Turtelndes Paar

Partner empfinden Zuneigung © Garry Knight under cc

Wenn wir mit unserem Partner streiten, ihm Vertrauen schenken oder über ihn berichten, tun wir dies meist mit Bezug auf die Gegenwart. Dabei ist vielen nicht bewusst, dass auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse aus der Vergangenheit die Wahrnehmung des anderen beeinflussen. Dieser Umstand lässt sich durch das Phänomen der Übertragung erklären.

Realbeziehung und Übertragungsbeziehung

Greenson (1981) unterscheidet zwischen der Realbeziehung und der Übertragungsbeziehung. Im Zuge der Realbeziehung nimmt der Partner sein Gegenüber unverzerrt wahr. Die eigenen Gefühle und Verhaltensweisen dem anderen gegenüber richten sich auf aktuelle Probleme oder tatsächliche Eigenschaften des Partners. Im Rahmen der Übertragungsbeziehung findet hingegen eine subjektiv verzerrte Wahrnehmung des Gegenübers statt.

Was bedeutet Übertragung?

Im Zuge der Übertragung werden einzelne Merkmale einer Beziehung, die wir zu einer bedeutsamen Person unserer Vergangenheit hatten, wiederholt (Sandler et al., 2001). Beispielsweise hat der Partner in der Kindheit die Erfahrung gemacht, dass er nur dann Wertschätzung erfährt, wenn er sich wohlwollend gegenüber seinen Eltern verhält. Da er sich Wertschätzung nun auch von seinem Partner wünscht, wird er ihm gegenüber ebenfalls eine entgegenkommende Haltung einnehmen.

Laut Arlow (1979) kommt es besonders dann zu Übertragungen, wenn eine Merkmalsähnlichkeit zu früheren Bezugspersonen besteht. Verhält sich der Partner also heute in ähnlicher Weise, wie es die Eltern früher taten, ruft dies ähnliche Gefühle und Verhaltensmuster wie damals hervor.

Das Entscheidende dabei ist, dass diese Übertragungsreaktion meist auf unbewussten Erwartungen basiert (Wöller & Kruse, 2010). Es ist dem Partner also selbst nicht einmal klar, dass er sich gerade deshalb so wohlwollend gegenüber dem anderen verhält, weil dies in seiner Kindheit schon zum Erfolg geführt hat.

Die Rolle unseres Gedächtnisses

Das prozedurale Gedächtnis aktiviert Vorstellungen wichtiger Beziehungen aus der Vergangenheit und richtet sie in Form von Erwartungen auf aktuelle Beziehungen (Andersen & Baum, 1994; Berner, 2002). Anders ausgedrückt sammelt unser Gehirn Eindrücke und Erlebnisse die wir mit wichtigen Menschen in unserem Leben gemacht haben. Stellt sich mit dem Partner nun eine scheinbar ähnliche Situation ein, kommen uns diese Erfahrungen wieder ins Bewusstsein und werden als real erlebt.

Wie äußern sich Übertragungen in Beziehungen?

Reaktion passt nicht zur Situation

Übertragungen im Rahmen der Partnerschaft äußern sich beispielsweise dadurch, dass der Partner eine Reaktion zeigt, die der aktuellen Situation nicht angemessen ist (Wöller & Kruse, 2010). Beispielsweise reagiert er auf eine Kleinigkeit übermäßig aggressiv oder bleibt in einem emotionalen Moment absolut gefühllos.

Verschiebung

Im Rahmen der Verschiebung werden Beziehungen zu anderen Personen auf das Gegenüber übertragen (Wöller & Kruse, 2010). Beispielsweise klagt der Partner darüber, wie sehr er sich von seinen Arbeitskollegen oder den eigenen Eltern verurteilt und missachtet fühlt; während er seinem Gegenüber keinen Raum zum Widerspruch gewährt. Dies lässt darauf hindeuten, dass er sich von seinem Partner genauso kritisch gesehen fühlt. Er weist ihm diesbezüglich die gleiche Rolle wie den Kollegen und Familienmitgliedern zu.

Identifikation

Im Zuge der Identifikation werden Gefühle und Gedanken anderer als die eigenen erlebt und als Erwartung an das Gegenüber formuliert. Beispielsweise ist der Partner in seinem Leben häufig auf Menschen gestoßen, die ihm Desinteresse entgegengebracht haben. Daraufhin verhält er sich selbst ebenfalls desinteressiert und erwartet von seinem Partner, dass dieser ebenfalls wenig Interesse an ihm zeigt (Mertens, 1996).

Quellenangaben

  • Andersen, S.M. & Baum, A. (1994). Transference in interpersonal relations: Schema-triggered inferences and affect based on significant-other representations. Journal of Personality, 62, 459-498.
  • Arlow, J.A. (1979). Metaphor and the psychoanalytic situation. Psychoanal. Quart., 48, 363-385.
  • Berner, W. (2002). Zu den empirischen Ergebnissen der Neurowissenschaften und ihren Auswirkungen auf die Theorie des Mentalen und die Theorie der Technik der Psychoanalyse. In P. Gampieri-Deutsch (Hrsg.), Psychoanalyse im Dialog der Wissenschaften. Band 1: Europäische Perspektiven (S. 192-213). Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer.
  • Greenson, R.R. (1981). Technik und Praxis der Psychoanalyse. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Mertens, W. (1996). Grundlagen psychoanalytischer Psychotherapie. In W. Senf & M. Broda (Hrsg.), Praxis der Psychotherapie. Stuttgart, New York: Georg Thieme.
  • Sandler, J., Dare, C. & Holder, A. (2001). Die Grundbegriffe der psychoanalytischen Therapie (8., durchges. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Wöller, W. & Kruse, J. (2010). Übertragungsphänomene erkennen. Die Diagnose von Übertragungsmanifestationen. In W. Wöller & J. Kruse (Hrsg.), Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (3., durchges. Aufl., S. 226-231). Stuttgart: Schattauer GmbH.
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