und flammenden Affekte an die Stelle zu setzen, bringt uns in eine gefährliche Schieflage, vor allem in eine fortschreitende Entqualifizierung. Dass traditionalistische Argumente oft zirkulär sind und von den Standards leben, die sie selbst, als sie noch unumstrittene Elite waren, gesetzt haben, mag ein richtiger Einwand sein, doch der Rekurs allein auf Emotionen ist ein Schuss in den Ofen, die Konsequenzen erleben wir gerade.

Quellen