Warum sind Menschen fähig zu töten? – Eine Frage, die sich immer wieder stellt; individuelle Ursachen einzelner gestörter Persönlichkeiten bzw. Situationen einmal ausgenommen. Nicht nur bei den Awà, dem bedrohtesten Volk der Erde; bei jedem Krisenherd, ja nicht zuletzt in der Deutschen Geschichte, findet man Nachweise dieser sozialpsychologischen Mechanismen, die ganze Völkergruppen ausrotten können. Aber wie kommt es nun dazu, dass vermeintlich „normale Menschen“ fähig sind zu töten?

Verantwortungsteilung: Ein kleines Rad im großen Getriebe

Man selbst empfindet sich als Teil eines großen Ganzen, in dem der Einzelne wenig bewirkt – das sozialpsychologische Phänomen der Verantwortungsdiffusion. Die Schuld lastet auf mehreren Schultern und was die Meisten machen, wird zunehmend als normal empfunden. Experimente zeigen, dass Menschen eher bereit sind selbst etwas zu tun, wie z.B. einen Ertrinkenden zu retten, wenn sie der Einzige vor Ort sind. Anders gesagt, befinden sich mehrere Leute am See, wird bei den Meisten ein sekundenlanges Zögern die Folge sein, da abgewartet wird, ob ein Anderer zur Rettung eilt.

Wenn Menschen also fähig zu töten sind, dann auch deswegen, weil mehrere Personen die Befehle erteilen, weitergeben, durchführen und deren Konsequenzen ignorieren; damit trägt nie einer allein die volle Verantwortung.

Gehorsam bzw. Autoritätenhörigkeit

Hinzu kommt, dass der Mensch aufgrund seiner Gruppenzugehörigkeit zu Gehorsam neigt. Die bekannten MILGRAM-Experimente (Milgram, 1963), bei denen ein Proband angewiesen wird, einer anderen Person im Nachbarraum Stromschläge zu geben, bis hin zur Lebensgefahr, beweisen dies eindrucksvoll.

Doch welche Gründe können so wichtig sein, dass im extremsten Fall Menschen fähig sind zu töten?

Die eigenen Interessen: Ressourcenknappheit

Menschen sind Teil einer Gruppe, der In-Group, deren Grenzen, je nachdem in welcher Hinsicht die eigenen Interessen bedroht sein können, definiert sind. So sieht man sich z.B. bezüglich des globalen Klimawandels oder im Falle eines extraterrestrischen Problems mit anderen Völkern dieser Erde zusammengehörig; wogegen die für Schwellen- und Entwicklungsländer nachteiligen Arbeitsbedingungen der meisten globalen Wirtschaftsunternehmen vorrangig nicht als eigenes Problem empfunden werden. Wer bei einem Problem als In-Group galt, wird beim anderen zur Out-Group.

Immer werden die eigenen Interessen, wie die Sicherheit oder die Versorgung der Familie, in die Waagschale geworfen; diese gehen vor. Wenn es also um knappe Rohstoffe, Wasser, Lebensmittel o.ä., aber auch um die Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen, Wohnraum etc. geht, wenn die Existenz der eigenen Familie bzw. der In-Group bedroht ist, rücken die Interessen der Anderen, der Out-Group, für einen selbst in den Hintergrund. Der Rest ist dann in weiter Ferne, sprich Verdrängung, oder ist sogar tatsächlich weit ab vom eigenen Leben, wie z.B. die Problematiken in Afrika.

Gerade schwächere, kleinere Gruppen, sogenannte Minoritäten, haben nur wenig Mitspracherecht, wenn es um die Vertretung von Interessen geht. Gehört man dagegen zur Majorität, also zum überwiegenden, stärkeren Teil einer Gesellschaft, ist man auf der sicheren Seite.

Abwertung Anderer: Soziale Vergleichsprozesse

Aus Selbstschutz erfolgt im sozialen Vergleich eine Abwertung der Anderen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören. Im Falle von Ressourcenknappheit und der eigenen existenziellen Bedrohung werden dann die Interessen der Anderen, ja sogar das Leben der Anderen, als weniger wertvoll erachtet, was dazu führen kann, fähig zu sein, um zu töten.

Doch gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma und der Gefahr, fähig zu töten zu sein?

Einander kennen und verstehen lernen

Oftmals wird die Out-Group als abstraktes, unbekanntes Konstrukt wahrgenommen. Dies gilt es aufzubrechen; in dem man Anhänger dieser anderen Gruppe kennen und verstehen lernt. Erst dann rückt der einzelne Mensch anstelle der abstrakten Bezeichnung eines z.B. Völkerstammes in den Vordergrund. Dies hemmt den Einzelnen fähig zu töten zu sein und steigert die Bereitschaft zur Kompromisslösung.

Quellen:

  • Awà Volk. Das bedrohteste Volk der Welt. Verfügbar unter: http://www.survivalinternational.de/awa [18.10.2012].
  • Milgram, S. (1963). Behavioral Study of Obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology, 67(4), 371-378.
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