Wie schon zuvor angedeutet, gibt es nicht nur die Möglichkeit, dass Freiheit und Determinismus sich gegenseitig ausschließen. Der Kompatibilismus ist der Auffassung, dass sich die scheinbaren Gegensätze gar nicht ins Gehege kommen.

Um das zu verstehen, müssen wir uns folgender Frage zuwenden:

Was genau ist eigentlich Willensfreiheit?

Wieder eine an sich leichte Frage, die immer schwieriger zu beantworten wird, je näher wir hinschauen. Zunächst würde man sagen: Wenn ich tun und lassen kann, was ich will, bin ich frei. Aber vielleicht will ich ewig leben, in die Vergangenheit reisen und im Lotto gewinnen. Wenn das nicht klappt, kann man dann schon sagen, es könne keine Freiheit geben? Macht Freiheit nur Sinn, wenn ich gegen die Naturgesetze verstoßen kann oder buchstäblich alle meine Wünsche in Erfüllung gehen?

Ich könnte doch immer noch entscheiden, welches Auto ich kaufe, wer meine Freunde sind und wohin ich in den Urlaub fahren möchte. Wäre das keine Freiheit? Hier muss man die Grundidee des Kompatibilismus verstehen.

Freiheit und Determinismus

Der Kompatibilismus schlägt im Grunde ein Gedankenexperiment vor. Es besagt, dass wir nicht genau wissen können, wie groß der Anteil an Zufall in der Welt ist, aber, dass wir so tun können, als sei die Welt zu 100% determiniert. Jedes kleinste Atom, all unsere Gedanken und Handlungen, alles wäre vollkommen vorherbestimmt. Ein kalter Albtraum, auf den ersten Blick.

startende Ballons

Freiheit unter Regeln, gibt’s das? © Battle Creek CVB under cc

Wir wissen nicht, ob es so ist, aber wir können uns fragen, was denn der Fall ist, wenn es so wäre. Macht der Begriff Freiheit in diesem Korsett überhaupt noch irgendeinen Sinn? Intuitiv verneint man das meistens, aber schauen wir genauer hin.

Wenn alles determiniert ist, dann ist ja bereits klar, was passiert. Man könnte sagen, ja, aber das wäre nur Gott klar. Schon der Supercomputer, oder ein allwissender Dämon, könnten das nicht mehr berechnen. Wir erst recht nicht. Also sind wir immer auf jenen Ausschnitt der Wirklichkeit angewiesen, der uns zur Verfügung steht – unser gegenwärtiges Wissen. Auf der Basis dieses Wissens treffen wir Entscheidungen und nur auf dieser Basis können wir Entscheidungen treffen. Gottes Perspektive steht uns nicht zur Verfügung.

Fragt sich erneut, was Freiheit bedeutet und ob sie in diesem Kontext möglich ist. Ja, sagen die Kompatibilisten. Freiheit bedeutet hier innehalten und abwägen zu können und zu seiner Wahl begründet zu stehen. Wer Gründe für sein Tun angeben kann, der handelt aus freien Stücken.

Vielen ist dieser Freiheitsbegriff zu dünn und zu steril. Man hat das Gefühl, hier würde etwas fehlen, eine intuitive, spontane Komponente, eben das, was man mit unbeschwerter Freiheit im Alltag verbindet. Wer das empfindet, muss sich fragen lassen, was tatsächlich diesem Freiheitsbegriff fehlt, was dazu kommen muss, um von echter Freiheit zu reden.

Erhöhen Willkür und Zufall die Freiheit?

Wer Bauch und Herz, also Intuition, bei Entscheidungen mit einbezieht, wer auch schon mal „pokert“ und einfach sehr spontan ist, wird wissen, dass er das tut und genau das begründen können. Wer bei der Frage, ob es ins Kino oder zum Tanzen gehen soll, eine Münze wirft, überlässt bewusst dem „Zufall“ die Entscheidung, wer intuitiv ist, wird das sein, weil er erfahren hat, dass er der Stimme seiner Intuition vertrauen kann.

Echte Willkür und echter Zufall vergrößern die Freiheit jedoch nicht. Willkür hieße: Ich liebe Pizza und weiß das auch, bestelle aber Fischsuppe, die ich eklig finde. Ist das Freiheit?

Wenn ich ein unkontrollierbares nervöses Zucken habe, das mich zufällig heimsucht, bin ich dann besonders frei? Den meisten wäre das eher unangenehm, sie kämen sich beengt vor. Wenn ich spontan alle meine Triebe auslebe, bin ich dann nicht ein Sklave derselben?

Wer aus dem Bündel von Gesprächen, Emotionen und Intuitionen, Ratgeberlektüre, drüber Schlafen, spontanen Impulsen, rationaler Abwägung und Lebenserfahrung am Ende eine Entscheidung trifft, die er begründet vertreten kann, tut das im Sinne des Kompatibilismus, aus freiem Willen. Dann wären Freiheit und Determinismus vereint.

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