Kinder spielen im Kindergarten

Das richtige Alter für den Kindergarten

Schon vor der Geburt stellt sich Eltern oft die Frage, ab wann sie ihr Kind in den Kindergarten geben wollen. Meldungen in den Medien über Studien, welche Vor- und Nachteile in Zusammenhang mit dem Kindergarteneintritt untersuchen, sorgen für Verwirrung bei jungen Eltern, die ja eigentlich nur das Beste für ihr Kind wollen.

Nachfolgend werden aus psychologischer Sicht Betrachtungen vorgenommen, die den Eltern bei ihrer Entscheidung für oder gegen den Kindergarten behilflich sein könnten.

Was spricht generell für den Kindergarten?

Aus lernpsychologischer Sicht kann der Kindergarten einige Vorteile bieten.

Lernen am Modell anderer Kinder

Soziales Lernen, wie das Lernen am Modell, zählt zu den am häufigsten gezeigten Lernverhalten bei Kindern. Daraus erwächst eine gewisse Motivation, dieses Verhalten nachzuahmen, was förderlich für die kindliche Entwicklung sein kann.
Fast jedes Elternpaar bemerkt, wie schnell sich ihr Kind entwickelt, sobald es in den Kindergarten geht. So lernen Krabbelkinder plötzlich laufen, „schlechte Esser“ sitzen auf einmal ordentlich am Tisch und Windelträger zeigen verstärktes Interesse am Töpfchen.

Keine Frage, der Kindergarten kann aus dieser Sicht die Entwicklung der Fähigkeiten eines Kindes unterstützen und seine Selbstständigkeit fördern.

Soziale Kompetenz schulen

Darüber hinaus besteht für das Kind im Kindergarten durch den intensiven Kontakt zu anderen Kindern die Möglichkeit die soziale Kompetenz zu schulen. Streitereien um Spielzeuge gehören ebenso dazu wie das Vertragen und Einigen bei Auseinandersetzungen, so die Kinder sich nicht selbst überlassen werden, sondern „im Ernstfall“ pädagogisch unterstützt werden. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass die Einsicht in das „Recht des Stärkeren“ sich eher nachteilig auf die soziale Kompetenz auswirken könnte.

Erfahren von Gleichwertigkeit

Kinder spielen im Kindergarten

Kinder im Kindergarten © woodleywonderworks under cc

Zudem sehen Kinder im Kindergarten durch den sozialen Vergleich, dass es andere „Wesen“ gibt, die sich ähnlich in Bezug auf Bewegung, Motorik und Sprache verhalten, also z.B. auch noch nicht laufen oder richtig sprechen können.

Auch die Beziehung zwischen Eltern und Kindern und den Kindern untereinander ist verschieden charakteristisch, wie Professor Petillon von der Universität Landau zusammenfasst. Ist die Eltern-Kind-Beziehung durch eine gewisse Asymmetrie und Macht gekennzeichnet, zeigt sich zwischen den Kindern eine eher symmetrisch-reziproke Beziehung der Gleichwertigkeit und Gegenseitigkeit.
Gerade Kinder ab 2 Jahren fordern den Kontakt mit Gleichaltrigen regelrecht auf ihre Art ein, so Petillons Resümee. Zum Beispiel fragen sie des Öfteren nach Kindern oder bleiben stehen, wenn sie andere Kinder sehen. Aus Dialogen mit Kindern geht hervor, dass das Wichtige am Kindergarten für sie ist, dass andere Kinder dort sind.

Was spricht gegen einen frühen Eintritt in den Kindergarten?

Diskutiert wird von den Experten, wann der Eintritt in den Kindergarten am besten erfolgen sollte. Ein zu früher Eintritt in den Kindergarten kann auch mit Nachteilen in Zusammenhang stehen, wie verschiedene Studien zeigen.

Kindergarten führt zu Stress bei Kindern

Aktuelle entwicklungspsychologische Kenntnisse zeigen, dass ein zu früher Eintritt in den Kindergarten Stress bei den Kindern hervorrufen kann.

So fasst der Review von Vermeer und van IJzendoorn (2006) die Ergebnisse von neun Studien zusammen, welche den Stresspegel anhand des Cortisolspiegels bei Kindergartenkindern und zu Hause betreuten Kindern verglichen. Es zeigt sich, dass Kinder, die im Kindergarten betreut werden, einen höheren Cortisolspiegel und somit mehr Stress haben als zu Hause betreute Kinder. Insbesondere Kinder unter 36 Monaten haben eine stärkere Stressreaktion durch den Kindergarten. Andere Studien gehen von einem Alter von 25 Monaten als Grenzwert aus, wie die Frankfurter Rundschau (2010) berichtet, wieder andere Studien deuten darauf hin, dass dieser Grenzwert sich bis in das vierte bis siebente Lebensjahr trägt.
Der Cortisolspiegel steigt mit zunehmender Dauer im Kindergarten, über den Tag hinweg, an. Als Grund für den erhöhten Cortisolspiegel bei Kindern im Kindergarten werden stressvolle Interaktionen im Rahmen des Gruppensettings gesehen.

Diese Auffälligkeiten beim Cortisolspiegel scheinen auch Langzeitauswirkungen zu haben, wie andere Studien zeigen (z.B. Roisman et al., 2009). So finden sich z.B. noch bei Fünfzehnjährigen Unterschiede im Cortisolspiegel zwischen ehemals im Kindergarten betreuten und daheim betreuten Kindern.

Das Stresssystem und damit die Stressanfälligkeit wird früh im Leben programmiert, so Dr. Pawelzik, leitender Arzt der EOS-Klinik für Psychotherapie in Münster. Durch die frühe Sozialisation haben die Kinder im Kindergarten einen höheren Cortisolspiegel als zu Hause, da ihre soziale Kompetenz und Regulationsfähigkeit noch nicht so stark ausgeprägt sind. Vor allem sozial ängstliche Kinder haben offenbar einen erhöhten Cortisolspiegel, wenn sie im Kindergarten betreut werden (Watamura, 2003).

Kindergartenkinder haben höheres Risiko für ADHS und Ekzeme

Die Geburtskohortenstudie LisaPlus deutet darauf hin, dass ein früher Kindergarteneintritt in Zusammenhang mit höherem Risiko für ADHS (d.h. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung*) und Ekzemen steht (vgl. Frankfurter Rundschau, 2011). Ein Betreuungsschlüssel von 7-8 Kindern pro Erzieherin, besser noch 5 Kindern, wirkt sich dabei günstig auf eine Verringerung des Risikos aus. Auch sollten jüngere Kinder lieber nur wenige Stunden in den Kindergarten gehen, um das Risiko zu vermindern.

Aus Urvertrauen erwächst Selbstvertrauen

Einige Psychologen befürworten einen Eintritt in den Kindergarten ab einem Alter von zwei, besser drei Jahren, andere sehen unter dem Aspekt der Eltern-Kind-Bindung einen noch späteren Eintritt in den Kindergarten vor, da sich aus dem sicheren Urvertrauen das Selbstvertrauen der Kinder entwickelt und sie soziale Kompetenzen vor allem auch durch die Familienmitglieder als soziale Modelle erlernen.

Individuell entscheiden

Letztendlich muss jedes Elternpaar für sich entscheiden, wann sie ihr Kind in den Kindergarten geben. Zu berücksichtigen bei der Entscheidung für oder gegen den Kindergarten sind oftmals auch die familiären (finanziellen) Belange sowie die gesellschaftlichen Umstände (Karriereknick, erschwerte Rückkehr in den Beruf mit längerer Erziehungszeit etc.). – So lange diesbezüglich den Eltern Nachteile entstehen, bleibt die Entscheidung für oder gegen den Kindergarten nicht ausschließlich eine individuelle Wahl.
Andererseits erfordert eine Eigenbetreuung zu Hause auch eine ausreichende Beschäftigung des Kindes, bei der man ehrlich abwägen muss, ob man dieser nachkommen kann und möchte.

Sollten sich Eltern für einen früheren Eintritt in den Kindergarten entscheiden, ist die gemeinsame Zeit mit dem Kind als Ausgleich wichtig.
Entscheidet man sich dafür, längere Zeit zu Hause zu bleiben, können Krabbelgruppen und Spielplätze für die notwendigen sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen sorgen und damit die Vorteile des Kindergartens ausgleichen.

(* Anm. der Red.: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung gilt als eine streitbare Diagnose. Oft verschwimmen die Grenzen zwischen der Existenz der Störung als solche und dem natürlichen Bewegungsdrang und Verhalten der Kinder.)

Quellen:

  • Frankfurter Rundschau (2011). Erst Krippe, dann ADHS?. [30.11.2011].
  • Frankfurter Rundschau (2010). Stress in der Krippe. Verfügbar unter: http://www.fr-online.de/wissenschaft/studie-stress-in-der-krippe,1472788,4712362.html [30.11.2011].
  • Pawelzik, M.R. (o.J.). Vortrag Burnout.
  • Petillon, H. (o.J.). Soziales Lernen in der Gruppe gleichaltriger Kinder. Verfügbar unter: http://www.uni-koblenz-landau.de/de/landau/fb5/bildung-kind-jugend/grupaed/studium/downloads/petillon/sozialeslernen.pdf/at_download/file [30.11.2011].
  • Roisman, G.I., Susman, E., Barnett-Walker, K., Booth-LaForce, C., Owen, M.T., Belsky, J., Bradley, R.H., Houts, R. & Steinberg, L. (2009). Early family and child-care antecedents of awakening cortisol levels in adolescence. Child Development, 80(3), 907-920.
  • Vermeer, H.J. & van IJzendoorn, M.H. (2006). Children’s elevated cortisol levels at daycare: A review and meta-analysis. Early Childhood Research Quarterly, 21(3), 390-401.
  • Watamura, S. E., Donzella, B., Alwin, J., & Gunnar, M. R.(2003). Morning to afternoon increases in cortisol concentrations for infants and toddlers at child care: Age differences and behavioral correlates. Child Development, 74(4), 1006-1020.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie, welche sich mit Themen rund um die frühkindliche Erziehung beschäftigt:

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Das richtige Alter für den Kindergarten, 4.5 out of 5 based on 12 ratings
Kommentare
5 Antworten zu “Das richtige Alter für den Kindergarten”
  1. Lorelai sagt:

    Interessanter Artikel, nur schade, dass nicht gesagt wird, wie viel Zeit denn die Kinder im Kindergarten verbringen! Meine Kinder sind an zwei halben Tagen in der Kita (der Große noch einen weiteren Vormittag in der Spielgruppe) und ich wüsste gerne, ob das nun schon schädlich ist in Bezug auf den Stresspegel oder ob es einen Unterschied macht ob die Kinder an 5 halben oder nur an 2 oder 3 halben Tagen fremdbetreut werden? Auch wundert mich, dass empfohlen wird die Kinder ab 3 Jahren in den KiGa zu schicken, während hierzulande die Kinder frühestens mit 4 in den KiGa kommen und viele Mütter ihre Kinder sogar noch ein Jahr länger zu Hause behalten (diese Möglichkeit besteht…). Vllt. kann das mal jemand aufklären??

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    • Juliane (psyheu.de Autorin) sagt:

      @Lorelai

      Verschiedene durchgeführte Langzeitstudien zeigen, dass mit zunehmender verbrachter Zeit in der Fremdbetreuung und mit früherem Eintrittsalter Konsequenzen für die Psyche auftreten können (Stress, Ängste etc.). Diese Studien beziehen sich zumeist auf Kinder bis zum Alter von 2, 3, teilweise sogar 4-7 Jahren. Die Studien zeigen, dass der Cortisolspiegel im Laufe des Tages ansteigt, d.h. der Stress des Kindes über den Tag zunimmt, bei jüngeren stärker als bei älteren. Studien, welche über das Alter von 7 Jahren hinausgehen, haben wir bisher noch nicht gefunden.

      Es wäre jedoch recht radikal, daraus den Schluss zu ziehen, dass Kinder bis zum Schulalter zu Hause bleiben sollten. Berücksichtigt werden muss auch immer die individuelle Situation des Kindes in der Familie. Viele Kinder freuen sich auf den Kindergarten und gehen gern dorthin. Vielen Familien bleibt auch gar keine andere Wahl. Diesen ein schlechtes Gefühl zu geben, ist nicht Sinn der Sache. Gesagt werden soll lediglich, dass Unterschiede zwischen daheim- und fremdbetreuten Kindern gefunden wurden. Und dass die Fremdbetreuung in der Gruppe Gleichaltriger auch genauso viele Vorteile bringen kann, kann ebenfalls durch Studien belegt werden. Die Entscheidung liegt letztendlich bei einem selbst.

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  2. melanie sagt:

    Hallo, ich hab da mal eine Frage. Mein Sohn wird im Dezember ein Jahr und ich wollte ihn in die Krabbelgruppe geben. Meine Frage ist, ob das richtig ist, ihn für 3 bis 4 Stunden am Tag in die Krappelgruppe zu bringen, ob es ihn so arg Schaden zufügen kann?

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  3. Kuni sagt:

    Stimmt, der Artikel ist nicht auf die Betreuungsdauer eingegangen. Sicherlich macht es einen Unterschied, ob das Kind 3 oder 10 Stunden täglich fremdbetreut wird, dann kommt es auf die Qualität der Einrichtung an (generell) und nicht zuletzt natürlich auf den Betreuungsschlüssel.

    Ich persönlich sehe nämlich eine kurze (ca. 4-stündige) regelmäßige Kita-Betreuung als Chance bzw. Angebot für meine Tochter. Ich stelle es mir anstrengender vor, täglich wechselnde Krabbelgruppen und Spielplatzbesuche (im Winter) zu organisieren, wo ohnehin die meisten Gleichaltrigen ebenfalls in der Kita untergebracht sind.

    Ich muss dazu sagen, dass ich auch den Luxus habe, nicht direkt arbeiten zu MÜSSEN, so die Kita-Betreuung gering halten kann und die Möglichkeit habe jederzeit abzubrechen, wenn mir mein Gefühl sagt, dass meine Tochter mehr verliert, als gewinnt. Ihrem Temperament nach glaube ich jedoch, dass sie sich sehr wohlfühlen wird, nach einer langen, sanften Eingewöhnung, versteht sich.

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  4. Jessika sagt:

    Guter Artikel, schade nur, dass ADHS erwähnt wird. Es gibt nur kein ADHS! Kinder, die ADHS haben sollen, sind eben einfach nur lebhafter als andere. Furchtbar, wenn das dann auch noch mit Medikamenten unterdrückt wird.

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