Legasthenievermeidung lohnt sich. Wird hingegen nichts gegen die Lese- und Rechtschreibschwäche unternommen, bleibt diese bis ins Erwachsenenalter bestehen. Bedingt durch einen geringen Schulabschluss sehen die Chancen auf einen akademischen Beruf wesentlich schlechter aus. Auch ist die Arbeitslosenrate unter Legasthenikern besonders hoch (Esser et al., 2002; Shaywitz et al., 1999; Strehlow et al., 1992). Daher ist eine frühzeitige Diagnose und Förderung sehr wichtig.

Legasthenievermeidung durch frühzeitige Diagnose

Jonglieren mit Wörtern

Lernen durch Jonglieren mit sprachlichen Einheiten © Jens Dibbern under cc

Für die Diagnose von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten wird häufig das Bielefelder-Screening-Verfahren von Jansen et al. (2002) eingesetzt. Der erste Teil beinhaltet Aufgaben zur phonologischen Bewusstheit wie Reime erkennen, Laute einzelnen Wörtern zuordnen oder einzelne Silben zu Wörtern zusammensetzen. Der zweite Teil setzt sich aus Aufgaben zum sprachgebundenen Kurzzeitgedächtnis, wie schnelles Benennen von Farben bei schwarzweißen oder farbigen Objekten, zusammen. Die Aufgaben sind also so gestaltet, dass sie für Kinder im Vorschulalter lösbar sind. Daher eignet sich dieses Verfahren für die Früherkennung von Legasthenie.

Legasthenievermeidung durch frühzeitige Förderung

Die Studie von Schneider und Näslund (1999) legt nahe, die Vorläuferfähigkeiten für Lesen und Schreiben möglichst frühzeitig zu fördern. Daher wurde für Kinder im Vorschulalter ein Trainingsprogramm zur phonologischen Bewusstheit mit dem Titel „Hören, Lauschen und Lernen – Sprachspiele für Vorschulkinder“ entwickelt (Küspert & Schneider, 2000; Schneider et al., 1999). Dieses zielt darauf ab, Kinder mit der Sprache vertraut zu machen, indem sie bestehende sprachliche Einheiten als solche erkennen, sie in ihre Bestandteile zersetzen und aus den Einzelteilen neue sinnvolle Zusammenhänge schaffen. Das Trainingsprogramm beinhaltet sechs Schritte, die von einer gröberen zu einer feineren Analyse sprachlicher Einheiten voranschreiten.

1. Schritt: Geräusche

Hierbei sollen Kinder Geräusche aus der Umgebung identifizieren. Beispielsweise wird im Raum ein gewisses Geräusch erzeugt oder den Kindern zugeflüstert, welches diese wiedergeben sollen. Dadurch werden die Sinne für Geräusche geschärft.

2. Schritt: Reime

Im Rahmen des zweiten Schrittes sollen zunächst Reime erkannt und später selbst produziert werden.

3. Schritt: Sätze und Wörter

Den Kindern werden Konzepte wie Sätze und Wörter anhand von Beispielen verständlich gemacht. Dann erhalten sie die Aufgabe, Sätze in Wörter zu zerlegen (Dasautoistrot = Das Auto ist rot.) oder Wörter zu trennen (Schneemann = Schnee und Mann) und zusammenzufügen (Haar und Spange = Haarspange).

4. Schritt: Silben

Im vierten Schritt des Programms wird den Kindern zunächst erklärt, dass Wörter aus verschiedenen Silben bestehen. Dies wird dann durch Klatschen einzelner Wortsilben verfestigt. In der Übung „Silbenball“ darf der Fänger des Balls ein Wort in seine entsprechenden Silben zerlegen.

5. Schritt: Lauterkennung

In der vorletzten Stufe wird der erste Laut eines Wortes gedehnt vorgegeben und soll im Anschluss benannt werden.

6. Schritt: Lautanalyse

Im Rahmen des letzten Schrittes liegt die Herausforderung darin, einzelne Laute zu Wörtern zu verbinden bzw. Wörter in Einzellaute zu zerlegen. Auch besteht eine Aufgabe darin, dass die Kinder Auskunft über die Anzahl der Laute im Wort geben.

Zusatz: Buchstaben-Laut-Zuordnungstraining

Bei diesem Training werden im ersten Schritt beispielsweise Buchstaben in gewissen Lauten vorgemacht (Ahh = A). Dann wird der Buchstabe gezeigt und die Kinder sollen den entsprechenden Laut bestimmen.

Wirksamkeit

Messungen in der dritten Jahrgangsstufe haben gezeigt, dass die phonologische Bewusstheit und Buchstabenkenntnis bei Risikokindern erfolgreich trainiert werden konnte. Daher lagen ihre mittleren Leistungen im Lesen und Rechtschreiben weit über denen von Legasthenikern ohne Trainingprogramm. Sie waren nur noch knapp unter dem Durchschnitt (Küspert & Schneider, 2000; Schneider et al., 1999).

Quellenangaben

  • Esser, G., Wyschkon, A. & Schmidt, M.H. (2002). Was wird aus Achtjährigen mit einer Lese- und Rechtschreibstörung – Ergebnisse im Alter von 25 Jahren. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 31, 235-242.
  • Jansen, H., Mannhaupt, G., Marx, H., Skowronek, H. (2002). Bielefelder Screening zur Früherkennung von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (BISC) (2., durchges. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.
  • Küsptert, P. & Schneider, W. (2000). Hören, Lauschen, Lernen – Sprachspiele für Vorschulkinder (2., durchges. Aufl.). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Schneider, W., Küspert, P., Roth, E. & Ennemoser, M. (1999). Frühe Prävention von Lese-Rechtschreib-Problemen: Das Würzburger Trainingsprogramm zur Förderung sprachlicher Bewusstheit bei Kindergartenkindern. Kindheit und Entwicklung, 8, 147-152.
  • Schneider, W. & Näslund, J.C. (1999). The impact of early phonological skills on reading and spelling in school: Evidence from Munich Longitudinal Study. In F.E. Weinert & W. Schneider (Hrsg.), Individual development from 3 to 12: Findings from the Munich Longitudinal Study (S.126-153). Cambridge: Cambridge University Press.
  • Shaywitz, S.E., Fletcher, J.M., Holahan, J.M., Schneider, A.E., Marchione, K.E., Stuebing, K.K., Francis, D.J., Pugh, K.R., Shaywitz, B.A. (1999). Persistence of dyslexia: The Connecticut longitudinal study at adolescence. Pediatrics, 104, 1.351-1.359.
  • Strehlow, U., Kluge, R., Moller, H., Haffner, J. (1992). Der langfristige Verlauf der Legasthenie über die Schulzeit hinaus: Katamnesen aus einer Kinderpsychiatrischen Ambulanz. Zeitschrift für Kinder und Jugendpsychiatrie, 20, 254-265.