Die Steuerklärung

Stau auf Autobahn, schwarzweiß

Auf den Stau ist Verlass. Nadine Heidrich under cc

Bei vielen schon immer so beliebt, wie eine Wurzelbehandlung, fand ich sie nie so besonders herausfordernd. Als zum Teil Selbstständiger musste ich die Steuererklärung bereits seit Jahren online machen, mit dem Elster Programm, was im Grunde genauso funktionierte und aussah, wie die alten Bögen aus Papier, nur eben online. Ende des letzten Jahres gab mein Computer den Geist auf, also musste ein neuer her, von dem Fachhändler meines Vertrauens mit den üblichen Standardprogrammen eingerichtet, das Elster Programm in diesem Jahr musste ich mir neu herunterladen, die altvertrauten Formulare habe ich nicht mehr gefunden, aber wird schon klappen, dachte ich mir.

Es gab fünf Möglichkeiten der Bearbeitung, empfohlen wurde die Zertifikatsdatei, sie schien das sicherste und praktikabelste Verfahren zu sein. Damit sie sicher ist, bekommt man den eine Hälfte des Passwortschlüssels per mail, die anderen im Briefumschlag per Post, was einige Tage dauert, bei mir waren es immer so drei bis fünf Tage. Beides gibt man ein und erstellt sich so ein privates Konto, mithilfe einer speziellen Datei mit der Endung pfx. Diese wird auf dem Computer hinterlegt, so dass man jederzeit wieder, mit einem Passwort, auf die Steuererklärung zugreifen kann.

Der erste Versuch klappte gut, ich versuchte die Daten einzugeben, die ich schon parat hatte und schloss das Programm, Zeit hatte ich ausreichend. Einige Tage später wollte ich weiter machen, suchte die pfx Datei und fand sie nicht. Ich suchte alle angegebenen Ordner durch, dann auch die anderen, aber da war nichts zu finden. Ich gab Adresse des Ordners, die ich mir aufschrieb per Hand ein, aber nichts tat sich. Ich logte mich bei dem Elster Forum ein, fragte ein paar Leute aus dem Forum, die einhellige Meinung war, die Datei sei wohl weg. Ich rief bei meiner Sachbearbeiterin an, die mich an den Online-/Computer-Experten des Hauses verwies, der meinte, das müsse an meinem Computer liegen, ich sollte die Einstellungen meines Browsers ändern. Das tat ich dann. Im Zweifel sollte ich den alten Zugang löschen und eine neue Zertifikatdatei erstellen, nach dem üblichen Muster, die eine Hälfte per mail, die andere per Post und die Datei dann in einen eigenen Ordner ziehen. Gesagt getan, es kamen mail und Brief, ein neuer Versuch, das alte Problem. Die Datei kam als …/temp/… Datei daher und offenbar wurden solche wohl nur behalten, so lange der Computer an war. Die Möglichkeit etwas zu verschieben hatte ich nicht, es gab zwei Möglichkeiten Zerfikatsdateien zu speichern, beide zeigten ein …/temp/… in der Adresse. Ich arbeitete erst mal weiter, mit ein wenig Hoffnung aber einem bösen Verdacht. Der bestätigte sich, als ich beim nächsten Mal weiter machen wollte, war die Datei, wie beim letzten Mal, nicht mehr aufzufinden.

Ein erneuter Anruf beim hilfsbreiten Online Mitarbeiter des Finanzamts, der meinte das könne eigentlich nicht sein, es müsse an meinem Computer oder Browser liegen, obwohl ich die Einstellungen bereits verändert hatte. Nun stellen wir psyheu.de Schreiber unsere Beiträge selbst ein und das heißt, man kann nicht völlig unbedarft sein, was den Umgang mit Computern angeht. Dennoch, ich bin bei weitem kein Experte, also bin ich zu einem gefahren, demjenigen, der mir den Computer verkaufte. Ich schilderte ihm mein Problem, er verstand, worum es ging und richtete mir einen Ordner ein, in den alle Downloads kamen, damit sollte es klappen, er war zuversichtlich. Da er in der Regel weiß, was er sagt und tut, war ich es auch, neues Spiel, neues Glück, dieses Mal würde es klappen. Ich löschte den alten Account. Erneut kamen Brief und Mail, ich richtete alles wieder wie gewohnt ein, was mich stutzig machte, war, das wieder nur temporäre Dateien im Angebot waren, aber hey, ich bin eben kein Computer-Experte, wird schon klappen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, meine dann nach dem nächsten Neustart. Ich wollte es eigentlich nicht glauben, suchte den neuen Ordner und auch sonst alles durch: was erneut weg war, war der Zugriff auf die Datei mit der Steuererklärung. Die zuletzt bearbeiteten Daten blieben erhalten, nur der erneute Zugang war futsch.

Inzwischen wurde die Zeit bis zur Abgabe so knapp, dass diese nicht mehr pünktlich zu schaffen war, ich rief meine Sachbearbeiterin an, hatte eine Stellvertreterin am Apparat, die meine Abgabefrist verlängerte. Auch Menschen, die über Psychologie schreiben haben eine Psyche, meine war inzwischen irritiert. Immerhin, so lange mein Computer an war, konnte ich auf die Dateien zugreifen, also war die Strategie nicht kleckerweise vorzugehen, sondern alles zusammen zu suchen und das Ding durchzuziehen. Täglich grüßt das Finanzamt, es kamen Mail und Brief und jetzt war klar, ich würde alles zu Ende bearbeiten und versuchen abzuschicken, sofern es da keine Probleme gibt. Alles klappte gut, inklusive der Übermittlung und was seltsam war: Nun war die Datei auf einmal in dem neuen Ordner abgelegt. Genau das sollte ja passieren und seltsam war nicht, dass es passierte, sondern, dass es erst jetzt passierte. Es hätte schon beim letzten Mal passieren müssen, eigentlich. Nachdem mein Computerfachmann den neuen Ordner anlegte, waren einige Tage vergangen, bis ich es erneut erfolglos versuchte, doch da hätte es schon klappen müssen. Mein bester Freund entwickelt Computerprogramme für den medizinischen Bereich, ich fragte ihn, wie das kommen könne. Er sagte, solche Probleme hätte er zwei bis drei mal in der Woche, mal müsse man den Browser wechseln, mal dies mal das tun, mit der Zeit bekäme man ein Gefühl dafür, ob es an einem selbst liegt oder am Computer und ansonsten sei es so, dass man die Dinger oft umstellt und die Änderungen einfach nicht beim ersten Mal funktionieren, sondern erst nach ein paar Tagen. „Man denkt immer, das sei ein deterministisches System“, sagte er, aber das ist wohl nicht so.

Ich erfuhr von anderen, dass selbst Steuerberater massive Probleme hatten und die Steuererklärungen zwar als erfolgreich versendet hinterlegt waren, aber entweder nicht ankamen oder irgendwie verloren gingen, das gute Gefühl nicht allein zu sein. Es gibt Schlimmeres im Leben, aber all das kostet Zeit, Geld und Nerven, klar man lernt auch was dazu, aber nur schön ist das nicht.

Immerhin habe ich mir geschworen, das nicht passiv hinzunehmen, sondern irgendwo über den Ärger zu berichten, suchte nach der Möglichkeit ein Feedback zu geben und als ich nachschaute, ob ich schon eine Nachricht über den Erhalt bekommen hatte, sah ich die Möglichkeit an einer Online Umfrage teilzunehmen. Da mache ich mit, dachte ich mir und es ist nicht ohne Ironie, dass bereits die Übermittlung der ersten Seite, nach ungefähr fünf Versuchen (bei denen ich angeblich Pflichtfelder nicht ausgefüllt hatte, die ich ganz sicher und mehrfach nacheinander immer wieder ausgefüllt hatte) scheiterte.

So ist das Leben in einer Zeit, in der alles immer leichter und alles von zu Hause aus zu erledigen ist, ganz einfach, schnell und unproblematisch.

Zeiträuber im Alltag

Aber auch wenn es klappt, hat das neue Leben seine Tücken. Beim Versuch als Uneingeweihter ein Bahnticket zu kaufen, kann man erwachsene Menschen verzweifeln sehen und selbst dort wo alles problemlos funktioniert, bleibt vieles an uns hängen. Durch Mediatheken und Angebote privater Anbieter hat man jederzeit Zugriff auf alles was man sehen möchte, muss dies dann allerdings auch noch in den Alltag mit einbauen. Das alles ist als Einzelfall eine Bagatelle, aber die Bagatellen summieren sich. Es ist im Grunde nicht nachzuvollziehen, dass man im Jahre 2019, im Zeitalter der Digitalisierung noch immer im Stau stehen muss, aber die Realität ist, dass der Stau in einigen Regionen einfach der Normalfall ist. Auch das ist gestohlene Lebenszeit und frustrierend, man fragt sich wo neue Ideen zum Mobilität, zur Infrastruktur bleiben, die attraktiv genug sind, um eine echte Alternative zum Auto zu sein. Selbst diejenigen, die auf das Auto verzichten wollen, können es oft nicht, aus einer Vielzahl von Gründen und das betrifft keinesfalls nur dörfliche und ländliche Regionen.

Es ist bekannt, dass viele Mittel, die eigentlich im Alltag Zeit sparen und die Lebensqualität verbessern sollen, es nicht tun. Briefe galten als umständlich, aber wer kennt nicht den vollen virtuellen Briefkasten, ein paar Mails und die zehnfache Menge Spam. Kann man ja schnell mal eben löschen, alles kein Problem, wie immer. Wenn Wahrnehmung und Realität scheinbar von einander abweichen, dann muss das nicht daran liegen, dass man auf hohem Niveau jammert oder sich besonders blöd anstellt, denn oft wird nur gegen gerechnet, wie lange etwas im Idealfall dauern könnte, das ist jene Falle die regelmäßig bei der Planung von Großprojekten zuschlägt, der Berliner Flughafen ist ja ein längst zum Symbol für diese „kleinen Restprobleme“ geworden. In einer idealen Fällen fahren Züge auch pünktlich, in der realen stapeln sich jedoch etliche Probleme, die oft sehenden Auges Jahrzehnte lang aufgeschoben wurden.

Wer in etwas Experte ist, ist schnell damit fertig, aber wenn man etwas selten machen muss kann keine Routine entwickeln. Zum digitalen Leben wird man immer mehr genötigt, dass es aber gleichzeitig in Deutschland noch immer digitale Wüsten gibt, passt schlecht dazu. An die Gefahren einer immer umfassenden Digitalisierung sollte man von Zeit zu Zeit erinnern. Dass technische Utopien nicht die Lösung sind, die zwingend alles einfacher machen, haben wir hier ausgeführt. Die Demokratie muss sich so wenig dem Markt anpassen, wie der Menschen der Technik, die Frage, was uns Menschen dies und das an realer Verbesserung für unser Leben bringt, muss gestellt werden.

Quellen